Sense 7 im Test: Die Software im HTC One M9

Frank Ritter 14

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Im HTC One M9 kommt Android 5.0.2 Lollipop zum Einsatz, garniert mit HTCs Sense-Oberfläche, nunmehr in Version 7. Änderungen zur Vorgängerversion sind jedoch nur in Details zu finden. Die offensichtlichste und aus Sicht des Testers auch ärgerlichste Änderung ist, dass das kombinierte Uhren- und Wetter-Widget auf dem Standard-Startscreen nun die Uhrzeit kursiv anzeigt – was einen kompletten Gegensatz zur sonst so geraden, schmalen und zurückhaltenden Sense-Optik darstellt. Dieser Stilbruch fällt sofort ins Auge, auch wenn es sich um eine triviale Sache handelt.

Und sonst? Drei neue sinnvolle Features seien hier herausgehoben. Zum einen verbesserte Themes-Unterstützung. Hier kann man jetzt einzelne Aspekte herunterladen und ändern, beispielsweise nur Schriftart, Hintergrund und/oder Farbschemata. Dazu werden die Themes in einer übersichtlichen Galerie angezeigt. Hier hat sich HTC sicherlich vom mächtigen Theme-Support in CyanogenMod inspirieren lassen. Einzigartig ist hingegen die Möglichkeit, sich ein systemweites Farbschema für einzelne Elemente auf Basis von Fotos oder Wallpapers einzurichten – cool.

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Zudem kann man nun die Software-Buttons erheblich besser konfigurieren. Nicht nur die Reihenfolge der Buttons lässt sich beliebig ändern, zusätzlich kann man auch einen vierten konfigurieren, etwa um den Bildschirm auszuschalten oder die Software-Tasten auszublenden – mit einer Wischbewegung von unten lassen sie sich dann wieder einbinden. Hier dürften vergleichbare Features von LG und Huawei Pate gestanden haben.

Außerdem hat HTC ein neues Widget entwickelt und auf dem Start-Homescreen platziert, das je nach Ort, an dem sich der Nutzer befindet – auf der Arbeit, unterwegs oder zuhause, andere Apps als Shortcut anzeigt. Der Mechanismus lernt vom Nutzerverhalten, sodass er peu à peu besser passende Apps anbietet. Keine schlechte Idee, wenn auch ähnlich schon in diversen Launcher-Alternativen gesehen. Ob man das braucht, muss jeder für sich beantworten; das Widget ist natürlich problemlos entfernbar.

Genauso entfernbar übrigens wie der Blinkfeed. HTCs kombinierter Feed- und Social-Media-Reader ist aber in den meisten Fällen, sofern man ihn mit guten Newsquellen (Tipp: GIGA.de) versehen hat, meist mit interessanten Infos bestückt und blieb in unserem Test eingeschaltet. Bizarr ist allerdings, dass die beim M8 noch prominent im Blinkfeed platzierte Zusammenarbeit mit Fitbit für die Auswertung des integrierten Schrittzählers beim HTC One M9 nun komplett auf Eis zu liegen scheint. Außerdem nervt, dass Artikel zunächst in der App geöffnet werden. Zwar sind diese offline zwischengespeichert, zumindest eine Option zum direkten Öffnen im Browser hätte HTC aber integrieren können.

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Gut gefallen uns die schon vom Vorgänger bekannten Gesten zum Wecken des Gerätes aus dem Standby. Doppeltap zum Aktivieren, Wisch von Links zum Start des Blinkfeed, von unten für die letzte App und so weiter. Schade, wenngleich Meckern auf hohem Niveau, ist, dass HTC wieder keine Double-Tap-to-Sleep-Funktion auf den Homescreen integriert hat. Wer sein Gerät schnell in den Standby bringen will, kann das zwar per Doppeltap auf den Lockscreen oder mit dem entsprechenden Software-Button (muss vorher eingerichtet werden), so angenehm wie bei LG ist es aber bei weitem nicht – beim Konkurrenten reicht es, auf eine leere Stelle am Homescreen oder auf die Benachrichtigungsleiste doppelt zu tappen und das Display schaltet sofort ab.

Zum Thema Benachrichtigungsleiste: HTC verwendet weiterhin die eigenen Tiles, die per doppelter Wischbewegung erreichbar sind, anstatt des Lollipop-Standards. Schade ist, dass HTC den von Google in Android 5.0 entfernten Lautlos-Modus nicht auf eigene Faust wieder einführt, so wie Samsung es tut. Sinnvoll wäre das allemal.

