Fingerabdrucksensor im Display: Revolution bei Android, im iPhone aber Unsinn?

Sven Kaulfuss 31

Der Fingerabdrucksensor – bei Apple Touch ID genannt – wurde letztes Jahr durch den bewussten Verzicht beim iPhone X auf die Liste der aussterbenden Technologien gesetzt. Im Android-Sektor hingegen erlebt der Sensor 2018 seinen zweiten Frühling. Da stellt sich für mich die Frage: War Apple etwa zu vorschnell? Mein Leitgedanke zur aktuellen Wochenendkolumne.

Fingerabdrucksensor im Display: Revolution bei Android, im iPhone aber Unsinn?
Bildquelle: Xiaomi (Foto), Apple (Logo).

Ein Blick ins Jahr 2013: Smartphones entsperrte man damals meist mit der Eingabe eines Passcodes. Die kurze Zahlenkombination musste mehrmals am Tag eingegeben werden, es sei denn, man verzichtete bewusst auf den Schutz und deaktivierte dummerweise die Funktion. Kurzum: Der Passcode war lästig aber notwendig. Mit dem iPhone 5s sollte sich dies ändern, denn fortan genügte der eigene Fingerabdruck als Kennwort. Der Sensor in Apples Homebutton erkannte wie ein geübter Kriminalist die Einzigartigkeit der feinen Linien unserer Fingerkuppen. Das Entsperren des Smartphones wurde so zum Kinderspiel.

Apple als Vorbild: Touch ID findet Nachahmer

Auch die Wettbewerber zögerten nicht lange und ahmten das Feature kurz darauf nach. Bei Android-Smartphones hielt der Fingerabdrucksensor demnach ebenso Einzug und gehört heute zur Standard-Ausstattung. Doch mit den Jahren und wachsenden Bildschirmen stieß man auf ein gewichtiges Problem: Der Fingerabdrucksensor nimmt im Frontbericht des Smartphones eigentlich zu viel Platz ein. Dazu kommt, Android benötigt keinen „echten“ Homebutton mehr, sondern zeigt diesen einfach auf dem Display an. Die Lösung für die Misere? Der Fingerabdrucksensor landet kurzerhand auf der Rückseite des Telefons – beispielsweise entschied sich Samsung beim Galaxy S8 zu diesem Schritt. Wirklich optimal war und ist die Position direkt neben der Kamera aber nicht. Niemand wollte und konnte sich ähnliches von Apple vorstellen.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Das radikale iPhone X: Face ID statt Touch ID

Wie also würde der Branchenprimus aus Cupertino das Problem bei seinen zukünftigen iPhones adressieren? Die Gerüchteküche munkelte über den naheliegenden Schritt: Touch ID muss ins Display wandern! Wem, wenn nicht Apple würde dieses Kunststück gelingen? Doch die Kalifornier hatten andere Pläne und überraschten mit dem iPhone X: Weder Touch ID noch ein Homebutton bietet das neuartige Smartphone. Stattdessen bedient sich Apple der Gesichtserkennung (Face ID) als alleiniges, biometrisches Sicherheitsfeature. Eine Funktion, die zuvor schon bei der Konkurrenz hier und da existierte. Doch Apple perfektionierte die Idee – beim iPhone X funktioniert es wirklich und ist eben nicht nur bloße Spielerei.

Wir haben es getestet und Face ID gegen das etablierte Touch ID ins Rennen geschickt:

Face ID vs. Touch ID: Was schlägt sich besser?

Android macht es vor: Touch ID im Display funktioniert

Doch war Apple am Ende etwa zu voreilig? Schon jetzt wird der Traum der letztjährige Gerüchteküche war – Smartphone-Bildschirme mit In-Display-Fingerabdrucksensoren gibt’s am Markt und es werden mehr. Den Anfang machte das Vivo X20 beziehungsweise X 21 aus dem Reich der Mitte, darauf folgte das sauteure Huwaei Mate RS mit zwei Sensoren – einer wie gewohnt auf der Rückseite des Gerätes, einer im Display. Mit dem Xiaomi Mi8 in der Explorer Edition und dem taufrischen Oppo R17 existieren zwei weitere Vertreter mit In-Display-Fingerabdrucksensoren aus China. Noch dieses Jahr sehen wir höchstwahrscheinlich ein OnePlus 6T mit der Technik, spätestens 2019 wird dann auch Samsung mit dem Galaxy S10 nachziehen. Und Apple? Werden die neuen iPhones zum Herbst oder im nächsten Jahr ebenso In-Display-Fingerabdrucksensoren besitzen?

Ob wohl ein iPhone mit In-Display-Fingerabdrucksensor zu dieser Liste hinzukommen wird?

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10 Jahre iPhone: 27 Meilensteine – welches Modell war bisher am innovativsten?

In-Display-Fingerabdrucksensor: Für Apple keine Option mehr

Meine klare Antwort: Nein! Apple steht für Einfachheit, das Nutzererlebnis steht klar im Vordergrund. Ein redundantes, biometrisches Sicherheitssystem am iPhone wäre zwar nett für den „Tech-Nerd“, würde den Normalverbraucher am Ende aber nur unnötig verwirren – zu viel Auswahl ist manchmal einfach nicht gut. Auch besitzt Face ID gegenüber jedem Fingerabdrucksensor – ob im Display oder wie bisher verbaut – handfeste Vorteile:

  • Feuchte Finger sind unproblematisch für Face ID, Touch ID hingegen zickt da gerne rum.
  • Wer keine speziellen Touch-Handschuhe trägt, muss diese mit Face ID auch nicht mehr ungewollt ausziehen.
  • Apropos Winter: Schon mal versucht Touch ID mit von der Kälte zerschundenen Fingerkuppen zu benutzen? Viel Spaß und vor allem Glück!

Tatsächlich wäre ein In-Display-Fingerabdrucksensor für Apple auch nur eine Zwischenlösung auf dem Weg zu einem gut funktionierenden Face ID gewesen. Die Integration in kommende iPhone-Generationen ist dann nahezu anachronistisch und kann ausgeschlossen werden. Für die Android-Konkurrenz von Samsung und Kumpanen ist der In-Display-Fingerabdrucksensor aber jetzt und in Zukunft ein vermeintlich revolutionäres Feature. Frei nach dem Motto: Warum bauen wir es ein? Weil wir es können! Die Frage nach der tatsächlichen Sinnhaftigkeit stellt sich dann natürlich nicht mehr.

Hinweis: Die in diesem Kommentar geäußerten Meinungen stellen ausschließlich die Ansichten des Autors dar und sind nicht notwendigerweise Standpunkt der gesamten GIGA-Redaktion.

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