Galaxy Nexus: Samsungs verpasster Paradigmenwechsel [Blick zurück]

Andreas Floemer 51

Mit dem Galaxy Nexus hatten Google und Samsung im Oktober 2011 das zweite gemeinsam entwickelte Smartphone der Nexus-Reihe vorgestellt. Für mich ist es immer noch eines der Geräte, die mir positiv in Erinnerung geblieben sind. Ein Blick zurück.

In der Reihe „Blick zurück“ betrachten androidnext-Redakteure Smartphones und Tablets, die sie ganz persönlich geprägt haben.

Nach dem Nexus S war das Galaxy Nexus (Test) das zweite Google-Phone, das in Kooperation mit Samsung entstanden ist. Es wurde im Oktober 2011 mit Android 4.0 Ice Cream Sandwich (ICS) vorgestellt und läutete die Ära der Smartphones mit On-Screen-Buttons ein. Selbstredend brachte ICS nicht nur Soft-Buttons mit sich, sondern eine Vielzahl weiterer Funktionen. Android 4.0 kann als größtes Update der damals jungen Android-Geschichte betrachtet werden, es war ein mächtiger Schritt nach vorne für Android in Sachen Funktionalität, brachte eine konsistente ästhetische Sprache und etablierte das Holo UI. Manche Aspekte dieser visuellen Sprache waren zwar schon in Android 3 Honeycomb auszumachen, diese Iteration war jedoch nur für Tablets von Relevanz – und das auch nur für eine kurze Zeit. In diesem Artikel liegt der Fokus jedoch nur ansatzweise auf Android 4.0 – Schwerpunkt ist das Galaxy Nexus, mit dem Samsung ein in Sachen Design und Haptik besonderes Smartphone ohne die sonst typischen physischen und kapazitiven Buttons vorgestellt hätte – und eine neue Designsprache für sein Galaxy-Portfolio hätte festlegen können.

Mir gefiel das Konzept der On-Screen-Buttons sofort. Manch einer stört sich zwar bis heute daran, da diese die effektiv nutzbare Displaygröße reduzieren, dies nehme ich aber gerne in Kauf, da ich diese Lösung in puncto Usability für ideal halte und zudem die Front eine ebene Fläche ohne optische Störungen bildet. Wie gesagt, reine Geschmackssache, die nicht jeder teilen muss.

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Als ich das Galaxy Nexus im Dezember 2011 zum ersten Mal in Händen hielt, wollte ich es gar nicht mehr loslassen, so gut lag es in der Hand; selbstredend habe ich mich sofort in die Art der Bedienung verliebt. Die tolle Haptik liegt zum einen darin begründet, dass es mit seinen 68 Millimeter relativ schmal ist und perfekt in meine mittelgroßen Hände passt. Zudem sind die Gehäuseseiten wunderbar abgerundet, sodass sich das Gerät in die Hand schmiegt. Das Galaxy Nexus konnte mein Herz aber noch aus einem weiteren Grund erobern: Während viele Smartphones eine rutschige und zu allem Überfluss glänzende Oberfläche besitzen, hatte Samsung seinem zweiten Nexus eine sogenannte Hyperskin-Beschichtung auf der Rückdeckel verabreicht, durch die das Gerät rutschfest in der Hand liegt und auch optisch eine bessere Figur machte als die „glossy“ Rückseiten beispielsweise des einige Monate später vorgestellten Galaxy S3. Die dieser Tage zum Einsatz kommende gummierte Rückseite Samsungs in Golfballmulden-Optik ist aber auch eine gute Alternative.

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Was überdies zu einem positiven Benutzungserlebnis führt, ist die leichte Wölbung oder „Nase“ auf der Unterseite des GNex, denn dank dieser weiß man immer, wo oben und unten ist. Dies ist bei vielen anderen Geräten nicht mehr so leicht und mit einem Wimpernschlag festzustellen – nicht einmal beim Nexus 5 (Test). Dank dieser Konstruktionsweise ist es rasch aus der Hosentasche zu ziehen und ohne das Gerät erneut drehen und wenden zu müssen, sofort einsatzbereit. Darüber hinaus lässt sich das Galaxy Nexus auch wunderbar leicht an seiner Nase aus der Gesäßtasche ziehen. Diese Faktoren mögen zunächst trivial klingen, doch genau solche Designentscheidungen mit dem Alltagsnutzen im Hinterkopf sind es, die ein gutes Gerät auszeichnen.

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Aus diesem Grund halte ich das Samsung Galaxy Nexus immer noch für eines der besten Geräte in Sachen Ergonomie und Haptik. Und ich bin der Meinung, dass Samsung dieses Design 2011 hätte weiterführen sollen, auch wenn es der Erfolgsschiene der Galaxy S-Geräte mit ihren kapazitiven Buttons und dem markanten, eindeutig Apple-inspirierten Home-Button widersprochen hätte. Das Galaxy Nexus ist übrigens zwischen dem Galaxy S2 und dem Galaxy S3 vorgestellt worden – zwei Smartphones, mit denen Samsung enorme Erfolge erzielt hatte. Vielleicht dachte man sich auch bei Samsung, dass Konsumenten noch „ihre Buttons“ benötigen, um sich besser zu orientieren. Doch als ich mich erst einmal an die Soft-Buttons und die damit einhergehende Benutzung gewöhnt hatte, wollte ich nicht mehr zurück – die Bedienung ist aus meiner Sicht einfach „natürlicher“.

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Vermutlich waren die Soft-Buttons eine Vorgabe seitens Google, um anderen Herstellern aufzuzeigen, dass diese beim Nutzer funktionieren können. Heute haben sie sich bei vielen Herstellern durchgesetzt: Von Sony über HTC und LG bis hin zu Huawei. Ausgerechnet Samsung jedoch, 2011 praktisch der Vorreiter der On-Screen-Button-Lösung, blieb seinen mit dem Samsung Galaxy S eingeführten physischen Bedien-Tasten bis heute treu. Manche lieben Samsung Galaxy-Geräte gerade wegen dieser Art der Steuerung, andere mögen das, aus meiner Sicht veraltete, und vor allem Platz raubende Bedien-Schema einfach nicht.

Samsung hätte bereits 2011 einen regelrechten Paradigmenwechsel hinsichtlich seiner Hardware-Designsprache einläuten können, um Smartphones noch kompakter gestalten zu können. Die konsequente Entscheidung für On-Screen-Buttons hätte die Vorwürfe der Orientierung an Apples Designsprache empfindlich geschwächt, die mit dem Galaxy S und Galaxy S2 ihren Höhepunkt erreicht hatten. Natürlich wäre es für die Südkoreaner ein Wagnis gewesen, von seinen Erfolgsgeräten und dem mit dem Galaxy S eingeführten Design abzurücken – ich hätte das jedoch begrüßt.

Doch wer weiß, was die nächsten Monate bringen - offensichtlich arbeitet Samsung am Gehäusedesign seiner Galaxy-Smartphones. Derzeit ist erst einmal das Material an der Reihe, endlich kommt Metall ins Spiel. Vielleicht nimmt Samsung ja endlich Abschied vom Home-Button mitsamt seiner kapazitiven Begleiter?

Was hieltet ihr von einem Samsung Smartphone im polierten Galaxy Nexus-Style mit Metallchassis und On-Screen-Buttons?

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