Anthem im Test: ¯\_(ツ)_/¯

Alexander Gehlsdorf 3

Anthem ist nicht gerade das BioWare-Comeback, das sich viele nach dem enttäuschenden Mass Effect: Andromeda erhofft haben. Dennoch steckt in dem Online-Shooter jede Menge Potential, das aktuell jedoch ungenutzt bleibt.

Stell dir vor, du bist gerade in eine neue Wohnung gezogen. Die Wände sind frisch gestrichen, alles sieht hübsch aus und riecht gut. Mit Ausnahme der Grundausstattung kommen deine Möbel voraussichtlich jedoch erst in einigen Monaten an. Eigentlich hast du alles, was du zum Leben brauchst: Ein Bett, warmes Wasser, Küche und Bad und sogar ein Buch gegen die Langeweile. Nach einem echten Zuhause fühlt sich diese Wohnung trotzdem noch nicht an. Und du hast es vielleicht bereits erraten: Diese Wohnung heißt Anthem.

Dinner for Four

The same procedure as last mission, Miss Sophie?“ „The same prodcedure as every mission, James.“ 

Obwohl Anthem derzeit noch unter zahlreichen Problemen leidet, gibt es eine Schwachstelle, die alle anderen in den Schatten stellt: Praktisch jede Mission spielt sich genau gleich. Du fliegst zu einem Zielpunkt, aktivierst oder sammelst dort irgendwas und musst mehrere Gegnerwellen abwehren. Anschließend fliegst du zum nächsten Zielpunkt und machst dort genau das gleiche. Eventuell wird das ganze ein drittes Mal wiederholt, oder aber du bekämpfst einen Boss. Jedes Mal.

Am Ende der Mission gibt es für jeden der vier Teilnehmer Loot – und da offenbart sich das nächste Problem. Es ist einfach nicht spannend, in Anthem bessere Waffen und Ausrüstungen zu erhalten. Zwar verbessert sich dein Loadout in der Regel mit jedem Einsatz ein wenig, in der Praxis bedeutet das jedoch nur, dass hier mal ein Wert um fünf Prozent und dort eine Zahl um zwei Punkte steigt.

Noch dazu ist das Verwalten der Ausrüstung eine Qual. Um deinen Javelin auszurüsten, musst du die Schmiede aufsuchen, einen Ladebildschirm abwarten und dich daraufhin durch nahezu Excel-Tabellen-artige Menüs mit Waffen und Ausrüstung wühlen. Jeder Klick und jede Aktion – und sei es nur das Zerlegen alter oder unnützer Ausrüstung – dauert stets ein bis zwei Sekunden länger als nötig, sodass selbst aus der Inventarverwaltung ein nervenzehrendes Geduldsspiel wird.

Für einen Shooter, der seine Langzeitmotivation praktisch ausschließlich über seine Loot-Spirale sicherstellen will, ist es erschreckend, dass ausgerechnet in diesem Aspekt so viel Zeit verschenkt wurde. Die Suche nach neuem Loot ist einfach nicht motivierend genug, um die nächste, erneut komplett gleiche Mission zu starten. Ist es dann wenigsten die Handlung?

BioWare ist nicht mehr BioWare

Bioware ist nicht mehr das gleiche Studio wie früher. Das ist keine platte „BioWare war früher besser“-Nostalgie, sondern der faktische Umstand, dass zahlreiche BioWare-Entwickler, die das Studio in der Vergangenheit geprägt haben, schon vor einigen Jahren dort ausgestiegen sind – insbesondere während der Entwicklungsphase von Anthem. So hat Dragon Age-Autor Mike Laidlaw etwa bereits im Oktober 2017 seinen Hut genommen. Zufall?

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Dementsprechend ist es wahrscheinlich keine große Überraschung, dass die Story oder zumindest der Plot von Anthem eine ziemliche Bauchlandung ist. Eine Gruppe von Menschen lebt hinter den sicheren Mauern von Fort Tarsis, während draußen die gefährlichen Scars und die bösen Dominion-Anhänger lauern. Du selbst bist ein Freelancer, der außerhalb der Mauern per Raketenantrieb für Ordnung sorgt, um es mal grob zusammen zu fassen. Die ausführlichere Version ist jedoch auch nicht viel spannender.

Besonders in den Dialogen schmerzt der Vergleich zu BioWares Vergangenheit. Während du früher die Gespräche tatsächlich gestalten und stets aus unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten auswählen konntest, die letztendlich sogar Konsequenzen hatten, laufen die Gespräche in Anthem vollkommen automatisiert ab und geben dir nur in Ausnahmefällen die Auswahl zwischen zwei (!) Optionen, die jedoch keinerlei ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.

Okay, fairerweise ist Anthem kein Rollenspiel, sondern ein MMO-Shooter, in dem es nicht um Story-Entscheidungen, sondern um Loot geht. Aber dann darf die Frag erlaubt sein, warum überhaupt BioWare für die Entwicklung des Titels verantwortlich gemacht wurde, wenn das Spiel auf keine einzige der Stärken setzt, für die BioWare bekannt ist?

Deutlich mehr Potential hat da die Geschichte der Welt selbst. Leider wird diese kaum im Spiel selbst, sondern nur mittels allerhand Sammelobjekten und Textfenstern erzählt. An den meisten Spielern wird sie daher bestimmt vorbei gehen. Zumindest in Reddit-Foren könnte sie in Zukunft für spannende Diskussionen und Theorien sorgen, in denen Fans die mysteriöse Geschichte der Welt von Anthem zu ergründen versuchen.

