LG G3: Warum das schärfste Display nicht das beste ist

Frank Ritter 39

Eine der spannendsten Fragen in der Techbranche des Jahres 2014 dürfte jene gewesen sein, ob WQHD-Displays in Smartphones einen echten Vorteil bringen. Nachdem wir einige Zeit mit dem LG G3 verbringen durften, dem ersten hierzulande erhältlichen Smartphone mit der Auflösung von 2.560 x 1.440, steht für uns fest: Nein. Nicht nur das – sogar das Gegenteil ist der Fall: Das Display des G3 ist denen einiger Wettbewerber unterlegen, etwa dem Samsung Galaxy S5 oder HTC One (M8). Wir erklären, warum.

LG G3: Warum das schärfste Display nicht das beste ist

Die WQHD-Auflösung von 2.560 x 1.440 ist durchaus ein Meilenstein bei Smartphone-Displays. Zwar müssen CPU und GPU bei Displays, verglichen mit Full HD-Panels die doppelte Menge an Pixeln umherschieben, aber für dieses Mehr an geforderter Leistung sollte man ja auch etwas geboten bekommen: Mehr Schärfe, mehr Details, bessere Lesbarkeit von Texten – stimmt’s?

Nun ja, leider ist die Realität dann doch ernüchternd. Nachdem wir 48 Stunden mit dem LG G3 zubringen durften, steht für uns fest, dass dessen Bildschirm den Mitbewerbern im High End-Bereich im direkten Vergleich sogar unterlegen ist. Und das hat gleich mehrere Gründe.

Auflösung ist nicht alles

Displays und ihre immer höheren Auflösungen sind in den vergangenen Jahren die Speerspitzen der mobilen Revolution gewesen. Kam uns vor drei Jahren beispielsweise das Super AMOLED-Display des Galaxy S2 noch unvergleichlich schön und scharf vor, würde es heute angesichts von Full HD- und höher auflösenden Displays mit akkuratester Farbwiedergabe und tageslichttauglicher Helligkeit wohl keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

Bei Pixeldichten jenseits von 300 ppi haben es ungeübte Augen schwer, einen Unterschied zu erkennen, insofern stimmt das von Apple seit Jahren kolportierte Retina-Mantra. Wer jedoch einige Zeit ein Gerät mit Full HD-Display (Auflösung 1.920 x 1.080) in der Standard-Diagonale von 5 Zoll benutzt hat und dann auf eines in HD in ähnlicher Größe zurückwechselt, kann durchaus einen Unterschied wahrnehmen. Dieser mag subtil sein, vor allem bei sehr kleinen Schriften kann er jedoch noch den Ausschlag geben, ob diese noch angenehm lesbar sind oder nicht.

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Textdarstellung, stark vergrößert. Von oben nach unten: Die Displays von HTC One (M8), LG G3 und Samsung Galaxy S5

In den vergangenen Jahren fiel uns immer wieder auf, dass größere Sprünge in Pixeldichten beim Gerätewechsel nicht in dem Moment offenbar werden, da man von einem niedriger auf ein höher auflösendes Smartphone aktualisiert. Er wird dann offensichtlich, wenn man sich an das „bessere“ Display gewöhnt hat und dann mal wieder einen Blick auf das nominell schlechtere wirft. Plötzlich nimmt das verwöhnte Auge Unschärfen wahr, die es vorher nicht gesehen oder mangels Alternativen ignoriert hatte. Dieser nachgelagerte Erkenntnisgewinn findet beim LG G3 jedoch nicht mehr statt. Hat man dessen WQHD-Panel mit der auf dem Papier beeindruckenden Pixeldichte von 534 ppi einige Zeit vor dem Auge und schielt dann mal auf ein HTC One (M8) oder Galaxy S5, stellt man fest, dass deren Full HD-Panels (430 bis 440 ppi) nicht schlechter aussehen – sondern sogar besser.

Jetzt lesen: unser Test zum LG G3

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LG: Aufstieg und Fall der G-Smartphones.

Kein Vorteil gegenüber Full HD

Woran liegt das? Zum einen nimmt das menschliche Auge die Unterschiede praktisch nicht mehr wahr. Klar, unter einem Mikroskop wirken die Buchstaben schärfer. Mit dem normalen Auge – so sehr wir uns auch angestrengt hatten – konnten wir hingegen keinen Unterschied feststellen, auch wenn LG in der Präsentation des G3 ebenjenen Vorteil der höheren Schärfe nicht müde wurde zu betonen.

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Von links: HTC One (M8), LG G3 und Samsung Galaxy S5, jeweils mit der höchstmöglichen manuellen Helligkeitseinstellung

Aber die höhere Bildschirmauflösung ist nicht nur im Regelfall unnütz - sie fordert auch noch weiteren Tribut. Abgesehen von der logischerweise höheren Belastung von GPU und CPU und einem gleichsam erhöhten Stromverbrauch ist das Panel auch nicht so hell wie die besseren der Full HD-Panels, zudem finden Farbverfälschungen bei seitlichen Betrachtungswinkeln statt und das Display wird deutlich dunkler.

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Das AMOLED-Display im Samsung Galaxy S5 ist bei seitlicher Betrachtung signifikant heller als das IPS-Display im LG G3

Das ist aber noch nicht alles: Erkenntnisse von XDA-Dev Supercurio besagen, dass die Farbwiedergabe künstlich verfälscht wird, weil bestimmte Farben in dem Display übersättigt dargestellt werden. Uns steht zwar kein Labor zur Verfügung, um das zu überprüfen, falls dem aber so ist, ist uns das nicht unbedingt störend aufgefallen. Etwas anderes aber schon …

Wie man den Vorteil eines extrem scharfen Displays zerstört

Man sollte meinen, dass ein Display mit rekordverdächtiger Bildschärfe es nicht nötig hätte, mit Tricks zu arbeiten, um noch schärfer zu wirken. Leider legt das LG G3 allerdings im Postprocessing noch einen zusätzlichen und nicht deaktivierbaren Filter über das Bild, der es zwar in einigen Situationen schärfer erscheinen lässt, de facto aber Informationen aus dem Bild herausnimmt. Das bemerkt man vor allem bei kleinem und wenig kontrastreichem Text – etwa in Schwarz auf Grau (eine im Android-OS häufig anzutreffende Farbkombination) wie die Foto-Unterschrift in diesem Bildvergleich:

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Links: LG G3, rechts: Samsung Galaxy S5

In diesem Fall wird der größte Vorteil des LG G3, dessen Schärfe, ad absurdum geführt. Über den Grund für diese und die anderen genannten, man kann es nicht anders sagen: bildverschlechternden, Maßnahmen lässt sich nur spekulieren. Das lassen wir an der Stelle bleiben und ziehen ein Fazit: Das Display des LG G3 mag gut sein, andere Geräten, lies: Galaxy S5 und HTC One (M8), haben aber bessere.

Ein WQHD-Display ins Smartphones bringt im Alltag keinen merklichen Vorteil gegenüber FullHD-Geräten – aber durchaus Nachteile. Diese jedoch mit Software-basierten Verschlimmbesserungen kaschieren zu versuchen ist der falsche Weg. Man kann nur hoffen, dass Custom Kernels und ROMs in der Lage sind, ein paar der Display-Probleme des LG G3 zu beheben. Aber vielleicht hat ja auch LG ein Einsehen und spendiert dem G3 ein Software-Update, das zumindest den Schärfefilter abschaltbar macht. Einem ansonsten so tollen und gut konfigurierbaren Smartphone stünde das sicher gut zu Gesicht.

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