Huawei Mate S im Test: Liebe auf den zweiten Blick

Frank Ritter 7

Elegant und schlank, trotz großen Displays noch einigermaßen kompakt, dazu mit einem Fingerabdrucksensor ausgestattet, der dem Hersteller zufolge den Nutzer in Rekordzeit identifizieren kann: Das Huawei Mate S ist das neue Smartphone-Flaggschiff des chinesischen Herstellers. Im umfangreichen Testbericht klären wir, ob die schöne Schale auch einen leistungs- und alltagsfähigen Kern besitzt.

Huawei Mate S: Test.

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Huawei hat Ambitionen. Seit knapp einem halben Jahrzehnt mischt der Konzern, der seine Finanzmittel überwiegend aus dem Markt für Mobilfunknetz-Hardware bezieht, auch im Markt für Smartphones und Tablets mit. Von Anfang an gab Huawei die Devise aus, dass man nicht vorhabe, nur einer unter vielen Playern in diesem stark umkämpften Business zu sein – sondern ein Top-Hersteller. In Sachen Marktanteilen ist Huawei diesem Ziel näher denn je: Weltweit rangiert man auf Platz 3, in Sachen Qualität nähert man sich Jahr für Jahr ebenfalls immer weiter an die Platzhirsche Samsung und Apple an. Nachdem sich Huawei seine Lorbeeren bislang vorwiegend mit guten und bezahlbaren Geräten in der Einsteiger- und Mittelklasse verdiente, greift man nun auch den High-End-Sektor an. In diesem Testbericht zum Huawei Mate S wollen wir also zwei Fragen klären: Ist der empfohlene Verkaufspreis von 649 Euro für das Mate S gerechtfertigt? Und weiter: Sind die Vorteile des Gerätes so groß, dass sie einen rund doppelt so hohen Preis gegenüber dem ebenfalls vor Kurzem vorgestellten und von uns als gut eingestuften Honor 7 (Testbericht) rechtfertigt?

Disclosure: Wir haben das Testgerät des Huawei Mate S im Rahmen der IFA-Pressekonferenz von Huawei als Dauerleihgabe erhalten. Auf dem Gerät lief im dreiwöchigen Testzeitraum der Firmware-Build CRR-L09C432B106.

Huawei Mate S im Unboxing

Huawei Mate S - Unboxing und Hands-On.

Ich gebe zu: Ich war skeptisch, als ich das Mate S auspackte. Zum einen, weil ich den Vorgänger Mate 7 genutzt habe. Der hatte mich „verdorben“, insbesondere mit seinem üppig bemessenen 4.100-mAh-Akku, der bei mir problemlos anderthalb Tage durchhielt. Mit nur noch 2.700 mAh und einem zwar etwas, aber nicht wesentlich kleineren Display verspricht das Mate S zumindest keine abnorm guten Akkuwerte mehr. Zum anderen, weil ich davor einige Monate das Samsung Galaxy S6 edge als Daily Driver benutzt hatte – das wiederum nervte mich zwar mit seiner ziemlich knappen Akkulaufzeit, hat dafür aber ein Display und eine Kamera zum Dahinschmelzen.

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Unsere schönsten mit dem Huawei Mate S geschossenen Fotos

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Zwischen diesen Extremen buhlt nun also das Mate S um meine Gunst und versucht dabei natürlich auch eigene Akzente zu setzen. Das gelingt auch, zunächst einmal in puncto Design. Sorry, das so platt auszudrücken, aber das Huawei Mate S sieht einfach geil aus.

