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Um hier mal den Advocatus Diaboli zu spielen: Die Nexus-Geräte hatten stets einen gewissen Bonus in den Reviews von Fachmedien. Denn das reine Android in der von Google erdachten Fassung genießt den Ruf, besonders performant, frei von Bloat und auf Wesentliche konzentriert zu sein. Das lässt sich natürlich nicht von der Hand weisen, allerdings fehlten schon den Nexus-Geräten gewisse Komfort-Features gegenüber Herstelleroberflächen und der Vorteil der jeweils aktuellen Android-Version schmolz auch nach einigen Monaten dahin, wenn andere Geräte mit aktuellem Android oder Updates für ältere Smartphones mit den neuen Features auf den Markt kamen. Das ist nun auch mit dem Pixel XL der Fall und wird durch die gefühlte Stagnation in Sachen Features sogar verschärft.

Plakativ formuliert sind mir mittlerweile sanft angepasste und mit hilfreichen Funktionen angereicherte Android-Varianten lieber als eine aktuellere, „nackte“ Android-Version. Konkret: Vor dem Pixel XL habe ich für einige Wochen das OnePlus 3 benutzt. Dessen Software basierte noch auf Android 6.1, ich fand sie aber trotzdem merklich besser. Denn Android 7.1 Nougat bringt gefühlt so wenige nutzerrelevante Neuerungen wie schon lange kein Android-Update mehr mit.

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Okay, die Benachrichtigungen wurden überarbeitet. Mit dem Ergebnis allerdings, dass sie aus meiner Sicht eher unübersichtlich sind. Ja, das Pixel XL hat eine neue Launcher-Version. Nur sind deren Neuerungen – App-Shortcuts bei Langdruck auf das jeweilige Icon, ein per Wischbewegung von unten zu öffnender App-Drawer und eine Einblendung der Suche per Lasche links oben anstatt eines eigenen Suchfensters – für mich nicht alltagsrelevant. Im Gegenteil: Die in Form einer Lasche umgestaltete und nach links oben umplatzierte Suchfunktion ist für mich als Rechtshänder die am schlechtesten erreichbare Stelle. Möglich, dass Google damit die Nutzer zum Start des Google Assistant „überreden“ will, aber dazu gleich mehr.

Es gibt natürlich auch sinnvolle Neuerungen in Android 7.1. Positiv zu nennen ist die Tatsache, dass in den Einstellungen nun kurze Infos zu den aktuell aktiven Settings stehen. Google hat mit Android 7 auch endlich ein Einsehen und platziert eine „Neustart“-Option ins Ausschalt-Menü – darauf haben wir Jahre gewartet. Gerade bei einem unhandlichen Gerät wie dem Pixel XL ist zudem praktisch, dass man die Benachrichtigungen per Wischbewegung nach unten über den Fingerabdrucksensor aufrufen kann. Nahe liegend, aber nicht möglich ist, den App-Drawer per Wischbewegung nach oben aufzurufen – schade, aber vielleicht wird die Funktion ja noch nachgereicht.

Der Google Assistant

Das zentrale neue Feature von Pixel und Pixel XL ist der Google Assistant. In der Präsentation der Geräte nahm dieses Feature eine zentrale Rolle ein – nicht zuletzt weil die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen per Machine Learning und Neuronalen Netzwerken ein wichtiger Teil von Googles Strategie der nächsten Jahre ist. Ich habe mich dem Google Assistant also aufgeschlossen und mit Neugier genähert ... und wurde enttäuscht. Denn an dem Assistenten zeigt sich eine zentrale Problematik von Googles Bemühungen im Bereich der Sprachsteuerung: In Deutschland sind viele Features einfach nicht nutzbar oder werden bei Weitem nicht so gut interpretiert wie im englischen Sprachraum. Dabei ist nicht einmal die meist ordentlich funktionierende Worterkennung das Problem, sondern vielmehr deren Interpretation. Ein paar Beispiele:

