HTC Incredible S: Der Test

Frank Ritter 8

Das 4-Zoll-Smartphone HTC Incredible S war für knapp drei Monate das Flaggschiff von HTCs Produktpalette in Europa. Mittlerweile ist der Dual Core-Bolide HTC Sensation auf dem Markt und wir klären, ob das Incredible S schon zum alten Eisen gehört oder immer noch mithalten kann.

Auf dem MWC im Februar 2011 vorgestellt, war das HTC Incredible S das neue Spitzenmodell von HTC. Seinerzeit trieb HTC-Fans eine gewisse Enttäuschung um, denn das Incredible S kam „nur“ mir einem vermeintlich langsamen Prozessor der 1 GHz-Single Core-Klasse auf den Markt, während LG, Motorola und Samsung bereits ihre Dual Core-Modelle vorstellten. Bei HTC vergeht jedoch zumeist weniger Zeit zwischen Produktankündigung und Marktstart, sodass der vermeintliche zeitliche Nachteil gar nicht so eklatant ist, wie man meinen würde. Dass HTC auch zum damaligen Zeitpunkt schon Dual Core-Smartphones entwickelte, zeigt das gegenwärtige Topmodell HTC Sensation, das wir bereits einem ausführlichen Test unterzogen haben. Nun aber zum HTC Incredible S, dem wir immerhin einen Kurztest widmen möchten. Unser Dank für die zwei Leihstellungen geht an Trademark, die PR-Agentur von HTC.

HTC Incredible S

Plastikhubbel statt Unibody: Die Verarbeitung des HTC Incredible S

Genau wie der nur in den USA veröffentlichte Vorgänger DROID Incredible (ohne „S“) besitzt das HTC Incredible S nicht das für HTC ikonografische Unibody-Gehäuse. An dessen Statt beherrscht die abnehmbare Geräterückseite aus gummiertem Hartplastik eine Art hervorstehendes „Plateau“, aus dem sich wiederum die Kameralinse kreisartig hervorwölbt. Ästhetisch mag das nicht jedermanns Sache sein -- die Gehäuseform, das vergleichsweise hohe Gewicht (135,5 g) und die Materialwahl sorgen aber für ein „Handgefühl“, das seinesgleichen sucht. Wie man das Incredible S auch halten mag, es liegt gut in der Hand und verrutscht nicht. Das Smartphone ist mit seinen Abmessungen von 64 x 120 x11,7 mm nahezu gleich groß wie das Samsung Galaxy S und somit weder bedeutend größer noch kleiner als andere Smartphones der 4-Zoll-Display-Klasse.

HTC Incredible S

Die Hardware-Buttons für Lautstärke und Power sind zwei schmale Stege. Keine perfekte Lösung, da zumindest bei einem unserer zwei Testgeräte der Power-Button „eingesunken“ schien und sich nur mit deutlichem Krafteinsatz drücken ließ. Die vier Software-Buttons an der Gehäuseunterseite (von links: Home, Menü, Zurück, Suchen) sind nur beleuchtet, und damit sichtbar, wenn der Bildschirm des Geräts an ist. Nettes, wenngleich nutzloses Gimmick: Dreht man den Homescreen in einer App, die auch den Landscape-Modus-Unterstützt, drehen sich die Icons mit.

Die Hardware des HTC Incredible S

Das HTC Incredible S besitzt 1,1 GB internen Speicher für Anwendungen -- Für Musik, Anwendungsdaten und Filme stehen netto etwa 6 GB zur Verfügung. Wer mehr braucht, sollte sich allerdings eine zusätzliche MicroSD-Karte zulegen, der entsprechende Slot nimmt Speicherkarten bis 32 GB an. Recht großzügig zeigt sich HTC beim Arbeitsspeicher: 768 MB Ram ermöglichen gutes Multitasking und sind Spitze in der 1 GHz-Klasse.

Auf dem Stand der (SLCD-)Technik: Das Display des Incredible S

HTC Incredible S
Das SLC-Display vom HTC Incredible S besitzt eine Auflösung von 800×480, so wie die meisten Geräte mit 4 Zoll-Display. Dieses ist hell, scharf, zeigt intensive Farben und relativ gute Kontraste. Es ist selbst bei sehr hellen Lichtverhältnissen noch gut abzulesen. Auch die Blickwinkeltreue geht in Ordnung, wenngleich diese nicht ganz so gut ist wie bei Screens mit SuperAMOLED (Plus)-Displays. Unterm Strich kann man sagen, dass HTC die SLCD-Technik mittlerweile so gut ausreizt, dass diese es in vielen Belangen auch mit Samsungs S-AMOLED aufnehmen kann. Ironischerweise ist das SLCD-Display im Incredible S sogar dem qHD-Bildschirm des HTC Sensation überlegen, zumindest ist das unser subjektiver Eindruck. Wer also im Angesicht des Incredible S noch über SLCD mosert, kritisiert auf sehr hohem Niveau.