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Spezifikationen des Huawei Mate S

Betriebssystem Android 5.1 Lollipop, EMUI 3.1
Display 5,5 Zoll, (1.920 x 1.080 Pixel, 400 ppi)
Prozessor Kirin 935 Octa Core, max. 2,2 GHz
Arbeitsspeicher 3 GB
Interner Speicher 32, 64 GB oder 128 GB + microSD-Slot
Kamera 13 MP mit RGBW-Sensor, optischem Bildstabilisator, Dual Tone LED-Flash, f/2.0-Blende
Frontkamera 8 MP BSI-Sensor, LED-Blitz, f/2.4-Blende
Akkukapazität 2.700 mAh
Konnektivität WLAN 802.11 a/b/g/n/ac, Bluetooth 4.1, GPS, LTE
Abmessung 149,9 x 75,3 x 7,2 Millimeter
Gewicht 156 Gramm
Farben  „Mystic Champagne“ und „Titanium Grey“
Besonderheiten Fingerabdrucksensor, Force Touch-ähnliche Technik (in der 128 GB-Version), „Knuckle Control 2.0“, wasserdicht, Dual-SIM (nicht in Deutschland)

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Huawei Mate S im Test: Betörendes Design und überzeugende Verarbeitung

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In der eckigen Grundform und der Wölbung an der Rückseite erinnert das Mate S an die Geräte der OnePlus-Serie, allerdings ohne deren Wuchtigkeit. Huawei ließ den Übergang des Alu-Unibody-Gehäuses von der Seite nach vorne und hinten im 45-Grad-Winkel abfräsen, das Glas an der Front wölbt sich an den äußeren Rändern zudem subtil nach unten – man spricht hier von 2,5D-Glas. Anders als beispielsweise beim Galaxy Note 4 fühlt man kein Spaltmaß zwischen Glas und Metallrahmen, und das ist einfach schön. An der Seite und Rückseite haben wir es mit Aluminium zu tun, das ähnlich wie HTCs One-Serie und die jüngsten iPhone-Generation mit schmalen Plastikstreifen durchsetzt ist. Durch diese optisch dezenten, haptisch aber markanten Details fühlt sich das Huawei Mate S trotz des „kantigen“ visuellen Eindrucks erstaunlich rund, ja beinahe weich an.

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Diese Haptik wird von der gewölbten Rückseite unterstützt. Da das Gerät insgesamt recht schlank ist – an der dicksten Stelle ist es nur 7,2 mm schmal, an der dünnsten am äußeren Rand weniger als 3 mm – fällt diese Wölbung deutlich schwächer aus als bei manchen Konkurrenzmodellen. Oben am Gerät befindet sich die Klinkenbuchse für Kopfhörer und Headsets, unten mittig ein Anschluss für Micro-USB-Kabel zum Laden und Verbinden des Gerätes mit dem PC. Direkt daneben sind links und rechts Grille in das Gerät eingefräst. Der Eindruck, dass es sich um Stereolautsprecher handelt, trügt aber: Geräusche kommen nur aus den Öffnungen rechts, jene auf der linken Seite werden offenbar für das Mikrofon verwendet. Zwei winzige Torxschrauben säumen den äußeren Rand der Unterseite – optisch ein nettes Detail.

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Das Huawei Mate S als Anti-M9 und Anti-iPhone

Trotz einer ähnlichen Materialwahl und der durchaus gegebenen Ähnlichkeit an der Rückseite kann das Huawei Mate S als ein Gegenentwurf zum HTC One M9 gesehen werden. Während die HTC-Designer ihrem aktuellen Topmodell bewusst viele und harte Kanten verpasst haben, besitzt das Huawei Mate S eine beinahe weiche und viel organischere Haptik - wir finden diesen Ansatz eleganter und auch praktischer für den Alltag. Gelungen ist auch die Front dahingehend, dass das Display mit 73,9 % einen großen Teil davon einnimmt. Das Gerät ist so, trotz des großen 5,5-Zoll-Bildschirms noch angenehm schmal. Das wird insbesondere dann deutlich, wenn man es neben ein iPhone 6s Plus hält. Trotz gleich großen Displays wirkt das Apple-Phablet gegen das Huawei-Gerät wie ein Arbeiterstiefel neben einem Balletschuh: Das iPhone ist 8,4 mm länger, 2,6 mm breiter und 36 Gramm schwerer als das Mate S.

iPhone 6s Plus vs. Huawei Mate S: Schicke 5,5-Zoller im Vergleich.

