Meinung: Der gesperrte Bootloader im Google Pixel (XL) bringt uns zurück in dunkle Zeiten

Frank Ritter 9

Zurück in graue Vorzeit. Das ist das Motto zwischen den Zeilen, unter dem die Deutsche Telekom das Pixel und sein großes Schwestergerät Pixel XL an die Frau und den Mann bringen möchte. Denn die vom Provider verkaufte Variante wird einen „nicht entsperrbaren“ Bootloader besitzen. Käufer bei der Telekom müssen so Nachteile in Kauf nehmen – Nachteile, die eigentlich als überwunden galten.

Meinung: Der gesperrte Bootloader im Google Pixel (XL) bringt uns zurück in dunkle Zeiten

Ich hatte einen Traum. Einen Traum, in dem ich einst im Ohrensessel sitzen und meinen Enkeln alte Geschichten aus einem dicken Buch vorlesen würde. Darin befänden sich alte, ausgedruckte Artikel aus androidnews- und androidnext-Zeiten. In diesen zur Kuriosität geronnenen Geschichten würde erzählt von gesperrten und verschlüsselten Bootloadern, von übermächtigen Providern und gegängelten Kunden und von Smartphones, die ihren Käufern schlicht nicht gehören. Pustekuchen, aus der Traum: Die archaische Praxis von providergebundenen Smartphones erlebt eine Renaissance – und das in Deutschland. Erfüllungsgehilfe ist ausgerechnet Google.

Ein Blick zurück: Als Android Anfang der Zehnerjahre noch recht frisch am Markt war, verkauften viele Hersteller und Provider ihre Smartphones ohne Nutzerzugriff auf den Bootloader. Ein gesperrter Bootloader ist ein Software-Mechanismus, der dafür Sorge trägt, dass die Systempartitionen von Android nicht einfach geändert werden können und man in Folge keine alternativen Firmwares, Kernel oder andere Modifikationen auf sein Gerät spielen kann.

Die Hersteller argumentierten, dass gesperrte Bootloader nötig seien, weil sonst fehlerhaft geflashte („gebrickte“) Geräte ihre Reparaturwerkstätten überschwemmen und sie auf den Kosten sitzen bleiben würden. Zumindest inoffizielle Gründe waren jedoch auch, dass die gerade in den USA mächtigen Provider darauf bestanden, dass über sie verkaufte Geräte mit Bloatware ausgestattet sind und für „schädliche“ Funktionen gesperrt blieben.

Gerade Smartphones der großen US-Mobilfunker Verizon, AT&T und Sprint hatten nicht nur teils dutzendweise performance- und akkufressende Bloat-Apps bis hin zum eigenen App-Shop installiert, sondern auch handfeste Sperren für gängige Funktionen wie Tethering und SIM-Karten anderer Hersteller. Oft genug wurden die Kunden außerdem mit hoffnungslos veralteten Android-Versionen sitzengelassen, weil die Provider den Herstellern keine Lizenzgebühren für OTA-Updates zahlen und Druck auf die Nutzer ausüben wollten, immer wieder neue Geräte im Zuge von Vertragsverlängerungen zu erstehen.

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Android-Bootloader: Eine Geschichte von Blockaden und Basteleien

Um eine modifizierte Firmware oder einen alternativen Kernel zu installieren (beziehungsweise: zu flashen, wie es im Jargon heißt), mussten also zuerst die gesperrten oder verschlüsselten Bootloader überwunden werden. Das wurde schnell zu einem Massensport: Eine stark wachsende Community schaffte es mit Sitzfleisch, Reverse Engineering und teils bizarren Tricks, die gesperrten Bootloader zu umgehen, alten Geräten damit neues Leben einzuhauchen. Lange Zeit galt die Formel: Bootloader knacken, rooten, erst ein Custom Recovery, danach CyanogenMod flashen – und plötzlich rennt das Smartphone wieder.

Die Community fand also oft Mittel und Wege, den Bootloader trotzdem zu knacken; eine Sisyphusaufgabe freilich, die in der Regel nur unter Ausnutzung von Sicherheitslücken möglich war. Android-Enthusiasten forderten deswegen immer lauter nach besserer Behandlung. Nach Jahren des Protests aus der Community gegen die restriktive Politik von Herstellern und Providern entspannten sich die Fronten jedoch nach und nach; Hersteller wie Sony, LG und HTC boten Kunden – unter Verzicht auf die Gewährleistung für die Geräte – freiwillige Bootloader-Entsperrungen an, zumindest für Geräte, die frei verkauft wurden, bei Samsung kann man Provider-Sperren oft überflashen. Die Mobilfunker sahen immer stärker von Bloatware ab oder machten diese zumindest deaktivierbar. Selbst in den USA kaufen heute immer mehr Nutzer einschränkungsarme Geräte im freien Handel. Und alle Beteiligten lernten, dass für die Nutzer zeitnahe und langfristige Updates durchaus ein wichtiger Faktor für die Kaufentscheidung bei Smartphones sind.