Lass uns Apex Legends spielen

Obwohl es rein technisch gesehen auch möglich ist, Anthem im Alleingang zu meistern, ist das Spiel klar auf Koop-Missionen mit drei Mitstreitern ausgelegt. Das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist es eine enorme Erleichterung, die häufigen und stets nervigen Sammelaufträge („Finde vier Hinweise“, „Sammle sechs Echos“) nicht alleine angehen zu müssen, du sparst dadurch eine Menge Zeit. Außerdem ist es praktisch, dass Missionsziele nur von einem der Spieler aktiviert werden müssen, statt etwa alle Teilnehmer einzeln einen Funkturm aktivieren zu lassen, wie es unter anderem in Fallout 76 der Fall ist.

Andererseits kennt das Spiel im Koop keine Kompromisse. Einzelgänger, die sich von der Gruppe trennen, werden nicht geduldet – auch wenn dies gar nicht ihre Absicht war. Aufgrund der extremen Ladezeiten ist es dadurch häufig der Fall, dass Spieler erst mit etwas Verzögerung die laufende Partie betreten und direkt eine Meldung bekommen, dass sie sich zu weit vom Missionsgebiet entfernt haben. Einen Timer und einen weiteren Ladebildschirm später werden diese dann zu ihren Mitstreitern teleportiert – die aufgrund der Ladezeiten jedoch mitunter erneut in einem anderen Gebiet sind. Und so wiederholt sich der Spaß auf ein Neues – bis die Mission irgendwann zu Ende ist und der Loot verteilt wird.

Das ist nicht nur frustrierend für solche Spieler, die sich tatsächlich an den Missionen beteiligen wollen, sondern auch ein gefundenes Fressen für alle, die sich einfach nur passiv durch die Missionen ziehen lassen wollen, um am Ende die Erfahrungspunkte einzustreichen. Selbst wenn keine tiefer gehenden Absichten dahinter stecken und ich beispielsweise einfach nur ein Sammelobjekt in der näheren Umgebung aufsammeln will, droht mir häufig der Zwangstransport.

Ebenso verwunderlich ist es, dass ein Spiel, dass so offensichtlich auf Koop ausgelegt ist, praktisch keine Möglichkeiten bietet, mit meinem Team zu kommunizieren. Wer nicht mit Bekannten über Discord oder Teamspeak verbunden ist, guckt in die Röhre – und das wenige Wochen nachdem Apex Legends meisterhaft bewiesen hat, wie zugänglich die Kommunikation dank Ping-Funktion und gutem User Interface selbst mit unbekannten Team-Kollegen funktionieren kann. Da darf sich BioWare von den EA-internen Kollegen gerne ein paar Ideen abschauen.

Wo ist die Wertung?
Anthem ist spielbar, aber alles andere als fertig. In der aktuellen Fassung ist das Spiel nur hartgesottenen Fans zu empfehlen, die sich am repetitiven Grind und den immer gleichen Missionen nicht stören. BioWare-Fans, die das Entwicklerstudio in erster Linie wegen der tollen Geschichten und Charaktere feierten, kommen in Anthem nicht auf ihre Kosten. Allerdings ist die aktuelle Verkaufsversion von Anthem nicht die finale Version, eine solche wird es womöglich auch nie geben, da sich Online-Spiele mit ihrem Service-Modell in einem stetigen Wandel befinden. Eine vermeintlich finale Wertung wäre aus diesem Grund möglicherweise bereits in wenigen Monaten nicht mehr aussagekräftig.

So viel Potential

Anthems aktueller Zustand lässt sich bestenfalls als mittelmäßig beschreiben. Unter Idealbedingungen, mit dem richtigen Team und unter der Voraussetzung, dass dich das repetitive Gameplay nicht stört kann Anthem eine Menge Spaß machen – und es gibt durchaus Spieler, bei denen auch genau das der Fall ist.

Dennoch bleibt das Spiel so weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Wie Iron Man mit dem Javelin durch die Welt von Anthem zu fliegen und dabei darauf zu achten, dass der Anzug nicht überhitzt ist beispielsweise fantastisch, nur macht das Spiel viel zu wenig damit. Dabei steckt allein in diesem Feature das Potential für ganze Spielmodi.

Von den technischen Macken des Spiels, die hoffentlich in den kommenden Wochen behoben werden, einmal abgesehen fühlt sich einfach zu wenig in Anthem wirklich durchdacht und zufriedenstellend an. Die Loot-Spirale wirkt lieblos, die Story größtenteils belanglos und selbst das Endgame besteht fast ausschließlich aus bereits bekannten Missionen.

Anthem: Alles zum Endgame – This Is Anthem – Gameplay Series, Part 2.

Trotzdem steckt in dem Konzept so viel Potential. So sind die sogenannten Shaper ein wichtiger Bestandteil der Lore, denn nicht nur das Spiel selbst, auch die Welt von Anthem befindet sich theoretisch noch immer im Wandel. Fortnite hat vorgemacht, welche Faszination von einer sich stetig verändernden Spielwelt ausgehen kann – und vielleicht erkennt auch Anthem dieses Potential.

Dass das Spiel kontinuierlich um neue Inhalte erweitert werden wird, ist kein Geheimnis. Ich hoffe, dass es diese schaffen werden, dass ich eines Tages keine leerstehende Wohnung mehr vorfinde, sondern jeden Abend gern in ein gemütliches und abwechslungsreiches Zuhause zurückkehren mag. Aktuell ist das Spiel seine 70 Euro nicht wert. Aber wer weiß – vielleicht ist Anthem in ein oder zwei Jahren ja ein wirklich tolles Spiel. ¯\_(ツ)_/¯

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