Aber auch neben dem LG G4 und OnePlus 2 erweckt das Mate S einen geradezu grazilen Eindruck. Und das ist schon mal ein dicker Pluspunkt für das Huawei-Gerät, auch wenn man dank der glatten Alu-Rückseite und des dünnen Profils manchmal Probleme hat, das Smartphone stabil zu greifen – oder gegriffen zu halten. Wer unsicher ist und mehr „Grip“ braucht, sollte also besser zu einem Case greifen, auch wenn er damit das betörende Äußere des Mate S schmälert.

Zu erwähnen sind noch die Kopfhörerbuchse an der Ober- sowie die Buttons an der rechten Seite. Die sind zwar recht schmal, besitzen aber einen angenehmen Druckpunkt und sind mit kurzer Eingewöhnung auch „blind“ ertastbar. Eine Farb-LED ist oben an der Front neben der Hörermuschel platziert. Auf der Rückseite befindet sich das leicht, aber nicht störend abgesetzte Kamera-Modul, darunter der optimal positionierte Fingerabdruckscanner. Insgesamt ist das Mate S in jeder Hinsicht überzeugend, was Verarbeitung und Design angeht – so muss ein Smartphone im Jahr 2015 aussehen und sich anfühlen.

Genialer Fingerabdruckscanner

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Der ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Mate S, denn das Gerät lässt sich dank des Scanners mit einer kaum fassbaren Geschwindigkeit und Präzision entsperren – durch bloßes Fingerauflegen, deutlich schneller übrigens auch als noch beim Vorgänger Mate 7. Das allein macht schon Spaß und ist ein Feature, das man schon nach kurzer Nutzungsdauer nicht mehr missen möchte. Erstaunlich, dass das sogar mit feuchten Fingern gut funktioniert. Huawei hat aber noch ein paar optionale Steuerungsgesten integriert: So kann man mit einer Streichbewegung nach unten auf dem Sensor die Benachrichtgungsleiste herabziehen, per Doppeltap alle Notifications verwerfen, mit seitlichem Wischen durch die Galerie scrollen, den Sensor als Kamera-Auslöser verwenden, damit ein Gespräch annehmen und den Wecker ausschalten. Das alles funktioniert übrigens mit jedem Finger, nicht nur mit den fürs Entsperren registrierten. Ich würde mir aber wünschen, dass Huawei per Update die Möglichkeit nachrüstet, den Button systemweit zum Scrollen zu verwenden.

Das Display des Huawei Mate S im Test: Schwarz und satt

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Das Display selbst verwendet – bislang ungewöhnlich für Huawei-Smartphones – AMOLED-Technologie. Das ermöglicht eine schmalere Bauform und tiefe Schwarztöne auf dem Bildschirm. Insbesondere auf der schwarzen Geräteversion sieht das toll aus, weil zwischen Gehäuse und den schwarz unterlegten Software-Buttons beinahe kein Übergang zu erkennen ist. Andererseits besitzt das Display selbst für AMOLED-Verhältnisse äußerst intensive Farben, vor allem Rottöne sind nach meinem Empfinden zu satt. Abgesehen davon ist das Display aber gut, bietet hervorragende seitlichen Blickwinkeln, dank einer guten Maximalhelligkeit passable Ablesbarkeit im Freien und es ist auch scharf genug. Mit der Full-HD-Auflösung von 1.920 x 1.080 auf eine Diagonale von 5,5 Zoll ergibt sich eine gute Pixeldichte von 401 ppi, wiewohl die verwendete PenTile-Diamond--Matrix die Bildschärfe faktisch etwas verringert.

