Warum Samsung die Galaxy S6-Kamera in ein 300 Euro-Gerät verbauen sollte [Meinung]

Frank Ritter 29

Nein, in der Krise ist Samsung noch nicht, aber neue Konkurrenten und die abflachende Begeisterung für High-End-Smartphones wirken sich auf die Verkaufszahlen des Galaxy S6 aus. Ein Feature-Kronjuwel des Smartphones wie die Kamera in ein nur halb so viel kostendes Smartphone zu verbauen, mag zunächst absurd erscheinen – wir erläutern, warum dieser Schritt trotzdem sinnvoll sein kann.

Samsung hat ein Problem – und zwar die Erwartungen anderer an den Konzern. Obwohl das Galaxy S6 nebst edge-Schwestermodell mutige und ziemlich gute Smartphones sind, die insbesondere durch ihr neues Design und die hervorragenden Kameras bestechen, sollen die Verkäufe aktuellen Berichten zufolge deutlich unter den Erwartungen liegen. Woran liegt das? Ein Teil des Problems ist sicher, dass größere und kleinere Hersteller, insbesondere aus China, Druck auf Samsung ausüben. So haben Hersteller wie Huawei, OPPO, OnePlus und Xiaomi spätestens seit 2014 Geräte am Markt, die es in Sachen Leistungsfähigkeit durchaus mit Samsungs Flaggschiffen aufnehmen können, aber erheblich preiswerter sind.

Ein anderer, in der Öffentlichkeit erheblich weniger diskutierter Punkt ist aber, dass wir mittlerweile an die Grenzen des technisch Machbaren wie Notwendigen stoßen, was die Leistungsfähigkeit von Smartphones angeht. Wer sich vor rund zwei Jahren ein Samsung Galaxy S4 oder ein LG G2 gekauft hat, der braucht eigentlich kein neues Smartphone, denn die Zeit der rasanten technischen Evolutionen und linear wachenden Performancekurven in Mobilgeräten ist vorüber. Klar, das Galaxy S6 erreicht immer noch höhere Benchmark-Scores als sein direkter Vorgänger und praktisch alle anderen aktuellen Smartphones. Im Alltag ist dieses theoretische Leistungspotenzial allerdings selten von Relevanz, denn Android ist mittlerweile und endlich so weit gediehen, dass es auch auf Geräten der 150 Euro-Klasse flüssig läuft. Ein WQHD-Display braucht kein Mensch, ein Octa Core-Prozessor ist ebenfalls unnötig – Android läuft auf einem Vierkern-Gerät so flüssig, dass man in der Alltagsnutzung praktisch keinen Unterschied verspürt. Sogar, wenn man sich Spezialbereiche ansieht und die 3D-Leistung von neueren Geräten betrachtet, stellt man fest, dass selbst aufwändige Android-Games so programmiert sind, dass sie auch auf älterer oder Mittelklasse-Hardware problemlos laufen. Wen wundert’s – kaum ein Spieleentwickler kann es sich leisten, sein Produkt exklusiv für die spitze Zielgruppe derjenigen Nutzer zu entwickeln, die ein High-End-Smartphone ihr eigen nennen.

Diese Verlangsamung der technischen Evolution hat den Effekt, das die Menschen seltener neue Smartphones kaufen und lieber ihr angestammtes Modell ein drittes oder sogar viertes Jahr pflegen – und wenn sie ein neues kaufen, dann oft genug ein preiswerteres Smartphone. Die Menschen auf der Straße nutzen, zumindest nach meinen Beobachtungen, weiter pragmatisch ihre Galaxy S3 und S4, langsam erst scheint sich das Galaxy S5 zu etablieren. Flankiert werden diese Geräte von diversen Mini-Modellen, hier und da ein Sony-, Huawei- oder HTC-Handy und immer mehr Smartphones vermeintlich kleiner Hersteller wie Wiko.

Bilderstrecke starten(12 Bilder)
Samsung Flow: Windows-10-PC per Galaxy S8 entsperren und mehr – so gehts

Machen wir uns nichts vor: Das kurz nach Release gekaufte High-End-Smartphone für 650 Euro ist ein Auslaufmodell, zumindest außerhalb eines überschaubaren Kreises von technophilen Enthusiasten und denjenigen, für die dem Kauf eines Handys immer noch Prestige anhängt. Das sind aber Ausnahmen, für die meisten Konsumenten ist ein Smartphone mittlerweile ein Alltagsgegenstand, den zu besitzen zwar obligatorisch ist, die Marke und das Alter aber nicht mehr unbedingt relevant. Dafür sorgt die Omnipräsenz von Android und Googles App-Ökosystem, die auch die Hersteller mit ihren hemmungslosen Android-Anpassungen nicht auflösen können. Dafür bietet die Mittelklasse einfach genug, dafür ist Android gut genug optimiert.

Meine, zugegebenermaßen anekdotischen, Beobachtungen des Straßenbilds werden durch die Probleme von Branchenprimus Samsung am Markt belegt, unterstützt vom Preisdruck aus China, dem Markterfolg von Mittelklasse-Geräten, aber auch dem rapiden Preisverfall praktisch aller Top-Tier-Geräte bereits wenige Wochen nach dem Marktstart – vom Sonderfall Apple mal abgesehen. Im Mittelklassesegment jener Geräte mit Preisen zwischen 200 und 400 Euro konkurrieren die High-End-Geräte von gestern mit aktuelleren, aber gesichtslosen Geräten, die nicht nur von Samsung, sondern auch von Sony, LG und Huawei fast im Monatstakt auf den Markt geworfen werden.

Diese Entwicklung kann nicht aufgehalten werden. Sollte Samsung deshalb aufhören, Flaggschiffe zu entwickeln? Nein, natürlich nicht. Aber der Konzern – und seine Aktionäre – sollten sich vom Bild des Top-Smartphones verabschieden, das Jahr um Jahr Verkaufsrekorde bricht. Diese goldene Ära ist vorbei. Und jetzt?

Ein Smartphone für jedermann – mit fantastischer Kamera

Ein Weg aus der Krise wäre es, die wenigen nutzerrelevanten Alleinstellungsmerkmale der High End-Geräte auf die Mittelklasse auszudehnen und dieses immens wichtige Marktsegment zu stärken. Ganz konkret: Samsung sollte die fantastische Kamera des Galaxy S6, mitsamt dessen optischem Bildstabilisator, in einem Gerät der 300 Euro-Klasse verbauen. Natürlich, dieser Gedanke klingt erst einmal absurd, denn Samsung würde damit die Marktposition seines Flaggschiffes empfindlich schwächen. Andererseits sickern auch sonst Features der Oberklasse nach und nach in die Mittelklasse ein, der Vorgang dauert meist nur etwas länger.

Aber warum die Kamera? Wenn es einen Bereich in der Smartphone-Technik gibt, in dem es in den vergangenen zwei Jahren signifikante Fortschritte erzielt wurden, ist es der der mobilen Fotografie. Insbesondere der Advent des optischen Bildstabilisators lässt Smartphones mittlerweile Fotos schießen, die – sofern unter optimalen Bedingungen aufgenommen – mit dem bloßen Auge kaum noch von denen professioneller DSLRs zu unterscheiden sind. Nur sind diese Fortschritte in der Mittelklasse bislang noch nicht sichtbar.

Wie wichtig Smartphone-Fotografie ist, lässt sich anhand kalter Zahlen belegen: Bereits 2014 wurden täglich mehr als eine Milliarde Fotos allein über Facebook und seine angeschlossenen Dienste WhatsApp und Instagram geteilt, wie viele Fotos einfach „nur“ aufgenommen werden, ist kaum zu beziffern. Die Menschen nutzen Smartphones schlicht zum Fotografieren, ständig und überall – und das wollen sie in optimaler Qualität tun, aber nicht zum Vollpreis eines High-End-Smartphones.

Ein „Kameramonster“ in der Smartphone-Mittelklasse wäre ein Anerkennen dieser Realität. Und ein Mittel, um der Konkurrenz ein einzigartiges Gerät mit Mainstream-Appeal entgegen zu setzen – statt des x-ten lauwarmen „Mini“-Aufgusses. Dazu ein kompaktes Gehäuse, ein großer Akku, ein paar schicke Farben, gutes Marketing und auch sonst brauchbare Technik ohne Schnickschnack – und fertig wäre ein potenzieller Millionenseller. Samsung sollte die Gunst der Stunde nutzen – die Konkurrenz wird technisch zwangsläufig irgendwann aufschließen und sicher wenig Skrupel haben, diesen „Unique Selling Point“ von Samsung zu zerstören.

Hat dir dieser Artikel gefallen? Schreib es uns in die Kommentare oder teile den Artikel. Wir freuen uns auf deine Meinung - und natürlich darfst du uns gerne auf Facebook oder Twitter folgen.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu dieser News

* Werbung