Chilling Effects: Führt Überwachung zur Selbstzensur?

Thomas Kolkmann

Spätestens nach dem NSA-Skandal ist vielen Leuten schmerzlich bewusst geworden, dass das, was sie im Internet tun, nicht unbedingt anonym sein muss. Schon länger wissen wir auch über die verschiedenen Datenkraken im Internet bescheid, die mit unseren personenbezogenen Daten Handel treiben. Viele antworten mit einem: „Ich habe sowieso nichts zu verbergen.“ und meinen, dass sich für sie dadurch nichts verändert hat. Die Studien zu Chilling Effects zeigen hier aber ein etwas anderes Bild. Aber was sind Chilling Effects überhaupt?

Der Begriff Chilling Effect bedeutet übersetzt nichts anderes als „abkühlende Wirkung“, gemeint ist damit ein Abschreckungseffekt. Heutzutage wird der Begriff vor allem in Verbindung mit dem Internet verwendet und beschreibt die Selbstzensur und ein vorauseilender Gehorsam von Online-Diensten, um möglichst nicht in juristische Auseinandersetzungen zu geraten. Von Chilling Effects wird aber auch immer häufiger im Bezug auf die Internetnutzer als Masse gesprochen. Denn auf die ständige Überwachung der Geheimdienste und die Datensammelwut einiger Konzerne reagieren nicht nur die Internet-Dienste selbst, sondern auch der einzelne Nutzer.

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Chilling Effects: Sich selbst zensieren

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Durch das Gefühl des Überwachtwerdens und die Angst vor rechtliche Folgen schränkt sich die einzelne Person somit (oft unterbewusst) selbst ein. Rechtsanwalt Dr. Simon Assion erklärt dies in seinem Beitrag über Chilling Effects auf telemedicus wie folgt:

„Anders als bei herkömmliche Freiheitsbeschränkungen gibt es bei Chilling Effects keine staatliche Sanktion, keinen unmittelbaren Zwang, der auf den Bürger wirkt. Der Bürger schränkt sich vielmehr selbst ein, er verzichtet freiwillig darauf, von seinem Recht Gebrauch zu machen.“

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Chilling Effects Überwachung NSA
Konkret bedeutet das, dass man sich selbst daran hindert, nach bestimmten Begriffen zu suchen oder sich zu brisanten Themen zu äußeren. So hat die norwegische Datenschutzbehörde NDPA nach der Snowden-Affäre mit einer Studie (PDF) zu Chilling Effects herausgefunden, dass 26 Prozent der Befragten sich dazu entschlossen haben, persönliche Gespräche ab sofort nicht mehr über elektronische Wege zu führen. 16 Prozent schränken sich bei Suchanfragen zu bestimmten Themen ein und 12 Prozent haben sogar ein Soziales Netzwerk verlassen.

Laut den Ergebnissen einer Untersuchung des Pew Research Centers, sollen 68 Prozent der Internetnutzer in den USA sich nicht sicher dabei fühlen, persönliche Informationen über Chats oder Instant-Messanger zu kommunizieren. Bei SMS sind es 58 Prozent, bei E-Mail 57 Prozent. Auch dem Handy vertrauen 46 Prozent nicht und 31 Prozent würde ihre privaten Daten auch nicht mehr über das Festnetz mitteilen.

Chilling Effects - Journalisten und Autoren

Zwar sind Chilling Effects bei privaten Personen schon problematisch, kritisch wird es jedoch, wenn sich auch Journalisten und Autoren nicht mehr trauen, bestimmte Dinge zu recherchieren oder über heikle Themen zu berichten. Eine Umfrage (PDF) des US-amerikanischen Literaturverbands PEN hat ergeben, dass 28 Prozent der 520 befragten Autoren bereits ihre Aktivitäten auf Sozialen Netzwerken eingeschränkt oder gar völlig eingestellt haben. 24 Prozent haben bestimmte Themen in Telefon- oder E-Mail-Gesprächen umgangen und 16 Prozent haben es ganz vermieden, über bestimmte Themen zu schreiben.

Bildquellen: enzozo, EFF-Graphics

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