Die Kamera im Huawei Mate S: Gut, aber nicht perfekt

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Kommen wir zur Kamera und damit einem der laut Hersteller wichtigsten Argumente für das Huawei Mate S: Die damit geschossenen Fotos lösen in 13 MP auf, das Gerät verfügt über optische und digitale Bildstabilisierung sowie einen RGBW-Sensor, der mehr Lichtinformationen einfangen soll. Im Ergebnis ist das Mate S in der Lage, gute Bilder zu schießen, die im Postprocessing ein relativ warmes Farbbild erhalten und hohe Kontrastwerte aufweisen. Gute Umgebungslichtverhältnisse produzieren hervorragende Ergebnisse – das darf man aber von einem Smartphone dieser Preisklasse auch erwarten. Mit der Genrespitze, also dem Samsung Galaxy S6 nebst Derivaten, dem LG G4 sowie iPhone 6s und 6s Plus können die Bilder jedoch nicht ganz mithalten, da sie beim Heranzoomen häufig weniger scharf und detailärmer sind. Schlecht sind die Fotos aber bei Weitem nicht – mit einer ruhigen Hand, die trotz des Bildstabilisators stets zu empfehlen ist, gelingen ansehnliche Fotos. Positiv zu vermerken sind das schnelle Fokussieren und Auslösen sowie die hervorragenden Makrofotos, die das Mate S schießt.

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dav

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Dämmerung
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Gegenlicht
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Bokeh-Effekt
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Dämmerung
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Abendlicht
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Straßenszene
Straßenszene

Auch die Kamera-App selbst ist übersichtlich und selbsterklärend gestaltet – kein Wunder, denn hier stand eindeutig die Kamera-Anwendung von iOS Pate. Nette Gimmicks sind die automatische Erkennung von QR-Codes im Sucher sowie die hier auch im Mate S integrierten Lichtmalerei-Effekte, die Huawei vor einigen Monaten als besonderes Feature des Huawei P8 herausstellte. Mit dem zusätzlich integriertem Pro Mode kann man Aufnahme-Parameter wie ISO-Zahl und Verschlusszeit anpassen; in den Händen von Profis sind hier zum Teil beeindruckende Ergebnisse zu erzielen.

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Videos gelingen auf dem Huawei Mate S qualitativ gut, wiewohl die automatische Helligkeitsanpassung uns einen Tick zu aggressiv vorkommt. Sowohl optischer als auch digitaler Bildstabilisator sind einzeln aktivierbar, letzterer erzeugt auch eher ein unruhiges Bild mit starkem Rolling-Shutter-Effekt. Schade ist auch, dass das Huawei Mate S keine Möglichkeit bietet, Videomaterial in 4K-Auflösung oder mit höheren Bildraten aufzuzeichnen - Full HD-Videos mit 30 FPS sind und bleiben das Höchste der Gefühle. Zeitrafferaufnahmen sind möglich, Zeitlupenaufnahmen hingegen nicht.

Huawei Mate S - Test-Kameraaufnahme (1080p).

Gut gefallen haben uns die Aufnahmen mit der 8-MP-Frontkamera, auch wenn die standardmäßig aktive „Verschönerung“-Funktion zur Glättung von Hautunreinheiten eher unrealistische Bilder im Wachsfiguren-Stil erzeugt – wer das nicht will, zieht den Regler nach links. Selfie-Fans und Videotelefonie-Nutzer werden trotzdem ihre Freude damit haben.

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Links: Selfie ohne „Verschönerung“, rechts mit maximalem Effekt

Die Software des Huawei Mate S im Test: grandiOS inspiriert

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Die Software, ein recht aktuelles Android 5.1 mitsamt Huaweis EMUI-Oberfläche in Version 3.1, bietet wenig Neues gegenüber anderen Huawei- und Honor-Geräten neuerer Bauart. Wir haben es hier mit einer Android-Variante zu tun, die optisch und funktional deutlich stärker an iOS als an Stock Android erinnert. Gelegentlich wirkt das leider, als ob Huawei versuche, eine Holzschraube in eine Betonwand zu hämmern: Die „Rauchglas“-Effekte etwa bei den Quick-Settings auf dem Lockscreen oder in der Benachrichtigungsleiste - wo sie gelegentlich zu nur schwer lesbaren Text führen – sind beispielsweise so stark von iOS inspiriert, dass es schon ein bisschen peinlich ist. Das ist schade, denn eigentlich hätte Huawei dieses Copycat-Gebaren gar nicht nötig.