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Überhaupt hat man an einigen Stellen das Gefühl, dass HTC zu wenig Bereitschaft mitbringt, sich auf seine Nutzer zuzubewegen. Beispielsweise ist der App-Drawer wie eh und je nur vertikal durchscrollbar – eine HTC-eigene Skurrilität, die der Hersteller wenigstens mal mit der optionalen Einstellung zum horizontalen Scrollen abmildern könnte. Es nervt außerdem, dass man, auch wenn man die deutsche Sprachversion bei der Ersteinrichtung angewählt hat, grundsätzlich zunächst ein englisches QWERTY-Layout für die auf SwiftKey basierende Software-Tastatur präsentiert bekommt. Seit Jahren bekommt HTC das nicht hin, und man muss sich fragen: Warum?

Das HTC One M9 hatte außerdem im Test regelmäßig Probleme, sich mit einem Firmen-Exchange-Server zum Abgleich von Mails und Terminen zu verbinden. Sowohl die integrierte Exchange-Unterstützung als auch die optional installierten Exchange Services von Google stürzten immer wieder ab – anders als bei Geräten anderer Hersteller.

Im Großen und Ganzen bleibt bei Sense alles beim Alten. Eine nicht eben standardkonforme, aber in sich überwiegend konsistente Software-Suite mit vielen Apps und Features trifft auf gute Performance. Schade ist allerdings, dass HTC seine eigenen Apps noch nicht an Googles neue Designsprache Material Design angepasst hat. Abgesehen von wenigen Alibi-Animationen, dem neuen Lockscreen und der aus Stock Android übernommenen Taschenrechner-App, erkennt man Android 5.0 Lollipop nicht – dabei wären das Designverständnis von Sense und Android 5.x eigentlich gut kombinierbar. Selbst den alten eigenen, ziemlich hässlichen, Task-Viewer hat man beibehalten. Das ist schade.

Fazit: Sense 7 verdient seine neue Ordnungsnummer nicht, 6.1 hätte es wohl besser getroffen. Zu wenig sinnvolle neue Features treffen auf den Unwillen HTCs, die eigene Android-Interpretation an den Zeitgeist – lies: das Material Design von Android Lollipop – anzupassen. Auch wenn die Software des HTC One M9 natürlich weiterhin gut, in sich konsistent und vor allem aktuell ist, verbleibt ein zart bitterer Nachgeschmack.

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Die Performance des HTC One M9

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Zunächst die Spezifikationen in der Übersicht:

HTC One M9: Technische Daten

Display 5-Zoll SLCD3 (IPS), 1.920 x 1.080 Pixel
Prozessor 2 GHz Qualcomm Snapdragon 810 Octa-Core
Arbeitsspeicher  3 GB RAM
Datenspeicher 32 GB, erweiterbar um max. 128 GB
Kameras 20 MP (Rückseite), 4 Ultrapixel (Front)
Konnektivität LTE Cat.6, Bluetooth 4.1, NFC, WLAN 802.11 a/b/g/n/ac, GPS, FM-Radio
Akku 2.840 mAh
Maße, Gewicht  144,6 x 69,7 x 9,61 mm, 157,5 Gramm
Betriebssystem  Android 5.0 Lollipop

Im Vorfeld wurde viel geredet, sowohl über die Performance des HTC One M9 an sich, wie auch die des darin verbauten 64-Bit-fähigen Octa Core-Prozessors Snapdragon 810 mit je vier schnellen A57-Kernen und vier energieeffizienten A53-Kernen. Der Maximaltakt verringert sich gegenüber dem Vorgänger von 2,5 auf 2,0 GHz, durch die verdoppelte Kernanzahl sollte aber theoretisch mehr Leistungspotential vorhanden sein. Das Problem ist die Wärmeentwicklung. Erste im Netz kursierende Meldungen schürten alte Ängste: Sollte das M9 ähnlich heiß werden wie 2012 das HTC One X mit seine Tegra 3-SoC?

