Assassin's Creed Odyssey im Test: Die Kult(isten)-Reihe erreicht das alte Griechenland

Alexander Gehlsdorf

Ein Assassin’s Creed ohne Assassinen? Ubisoft schickt dich erstmals in eine Zeit, lange bevor der namensgebende Orden überhaupt gegründet wurde. Trotzdem bekommen Serien-Fans in Assassin’s Creed: Odyssey genau das, was sie sich gewünscht haben.

Assassin's Creed Odyssey - Launch Trailer.
Ein neues Jahr, ein neues Assassin’s Creed. Nachdem die Reihe sich im Jahr 2016 eine Auszeit genommen hat, um an dem – im Vergleich zu den Vorgängern – deutlich ambitionierteren Assassin’s Creed: Origins zu arbeiten, taktet das Franchise jetzt wieder im altbekannten Rhythmus. Dennoch versprach Ubisoft große Neuerungen: „Assassin’s Creed: Odyssey ist unser erstes, richtiges Rollenspiel!“ Ein mutiges Versprechen also, das dazu führt, dass sich Assasin’s Creed: Odyssey mit Genre-Größen wie The Witcher 3 oder der Fallout-Reihe messen muss.

Nun waren zahlreiche Features, die traditionell mit Rollenspielen assoziiert werden, bereits in Assassin’s Creed: Origins mit von der Partie. Bayek konnte im Level steigen, Skillpunkte verteilen und zahlreiche Haupt- und Nebenquests absolvieren. Die große Neuerung in Odyssey lautet: Entscheidungen.

Das beginnt bereits im Anfang des Spiels, wenn du zwischen Kassandra und Alexios wählen musst.  Zwar ist Assassin’s Creed: Odyssey nicht das erste Spiel der Reihe, in dem du auch in die Rolle einer Frau schlüpfen kannst, so konsequent wie jetzt wurde es bisher jedoch nicht umgesetzt. Toll: Deine Entscheidung für einen der beiden Charaktere wird geschickt in die Handlung des Spiels verflochten und wird auch im späteren Spielverlauf aufgegriffen.

Als Alexios beziehungsweise Kassandra trittst du in große Fußstapfen, denn dein Großvater war kein geringerer als König Leonidas, der sich in der Schlacht bei den Thermopylen dem persische Heer unter der Führung von Xerxes entgegenstellte — popkulturell verewigt in der Graphic-Novel-Adaption 300. Kassandra, mit der ich den Rest des Spiels absolviere, hat also nicht nur eine historisch bedeutsame Blutlinie im Gepäck, sondern auch Leonidas Speer, in dem deutlich mehr Macht schlummert als in den herkömmlichen, eisernen Zahnstochern.

Bilderstrecke starten
14 Bilder
Assassin's Creed Charaktere: Alle Meuchler von Altaïr bis Bayek.

Weiterhin erhält sie Unterstützung von ihrem gefiedertem Freund Ikaros, der wie sein Counterpart Senu aus Assassin’s Creed: Origins die Welt aus der Luft betrachten kann, um Feinde zu markieren, Missionsziele aufzudecken oder Schnellreisepunkte auszuwählen. Mit dem Speer in der Hand und dem Adler auf der Schulter ist Kassandra also bestens ausgerüstet, in die Weiten des antiken Griechenlands aufzubrechen.

Immer etwas zu tun

Das anschließende Insel-Hopping motiviert überraschend gut, vor allem durch die gelungene Story. Trotz namhafter Vorfahren muss Kassandra nämlich feststellen, dass ihre familiären Verhältnisse deutlich komplizierter ausfallen, als ursprünglich angenommen. Statt also einfach nur die Welt retten zu wollen, wird Kassandra von der Suche nach Antworten auf ihrer Reise getrieben.

Ein bisschen Weltrettung darf natürlich trotzdem nicht fehlen, denn Griechenland wurde von einem mysteriösen Kult unterwandert. Dessen Mitglieder sollen entlarvt und umgebracht werden, schließlich muss ein Assassin’s Creed seinem Namen auch gerecht werden, auch wenn der dazugehörige Orden erst Jahrhunderte später in Origins gegründet werden wird.