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Kritikwürdig finde ich weiterhin die Tatsache, dass EMUI keine Trennung zwischen Homescreen und App-Drawer vornimmt – eine weitere Reminiszenz an iOS und eine unnötige dazu. Das führt dazu, dass man sich bei vielen installierten Apps ein eigenes Ordnungssystem überlegen und durchsetzen muss, will man nicht den Überblick über die installierten Anwendungen verlieren. Verschlimmert wird dieser zuweilen chaotische Eindruck dadurch, dass anders als bei iOS auch Widgets auf dem Homescreen liegen können. Es ist an der Zeit, dass Huawei sich „westlicheren“ Bedürfnissen öffnet und einen eigenen App-Drawer einführt, der gerne auch optional sein darf. Überdies macht es Huawei unnötig kompliziert, alternative Launcher wie Nova oder den Google Now-Launcher zu installieren: Während es bei praktisch jeder anderen Android-Herstelleroberfläche möglich ist, den jeweiligen Launcher zu installieren und einfach als Standard-Übersicht festzulegen, muss man sich beim Mate S durch die Einstellungen wühlen und den Standard-Drawer dort unter Apps verwaltenApp StandardeinstellungenÜbersicht auswählen. Diesen Trick muss man erst einmal kennen; es wirkt somit fast so, als ob Huawei den Nutzer dazu zwingen will, das eigene UI zu akzeptieren — die Tatsache verkennend, dass die umfassende optische und funktionale Anpassbarkeit eines der größten Argumente für Android gegenüber anderen mobilen Betriebssystemen darstellt.

Die Software ist abgesehen davon größtenteils sinnvoll konzipiert und gestaltet, sie erweitert den Funktionsumfang von Standard-Android gehörig. Das merkt man an diversen Details wie den wechselnden Lockscreen-Wallpapers, dem Angebot, die Installationsdatei einer App zu löschen, die manuell heruntergeladen wurde oder die Möglichkeit, die Kamera direkt zu starten, wenn man bei ausgeschaltetem Display doppelt auf die Leiser-Taste drückt – auch wenn das nicht immer zuverlässig funktionierte.

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Double-Tap-to Wake ist mittlerweile integriert, wiewohl das Aufwecken per Fingerabdruck deutlich komfortabler ist – zumindest wenn das Smartphone nicht gerade auf dem Tisch liegt. Der Nutzer kann zudem mit „Knuckle Sense“-Klopfgesten Spezialaktionen am Mate S ausführen, etwa einen Screenshot erstellen oder die Bildschirmaufnahme starten. Gegenüber dem Huawei P8 werden diese Gesten beim Mate S deutlich zuverlässiger erkannt - dass eine normale Berührung als Klopfgeste erkannt wird, kommt nur noch sehr selten vor. Allerdings ist Knuckle Sense auch nicht die Revolution in der Bedienung, die Huawei-Chef Richard Yu gerne kolportiert. Im Alltag nutzte ich die Funktion selten.

Außerdem gibt’s jetzt erweitertes Multitasking mit zwei Apps parallel auf dem Schirm, ähnlich wie bei Samsungs Note-Geräten. Leider wird dieser Modus nur von sehr wenigen Apps unterstützt. Selbst die eigenen Anwendungen unterstützen den Splitscreen-Modus kaum - hier muss Huawei noch nachbessern. Hat man die Funktion ausgeschaltet, ist stattdessen ein anderes, deutlich praktischeres, Feature aktiv: Mit diesem kann man per Langdruck auf die Multitasking-Taste in die letzte aktive App zurückwechseln – wem das erst einmal in Fleisch und Blut übergegangen ist, spart hiermit massig Zeit.

