Anno 1800 im Test: Das Spiel für die einsame Insel

Alexander Gehlsdorf

Ohne lange um den heißen Brei herumzureden: Wer jemals etwas mit der Anno-Reihe anfangen konnte, kann bedenkenlos zu Anno 1800 greifen, schließlich schafft es der neuste Serienteil in einigen Aspekten sogar, den Genre-Primus Anno 1404 zu übertrumpfen. Trotzdem verschenkt Anno 1800 an anderen Stellen Potential.

Anno 1800 im Test: Das Spiel für die einsame Insel

Mit Anno ist es ja ein bisschen wie mit Pokémon. Das grundlegende Spielprinzip ist seit dem ersten Serienteil bombensicher und unzerstörbar. Schließlich sind sowohl Anno 1602 als auch die Rote & Blaue Edition auch nach 20 Jahren gefühlt keinen einzigen Tag gealtert. Zugegeben, nicht jeder Serienteil war ein Meisterwerk, aber dank des im Kern immer gleichen und immer fantastischen Gameplay-Loops lassen sich alle Spiele grob auf einer Skala von Sehr Gut bis Großartig einordnen.

Es ist demzufolge keine große Überraschung, dass auch Anno 1800 jeden Cent wert ist, denn das besagte, unzerstörbare Gameplay-Prinzip klickt auch im neusten Serienteil ab der ersten Minute. Kontor errichten, Bauernhäuser bauen, Holzfällerhütten und Sägewerk platzieren, mit dem Fischfang beginnen und währenddessen der Siedlung beim wachsen zusehen.

Vor allem aber fasziniert mich, wie das Spiel mich permanent mit aufeinander aufbauenden Optimierungsarbeiten bei der Stange hält. Da war zum Beispiel der Moment, als ich für meine Handwerker ein Varieté errichten wollte, um die Zufriedenheit auf meiner Insel zu heben. Für den Bau benötigte ich jedoch Fenster, die ich noch nicht produzieren konnte. Also musste ich mit dem Abbau von Quartz beginnen, was nur am Strand geht.

Da ich sowieso gerade dabei war, habe ich bei der Gelegenheit gleich die Infrastruktur meines Hafens überarbeitet und etwa das Lagerhaus neu platziert. Als die Quarzgrube schließlich stand, mangelte es allerdings an verfügbaren Arbeitern. Also war es an der Zeit, einige Bauern zu Arbeitern aufsteigen zu lassen. Dafür war wiederum genügend Baumaterial und eine ausreichende Versorgung an Arbeitskleidung nötig und ehe ich es mich versah, sind schon wieder mehrere Stunden in Anno 1800 vergangen.

Jede Aufgabe, jede Herausforderung und jedes Problem führt automatisch und komplett organisch zum nächsten, Anno 1800 kennt keinen Stillstand, immer gibt es etwas zu tun, zu bauen, zu verbessern oder zu überarbeiten.

Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre

Soweit, so Anno. Schließlich hätten die bisherigen Lobeshymnen auf fast jeden der bisherigen Anno-Teile zutreffen können. Was ist denn jetzt neu in Anno 1800? Vor allem der Fokus auf die unterschiedlichen Arbeiterklassen, denn für die Produktion von Gütern ist ein ausgewogenes Verhältnis der verschiedenen Gesellschaftsstufen wichtiger als je zuvor. Während es in vergangenen Serienteilen etwa durchaus erstrebenswert war, eine ganze Insel nur mit Aristokraten zu bevölkern, da diese schließlich am meisten Steuern zahlen, ist die Zusammenstellung der Bevölkerung in Anno 1800 deutlich komplexer.

So ist jedem Gebäudetyp eine bestimmte Arbeiterklasse zugeteilt. Fabriken werden beispielsweise von Arbeitern bemannt, Kartoffelfarmen von Bauern und die Fabrik für Konservendosen von Handwerkern. Die feinen Investoren und Ingenieure hingegen würden sich im Leben nicht die Hände in einem Holzfällerlager oder beim Fischfang schmutzig machen. Egal wie weit meine Insel auch bereits fortgeschritten ist, ich bin stets auf eine gesunde Mischung aller Arbeiterklassen angewiesen – oder muss mich alternativ von Importen abhängig machen, die vor allem in Kriegsfällen zum enormen Risiko werden können.

Krieg ist ein gutes Stichwort, denn selbst ich als „Kämpfe haben in einem Anno-Spiel nichts zu suchen“-Hardliner konnte mich mit den für Anno 1800 sinnvoll reduzierten Militärsystem ganz gut anfreunden. Auf Gefechte an Land wird glücklicherweise komplett verzichtet, stattdessen finden alle Gefechte zur See statt. Das passt deutlich besser in den regulären Spielfluss, denn Schiffe muss ich ab einem bestimmten Punkt sowieso produzieren, um etwa Handelsrouten zu errichten und meine Inseln miteinander zu vernetzen.

Um gegnerische Insel zu erobern, reicht es in Anno 1800 aus, den jeweiligen Hafen zu zerstören. Damit mir das nicht passiert, kann ich meinen eigenen Hafen unter anderem mit Kanonentürmen schützen. Allerdings es gibt in Anno 1800 eine Waffe, die tausendmal stärker ist, als jede Kanone: Die Zeitung.

Die Zeitung ist gewissermaßen ein Multiplikator meines Inselzustands. Sie bewertet Aspekte wie die Zufriedenheit der Bewohner, Erfolge in der Wirtschaft und externe Faktoren wie Krieg oder Katastrophen. Ist die Stimmung prima und die Zeitung berichtet darüber, haben meine Bewohner dadurch sogar noch bessere Laune. Klagen hingegen einige meiner Bürger über eine zu knappe Lebensmittelversorgung oder unzureichende Unterhaltung, dann wird dieser Unmut durch die Zeitung sogar noch verstärkt und ich riskiere einen Aufstand, der nicht nur Teile meiner Produktion lahm legt, sondern zudem von einem in der Nähe befindlichen Polizeigebäude samt Mannschaft niedergeknüppelt werden muss.

