Nokia 8110 4G: Warum lieben wir eigentlich den alten „Scheiß“?

Sven Kaulfuss 2

Sie haben es wieder getan: Nokia, oder besser gesagt der finnische Lizenznehmer HMD Global, stellt binnen eines Jahres mit dem Nokia 8110 4G bereits das zweite Retro-Handy vor und erntet ein großes Medienecho. Doch was fasziniert uns eigentlich an diesen doch recht nutzlosen Nostalgiespielzeugen?

Nokia 8110 4G: Warum lieben wir eigentlich den alten „Scheiß“?
Bildquelle: pixabay.com und Nokia.

Der Mobile World Congress 2018 bescherte uns in der zurückliegenden Woche so manche Neuheit. Im Mittelpunkt stand – erwartungsgemäß – das neue koreanische Spitzenduo Samsung Galaxy S9 und S9 Plus, zwei Smartphones auf dem aktuellsten Stand der Technik. Und doch mussten sich diese technologischen Meisterwerke die Aufmerksamkeit der internationalen Presse mit einem sogenannten Feature-Phone teilen, entsprungen dem Geiste des letzten Jahrtausends. Das Nokia 8110 4G imitiert den kultigen Vorläufer aus dem ersten Teil der Matrix-Trilogie und geht demnächst auf Kundenfang. Schon im letzten Jahr schaffte es HMD Global mit der Neuinterpretation des Nokia 3110 die Blicke auf sich zu ziehen. Technisch betrachtet bietet auch das 8110 4G recht wenig fürs Geld, insbesondere die Verarbeitung scheint noch verbesserungswürdig – so Kollege Frank Ritter in seinem kurzen Video-Review aus Barcelona. Warum also dieser Hype ums „Retro-Phone“?

Nokia 8110 4G im Hands-On-Video.

Retro-Technik à la NES, C64 und Co: Die Helden unserer Jugend neu aufgelegt

Der Retro-Trend manifestiert sich schon seit geraumer Zeit. Sicherlich ist euch in den letzten Jahren das über den Weg gelaufen – eine Neuinterpretation des berühmten „Motorola-Knochen“. Aktuell versucht man mit dem und einer Anspielung auf das beliebte Motorola RAZR den Erfolg zu wiederholen. Nintendo brachte erst eine (stets überall vergriffene) Mini-Version des NES heraus, um kurz darauf eine „neue“ Variante des SNES zu verkaufen – mit großem Erfolg. Ende dieses Monats gibt’s dann sogar eine offiziell lizenzierte Mini-Version des C64 zu erwerben. Zielgruppe all dieser Spielzeuge: Die Generation X – meine Generation, geboren zwischen 1965 und 1980. Für manch Leser sind wir heute schon wieder die alten Knacker. Wir aber kennen alle diese technischen Errungenschaften noch im Original und können uns leidenschaftlich daran erinnern.

Die Retro-Welle hat ihren Ursprung jedoch mitnichten in der Technik-Welt. Schon zuvor bediente sich vor allem die Mode der Ideen aus vergangenen Tagen. Bestimmte Elemente kehren in schöner Regelmäßigkeit zurück – die Welt der Mode zitiert und kopiert sich ständig selbst. Ebenso zeigt sich der Trend anhaltend in der Automobilindustrie. Der bereits 1997 vorgestellte New Beetle zielte zunächst auf die Genration der Baby-Boomer, Menschen der geburtenreichen Jahrgänge vor 1965. Auch die kannten und liebten bereits das Original ihrer Jugend und kauften bereitwillig die weichgespülte „Kopie“ aus dem Wolfsburger Baukasten. BMW zog nach und erschuf 2001 mit dem Mini nicht nur eine Neuauflage des britischen Klassikers, sondern stellte gleich eine ganze Automobilmarke auf eine nostalgische Basis. Erfolge feiert zugleich auch Fiat mit dem 500 und noch relativ frisch mit dem neuen (alten) Fiat 124 Spider.

Es stellt sich für mich die Frage: Warum nur klammern wir uns an diese neuen „alten“ Schinken, himmeln sie an und warum kaufen wir dann nicht gleich die gebrauchten Originale?

Retro: Ein Erklärungsversuch

Festzuhalten gilt hierbei: Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier. In einer sich beständig wandelnden Welt sucht er nach Orientierung. Dabei erscheint ihm die Vergangenheit immer irgendwie glorreicher und vertrauter als die Gegenwart – ein Zerrbild unserer Psyche. Wunderbar auf den Punkt brachte dies zuletzt Woody Allen in seiner romantischen Zeitreisen-Komödie „Midnight in Paris“ aus dem Jahr 2011. Gezielt lancierte Retro-Produkte treffen exakt diesen Nerv, die Sehnsucht nach der Vergangenheit. Eine verklärte Welt die man kennt und die so ein Gefühl der Sicherheit vermittelt.

Die Hersteller haben dies erkannt, surfen beharrlich auf der Nostalgiewelle und bieten uns ihre derart gestalteten Waren an. Im Unterschied zum gebrauchten Original jedoch versprechen die Güter mit einem Bein dennoch im Hier und Jetzt zu stehen, verfügen teils über Funktionen, die das Original nicht offerieren kann. Retro im besten Sinne bietet das Beste aus zwei Zeitenwelten – der Vergangenheit und der Gegenwart.

Nokia 8110 4G: Die verpasste Chance

Leider versagen an dieser Stelle die neuerlichen Nokia-Modelle. Zwar spendiert HMD Global dem 8110 4G eine moderne LTE-Verbindung, Google Apps (Assistant, Maps, Suche) sowie Facebook und Twitter, allerdings reicht dies beileibe nicht aus. Es fehlt das ausbaufähige und etablierte Betriebssystem und die nicht mehr wegzudenkende Bedienung per Touchscreen. Am Ende bleibt nur ein halbherziger Versuch der Neuinterpretation und der Versuch, meiner Generation das Geld aus den Taschen zu ziehen. Die Automobilindustrie war und ist da schon weiter. Deren Retro-Modelle greifen nämlich allein in der Gestalt die Vergangenheit auf, doch darunter befinden sich moderne Kraftfahrzeuge, die den Vergleich nicht scheuen müssen.

Mutig wäre daher ein echtes Retro-Smartphone von HMD Global (Nokia) gewesen. Alles andere ist doch nur Spielzeug. Schade.


Anmerkung: Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und stellen nicht zwingend den Standpunkt der GIGA-Redaktion dar.

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