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In Sachen Apps legt Huawei mit einem umfassenden Paket vor - hier sind neben gelungenen Eigenentwicklungen natürlich auch die Google-Apps enthalten. Das führt zu einigen Funktionsdoppelungen, die man aber auf nahezu allen aktuellen Android-Geräten vorfindet, die nicht mit einer reinen Google-Version des Betriebssystems ausgeliefert werden. So gibt es zwei E-Mail-Apps, zwei Browser, zwei SMS-Apps (wenn man Google Hangouts mitzählt) und dergleichen. Einsteiger werden hier sicher gelegentlich verwirrt sein, zumal sich die Huawei-Apps kaum an die Design-Gepflogenheiten von Android halten. Vom Material Design sieht man in EMUI und dessen Apps im Grunde gar nichts. Puristen ärgert das, ich kann dank meiner ambivalenten Einstellung zum Material Design gut damit leben.

Für Poweruser tolle Features, für Einsteiger streckenweise überfordernd sind die umfassenden Einstellungen zur Hintergrundaktivität und Benachrichtigungen, die man in eigenen Sektionen in den Einstellungen verwalten kann und über die man regelmäßig per Benachrichtigung informiert wird. Huawei ermöglicht damit, dass einzelne Einstellungen, sofern der Bildschirm ausgemacht wird, sofort geschlossen werden und nicht mehr im Hintergrund weiterlaufen. Das ist ein mächtiges Tool, hat aber den Nachteil, dass diese Funktion für diverse Apps automatisch aktiv ist und von Hand ausgeschaltet werden muss - entweder über eine einmalige Benachrichtigung oder den Punkt „Geschützte Apps“ in den Einstellungen. Wer das nicht weiß, wird sich immer wieder wundern, warum der automatische Fotoupload der Dropbox-App nicht richtig funktioniert und Nachrichten diverser Messenger nicht ankommen. Auch wenn sich die Akkulaufzeit auf diese Weise deutlich verlängert, ist die Methode dafür ein wenig dubios.

Zusammenfassend möchte ich erneut die Bitte an Huawei richten, sich stärker an Android auszurichten und die aus unserer Sicht unnötige Orientierung am iPhone aufzugeben. Dass die Software-Entwickler von Huawei einiges auf dem Kasten haben, ist bewiesen - jetzt sollten auch die Designer nachziehen.

Sound + Telefonie im Huawei Mate S

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Der Mono-Lautsprecher am Huawei Mate S ist durchaus in der Lage, guten Klang zu emittieren. Zumindest, solange es nicht zu laut wird - in höheren Volumenlagen klingt das Gerät eher flach und es kommt zu gelegentlichem Scheppern. Für Hörbücher, Podcasts und Telefonie-Freisprechen reicht das vollkommen, für Musik weniger. Telefonie im Allgemeinen funktioniert gut - zwar hatten wir im Berliner E-Plus-Netz gelegentliche Verbindungsabbrüche zu beklagen, das aber auch nicht mehr als mit anderen Geräten. Die Klangqualität im Gespräch ist gut, und zwar auf beiden Seiten.

Konnektivität und Speicher vom Huawei Mate S

Mit 32 GB internem Speicher ist das Huawei Mate S in der Basisversion bereits gut ausgestattet, der Speicher lässt sich zudem per microSD-Karte erweitern. Für alle, die mehr Speicher brauchen, bietet Huawei theoretisch noch eine 64-GB- und eine 128-GB-Version des Gerätes an. Letztere ist dann auch die einzige, die die Force Touch-Funktion unterstützt - beide Versionen sind aber bislang noch nicht mal vorbestellbar. Force Touch ist eindeutig von ähnlichen Funktionen auf Apple-Geräten inspiriert - auf der IFA hatten wir auch die Möglichkeit, diese auszuprobieren.