Angemessen flott: Die Leistung des Incredible S

Benchmarks sagen nur bedingt etwas über die reale Leistung eines Geräts aus, der Vollständigkeit halber seien sie aber erwähnt. In drei Quadrant-Durchläufen erhält das HTC Incredible S im Schnitt 1585 Punkte. Linpack bescheinigt dem Smartphone eine CPU-Performance von durchschnittlich 41,184 MFLOPS. Viel wichtiger ist jedoch die „gefühlte“ Performance im Alltag. Hier zeigen sich ambivalente Ergebnisse: Einerseits profitiert das HTC Incredible S von den hochgradig angepassten Anwendungen im Rahmen von HTCs Sense-Paket. Sie beweisen, dass auch ein Single-Core-Android noch nicht zum alten Eisen gehört und reagieren stets angemessen flott.

Andererseits zeigen sich dem geübten Auge aber immer wieder Mikro-Ruckler und -Stotterer, vor allem kurz nachdem das Telefon gestartet wurde. Deutlich wird das in langen Listings wie der Kontaktliste, aber auch beim Durchscrollen der Homescreens. Das Telefon ist natürlich trotzdem benutzbar, aber von der „Smoothness“ eines iOS ist HTC noch ein Stück entfernt. Die Probleme können nicht allein an der CPU mit „nur“ einem Kern liegen. Sony Ericsson hat beispielsweise mit seiner 2011er-Serie gezeigt, wie butterweich ein Android-Launcher auch auf Geräten der 1 GHz-Klasse laufen kann. Wir vermuten, dass Widgets und im Hintergrund laufenden Prozesse von HTCs Sense-Oberfläche an der Performance knabbern. Wer sich an die kleinen Stotterer gewöhnt hat, nimmt das aber nicht mehr wahr, und die „Eye Candy“-Effekte von Sense entschädigen den Nutzer veritabel.

Für Knipser: Die Kamera im HTC Incredible S

HTC Incredible S

So deutlich, wie die Linse auf der Rückseite des Incredible S hervortritt, sollte man meinen, dass es sich um ein besonders gute Kamera handelt. Dem ist leider nicht vollumfänglich zuzustimmen: Die 8 MP-Kamera mit Autofokus macht gute Bilder, litt jedoch in unserem Test bei Tageslicht unter einem latenten Blaustich. Hier einige Beispiele:

HTC Incredible S

HTC Incredible S

HTC Incredible S

HTC Incredible S

HTC Incredible S

HTC Incredible S

Nachtfotografen und Partyknipser freuen sich aber über den grotesk hellen Doppel-LED-Blitz. Die Videoaufnahmen in der maximalen Auflösung von 720p könnten definitiv besser sein, halten aber den Ansprüchen unregelmäßiger Alltagsfilmereien stand. Schwenken sollte man das Gerät nicht allzu schnell -- unschöne Verzerrungen sind das Ergebnis, wie unser Beispielvideo zeigt.

In der Video-App kann man einige Bildeffekte hinzuschalten. Die sehen recht spacig aus, ob man’s braucht, steht auf einem anderen Blatt Papier. Eine 1,3-Frontkamera ist vorhanden, deren Bilder sind passabel. Google Talk ist allerdings noch nicht in einer Videochat-fähigen Version installiert. Hier muss man auf ein Update warten, welches das Gerät auf die Android-Version 2.3.4 oder höher bringt.

Konnektivität

Das HTC Incredible S ist mit allen gängigen Datenübertragungsstandards bis hinauf zu HSDPA/HSUPA ausgestattet. Unterwegs ließen sich in unserem Test keine Probleme oder plötzliche Verbindungsabbrüche mit dem Incredible S feststellen, der Empfang war stets zufriedenstellend. Das Bluetooth-Modul funkt auf dem 2.1-Standard und unterstützt die Profile A2DP für Stereo-Headsets sowie PBAP (Telefonbuchaufruf per Car-Kit). Das WLAN-Modul unterstützt den n-Standard. Standard, Standard, Standard -- so kann man Konnektivität des Incredible S auf eine Formel herunterbrechen. Es leistet sich keine Extravaganzen wie LTE, HSPA+ oder WiFi Direct, ist aber in allen Lebenslagen mit bewährten Mitteln einsatzbereit, und zwar stabil.

Die Software des HTC Incredible S

HTC stattet jedes seiner aktuellen Handys mit der eigenen Sense-Oberfläche aus, so auch das Incredible S, welches aktuell Sense in Version 2.1 verwendet, das auf einer Android „Gingerbread“ 2.3.3-Basis aufsitzt. Wobei „Oberfläche“ ein deutlicher Euphemismus ist. HTC ersetzt traditionell einen großen Teil der Android-Standard-Anwendungen, so zum Beispiel Kalender, Uhr, Dialer und Kontakteverwaltung. Im Falle des Browsers wird zumindest die Standard-App erweitert. Ich hatte vor dem Incredible S noch kein Sense-Gerät oder -Rom im Dauertest und muss der HTC-Software attestieren, dass sie gut durchdacht ist: An vielen Ecken und Enden der HTC-Apps merkt man, dass Leute darangesessen haben, die sich mit dem Design von Benutzeroberflächen auskennen. Viele gute Ideen und Funktionen runden die Apps ab.