Doch soweit muss es nicht kommen, schließlich gibt mir mein zuständiger Zeitungsredakteur die Möglichkeit, die aktuelle Ausgabe vor der Veröffentlichung zu lektorieren. Statt der Meldung, dass auf der Nachbarinsel Krieg ausgebrochen ist, ist doch ein Artikel viel schöner, der die Kaufkraft meiner Inselbewohner stärkt. Das kostet mich nur ein bisschen Einfluss und tut auch ganz bestimmt nicht weh. Oder…?

Alte und Neue Welt

Arbeiterklassen und die Zeitung sind jedoch noch nicht alle Neuerungen, mit denen Anno 1800 auftrumpfen kann. Schließlich kommt ein Spiel mit einer 1800 im Titel kaum um die Industrialisierung herum und so qualmen bereits nach wenigen Spielstunden die ersten Schornsteine auf meiner Insel. Zu Beginn rümpfen einige Bürger nur die Nase über die etwas weniger saubere Luft, anschließend geht es jedoch Schlag auf Schlag.

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Anno 1800 lässt mich eindrucksvoll am eigenen Leibe spüren, wie schnell die Industrialisierung idyllisches Farmland in dreckige Farbikwüsten verwandelt. Das ist nicht hübsch und schon gar nicht gesund, allerdings sind die Fabriken doch so effektiv und nützlich für die Wirtschaft … Richtig fahrt nimmt meine Produktion schließlich mit dem Bau der Eisenbahn und der Entwicklung der Elektrizität auf, sodass ich mir in der späteren Spielphase kaum noch vorstellen kann, wie meine Insel jemals ohne funktionieren konnte.

Arbeiterklassen, Zeitung, Eisenbahn, Elektrizität – Anno 1800 hat es geschafft, den Fortschritt und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Reibungen spielerisch erfahrbar zu machen, klammert dabei aber einen zentralen Aspekt fast vollständig aus: Die Schrecken des Kolonialismus.

Dabei wäre in einem Spiel, in dem es von vornherein darum geht, im 19. Jahrhundert mit Schiffen unterschiedliche Insel zu besiedeln, kaum etwas naheliegender, als diesen Zeitraum in Form von Gameplay-Mechaniken zu reflektieren. Schließlich ist Entwickler Blue Byte genau das gleiche auch mit den Auswirkungen der Industrialisierung gelungen. Zwar gibt es im Spiel eine Neue Welt, das friedliche Anbauen von Bananen und Tabak, die anschließend zurück nach Europa verschifft werden, könnte von einer umfassenden Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit jedoch kaum weiter entfernt sein.

Natürlich ist die Anno-Reihe einerseits in erster Linie ein Wohlfühl-Spiel über Wachstum und Fortschritt, sodass Aspekte wie Sklaverei, Massenmord, religöse Missionierung und andere Gräuel der Kolonialisierung auf den ersten Blick definitiv fehl am Platz wirken würden. Schließlich verzichtet das Spiel auch auf Kinderarbeit in den Fabriken, auch wenn das damals ohne Frage zum bitteren Alltag gehört hat. Andererseits hat Anno 1800 ja mit Features wie der Manipulation der Zeitung bereits gezeigt, wie auch kritische Aspekte der Geschichte intelligent in Gameplay-Mechaniken übersetzt werden können. Moralisch verwerfliche, aber eben profitable Entscheidungen, die mich vor die spannende Frage stellen: Was würde ich tun?

In diesem Aspekt verschenkt Anno 1800 also durchaus Potential, aber vielleicht urteile ich ja viel zu früh. Schließlich wurde auch das von von vornherein großartige Anno 1404 erst durch die Erweiterung Venedig zum heute bekannten Meisterwerk. Vielleicht arbeitet Blue Byte ja schon längst insgeheim an einem Addon, das genau diese Entscheidungen in den Mittelpunkt stellen wird.

Mein Test-Fazit zu Anno 1800

Ich habe es eingangs schon erwähnt: Wer jemals etwa mit der Anno-Reihe anfangen konnte, kann auch bei Anno 1800 bedenkenlos zuschlagen. Der aktuelle Serienteil motiviert wie eh und je, es macht enormen Spaß, der eigenen Insel beim Wachsen zuzusehen und die neuen Aspekte wie Arbeiterklassen und die Zeitung passen perfekt in das etablierte Spielgeschehen.

Persönlich hätte ich mir eine reflektierte und komplexe Auseinandersetzung mit der Kolonialisierung gewünscht – ein Kritikpunkt, der allerdings überhaupt erst dadurch ins Gewicht fällt, dass die Schattenseiten und Folgen der Industrialisierung so gelungen in Gameplay-Mechaniken übersetzt wurden. Ob das einen tatsächlichen Einfluss auf den Spielspaß hat, muss jeder für sich selbst entscheiden. Genauso muss auch jeder für sich die Frage beantworten, ob Anno 1800 nicht sogar dem bisherigen Serien-Highlight Anno 1404 das Wasser reichen kann. Die perfekten Spiele für die einsame Insel sind jedenfalls beide Serienteile.

Wird dir gefallen, wenn du jemals mit irgendeinem Anno-Teil Spaß hattest.

Wird dir nicht gefallen, wenn du von Anno ein umfangreiches Kampfsystem erwartest.

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