Huawei Mate S - Force Touch ausprobiert.

Force Touch ist bei Huawei aber in der Version, die wir testen durften, nur ein kleineres Gimmick und keine so tiefgehende Neuerung der Bedienung, die sich tief in das System und Apps integriert wie beim neuen iPhone 6s (Test). Abgesehen davon, dass wir Zweifel daran hegen, dass die mit Force Touch ausgestattete Version des Mate S überhaupt den Weg in deutschsprachige Märkte findet, halten wir das Feature eher für einen Haken auf der Featureliste, den Huawei im sich selbst auferlegten Konkurrenzverhältnis zu Apple auf der Liste machen wollte, als ein Feature mit Alltagsrelevanz.

Performance

Huawei verbaut im Mate S den eigenen Kirin 935, ein Octa-Core-SoC, das zumindest im AnTuTu-Benchmark etwa auf dem Niveau eines Snapdragon 808 performt, in anderen hingegen deutlich schlechter. Dank 3 GB RAM und der leistungsfähigen Android 5.1-Basis ist das Mate S flüssig in jeder Situation - und fühlt sich stellenweise im direkten Vergleich sogar flüssiger an als beispielsweise das Samsung Galaxy S6 edge, obwohl dieses laut Benchmarks nominell mehr Power hat. Huawei nutzt die zur Verfügung stehende Rechenleistung schlicht besser aus.

Benchmark-Resultate

Benchmark Huawei Mate S Samsung Galaxy S6 LG G4 iPhone 6s
AnTuTu 49.510 64.817 49.048 68.923
Geekbench CPU Single 818 1.423 1.119 2.545
Geekbench CPU Multi 3.667 4.712 3.490 4.446
3Dmark Ice Storm Unlimited 9.639 22.934 18.631 28.504

Trotz der nominell schlechteren Werte, die in der nicht ganz taufrischen Mali-T628-GPU begründet liegen, performen aufwändige Spiele auf dem Mate S gut. Im Test liefen selbst Performancefresser wir Riptide GP 2 und GTA: Vice City, jeweils in hohen Grafikeinstellungen flüssig. Riptide stürzte lediglich bei höchsten Shaderdetails reproduzierbar ab, GTA: San Andreas lief in höchsten Details nicht ganz flüssig, allerdings noch auf spielbarem Niveau - hier kann man aber problemlos die Grafikdetails etwas herunterschrauben. In Sachen Leistung ist das Mate S also zwar nicht ganz so üppig ausgestattet wie Samsungs Spitzenmodelle, reiht sich aber durchaus noch in die Riege der High End-Smartphones ein.

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Huawei Mate S im Akku-Test: Unerwartet ausdauernd

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Kommen wir zu meiner eingangs geäußerten Angst um die Akkulaufzeit zurück. Ein Gerät mit 5,5-Zoll-Display hat einen nicht zu unterschätzenden Akku-Durst, insbesondere bei längeren Phasen mit aktivem Display - und ein so großes Display lädt natürlich zum reichhaltigen Medienkonsum ein. Huawei hat sich Mühe gegeben, in das schmale Gehäuse einen Akku einzubauen, der dennoch so groß wie möglich ist. Dank des Akku-Designs in Treppenform gelingt es immerhin, 2.700 mAh in das Mate S zu zwängen. Im Vergleich zu anderen Geräten der 5,5-Zoll-Klasse ist das eher wenig, trotzdem hielt der Akku des Huawei Mate S in unserem Test immerhin ausreichend lang durch. Konkret bedeutet das: Auch bei drei verschiedenen Google-Accounts, die im Hintergrund synchronisiert wurden, einem zusätzlichen Exchange-Account, im Hintergrund aktiven Messengern (WhatsApp, Hangouts), einem sich im WLAN aktualisierenden Feedreader, normaler Nutzung der offiziellen Clients von Twitter und Facebook sowie diversen angehörten Hörbüchern und Podcasts per Lautsprecher, Bluetooth-Box und Kopfhörer kam ich mit dem Gerät stets über einen normalen Arbeitstag. Sprich: 16 Stunden Aktivität schafft das Mate S mit meinem Nutzungsszenario praktisch immer. Die Bildschirmhelligkeit lasse ich in der Regel auf rund 70 %, dazu komme ich typischerweise auf eine Screen-on-Time von rund zweieinhalb Stunden.