Dieser Mix aus persönlicher Story und optionalen Nebenaufgaben greift erstaunlich gut ineinander, nie fühlt sich eine Aufgabe überflüssig oder erzwungen an. Alle Features fügen sich organisch zu einem großen Ganzen zusammen. Die Zeit der überflüssigen Sammelaufgaben, für die Assasin’s Creed lange bekannt war und die nur dem Zweck dienten, die Spielzeit künstlich zu strecken, gehören der Vergangenheit an.

Wenn etwa noch zwei Level-Aufstiege fehlen, um die nächste Story-Mission zu absolvieren, liegt es nahe, eine der zahlreiche Nebenmissionen zu absolvieren, die allesamt gut geschriebene, kleine Geschichten erzählen. Diese Nebenmissionen lüften häufig auch die Identität eines Kultisten. Dessen Ermordung bringt nicht nur mehr Licht ins Dunkle der Verschwörung, sondern wirft auch die nötigen Materialien ab, um Leonidas Speer weiter aufzuwerten. Ein hochstufiger Speer wiederum schaltet verbesserte Skills und Talente in den drei Kategorien Jäger, Krieger und Assassine frei und schon ist auch die anfangs noch aussichtslose Story-Mission kein Problem mehr.

Polizeifahndung anno 431 vor Christus

Auch das Item-System kann auf ähnliche Art und Weise motivieren, denn Assassin’s Creed: Odyssey schafft es tatsächlich, dass sich kein Waffen- und Rüstungsfund je überflüssig anfühlt. Entweder ist der neue Gegenstand ein Upgrade gegenüber der aktuellen Ausrüstung — dann ist die Freude automatisch groß. Oder aber du entscheidest dich dafür epische oder legendäre Gegenstände, die über zusätzliche Attributs-Boni verfügen, beim Schmied aufzuwerten und deinem aktuellen Level anzupassen. Das verschlingt Ressourcen, diese hingegen erhältst du aber durch das Zerlegen gefundener Ausrüstung oder sammelst sie in der Spielwelt auf. Das nächste Upgrade ist also stets nur wenige Schatztruhen entfernt, egal welchen Werten die gefundene Klinge entspricht.

Gute Ausrüstung verspricht außerdem die Konfrontation mit Söldnern, die es stets dann auf dich abgesehen haben, wenn du es mit der Einhaltung der antiken Gesetze mal wieder nicht ganz so genau genommen hast. Anders als im Vorgänger erinnert das aktuelle System am ehesten an das Fahndungslevel aus Grand Theft Auto. Je schwerer deine Vergehen, desto mehr Söldner haben es auf dich abgesehen und verfolgen dich von Insel zu Insel. Um die Verfolger wieder loszuwerden kannst du einerseits das ausgesetzte Kopfgeld bezahlen oder alternativ denjenigen ausschalten, der die Summe auf dich ausgeschrieben hat. Lässt du dich hingegen auf einen Kampf ein, winken dir als Belohnung für deine Mühe epische und legendäre Gegenstände — das Kopfgeld selbst bleibt aber trotzdem bestehen, getötete Söldner werden also durch neue und im Zweifel stärkere ersetzt.

Quatschen bis der Bildschirm schwarz wird

Allerdings muss nicht immer gekämpft werden. So stehen Kassandra in jedem Dialog mehrere Antwortmöglichkeiten zur Verfügung. Völlig frei kannst du die Persönlichkeit von Kassandra oder Alexios damit jedoch nicht gestalten. Vielmehr haben die Optionen Einfluss auf den Verlauf der Quest und verpassen deinem Charakter ein wenig mehr Leben. Entlarvst du etwa einen Verräter, hast du mitunter die Auswahl Gnade walten zu lassen, statt den Schurken mit einem Dolch im Bauch zu belohnen. Das könnte in einzelnen Fällen dazu führen, dass er dir zum Dank nützliche Informationen mitteilt oder aber dich im weiteren Questverlauf noch einmal hintergeht. Das Dialogsystem verleiht den Quests des Spiels ein wenig Varianz, unterm Strich dürften sich dennoch die meisten Aufgaben gleich anfühlen.

Ein wenig mehr Einfluss hast du dem gegenüber auf das politische Gleichgewicht des antiken Griechenlands. Anno 431 vor Christus befinden sich Sparta und Athen nämlich im Krieg. Wenn du willst, kannst du Vorräte verbrennen, Anführer einzelner Gebiete ermorden und schließlich auf dem Schlachtfeld eine Fraktion deiner Wahl verteidigen oder eben angreifen. Ein netter Zeitvertreib, der jedoch in erster Linie zum Verdienen von Erfahrungspunkten und Ausrüstung dient.