  • Ich gebe den Sprachbefehl „Spiele Holy Grail von Jay Z bei Spotify“. Der Google Assistant startet Spotify. Dort öffnet sich eine Suche nach „Holy Grail von Jay Z bei“, Musik wird keine abgespielt.
  • Ich frage nach „Autos in meinen Fotos“ oder „Autos bei Google Fotos“, angezeigt werden stets nur reguläre Google-Suchergebnisse.
  • Ich suche nach „Italienische Restaurants in der Nähe“. Statt der zwei Italiener, die sich in einem Umkreis von 500 Metern befinden, listet der Google Assistant Restaurants in einer Entfernung von 6,3 km oder mehr. Nein, um eine Pizza zu essen fahre ich nicht an den Stadtrand von Berlin.
  • Der unmittelbar darauf folgende Befehl „Reserviere einen Tisch“ wird nicht im Kontext verstanden, also auf italienische Restaurants bezogen. Das direkte Buchen ist auch nicht möglich, es werden lediglich wieder Restaurants gelistet.
  • Der Befehl „Rufe ein Taxi“ wird lapidar mit „Ich kann noch keine Taxis buchen“ beantwortet – oder ich erhalte Telefonnummern von Taxiunternehmen aufgelistet.
  • Filme, die in Kinos der Umgebung laufen, lassen sich zwar auflisten, die in der Google-Präsentation gezeigte Frage nach der Qualität einzelner Streifen („Wie ist Phantastische Tierwesen?“) lädt aber erneut nur die Kinos, in denen der Film läuft. Trailer werden auf Wunsch zwar aufgelistet („Zeig mir den Trailer“), abspielen lässt er sich aber trotzdem nur per Tap.
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Nach mehreren Wochen der Nutzung hat der Google Assistant mich lediglich ein einziges Mal positiv überrascht. Als ich nach einem „Film mit Brendan Fraser und Alicia Silverstone“ suchte und mir der Assistant eine Suchergebniskarte mit „Eve und der letzte Gentleman“ präsentierte. Das wäre freilich vorher genauso gut mit der herkömmlichen Sprachsuche möglich gewesen. Genauso wie das Senden von Nachrichten per SMS oder WhatsApp, das mit dem Assistenten natürlich auch funktioniert. Enttäuschend ist, das der Google Assistant keine Songs per Mikrofon erkennen kann, die gerade laufen – für diese Funktion muss man die reguläre Sprachsuche verwenden, die parallel integriert bleibt.

Ich habe mich dem Google Assistant mit Neugier genähert ... und wurde enttäuscht.

Im Effekt ist der Google Assistant also nicht mehr als eine geänderte Oberfläche für die Google-Sprachsuche. In seiner jetzigen Form ist er damit kein Kaufgrund, sondern zementiert den Eindruck, dass Google nicht-englischsprachige Nutzer weiter benachteiligt und die Anzahl an Feature-Erweiterungen und Verbesserungen stagniert. Das ist insbesondere deswegen schade, weil zuletzt Amazons Alexa im Echo-Test gezeigt hat, wie gut und vor allem natürlich Sprachsteuerung auch auf Deutsch schon funktionieren kann.

Positiv anzurechnen ist der Pixel-Software natürlich, dass sie bloatfrei ist (solange man die vorinstallierten Apps von Google nicht als Bloat definiert), performant und eher stabil läuft sowie in einem Monat bereits zwei Updates erhalten hat. Kleines Detail: Sehr gut gefällt uns auch das Sounddesign von Android 7.1. Google, die neuen Standard-Sounds klingen wesentlich organischer als beispielsweise die kühlen, technokratischen Sounds der Ice-Cream-Sandwich-Ära. Gut ist auch das Peek-Feature, mit dem Benachrichtigungen beim Eingang kurz auf dem Bildschirm angezeigt werden; damit werden die Benachrichtigungen auch angezeigt, wenn man das Gerät mit ausgeschaltetem Bildschirm anhebt oder wenn man darauf doppeltappt. Eine Benachrichtigungs-LED besitzt das Pixel XL auch. Sie liegt in der Hörermuschel, muss aber gesondert aktiviert werden (EinstellungenBenachrichtigungenZahnrad-SymbolBenachrichtigungslicht aktivieren), weswegen ich von ihrer Existenz erst nach einigen Wochen erfuhr.

Zum Thema Stabilität: So ganz rund läuft das Pixel XL nicht. Wir hatten bei der Ersteinrichtung ein paar Probleme (ein OnePlus 3 ließ sich nicht zur Übertragung der Accountdaten koppeln, das Gerät konnte sich erst nach mehreren Versuchen ins WLAN einbuchen) sowie mit seltenen WLAN-Abbrüchen zu kämpfen. Möglich, dass das letztgenannte Problem mittlerweile behoben ist. Das Pixel XL hatte und hat aber auch Soundprobleme. Während einer Videoaufnahme wurde ein heftiges, konstantes Störgeräusch aufgezeichnet, dieser Fehler ließ sich aber nicht reproduzieren. Ein anderer Sound-Fehler tritt hingegen immer auf: Wenn man eine WhatsApp-Sprachnachricht abspielt und das Gerät ans Ohr führt, wodurch die Wiedergabe vom externen Lautsprecher auf die Hörermuschel wechselt – dann gibt es eine kurze Störung in Form eines etwa dreisekündigen Soundloops, bis sich das Gerät „fängt“ und den Rest der Nachricht normal abspielt. Die Spracherkennung für die „OK Google“-Funktion musste mehrfach durchgeführt werden und die Spracherkennung bei ausgeschaltetem Bildschirm funktionierte auch nicht immer zuverlässig. Auch bei YouTube-Videos kam es ein paar Mal zu einem Fehler, bei der das Bild einfror, der Ton aber weiterlief. Und schließlich hängte sich das Gerät im Testzeitraum zweimal komplett auf, sodass nur ein kompletter Neustart half.

