Project Ara: Googles modulare Smartphone-Revolution

Andreas Floemer

Project Ara beschreibt das revolutionäre Konzept eines modularen Smartphones. Mit diesem soll es möglich sein, einzelne Komponenten am Gerät austauschen zu können – etwa die Kamera, Akkus oder das Display. Es wurde unabhängig voneinander vom Niederländer Dave Hakkens unter dem Titel Phonebloks und von Motorola Mobility entwickelt. Später wurde es zusammengeführt und ist nun ein Projekt unter dem Dach von Google.

Dave Hakkens‘ Phonebloks-Idee und Motorolas Geheimprojekt: die Geschichte von Project Ara

Im September 2013 stellte der Niederländer Dave Hakkens mit Phonebloks seine Idee eines Smartphones vor, das aus einzelnen Modulen besteht und sich nach eigenen Vorstellungen beliebig konfigurieren lassen kann. Jeder Nutzer soll so selbst bestimmen können, wie stark der Prozessor oder Akku ist, welche Auflösung der Kamera-Sensor besitzt und wie hoch das Display auflöst. Ferner soll es für jeden möglich sein, die Einzelmodule selbst – beispielsweise wegen eines Defekts – auszuwechseln oder gegen potentere aufzurüsten.

Das Phonebloks-Vorstellungsvideo wurde wegen seines revolutionären Inhalts zu einem viralen Hit und ist allein in den ersten 24 Stunden über eine Million mal aufgerufen worden. Auch große Unternehmen wurden auf das modulare Smartphone-Konzept aufmerksam – allen voran Motorola Mobility und Google. Nur sechs Wochen nach Veröffentlichung des Videos kündigte Motorola an, Dave Hakkens anzustellen und Phonebloks in das eigene modulare Smartphone-Projekt „Project Ara“ aufzunehmen und dieses gemeinsam weiterzuentwickeln. Motorola, seit 2012 in Besitz von Google, wurde Ende Januar 2014 an Lenovo verkauft; das ATAP-Team (Advanced Technology And Projects), in dem Project Ara angesiedelt ist, wurde indes von Google übernommen – somit ist Project Ara nun ein Google-Projekt.

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Unter Googles Ägide geht es mit der Entwicklung des modularen Smartphones weiterhin voran. Im April 2014 fand die erste Entwickler-Konferenz statt, auf der ein „Baukasten“ für Module vorgestellt wurde. Im Januar 2015 soll das erste Modell marktreif sein. Dabei wird es sich um ein „Greyphone“ handeln, das minimal ausgerüstet ist und etwa 50 US-Dollar in der Herstellung kosten soll. Dieses Gerät wird lediglich aus Display, Prozessor, Arbeitsspeicher und WLAN-Modul bestehen, zusätzliche Elemente kann man sich hinzukaufen.

Der Aufbau eines Project Ara-Smartphones

Das Project Ara-Smartphone besteht aus einer Art Basisrahmen, Endoskelett oder kurz Endo genannt. Von diesem wird es drei verschiedene Größen geben: ein Mini-Modell, ein mittelgroßes, das von seinen Dimensionen etwa zwischen einem iPhone und Samsung Galaxy S5 liegt, sowie ein weiteres im Phablet-Format. In diese Endos lassen sich die Module hineinschieben, die mittels Elektropermanent-Magneten mit einmaligem Energieaufwand fest fixiert werden können. Wie auch die Endos werden auch je nach Einsatzzweck die Module in drei unterschiedlichen Größe angeboten.

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Die Modul-Größen leiten sich von einem Raster ab, das über die Rückseite der Geräte gelegt ist und je nach Endo-Größe variiert: Die Mini-Variante verfügt über 2 x 5 Einheiten, das Medium-Endo 3 x 6 Einheiten und das große entspricht 4 x 7 Einheiten. Eine „Einheit“ entspricht dabei einem Minimal-Modul der Größe von 1 x 1. Module werden in den Größen 1 x 1, 2 x 1 und 2 x 2 angeboten werden, wobei die größten Module nur in den Varianten Medium und Large Platz finden. Die Module sollen allerdings geräteübergreifend kompatibel sein. Mit dem so genannten Identitäts-Modul soll der Nutzer sein eigenes Profil und Daten einfach von einem Gerät zum nächsten mitnehmen können. Frontseitig wird es einheitlich ein primäres Display-Modul und ein Sekundärmodul mit Lautsprecher, Frontkamera, Helligkeits- und Näherungssensoren geben. Die Displaydiagonalen variieren verständlicherweise von Endo-Größe zu Endo-Größe.

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Ein weiteres Detail: Die Modul-Gehäuse werden sich in Sachen Design individualisieren lassen. Google entwickelt mit einem Partner 3D-Drucker, mit denen in großem Umfang sogenannte Shells (Modul-Hüllen) hergestellt und vom Nutzer einfach ausgewechselt werden können.

Das Ökosystem von Project Ara

Die Spezifikationen von Project Ara sind offen und setzen auf nicht-proprietäre Standards. Das bedeutet, dass jeder Module entwickeln kann, die mit Ara kompatibel sind – ohne Lizenzkosten. Google plant zudem, einen eigenen Shop für Module einzurichten; ähnlich wie bei Apps im Play Store kann der Nutzer dort Module kaufen, die von Google auf Qualität und Kompatibilität hin getestet wurden.

Vorteile und Vision von Project Ara

Google und das Entwickler-Team möchten mit Project Ara ein Smartphone entwickeln, mit dem man praktisch die ganze Menschheit erreichen kann. Project Ara soll im Bereich der Hardware die Rolle einnehmen, die Android für mobile Software darstellt: Ein Gerät, das beliebig anpass- und erweiterbar und in vielen Preisklassen verfügbar sein wird – vom Einsteiger-Gerät für 50 Euro, bis hin zum High End-Smartphone zum Premium-Preis.

Sollte sich Project Ara durchsetzen, könnten Nutzer preiswert in die Smartphone-Welt einsteigen und ihr Gerät peu a peu aufrüsten. Die Umwelt profitiert davon, dass ein gerät nicht mehr alle zwei Jahre vollständig ersetzt werden muss, sondern Komponenten längerfristig verwendet und bei Defekten einzeln ausgetauscht werden können. Zwischen den Komponentenherstellern würde eine neue Art von Konkurrenzkampf ausbrechen, der zu einem erhöhten Innovationstempo führt. Google fördert so die Verbreitung von Android. Der Nutzer schließlich profitiert davon, dass er ein Gerät besitzt, bei dem er nicht für aus seiner Sicht überflüssige Features bezahlt, er stets das für seine aktuelle Situation optimalste Smartphone nutzen kann und sogar Module tauschen beziehungsweise mit anderen gemeinsam nutzen kann.

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