Bilderstrecke starten
18 Bilder
Assassin's Creed: Die Geschichte aller Assassinen und Spiele.

Ebenfalls nett, aber letztendlich austauschbar sind die Romanzen des Spiels. Ab und an steht in den Dialogoptionen eine Antwort zu Auswahl, die mit einem Herz markiert ist. Viel mehr muss in den meisten Fällen gar nicht beachtet werden, um am Ende der Quest mit einem Techtelmechtel belohnt zu werden. Das findet hübsch züchtig in Form einer Schwarzblende statt und logischerweise wird mit dem soeben eroberten Partner im weiteren Spielverlauf kein Wort mehr gewechselt. Genau so habe ich mir schon immer Liebesbeziehungen im alten Griechenland vorgestellt. Nicht.

Mein Test-Fazit zu Assassin’s Creed: Odyssey

Das große Versprechen vom echten Rollenspiel kann Assassin’s Creed: Odyssey nicht halten. Die Dialogoptionen erlauben nur in Ansätzen, den eigenen Charakter zu gestalten oder den Verlauf einer Quest maßgeblich zu verändern. Tatsächlich gab es ab und an sogar Situationen, in denen ich gern ein Machtwort gegenüber meinem Gesprächspartner gewechselt hätte, Kassandra jedoch ausgerechnet in diesem Moment stumm blieb. Auch die Romanzen verpuffen zum oberflächlichen Gimmick.

Hier kannst du Assassin's Creed: Odyssey bestellen *

Das Gesamtbild trübt das allerdings nur geringfügig, denn Assassin’s Creed: Odyssey schafft es glänzend, mehr als nur die Summe seiner Teile zu sein. Haupt- und Nebenmissionen greifen organisch ineinander, überflüssige Sammelaufgaben gehören der Vergangenheit an und das antike Griechenland gehört zu den schönsten Spielwelten, die ich in den letzten Jahren erkunden durfte. Jeder Sandalenfilm, den ich als Kind im Sonntagnachmittagsprogramm gesehen habe, kriecht mit zunehmender Spielzeit aus meinem Unterbewusstsein hervor.

Vor allem aber macht Assassin’s Creed: Odyssey Spaß. In meinen bisher 40 Stunden Spielzeit gab es praktisch keinen Leerlauf, stets habe ich ein Ziel vor Augen und insbesondere in den Nebenmissionen versteckt sich hin und wieder echtes Comedy-Gold. Wer sich auf der Insel Pephka dem sagenumwobenen Minotauren stellen will, wird verstehen was ich meine.

Wird dir gefallen, wenn du bereits Assassin’s Creed: Origins mochtest und eine Schwäche für Verschwörungen und Kultisten hast.

Wird dir nicht gefallen, wenn du glaubwürdige Beziehungen und ein echtes Rollenspiel erwartet hast, in dem du deinen Charakter ganz nach deinem Sinn gestalten kannst.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • PUBG: Spielerzahl auf dem niedrigsten Stand seit langem

    PUBG: Spielerzahl auf dem niedrigsten Stand seit langem

    PlayerUnknown’s Battlegrounds mag zwar den Battle-Royale-Markt revolutioniert haben, der Zug ist ihnen aber längst davongefahren. Zumindest, wenn wir uns die Spielerzahlen der letzten Tage ansehen. Mit 734.223 Spielern gleichzeitig auf Steam kann PlayerUnknown’s Battlegrounds nur noch ein Viertel der Spieler aufweisen, die es noch Anfang Januar waren.
    Victoria Scholz
  • WWE 2K19: Warum Wrestling endlich wieder Spaß macht

    WWE 2K19: Warum Wrestling endlich wieder Spaß macht

    Bret „Hitman“ Hart, The Undertaker oder „Stone Cold“ Steve Austin: Es gab Zeiten, da war Wrestling überall. Heute erfährt es eine neue Hochphase – dank neuer Vermarktungswege und dem Aufstieg kleinerer, unabhängiger Ligen. Platzhirsch WWE thront natürlich über allem – auch im Videospielbereich. Wird WWE 2K19 endlich den Ansprüchen der Community gerecht oder handelt es sich doch wieder nur um eine weitere, solide...
    Olaf Bleich
* gesponsorter Link