Um ein Fazit zur Software zu ziehen: Die Basis in Form von Stock Android ist weiterhin eine gute, aber das „Nexus-Mojo“ fließt irgendwie nicht mehr so richtig durchs Pixel, zumindest nicht so wie bei den Quasi-Vorgängern. Manche Neuerung zielt am Nutzer vorbei, wirklich viel hat sich nicht getan gegenüber Lollipop und es gibt nervige Instabilitäten. Dazu kommt noch die bedenkliche neue Politik von Google, dank der bei Provider-Geräten der Bootloader gesperrt ist und solchen Geräten damit de facto keine Custom Firmwares und Kernels offenstehen.

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Vom Nexus One zum Pixel 3 (XL): Googles Smartphones in der Übersicht

Speicher und Konnektivität des Pixel XL

Wir haben die mit 32 GB ausgestattete Version des Pixel XL getestet, im Auslieferungszustand stehen dem Nutzer 29,7 GB Speicher zur Verfügung. Für die meisten Nutzer reicht diese Speichermenge aus, wer aber viel 4K-Material aufnimmt und dieses nicht regelmäßig auslagert, große Apps und Spiele installiert sowie Musik und Filme lokal speichert, kommt schon einmal an die Grenzen des Speichers. Für einen satten Aufpreis in Höhe von 110 Euro auf den ohnehin schon exorbitanten Preis von 899 Euro (!) vervierfacht man den internen Speicher auf 128 GB. In Relation zum sowieso schon hohen Basis-Gerätepreises ist das ziemlich frech. Schade: Google hätte die Abkehr von den im Nexus-Programm definierten Prinzipien durchaus nutzen und dem Gerät einen Slot für externe Speichermedien spendieren können. Hätte, hätte, Fischbulette – haben sie leider nicht.

Chromecast ist die einzige Möglichkeit, den Bildinhalt des Pixel XL auf einen externen Schirm zu spiegeln.

Kaum etwas zu meckern gibt es in puncto Verbindungsmöglichkeiten, Sensoren und ihrer Messqualität. Ob GPS, Bluetooth 4.2, WLAN nach allen relevanten Standards, USB Typ C mit 3.0-Geschwindigkeit oder LTE Cat.12 mit theoretisch 600 MBit/s im Down- und 150 MBit/s im Upstream ist hier alles an Bord, was man so braucht beziehungsweise in den nächsten Jahren brauchen kann. Gleiches gilt für Lage- und Beschleunigungssensoren, Alti-/Barometer, Gyroskop, Licht- und Näherungssensoren. Von den Kameraproblemen bei schlechter Datenverbindung, die in vereinzelten Berichten im Netz herumgeisterten, haben wir nichts bemerkt.

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Einzige Enttäuschung ist, dass es abgesehen von Screen Mirroring per Chromecast keine Möglichkeit gibt, das Bild des Pixel XL an einen externen Bildschirm auszugeben – weder Miracast noch USB-C-auf-HDMI-Dongles werden unterstützt. Schade, dass Google nicht alle Möglichkeiten ausschöpft, die der versatile USB-C-Standard hergibt und eine nicht-kabelgebundene Lösung mit Internet-Zwang die einzige Option zur externen Bildweitergabe ist.

Dank zusätzlicher Sensorik und seines schnellen SoC ist das Pixel XL der maßgeschneiderte Gegenpart zu Googles VR-Brille Daydream View. Wie unser Test zu Daydream View ergeben hat, ist diese Kombination aber auch nicht ohne Probleme – insbesondere weil das Gerät praktisch kontinuierlich ein hohes Performance-Niveau zum Rendern von 3D-Umgebungen anfordert, wird es schnell sehr heiß. Und das wiederum wird bereits nach wenigen Minuten ziemlich unangenehm unter der Brille.

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Zur Telefonie ist lediglich zu sagen, dass uns nichts Negatives aufgefallen ist. Gespräche klingen sehr klar und laut, es gab keine ungewollten Gesprächsabbrüche, auch auf der Gegenseite wurden wir perfekt verstanden. Selbst die Freisprechfunktion taugt etwas, sowohl bei normalen Gesprächen als auch in Videoanrufen per Duo konnten wir uns davon überzeugen.

Pixel XL bei Amazon Pixel XL bei ebay

Auf der nächsten Seite: Die Leistung des Pixel XL im Vergleich zu anderen Geräten, die Akku-Ausdauer – und unser Fazit.