Das Razer Phone pfeift auf Innovation – gut so! [Meinung]

Frank Ritter

Kann jemand bitte Razer einen Orden verleihen? Das Razer Phone ist erfrischend anders als das, was derzeit sonst so aus der Smartphonebranche kommt. Es pfeift auf das Neue um des Neuen willen – und macht damit alles richtig.

Wichtigste Regel für die Präsentation eines nagelneuen Flaggschiff-Smartphones? Innovation. Lass auf keinen Fall unerwähnt, wie unerhört einfallsreich deine Ingenieure und Designer bei der Schaffung des neuen Smartphones waren. Und du brauchst Gimmick-Features. Dein Telefon muss sich um jeden Preis von Konkurrenzprodukten abheben, sonst ist es kein gutes Produkt. Erwähne mindestens ein halbes Dutzend mal, wie innovativ dein Produkt ist, wie ja-eigentlich-schon-kein-Handy-mehr und mit-unendlicher-Detailverliebtheit-gestaltet und mit-welchen-Knallertechnologien-ausgestattet, sonst kommt nicht beim Pressevertreter (und damit beim Kunden) an, wie wegweisend dein Produkt ist.

Wenn man sich mehrmals im Jahr auf solchen Produktpräsentationen befindet, verkommt das mit den Innovationen zur Farce. Beispiele gefällig? Doppel-Kameras, die keine besseren Bilder produzieren als Einzel-Module. Gesichts-Scanner, die das Lesen von Fingerabdrücken ersetzen sollen und eine Delle im Display erfordern. Seitliche Ränder, die sich nach unten wölben oder gleich ganz verschwinden und, ja, irgendwie schick aussehen, aber das Halten des Handys enorm erschweren. Ein Nicht-Standard, der einen Standard ersetzt – Stichwort Kopfhöreranschluss. Quetschbare Ränder! War nicht eben noch das Klopfen mit den Fingerknöcheln aufs Display das nächste große Ding?

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Wenn man sich anschaut, was die Smartphone-Branche in den vergangenen Jahren an Innovationen in neue Flaggschiff-Produkte integriert hat, kann ich nicht anders als festzustellen, dass Innovation zum Selbstzweck, zur Schlagworthülse verkommen ist. Es geht nicht mehr darum, gute Handys zu bauen – nur neuartig müssen sie sein. Tatsächlich werden Smartphones, abgesehen von den üblichen Spec-Bumps, in den letzten Jahren gefühlt schlechter – und sehen letztlich zum Schluss doch alle gleich aus. Es hat schon seinen Grund, dass ich nach ein paar Tagen mit neuen Smartphone-Flaggschiffen immer wieder mit einem wohligen Gefühl des Nachhausekommens mein wunderbar unglamouröses OnePlus 3T anwerfe. Ja, ich überspitze, aber mein Standpunkt bleibt: Innovation ist vollkommen überbewertet.

Das Razer Phone bietet keine Innovationen – sondern sinnvolle Evoution und ein klares Konzept

Und jetzt: Vorhang auf für das Razer Phone. Denn das ist auf eine erfrischende Art innovationsarm. Okay, es hat zwei Kameras auf der Rückseite – warum auch immer – und eine Klinkenbuchse ist nur per USB-C-Dongle verfügbar. Das ist schade beziehungsweise unnötig, aber nun mal mittlerweile etabliert. Mit Innovationsarmut meine ich vielmehr, dass Razer nicht versucht, auf Teufel komm raus mit Neuartigkeit zu imponieren. Das Produkt hat eine klar definierte Zielgruppe (Gamer) und weiß, was sich diese wünscht. Das Razer Phone hat herausragende Specs. Es beweist Mut zur Kante. Es schämt sich seiner Ränder nicht, sondern baut stattdessen beeindruckende Lautsprecher ein. Es ist nicht glas-glitschig in der Hand, sondern fühlt sich wertig und gut an. Es lässt sich tatsächlich bequem im Landscape-Modus halten. Es hat einen großen Akku und eine brauchbare Thermik, um länger am Stück die Hochleistung zu bringen, die mobile Spiele erfordern. Razer nervt nicht mit eigenen Oberflächen und Software-Bestandteilen, die keiner braucht *hustBixbyhust*, sondern installiert den Nova Launcher auf ein Stock-Android vor. Als Smartphone-Geek bekommt man Nackenschmerz von all dem Kopfnicken, mit dem man das Konzept des Razer Phone bedenken will.

120 Hz macht einen Unterschied

Und das Razer Phone dreht an einer Spec-Schraube, die für uns alle relevant wird in den kommenden Jahren: Das IGZO-Display mit 120 Hz ist eine Augenweide, eine Wucht. Es fühlt sich so viel flüssiger an, hat eine so deutlich verringerte Eingabeverzögerung, dass es danach schwerer fällt, ein Smartphone mit herkömmlichen 60 Hz zu benutzen.

Warum das 120-Hz-Display im Razer-Phone für mich trotzdem keine Innovation ist? Zum einen handelt es sich um Technologie, die es schon länger auf PC-Monitoren gibt, beim Test zum iPad Pro 10.5 schon zu überzeugen wusste und auch auf japanischen Smartphones der Firma Sharp bereits seit mehreren Jahren eingesetzt wird. Ich habe mich schon vor 2 Jahren gefragt, wann diese Displays endlich kommen, und jetzt ist es endlich so weit.

Zum anderen weigere ich mich aber auch, eine so sinnvolle Neuerung in dieselbe Schublade wie all die anderen unausgegorenen Neuerungen zu packen, die der Markt so ausspuckt. Innovation ist ein verbrannter Begriff, der diesem Display, diesem Gerät nicht gerecht wird. Das Display vom Razer Phone ist keine Innovation, es ist eine neue technologische Evolutionsstufe. Die einen echten Mehrwert hat.

Razer Phone im Hands-On: Gamer-Smartphone mit 120-Hz-Display.

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