Jein. Einen ersten Einblick erhält man, wenn man das Gerät zum ersten Mal einrichtet und/oder ein Update installiert. Während die Apps für die ART-Runtime vor-optimiert werden, muss die CPU einige Minuten unter Volllast ackern; hier bemerkt man durchaus, dass das Gerät recht warm wird. Im Alltag wird das in der Regel nicht deutlich – wir konnten allerdings eine Ausnahme von dieser Regel beobachten: das gute alte GTA Vice City. Dreht man dort alle Grafikoptionen auf Anschlag, lässt sich der Action-Klassiker auf dem M9 zwar gut spielen, das Smartphone wurde bei uns im Test allerdings bereits nach wenigen Minuten extrem heiß. Wie heiß, war mangels passendem Instrumentarium schwer zu beziffern – die internen Sensoren meldeten lediglich eine Temperatur von „nur“ 44°C für den Akku, entsprechende Sensoren für CPU und GPU gibt es leider nicht, subjektiv hätte man allerdings in diesem Moment beinahe ein Schnitzel auf der Rückseite brutzeln können. Ähnliches konnten wir in Real Racing 3 beobachten, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, dafür ist die Bildwiederholrate im EA-Rennspiel, das die Grafikdetails an die verwendete Hardware selbst anpasst, weit von 60 FPS und häufig genug auch von 30 FPS entfernt – dieses Problem ist aber dem Spiel zuzurechnen.

Wir raten in puncto Hitze von Panik ab und verweisen darauf, dass das Gehäuse des HTC One M9 aufgrund seiner Materialbeschaffenheit als Heatspreader fungiert – eine warme Rückseite kann also durchaus konzeptionell gewünscht sein, um das Innenleben zu schonen. In anderen anspruchsvolleren 3D-Spielen, getestet haben wir Asphalt 8 auf höchsten Settings, Real Boxing, Limbo und Riptide GP2, ist die Performance ebenfalls überzeugend, das Gerät wird aber bei Weitem nicht so heiß wie in den oben genannten Beispielen.

In 2D-Spielen, auf dem Homescreen und in produktiven Apps bringt das M9 nichts ins Schwitzen, in Verbindung mit der durchgehend flüssigen Software und den 3 GB RAM gibt es hier nichts zu bemängeln.

HTC One M9 im Benchmark

Hier einige Resultate der wichtigsten Benchmarks, verglichen mit den Ergebnissen des Samsung Galaxy S6 und Huawei Ascend Mate 7:

Benchmark HTC One M9 Samsung Galaxy S6 Huawei Ascend Mate 7
AnTuTu 5.6.2 51.280 69.846 43.468
CF-Bench 1.3
Native
55.115 83.165 64.752
CF-Bench 1.3
Java
59.862 52.551 27.216
CF-Bench 1.3
Overall
57.963 64.796 42.230
GFX Bench 3.1
Manhattan Onsceen
1.450
(23 FPS)
904,8 Frames
(15 FPS)
502,4 Frames
(8,1 FPS)
GFX Bench 3.1
1080p Manhattan Offscreen
1.304 Frames
(21 FPS)
1.442 Frames (23 FPS) 463,3 Frames (7,5 FPS)
GFX Bench 3.1
T-Rex Onscreen
2.433 Frames
(43 FPS)
1.852 Frames
(33 FPS)
903,1 Frames
(15 FPS)
GFX Bench 3.1
1080p T-Rex Offscreen
2.267 Frames
(40 FPS)
2.973 Frames
(53 FPS)
834,6 Frames
(15 FPS)

Unterm Strich zeigt sich, dass das HTC One M9 leistungsmäßig mit dabei in der Spitzenriege der aktuellen Smartphone-Generation ist, aber nicht ganz mit dem aktuell größten Konkurrenten, dem Samsung Galaxy S6, mithalten kann – abgesehen von Onscreen-Grafik-Benchmarks, bei denen das M9 von der geringeren Bildschirmauflösung profitiert. Gegenüber dem Vorjahresmodell HTC One M8 (hier nicht aufgeführt) weist das M9 einen Leistungsvorsprung von, je nach Benchmark, 40 % bis zu 100 % auf. Solche Peak-Leistungen werden aber praktisch sowieso nie erreicht, da alle acht Prozessorkerne auf höchstem Takt betrieben den Akku extrem schnell leeren würden und, siehe oben, enorme Abwärme erzeugen würden. In Zeiten, da schon Einsteiger-Smartphones schon ausreichend Performance für einen flüssigen Alltagsbetrieb aufweisen, sind solche theoretischen Leistungspotentiale sowieso nur in den seltensten Fällen bemerkbar. Insofern raten wir, Benchmarks nicht überzubewerten. Wichtiger ist der subjektive Eindruck, den ein Gerät im Betrieb macht. Und der ist beim HTC One M9 bezüglich der Performance absolut und durchgehend hervorragend.

Auf der nächsten Seite: Mehr zu Konnektivität, Lautsprechern, Akku und Telefonie beim HTC One M9.

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