Nach dem Anschlag in Halle im Oktober 2019 stellten einige Vertreter der deutschen Politik die Videospielszene unter Generalverdacht. Einige forderten eine umfassendere Überwachung. In Österreich ist man da komplett anderer Meinung.

 

Videospielkultur

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Der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat sich mit seinen Aussagen der Videospielszene gegenüber nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Besonders unbeliebt macht er sich mit der Forderung nach einer umfassenderen Überwachung der Gamer. Auch der deutsche Verfassungsschutz stärkte ihm dabei den Rücken. In Österreich ist man da allerdings anderer Auffassung.

Das Magazin Der Standard hat beim österreichischen Innenministerium um eine Stellungnahme gebeten. Hier stellt man sich entschieden gegen einen Generalverdacht über Liebhaber von Videospielen. Auch die Aussage des Thüringer Verfassungsschutzchefs, dass die „Gamerszene teils Plattform für Rechtsextreme“ sei, stuft man als zu verallgemeinernd ein. Trotzdem heißt es:

 „natürlich die Aufgabe des Staatsschutzes, potenziellen Gefahren nachzugehen und mögliche Entwicklungen, die zur Gefahr führen können, zu beobachten“

Nur eben ein absoluter Generalverdacht den Gamern gegenüber sei hier der falsche Weg. Trotzdem macht es keinen Unterschied, ob eine Straftat im Internet oder eben im realen Leben passiert:

„In beiden Fällen sind dieselben Maßnahmen zu treffen – den Fällen ist nachzugehen, die Sachverhalte sind zu ermitteln, und die Übertretungen sind den Justizbehörden anzuzeigen.“

In Österreich vertraut man also eher auf die Mithilfe der Bevölkerung, während in Deutschland an einer effektiveren Überwachung durch staatliche Institutionen gefeilt werden soll. Welche Lösung die bessere ist, muss wohl jeder für sich entscheiden.

Originalmeldung vom 14. Oktober 2019, 17:40 Uhr

Nach Anschlag in Halle: Games-Branche stärkt Spielern nach Generalverdacht den Rücken

Unmittelbar nach dem rechtsextremen Anschlag auf eine Synagoge in Halle erhoben sich mehrere politische Stimmen. Einige von ihnen hatten vor allem zu verstehen gegeben, dass die Gaming-Community künftig stärker im Fokus stehen soll. Vertreter aus der Videospielindustrie halten dies jedoch für den falschen Ansatz.

Die Debatte um sogenannte „Killerspiele“ wurde bereits unzählige Male geführt. Lange Zeit war es ruhig um das Thema – es entstand fast der Eindruck, als hätte die Gesellschaft und vor allem Politik verstanden, dass diese Angelegenheit längst nicht so eindimensional ist, wie sie oftmals porträtiert wird. Bis vor kurzem jedenfalls.

Was genau ist passiert?

Nach einem rechtsextremen Anschlag auf eine Synagoge in Halle haben sich sogleich zahlreiche Politiker zu dem Thema geäußert. Allen voran ist es die Aussage von Bundesinnenminister Horst Seehofer, die für sehr viel Aufsehen gesorgt hat. Den entsprechenden Ausschnitt aus dem Interview findet ihr in folgendem Tweet:

Insbesondere die Aussage, dass die Gamer-Szene nun stärker in den Blick genommen werden müsse, stößt bei vielen auf Unverständnis. Das zeigen nicht nur die zahlreichen Reaktionen von Privatnutzern auf diversen Plattformen. Namhafte Vertreter innerhalb der Games-Branche wie der game-Verband oder der eSport-Bund Deutschland (ESBD) äußern ebenfalls ihren Unmut und stellen sich gleichzeitig auf die Seite der Spieler.

Das sagt der game-Verband – „Unkenntnis und Hilflosigkeit“

Hier folgt die Stellungnahme von Felix Falk, dem Geschäftsführer von game:

„Die Games-Community unter einen Generalverdacht zu stellen, zeugt vor allem von Unkenntnis und Hilflosigkeit und lenkt von den wirklichen gesellschaftlichen und politischen Ursachen für solche Taten ab. Games sind längst zu einem festen Bestandteil des Alltags Millionen Deutscher geworden, fast jeder zweite hierzulande spielt. Eigentlich müsste jedem längst klar sein: So wenig wie man Filme oder Bücher für Hass und Gewalt verantwortlich machen kann, so wenig sind Games und ihre Community hierfür die Ursache.

Stattdessen haben wir in Deutschland ein beängstigendes Problem mit Rechtsextremismus. Der Bundesinnenminister sollte nicht hilflos einem Medium und dessen Community die Schuld geben, sondern aktiv die gesellschaftlichen Probleme der Radikalisierung und zunehmenden Fremdenfeindlichkeit angehen, die zu solchen furchtbaren Taten wie in Halle führen.“

Das sagt der ESBD – „Millionen von Menschen unter Generalverdacht“

Der Präsident des eSport-Bund Deutschland Hans Jagnow äußert sich folgendermaßen:

„Fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung spielt Videospiele, als Freizeitvergnügen oder im friedlichen Wettstreit. Wenn Innenminister Seehofer jetzt eine stärkere Überwachung von Gamerinnen und Gamern fordert, stellt er damit Millionen von Menschen unter Generalverdacht. Das lehnen wir konsequent ab und erwarten eine sachgerechten Positionierung durch den auch für eSport zuständigen Minister. Gerade in diesen Zeiten müssen wir als demokratische Gesellschaft zusammenstehen und uns entschieden gegen den rechten Terror aussprechen, anstatt uns mit solchen Unterstellungen spalten zu lassen.

Der Terrorakt von Halle hatte offensichtlich eine antisemitische, rassistische und menschenfeindliche Motivation. Der mutmaßliche Täter missbrauchte dabei verschiedene popkulturelle Elemente und Technologien für seine Morde. Videospiele und ihre Spielerinnen und Spieler für die Tat verantwortlich zu machen, lenkt von den sozialen und politischen Ursachen solcher Taten ab. Eine verantwortungsvolle Innenpolitik sollte stärker gegen rechtsterroristische Netzwerke, gesellschaftliche Radikalisierung und ihre geistigen Brandstifter vorgehen.“

Insgesamt wird also sehr deutlich, dass hier nach wie vor Redebedarf besteht – vor allem seitens der Politik. Es ist wirklich schade, dass Videospiele oder die Spieler selbst immer noch als alleiniger Sündenbock für derartige Gräueltaten herhalten müssen. Gleichzeitig kommt aber auch Hoffnung auf, denn womöglich kann durch diesen Vorfall endlich ein längst überfälliges Problem angegangen und vielleicht sogar an einer Lösung gearbeitet werden. Und damit sind nicht Videospiele gemeint.

Videospiele haben es oft nicht leicht. Erfahre, warum diese hier verboten wurden:

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12 Spiele, die aus absurden Gründen verboten sind

Wie habt ihr die ganze Sache bisher wahrgenommen und was ist eure Meinung dazu? Was müsste passieren, damit Videospiele mehr Akzeptanz seitens der Gesellschaft und der Politik finden? Schreibt uns dazu doch einfach in die Kommentare.

Daniel Nawrat
Daniel Nawrat, GIGA-Experte für Computer, Gaming-Hardware und Games.

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