Forstall über Skeuomorphismus: „Design muss freundlich sein“

Florian Matthey 4

Ende 2012 musste der iOS-Software-Chef Scott Forstall Apple verlassen. Für die Kunden machte sich das im darauffolgenden Jahr vor allem mit dem Redesign von iOS 7 bemerkbar. Jetzt hat sich Forstall erstmals zu den Design-Philosophien geäußert.

Interview mit Scott Forstall.

Forstall redet nicht schlecht über Ex-Arbeitgeber

Auch wenn Scott Forstalls Weggang im Oktober 2012 nicht ganz freiwillig erfolgt sein dürfte, scheint der langjährige Apple-Top-Manager keinen Groll gegen seinen früheren Arbeitgeber zu hegen. Schon vor einiger Zeit hatte er erklärt, sich weiterhin über jedes großartige neue Apple-Produkt zu freuen. Und auch in seinem kürzlich gegebenen Interview über das erste iPhone unterlässt er Spitzen gegen seine Ex-Kollegen.

Design-Machtkampf bei Apple zwischen Forstall und Ive

Im Rahmen dieses Interviews kam der Historiker des Computer History Museum auch auf eine Frage zu sprechen, die Forstalls Weggang mit befördert haben soll: die Design-Philosophie für die grafische Benutzeroberfläche. Hier soll es einen ernsthaften Machtkampf zwischen Forstall und Apples Design-Chef Jonathan Ive gegeben haben – wobei Ive später als der „Gewinner“ hervorging, da er in Folge von Forstalls Weggang neben der Hardware auch das Design des Betriebssystems übernahm.

Stein des Anstoßes war das auf Skeuomorphismus setzende Design der ersten iOS-Versionen: Apple verwendete regelmäßig Design-Elemente, die an real existierende Objekte erinnerten. Beispielsweise sah die Kalender-App früher so aus, als handle es sich um einen realen Kalender mit Ledereinband. Die Kontakte-App sah wiederum aus wie ein Adressbuch aus Papier, in der Notizblock-App sah man sogar Reste einer abgerissenen Seite. Vor fünf Jahren tobte dann Apple-intern der Streit, ob dieses Design nicht aus der Zeit gefallen war: Immerhin verstünden Menschen heute Funktionen eines Computers auch ohne dass sie wie Objekte aussehen, die viele Menschen gar nicht mehr benutzen.

Siri in iOS 6.

Forstall erinnert an Apple-Design-Tradition seit dem ersten Mac

Forstall regt sich im Interview erst einmal über den Begriff „Skeuomorphismus“ auf: Das Wort klinge fürchterlich, er habe es zuvor auch gar nicht gekannt. Davon abgesehen scheint er der Philosophie an sich aber weiterhin viel abgewinnen zu können: Für grafische Benutzeroberflächen sei es wichtig, dass sie dabei helfen, dass das System einfach zu verwenden ist und „freundlich“ aussieht. Man solle es ohne Bedienungsanleitung verwenden können, es solle Spaß machen.

Bei Apple selbst habe man damals von „Foto-illustrativen“ und „metaphorischen“ Designs gesprochen. Diese Philosophie habe Steve Jobs schon mit dem ersten Mac befolgt, dessen Benutzeroberflächenelemente aussahen wie Gegenstände um den physischen Schreibtisch herum, auf dem der Mac stand – also beispielsweise der Papierkorb und die Dokumenten-Ordner.

Man habe deshalb weiter auf diese Designphilosophie gesetzt. Das bedeute nicht, dass er damals jeden Aspekt geliebt habe. Man habe aber letztendlich ein Design verwendet, das funktionierte. Dass es funktionierte, sah man daran, wie Menschen die Geräte verwendeten: Man habe damals E-Mails von Eltern eines 2-jährigen Mädchens bekommen, das das iPad intuitiv verwenden konnte. In einer anderen Mail ging es um eine 99-jährige Frau, die gut mit E-Books auf dem iPad zurechtkam und trotz ihrer Rheuma-Erkrankung auf der Bildschirmtastatur tippen konnte.

Letztendlich hebt Forstall also erneut die Vorzüge der früheren Designphilosophie hervor, ohne sich direkt über das aktuelle Design des iOS zu beklagen. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, allerdings gab es seinerzeit auch viel Kritik am von Jonathan Ive designten iOS 7: Bei Tumblr ist weiterhin eine Website namens „Jony Ive Redesigns Things“ zu sehen, die sich über Ives Minimalismus, die schmale Schrift und den Einsatz vieler Farben lustig macht.

Quelle: Computer History Museum via 9to5Mac

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