Huawei hat aber auch an Nutzer gedacht, die ihr Gerät stärker nutzen. Zwar ist der Akku nicht wechselbar, dafür ist das Gerät aber mit einer firmeneigenen Fast-Charging-Technologie ausgestattet. An das mitgelieferte Netzteil angeschlossen, lädt das Gerät in Windeseile auf: Bei einem leeren Akku lädt jede Minute an der Strippe das Gerät um rund 1 Prozent nach. Zwei Stromsparmodi (die ich nicht nutzte) können die Laufzeit geringfügig verlängern - deutlich mehr bringt aber die Abschaltung von Hintergrund-Apps, wie oben geschildert.

Unterm Strich ist das Huawei Mate S zwar kein Dauerläufer wie noch das Mate 7; als jemand der zuvor das Galaxy S6 edge nutzte und dieses Telefon stets schon am frühen Abend nachtanken musste, ist Huaweis 5,5-Zoller aber schon deutlich alltagstauglicher.

Test-Fazit zum Huawei Mate S

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Es war Liebe auf den zweiten Blick, die ich zum Huawei Mate S erlebe. Zunächst musste ich mich mit einigen Ambivalenzen arrangieren: Guten, aber nicht herausragenden Leistungsdaten, einer Software, die Stärken und Schwächen hat, eine Kamera, die zwar teils hervorragende Fotos zu schießen imstande ist, aber nur selten an die Galaxy-S6-Serie heranreicht und ein Display, das mich vielleicht vor einem Jahr begeistert hätte, jetzt aber „nur noch gut“ ist.

Warum ich das Gerät nach dem initialen Warmwerden trotzdem toll fand: Es gibt einen Punkt, der deutlich für das Mate S spricht. Form und Eleganz, also eine herausragende Verarbeitung, und ein Industriedesign, das aus meiner Sicht momentan kaum ein anderes Android-Gerät erreicht. Ob das am Markt reicht, ist eine schwierige Frage. Schon die Konkurrenz aus eigenem Hause – namentlich das Huawei P8 für aktuell knapp 400 Euro und das Honor 7, das stellenweise für 300 Euro zu haben ist, weisen beinahe identische Leistungsdaten auf und kosten deutlich weniger als die 649 Euro, die Huawei für das Mate S abruft. Aber auch die aktuellen Flaggschiffe von Samsung und LG sind im Straßenpreis bereits auf Preise zwischen 400 und 500 Euro gesunken. Die Entscheidung für ein Huawei Mate S zum Vollpreis ist aus Sicht eines Konsumenten also keine Vernunftentscheidung. Dass das nichts heißen muss, hat aber auch schon Huaweis mutmaßliches Vorbild bewiesen: Apple mit seinem iPhone.

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Unsere Test-Wertung zum Huawei Ascend Mate S

  • Verarbeitung, Haptik und Design: 5/5
  • Display: 4/5
  • Software: 4/5
  • Performance: 4/5
  • Telefonie und Audio: 4/5
  • Kamera: 4/5
  • Konnektivität und Speicher: 5/5
  • Akku und Alltag: 4/5

Gesamt: 85 %

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Pro

  • Tolle Verarbeitung
  • Für ein Phablet erstaunlich kompakt
  • Hervorragender Fingerabdruck-Scanner

Kontra

  • Keine 4K-Aufnahmen mit der Kamera
  • EMUI-Software ohne Appdrawer
  • Stromsparmechanismen ab Werk zu aggressiv

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Huawei Mate S

17. Oktober 2015

85/100 Punkte

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