Teure Handy-Preise: Hört endlich mit dem Gejammer auf!

Marco Kratzenberg 17

Mit jedem neuen Top-Smartphone geht die Diskussion um die immer höher steigenden Preise wieder von Neuem los: „Handys sind so teuer und werden immer teurer. Bald kann sie sich keiner mehr leisten.“ Aber wie realistisch ist es eigentlich, sich über Preise von 1.000 Euro und mehr aufzuregen und was zahlen die Kunden am Ende wirklich für das Handy – und warum? Ein Kommentar von Marco Kratzenberg. 

Teure Handy-Preise: Hört endlich mit dem Gejammer auf!

Mit 57 Jahren bin ich der „Redaktions-Senior“ bei GIGA. Das hat durchaus auch Vorteile. Zum Beispiel kann ich auch bei den Preisen aus den Anfangszeiten der Handy-Ära mitreden. Während sich heute alle aufregen, dass ein iPhone X über 1.000 Euro kostet, kann ich nur grinsen, wenn ich die Kommentare dazu lese.

Handys waren früher billiger – echt jetzt?

Gehen wir mal zurück in die 90er-Jahre: Im Jahr 1993 kaufte ich mein erstes Handy, das Ericsson GH 172. Ich schloss einen Vertrag bei D2 ab und bekam das Gerät zu einem „subventionierten Preis.“ Damals bedeutete das, dass der Provider einen großen Teil des eigentlichen Preises übernahm, damit ich bei ihm einen Vertrag abschloss. Ich zahlte also „nur“ 2.000 Mark für mein Handy – oder umgerechnet etwa 1.000 Euro. Der Preis ohne Vertrag lag ungefähr doppelt so hoch. Das war günstig, wirklich. Das brikettförmige Ding wog fast 1 Pfund, hatte eine Standby-Zeit von maximal einem halben Tag und damit zu telefonieren kostete pro Minute etwa 1 Euro!

Die nächsten Handys – von Smartphones war noch lange nicht die Rede – wurden billiger, die Telefongebühren auch. Aber vor allem gab es immer noch das Prinzip der subventionierten Handys. Die Provider schlossen mit den Herstellern Verträge ab, um die Geräte günstig abgeben zu können und verdienten dann an den Mobilfunkverträgen mit den Kunden. Hohe Verbindungskosten und Grundgebühren sorgten dafür, dass sich die Investition für die Anbieter schnell rentierte.

Diese Zeiten sind aber vorbei: Die Minutenpreise für Anrufe sind von etwa einem Euro auf mittlerweile bis zu einem Cent gefallen – wenn man nicht schon längst eine All-Net-Flat sein Eigen nennt. Und die Smartphones? Die sind mittlerweile so ausgereift, dass selbst Handys in der Preisklasse von 100 bis 200 Euro für die gängigsten Alltagsaufgaben ausreichen. Damit lässt sich aber nur wenig Geld verdienen.

Also lockt man die Kunden über Features und Status. „FOMO“– die Angst, etwas zu verpassen – sorgt auch dafür, dass alle zwei Jahre ein neues Gerät her muss, obwohl das alte möglicherweise noch gut funktioniert. Das Ergebnis ist ein Kundenstamm, der sich nicht – wie wir damals in den 90ern – schämt, sein Handy im Café auf dem Tisch zu präsentieren. Im Gegenteil: „Schaut her, ich kann mir ein iPhone X leisten!“, lässt sich dann süffisant in den Augen der Besitzer ablesen. Aber taugen „teure“ Smartphones wie das iPhone X oder Galaxy Note 9 wirklich noch zum Statussymbol?

Wie sich das Galaxy Note 9 im Vergleich zum günstigeren Xperia XZ3 schlägt, seht ihr hier:

Sony Xperia XZ3 vs. Samsung Galaxy Note 9: Zwei Philosophien im Duell.

Handy-Preise: Wie teuer sind denn das iPhone X oder Galaxy Note 9 wirklich?

Ohne Vertrag kostet das Samsung Galaxy Note 9 beim Hersteller selbst 999,00 Euro und Apple will in seinem Shop für das iPhone X 1.149 Euro haben. Nun wird bereits über das iPhone X Plus spekuliert, das zum „teuersten iPhone aller Zeiten“ werden soll – und alle meckern. Führen wir uns zuerst einmal vor Augen: Das sind Startpreise beim Hersteller selbst. Auf dem freien Markt kostet ein und das .

Und kauft jemand die Handys zu diesem Preis? Nein.

Die meisten bekommen ihr Smartphone in Kombination mit einem Vertrag. Zwar werden die Geräte leider nicht mehr so stark wie früher subventioniert, als der Provider die Kosten des ganzen Handys übernahm, aber man kann sie „monatlich abstottern“. Einen Euro will etwa Smartmobil für das iPhone X, wenn man dazu den entsprechenden Vertrag abschließt, der circa 55 Euro im Monat kostet.

So und nicht anders kommen die meisten unserer Zeitgenossen an die teuren Handys. Natürlich kann man auch wesentlich günstigere Geräte ohne Vertrag kaufen, wie etwa aktuell das Sony Xperia XA1 bei Aldi und dazu separate Verträge abschließen, die monatlich unter 10 Euro kosten – man muss eben nur eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen und überlegen, was einem an einem Smartphone wichtig ist.

Wir haben für euch mal verglichen, was so ein iPhone X im Verlauf üblicher 2-Jahres-Verträge pro Tag kostet und was ihr sonst dafür kauft.

  • Im Vertrag „LTE Starter“ für etwa 55 Euro pro Monat bekommt ihr bei Smartmobil ein iPhone X mit 64 GB in Spacegrau für 1 Euro mit dazu.
  • Umgerechnet auf einen Monat sind das 1,83 Euro pro Tag.

Für 1,83 Euro bekommt ihr:

  • bei Starbucks nicht mal eine Tasse Filterkaffee (Tall: 1,95 Euro).
  • etwa 6,5 Zigaretten der Marke Marlboro.
  • ein Magnum-Eis im Supermarkt.
  • 2 kleine Flaschen Bionade – ohne Pfand.
  • 6 große Eier aus Bodenhaltung im Supermarkt.
  • 1,2 Liter Benzin.

Und das ist der „Preis pro Tag“, den ihr für ein „teures Smartphone“ zahlt, das ihr zwei Jahre lang benutzt. In dieser Zeit gebt ihr das Vielfache für einen Coffee-To-Go, Eis, Schokolade Netflix oder Spotify, Benzin, Katzenfutter oder Softdrinks aus. Zum Vergleich: Für das Geld könnt ihr mit einem mobilen Computer telefonieren, spielen, Filme gucken, fotografieren und Nachrichten schreiben und euch für 1,83 Euro pro Tag mit der ganzen Welt verbinden

Also hört auf zu jammern! Mit meinem ersten Handy konnte ich 60 Minuten telefonieren, dann war der Akku leer. Viele Alternativen gab es nicht und der Anschaffungspreis lag über dem damaligen Durchschnittslohn.

Hinweis: Die in diesem Kommentar geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

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