Krankhafter Kamera-Wahn: Spinnt ihr, liebe Smartphone-Hersteller? [Kommentar]

Kaan Gürayer 8

Nun sogar Apple: Angeblich soll das nächste iPhone gleich drei Kameras besitzen. Damit folgt der US-Konzern einem fragwürdigen Trend, den im vergangenen Jahr Huawei losgetreten hat. In der Android-Welt könnten bald sogar Fünffach-Kameras zum Standard gehören. Da bleibt nur eine Frage: Spinnt ihr, liebe Smartphone-Hersteller? 

Eine furchtbare Seuche grassiert in der Mobilfunkwelt: Kamera-Krebs! Laut Krisenreport der Weltgesundheitsorganisation gehören Top-Smartphones zu den häufigsten Opfern. In besonders schweren Fällen sollen die Betroffenen bis zu fünf kreisförmige Geschwulste auf der Rückseite entwickeln.

Spaß beiseite: Wir wollen natürlich nicht den Trend zu immer mehr Kamerasensoren in Smartphones mit todbringenden Seuchen vergleichen. Und trotzdem reibt man sich verwundert die Augen: Noch vor zwei Handygenerationen waren Single-Kameras der Standard. Dann folgte langsam der Schwenk auf Dual-Kameras, bis im letzten Jahr plötzlich alle Dämme brachen.

Vom gigantischen Erfolg des Huawei P20 Pro geblendet, sprangen auch andere Hersteller wie Samsung oder LG auf den Triple-Kamera-Zug auf. Glaubt man aktuellen Gerüchten, könnte dieses Jahr von Smartphones mit Fünffach-Kameras wie dem Nokia 9 PureView oder Huawei Mate 30 Pro geprägt werden. Ein grotesker Wahnsinn, der jedweder Vernunft spottet!

Kamera-Wahn in Smartphones: Wer professionelle Fotos machen will, kauft sich eine DSLR

Denn seien wir mal ehrlich: Brauchen wir das? Brauchen wir im Alltag wirklich Smartphones mit drei oder sogar fünf Kameras? Um mein Essen für Instagram zu fotografieren oder das Gruppen-Selfie einer durchzechten Partynacht aufzunehmen, brauche zumindest ich kein Handy mit fünf Kamerasensoren und einer mittlerweile fast unüberschaubaren Anzahl an Einstellungsmöglichkeiten. Und das dürfte wohl auch auf mindestens 90 Prozent aller Smartphone-Käufer zutreffen. Wer zu den restlichen 10 Prozent gehört und professionelle Fotos machen will, kauft sich ohnehin eine DSLR oder Systemkamera.

„Aber was regst du dich so auf?“, werden sich jetzt bestimmt viele denken. „Niemand zwingt dich, die ganzen Features moderner Smartphone-Kameras zu nutzen!“ Richtiger Einwand – und trotzdem falsch. Die Wahrheit ist: Selbst Giganten wie Samsung oder Huawei haben nicht unendlich viele Ressourcen. Jeder Euro, der in die Entwicklung von Triple- oder Penta-Kameras geht, fehlt an anderer Stelle. Geld kann man immer nur einmal ausgeben. Da stellt sich natürlich schon die Frage, ob diese begrenzten Mittel richtig verwendet werden.

In unserem Kamera-Vergleich zwischen Samsung, Huawei und Apple gab es einen knappen Sieger: 

Kameravergleich September 2018.

Statt Smartphones mit Fünffach-Kamera: Geld wäre woanders gewinnbringender eingesetzt

War denn die Kamera eines Samsung Galaxy S7, nur als Beispiel genannt, wirklich so schlecht? Oder sind unsere Ansprüche in den letzten drei Jahren ins Unermessliche gestiegen? Wer ehrlich zu sich selbst ist, muss beide Fragen mit einem glasklaren „Nein“ beantworten und kann dann meinen Ärger über die aktuelle Entwicklung verstehen.

Mehr Akkulaufzeit würde Handynutzer mit Sicherheit glücklicher machen als ein Weitwinkel-Sensor, der vielleicht einmal im Jahr während des Urlaubs benutzt wird – zumal, aber das nur als kleine Notiz am Rande, Google mit den Pixel-Handys ohnehin bewiesen hat, dass gute Smartphone-Kameras nicht zwingend eine Schar von Kamerasensoren benötigen.

Wie gut uns die Kamera im Pixel 3 (XL) im Detail gefallen hat, seht ihr hier: 

Bilderstrecke starten(21 Bilder)
Google Pixel 3 XL im Kamera-Test: Natürlich schön – aber nicht perfekt

Also, liebe Smartphone-Hersteller: Ihr dürft in Zukunft gerne mal einen Gang zurückschalten. Die Kameraqualität in Smartphones hat mittlerweile ein Niveau erreicht, das locker für die nächsten zwei oder drei Jahre ausreicht. Niemand will 2020 sieben, neun oder sogar elf Kamerasensoren auf seinem Handy kleben haben. Steckt die Kohle lieber in die Entwicklung von länger anhaltenderen Akkus, flexiblen Displays, besser klingenden Lautsprechern oder andere Technologien. Die Smartphone-Kamera ist erstmal gut genug.

Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung