Ein Teil des Teams von Journey gründete mit Giant Squid ein eigenes Studio. Das erste Werk Abzû weist viele Parallelen zu dem Indie-Liebling auf. Der Tauchgang in die Unterwasserwelt hat etwas Meditatives, doch leider bleibt die Erfahrung ziemlich farblos. Warum, erfahrt ihr im Test.

 

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Abzû - Launchtrailer

Journey ist ein Meisterwerk. ThatGameCompany hat ein Spiel geschaffen, das gleich auf mehreren Ebenen überzeugen konnte. Durch die simple Steuerung und das durchdachte Design des Spiels war es auch für jene zugänglich, die nur wenig spielten. In dem ungewöhnlichen Online-Modus konnten wir zu jedem Zeitpunkt nur eine weitere Person treffen. Es war ein realer Mensch irgendwo auf der Welt. Wir gingen mit ihm auf die Reise und schufen ein unsichtbares Band, das sich besonders anfühlte. Am Ende des kurzweiligen Abenteuers blieb etwas hängen von der Erfahrung. Journey war einfach rund und nicht umsonst war es 2012 für viele das beste Spiel des Jahres – auch für GIGA GAMES.

Die richtigen Zutaten

Die Ankündigung von Abzû weckte nun die Hoffnung, das Kunststück könnte ein zweites Mal gelingen. Immerhin steckte auch ein Teil des alten Teams dahinter. Auch dieses Spiel kommt komplett ohne Sprache aus und in den Augen des Hauptcharakters können wir mit etwas Fantasie auch die Augen jener Figur erkennen, mit der wir durch die sandigen Landschaften von Journey gestreift sind. Das Spiel fängt sogar ganz ähnlich an. Unser Taucher startet mitten im Meer – am Horizont kein Land zu sehen. Unter Wasser erkennen wir in der Ferne einen hellen Punkt. Es ist das einzige sichtbare Ziel.

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Dazu hören wir die wunderschöne Musik von Austin Wintory. Ich bin schon seit zehn Jahren ein Fan von ihm und sein Soundtrack zu Journey war herausragend. Gleiches gilt übrigens auch für Abzû. Die maritimen Kompositionen passen wieder perfekt zur Stimmung und sie halten sich an den richtigen Stellen zurück. Es sind wahre Ohrenschmeichler. Und auch die restlichen Effekte sind gelungen. Auf den ersten Blick gibt es wirklich nichts, was das Spiel falsch macht. Optisch sowieso nicht. Es ist wirklich hübsch und die Grafik ist aufwendiger als bei Journey. Sämtliche Meeresbewohner sind sehr gut getroffen.

Es gibt eine vielfältige Welt unter Wasser.
Es gibt eine vielfältige Welt unter Wasser und es macht Spaß, die Lebewesen im Wasser zu beobachten.

Es gibt ein paar richtig schöne Momente. Wenn wir im Jetstream vom Sog mitgerissen werden, schwindet der ansonsten vorherrschende meditative Charakter ein wenig. Allerdings müssen wir uns während des Ritts auch nicht um die Kamera kümmern, sondern höchstens nach großen, auffälligen Fischschwärmen Ausschau halten, um sie für einen Bonus einzusammeln. Als Übergang zwischen den unterschiedlichen Arealen gibt es eine Portalwelt, die mit märchenhaften Tempeln aus Licht unter einem nächtlichen Unterwasser-Sternenhimmel verzaubert. Und obwohl es dort nichts zu entdecken gibt, ist es ein angenehmer Ausflug, der zum Träumen einlädt.

Das falsche Rezept

Doch je länger ich in diesem Unterwasserparadies unterwegs bin, desto mehr bröckelt die Fassade. Abzû macht bei einigen Spielmechaniken kaum etwas anders als Journey. Für mich gab daher weniger überraschende und denkwürdige Momente. Die Passagen im Jetstream erinnern beispielsweise an das schnelle Snowboarden im Sand. Selbst die Struktur des Spiels ähnelt sich. Auf der anderen Seite ist das Wasserthema allerdings so eigen, dass es trotzdem genug Unterschiede gibt, um darüber hinwegzusehen.

Doch auch von der Leichtigkeit ging etwas verloren. Weil wir unseren Taucher unter Wasser in wirklich jede Richtung bewegen können, ist die Steuerung etwas komplizierter. Eingangs wird uns zwar erklärt, wie wir schwimmen. Auf eine vernünftige Einführung in die Kameraführung und das Manövrieren des Charakters hat das Team aber verzichtet. Natürlich kennen sich die meisten damit aus – 3D-Welten sind für Videospieler kein Neuland. Aber Journey konnte ich selbst einer Freundin in die Hand drücken, die nichts mit Games am Hut hat und freudig dabei zuschauen, wie fasziniert sie von dieser Erfahrung war.

Es gibt schöne Momente, die wir aber nicht in einem Fotomodus festhalten können.
Es gibt schöne Momente, die wir aber nicht in einem Fotomodus festhalten können.

Wirklich ärgerlich ist, dass zumindest in der deutschen Version die Bezeichnungen zum Teil fehlerhaft sind, für andere fehlt die deutsche Übersetzung. Aus einem Mondfisch wird ein Adlerrochen und aus einem Perlboot eine Meeresschnecke. Der Lerneffekt tendiert damit fast gegen null. Wer hat schon Lust, jede Entdeckung auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Außerdem hätte ich mir meine Sammlung auch gern außerhalb des eigentlichen Spiels angeschaut, vielleicht sogar mit ein paar Zusatzinformationen.

Und wo ist eigentlich der Fotomodus, um die vielen schönen Motive festzuhalten? Das liegt doch eigentlich nahe. Wieso wird eine solche Erfahrung für mehrere Sekunden von schwarzen Ladenbildschirmen unterbrochen? Dafür gibt es doch wirklich elegantere Lösungen. Und noch etwas fehlt. Es gibt in Abzû nichts, das ähnlich besonders ist, wie der erwähnte kooperative Online-Modus bei Journey.

Mein Test-Fazit zu Abzû

Verarbeitet wurden in Abzû neben noch lebenden Meeresbewohnern auch bereits ausgestorbene Urzeitwesen. Es gibt außerdem Elemente, die sehr wahrscheinlich aus dem alten Ägypten und Babylon stammen. Beide gehören zu den ältesten bekannten Hochkulturen. Abzû steht auch für das damals vorherrschende religiöse Konzept des Urmeeres, aus dem alles Leben stammt. Einen Reim auf das Ende des Spiels konnte ich mir dennoch nicht machen. Falls ein tieferer Sinn in Abzû steckt, dann habe ich ihn wohl nicht verstanden. Journey blieb bei allem ziemlich abstrakt und hatte eine universelle Botschaft. Ich fühlte mich damals erleuchtet. Bei diesem Spiel jedoch hängt über meinem Kopf ein großes Fragezeichen.

Der Hai spielt eine besondere Rolle in der Handlung.
Der Hai spielt eine besondere Rolle in der Handlung, die sich aber nicht jedem erschließen wird.

Natürlich ist die Messlatte hoch, wenn Journey der Konkurrent ist. Aber gerade weil es so viele Ähnlichkeiten gibt, drängt sich dieser Vergleich auf. Abzû ist immerhin sehr gut darin, beruhigend zu sein – es ist geradezu meditativ. Und das gilt nicht nur für die sogenannte Meditation auf speziellen Statuen, durch die wir alle Lebewesen genau beobachten können. Bei Journey gab es nur selten und die Ruhe ging daher mit Einsamkeit einher. Dieses Gefühl gibt es diesmal nicht. Bei mir regte sich ohnehin nur einmal eine Emotion. Ziemlich zum Anfang gibt es einen kleinen Schockmoment.

Und wegen all dieser kleinen Fehler ist Abzû leider kein Meisterwerk geworden. So sehr es auch schreit: „Ich auch!“, die Antwort bleibt: „Nein, du nicht.“

Abzû ist ab dem 02. August 2016 für PC und PlayStation 4 erhältlich.

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Entwickler: Giant Squid

Wertung

6/10
“Ich habe mich so auf Abzû gefreut, aber leider bin ich von dem Ergebnis doch ziemlich enttäuscht worden.”