Die explodierenden Akkus im Galaxy Note 7 sind ein PR-Desaster ohne Beispiel. Das einzig Sinnvolle, was Samsung jetzt noch tun kann, ist aufzuhören, das Gerät zu verkaufen. Ein Kommentar.

 

Samsung Galaxy Note 7

Facts 

Der Jahreswechsel von 1982 auf 1983 war ein schicksalhafter Moment für Atari. Das gleichnamige Spiel zum Spielberg-Film „E.T. der Außerirdische“ für die verbreitete Heimkonsole Atari 2600 sollte der Kassenschlager im Weihnachtsgeschäft werden. Wie sich herausstellte, war der Titel aber für das überwiegend junge Publikum viel zu schwer, aufgrund der übereilten Entwicklung auch qualitativ zu schlecht für den Markt. Ergebnis: Nach den Feiertagen wurde E.T. in Massen an den Ladentheken zurückgegeben, der erhoffte Kassenschlager wurde zum Kassengift.

Langfristig läutete E.T. nicht nur den Niedergang von Atari am Videospielemarkt ein, sondern führte die ganze Branche in eine Krise, die erst zwei Jahre später durch den Launch von Nintendos NES in der westlichen Welt aufgebrochen wurde. Atari entschloss sich jedenfalls 1983 in einem drastischen und durchaus auch symbolischen Schritt, tausende überschüssige E.T.-Module auf einer Müllkippe in der Wüste von New Mexico zu entsorgen, die verschütteten Spiele gerieten zur Legende und wurden erst 2014 von Retro-Spielefans ausgegraben – die sehenswerte Dokumentation „Atari: Game Over“ zeugt davon.

Auch Samsung hat nun sein eigenes „E.T.“, oder – um einen anderen historischen Vergleich anzuführen – sein eigenes Waterloo. Das Galaxy Note 7 ist aufgrund der zahlreichen in den vergangenen zwei Wochen bekannt gewordenen Fälle von Explosionen und Selbstentzündungen zu einem in der Branche beispiellosen PR-Supergau avanciert; weder Kulanzgesten noch Krisenmanagement können es noch retten. Der Konzern täte gut daran, das Galaxy Note 7 nicht mehr in den Verkauf zu bringen, es im übertragenen Sinne in der Wüste zu begraben und darauf zu hoffen, dass dieses Desaster schnell vergessen wird.

Zum Thema: Samsung Galaxy Note 7 umtauschen – so geht's

Während Samsung anfangs davon sprach, dass 35 Geräte explodiert seien, sollen es nun allein in den USA schon über 70 Fälle sein. Überschlägt man die Zahl international und bezieht die Dunkelziffer mit ein, werden es mindestens einige hundert Fälle sein. Der technische Defekt mag zum jetzigen Zeitpunkt nur einen Bruchteil der Geräte im Umlauf betreffen – aber das ist bereits jetzt vollkommen egal.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die größten Skandale im Smartphone-Sektor der vergangenen Jahre: das Antennagate beim iPhone 4, das sich zu leicht verbiegende iPhone 6 Plus („Bendgate“), der Yellow Tint beim Display des OnePlus One und die zahlreichen PR-Fettnäpfchen in dessen Fahrwasser, der steckenbleibende Stylus im Galaxy Note 5, die Benchmark-Schummeleien diverser Hersteller und die Hitzeprobleme vieler Snapdragon-810-Geräte. All diese Skandale haben eines gemeinsam: Sie wirkten sich im schlimmsten Falle „nur“ auf die korrekte Funktionsweise des Gerätes als solches aus. Samsungs Akkugate hat jedoch eine andere, vollkommen neue Qualität: Es bedroht Gesundheit und Leben des Besitzers, seines Umfeldes und sein Hab und Gut.

Wer das Note 7 benutzt, hat das Gefühl, eine Zeitbombe in der Tasche zu tragen.

Wenn man die Ereignisse von außen betrachtet, mag man diesen psychologischen Effekt kaum erfassen können, aber als Nutzer des Galaxy Note 7 hat man das latente Gefühl, eine Zeitbombe in der Hosentasche zu tragen. Wir merkten das im Ansatz, als die ersten Berichte über die explodierenden Akkus aufkamen und unser Tester Tuan das Gerät nur noch unter Aufsicht laden wollte.

Dieses nagende Gefühl der Unsicherheit und Gefahr wird jeder Nutzer des Note 7 derzeit kennen. Es wird nicht verschwinden – auch nicht, wenn ein kleiner „S“-Sticker bescheinigt, dass das umgetauschte Smartphone sicher sein soll. Woher will man wissen, dass nicht ein ruchloser Händler diesen Sticker einfach gefälscht und auf die Packung geklebt hat? Wird irgendjemand das Gerät haben wollen, wenn man sich nach einem Jahr entscheidet, es gebraucht weiterverkaufen zu wollen?

Und auch in der Außenwirkung kann Samsung das Problem nicht mehr tilgen – auch wenn man den Koreanern bescheinigen muss, dass sie die Probleme vergleichsweise offen kommunizieren und auf die Nutzer zugehen. Die Breitenmedien berichten über die explodierenden Akkus, der Postillion macht seine Witze, Twitter quillt über vor Häme. Eigentlich nicht mit der Materie betraute Freunde und Familienmitglieder wenden sich an uns GIGA-Redakteure mit der besorgten Frage, ob wir das Note 7 nutzen. Auf Flugreisen wird derzeit jeder Fluggast explizit darauf hingewiesen, sein Gerät auszulassen, wenn er ein Note 7 mitführt – was sich wiederum fatal gerade auf jene Businesskunden auswirkt, die Samsung mit dem Gerät ansprechen wollte.

Um es kurz zu machen: Das Kind ist in den Brunnen gefallen; die Rückrufaktion und die verursachten Schäden, an denen die Versicherer Samsung zweifelsohne beteiligen werden, werden Samsung etliche Milliarden kosten, ganz zu schweigen vom bereits jetzt in den Keller gehenden Börsenkurs. Die beste Krisenkommunikation und die organisierteste Rückrufaktion nützt nichts mehr: Das Galaxy Note 7 – so fantastisch es als Smartphone auch sein mag (wir werden unseren Test in Kürze trotzdem veröffentlichen), wird den Ruf nicht mehr abschütteln können, ein lebensgefährliches Objekt zu sein.

Die einzige Hoffnung für den Hersteller ist, dass sich dieser Ruf nicht auf die Reputation der Marke Samsung als Ganzes ausdehnt und zu hoffen, dass die Öffentlichkeit dieses Desaster möglichst schnell vergisst. Und das geht nur, indem Samsung klare Kante macht, das Gerät dauerhaft „in die Wüste schickt“ und jedem Käufer sein Geld zurückerstattet. Mit ein bisschen Glück wird Samsung dann nicht das Schicksal von Atari zuteil.

Hinweis: Auch in der GIGA-ANDROID-Redaktion gibt es unterschiedliche Meinungen. In den nächsten Tagen wird Kollege Kaan seine Gegenrede veröffentlichen und aufzeigen, weshalb Samsung doch am Galaxy Note 7 festhalten sollte.

Samsung Galaxy Note 7: Hands-On

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