HTC Incredible S

Vorbildlich gelöst ist etwa die Problematik, wie Kontakte aus verschiedenen Quellen (Google-Kontakt, Facebook-Friend, Twitter-Follower usw.) zusammengefügt werden können. Sobald das HTC-Gerät einen neuen Kontakt in einem beliebigen Netzwerk entdeckt hat, der mit einem anderen Kontakt übereinstimmen könnte, wird der Nutzer gefragt, ob er sie zusammenfügen möchte -- grafisch repräsentiert über ein Kettensymbol.

Über die Sense-Benachrichtigungsleiste erhält man Zugriff auf Schnelleinstellungen, spezielle Sense-Widgets (die mit alternativen Launchern leider nicht nutzbar sind) werten die Oberfläche auf den HTC-eigenen Style auf. Die HTC-Leiste am unteren Rand des Gerätes oder das bekannte Wetter- und Uhren-Widget seien hierfür stellvertretend genannt. Mit Hilfe mehrerer Themes kann man die gesamte Oberfläche des Incredible S ändern, wer sich für den Webdienst HTCSense.com registriert kann weitere optische Gimmicks herunterladen.

So schön die bunte Welt von Sense sein mag, so deutlich fordert sie ihren Tribut: Widgets und die HTCSense.com-Synchronisierung zehren an Performance und Akku. Wer dem begegnen und ein Custom ROM installieren möchte, das die Problematik beim HTC Incredible S etwas verringert, den müssen wir zunächst enttäuschen. So ist der Bootloader des HTC Incredible S verschlüsselt, die Installation von Kernels und ROMs derzeit nahezu unmöglich. Zwar hat HTC ein Entsperren des Bootloaders in Aussicht gestellt, auch mit AlphaRevX soll das seit Kurzem möglich sein. Trotzdem: Wer gerne bastelt, hackt und modifiziert, sollte -- noch -- einen Bogen um das HTC Incredible S machen.

Alltagstauglichkeit

Im Alltag macht das Incredible S aufgrund der wertigen Verarbeitung eine gute Figur. Auch als Telefon macht sich das Incredible S sehr gut. Gespräche waren stets klar (für beide Beteiligten) und ließen keinen Grund zur Beanstandung. Die Laufzeit des 1450-mAh-Akkus kam uns allerdings eher gering vor. 12 bis 16 Stunden hielt eine Ladung im -- zugegeben -- intensiven Testbetrieb. Display und Hintergrunddienste, die die mobile Datenverbindung belasteten, zeigten sich als die größten Akkukiller. Wer auf die dauerhafte Synchronisierung von Diensten im Hintergrund verzichtet, wer unterwegs nicht so viel surft und die Bildschirmhelligkeit runterdreht, kann gnädigere Akkulaufzeiten erwarten.

Preisvergleich

Derzeit (Juni 2011) ist das HTC Incredible S ohne Vertrag zu einem Preis von knapp über 400 Euro zu haben, zum Beispiel . Ist der Preis angemessen? Hier ein Vergleich mit anderen Modellen aus derselben Liga:

Preislich steht das HTC Incredible S auf einer Stufe mit dem LG Optimus Speed (, androidnews-Testbericht), welches dank Tegra 2 besser für Gamer, dank offenem Bootloader besser für Bastler geeignet ist. Dafür besitzt das HTC Incredible S aber mehr Arbeitsspeicher und mit Sense ein Rundum-glücklich-Softwarepaket, das deutlich besser für Smartphone-Anfänger geeignet ist.

Etwa 100 Euro billiger ist das Samsung Galaxy S (, androidnews-Testbericht), welches im Vergleich zum HTC Incredible S nicht ganz so gut verarbeitet ist und auch weniger Arbeitsspeicher besitzt. Dafür hat das Galaxy S ein besseres Display, ist leichter und besitzt 8 GB internen Speicher.

HTC Incredible S: Das Fazit

Das Incredible S ist ein passables Smartphone, das vor allem durch seine solide Verarbeitung, den guten Screen und die clevere HTC Sense-Oberfläche glänzt. Ob man sich für das Incredible S entscheidet, hängt -- wie oben geschildert -- von persönlichen Prioritäten ab, sowie der Tatsache, ob man die kleinen Mängel des Incredible S bereit ist in Kauf zu nehmen: Die mittelmäßige Kamera, eine nicht durchgehend flüssige Benutzeroberfläche, fehlende Modifizierbarkeit und den recht hohen Akkuverbrauch. Unterm Strich präsentiert sich das Incredible S aber in unserem Test als überdurchschnittlicher Allround-Androide und kann vor allem Einsteigern in die Android- und Smartphone-Sphäre empfohlen werden.

Verarbeitung und Haptik: 4,5/5
Display: 4/5
Software: 4/5
Telefonfunktion und Alltagstauglichkeit: 4/5
Kamera: 3/5
Hardware und Performance: 3/5

Gesamt: 3,75 von 5

Galerie

HTC Incredible S
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