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Sinneswandel dank der Community … und Google

Maßgeblich für diesen Sinneswandel war nicht zuletzt Google. Neben nutzerfreundlicher Anpassungen neuer Android-Versionen, die etwa einforderten, dass alle Apps zumindest deaktivierbar sein müssen, und kundenfreundlicheren Richtlinien bei der Lizenzierung von Android-Geräten, galten vor allem die Smartphones der Nexus-Reihe als richtungsweisend, die Google gemeinsam mit seinen Hardware-Partnern jährlich auf den Markt warf. Die meist preiswerten Geräte kamen ohne Provider-Lock und Bloatware auf den Markt, versprachen häufige wie pünktliche Software-Updates und vor allem einen bequem entsperrbaren Bootloader. Ohne die Nexus-Serie – unrühmliche Beispiele wie das über Verizon vertriebene Galaxy Nexus mal außen vor gelassen – wäre der Status Quo im Jahr 2016 kaum denkbar: Smartphones können heute in der Regel problemlos entsperrt oder modifiziert werden. Das ist immer seltener nötig, weil Provider-Anpassungen meist nur noch minimal ins System eingreifen, SIM- und Netlocks aussterben und selbst ältere Geräte noch mit Updates versorgt werden. Zugegeben: Die Update-Lage im Android-Bereich mag immer noch nicht perfekt sein, verglichen zur Situation im Jahr 2011 sind wir aber wesentlich weiter. Für diesen Erfolg können sich Kunden und Google gleichermaßen auf die Schultern klopfen.

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Et tu, Google?

Bei seinen Pixel-Phones, der Name impliziert es bereits, macht Google nun aber einiges anders. In den meisten Aspekten – Preisgestaltung, Funktionsumfang und –Exklusivität – kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Nun hat aber die Deutsche Telekom, Googles Exklusivpartner unter den deutschen Telekommunikationsanbietern, gegenüber Computerbase verlauten lassen, dass die über sie vertriebenen Pixel-Phones einen „nicht entsperrbaren“ Bootloader besitzen. Ja, richtig gelesen.

Zum Thema: Google Pixel XL im Test

Ob es sich dabei auch um einen verschlüsselten Bootloader handelt und ob diese Sperre trotzdem mit „Bastelarbeiten“ umgangen werden kann, wissen wir heute noch nicht. Die Telekom gibt an, dass außer einer einzigen App keine andere Bloatware integriert werden soll; man gibt aber auch zu, dass sich größere Android-Updates auf dem Pixel-Phone dank einer zusätzlichen providerseitigen Überprüfungsphase verzögern werden. Ob das der einzige Nachteil sein wird für Kunden, die das Gerät bei der Telekom kaufen, muss die Zeit zeigen, darf aber bezweifelt werden.

Wichtiger als die realen Konsequenzen ist aber sowieso die Botschaft, die diese Entwicklung aussendet: Wir sind wieder zurück in der „dunklen Phase“, Jahre der Emanzipation des Users gegenüber der Goodwill-Herrschaft der Provider werden ad absurdum geführt – und das im in dieser Hinsicht auch in der Vergangenheit eigentlich liberaleren Europa. Schlimmer noch: Ausgerechnet Google bietet sich als Erfüllungsgehilfe an, und das ohne Not, denn auf das Geld aus dieser Partnerschaft ist der Datengigant sicher nicht angewiesen. Das kann nur als bitter bezeichnet werden.

Bleibt zu hoffen, dass die Kunden die Macht einsetzen, die sie haben: Entweder indem sie die freien Pixel-Geräte aus dem Google Shop bestellen, oder vom Kauf gleich ganz absehen. Denn wenn diese Konterrevolution Schule macht, wüsste ich nicht, welche Geschichten „von damals“ ich meinen Enkeln einst aus dem Ohrensessel erzählen soll.

Quelle: Computerbase
Bild „Schloss“: Pug50 @ Flickr (cc by/2.0)

Google Pixel und Daydream Hands-On.

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