Retro Games: Warum nicht jeder Spieleklassiker in die Hosentasche passt

Tobias Heidemann 13

Mobiles Retro-Gaming liegt voll im Trend. Immer häufiger trifft die Generation „Space Invaders“ auf alte Bekannte. Still und heimlich haben die Memorabilia einer verschwendeten Jugend iOS und Android übernommen. Mit der massenhaften Neuauflage altehrwürdiger Arcade-Hits à la „Pac Man“, „Speedball“ oder „Frogger“ ist die Retro-Welle aber noch nicht gebrochen. Längst arbeitet man hinter den Kulissen an Phase zwei: Gefeierte Meilensteine wie „Baldur´s Gate“ sollen mit ihren komplexen Narrationen und anspruchsvollen Spielwelten den mobilen Markt erobern. Ein Grund zur Freude? Auf keinen Fall, denn es gibt Spiele, die passen einfach nicht in die Hosentasche.

Retro Games: Warum nicht jeder Spieleklassiker in die Hosentasche passt

Retro funktioniert. Vor allem für die Hersteller. Nostalgie und die Aura des Altverdienten machen den Erfolg einer Spiele-App nämlich planbar. Oder besser gesagt: planbarer, denn riskant bleibt die Produktion von Mobile Games aufgrund der Vielzahl von Monetarisierungs- und Distributionsmodellen für die Hersteller trotzdem. Eine bekannte Lizenz hilft jedoch dabei, einige dieser Risiken einzuschränken. Wenn „Megaman“ drauf steht, wird dahinter Qualität vermutet und die lässt sich der Kunde gerne ein paar Cent mehr kosten. Gleiches gilt natürlich auch für das Franchising der großen Retail-Publisher, die mit ihren etablierten Marken von „Mass Effect“ bis „GTA“ auf dem mobilen Markt heute mehr als nur ein Zubrot verdienen.

Mein Punkt? Retro ist heute zum Geschäftsmodell geworden. Was als ungeordnete Wiederbelebung vergessener Arcade-Perlen begann, ist heute ein klar konturiertes Mobile-Produkt mit einer vollständig ausgemessenen Zielgruppe.

Retro ist Geschäftsmodell

Die Neuauflage des Rollenspiel-Klassikers für das iPad (neben PC/MAC) markiert nur den Anfang einer Entwicklung, die uns eher früher als später Tablet- und Smartphone-Umsetzungen von „Diablo“, „Fallout“, „Ultima“ oder „Planescape Torment“  bescheren wird.

 

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Die besten Spiele der 90er.

Ein Mobile Game ist kein PC Spiel

Die RPG-Klassiker auf dem Smartphone – macht das denn überhaupt Sinn? Ich denke nicht. Zunächst mal brechen die Hersteller für die lukrative Portierung dieser Lizenzen auf mobilen Plattformen ihre eigenen Regeln. Befragt nach der wichtigsten Grundlage einer Spiele-App wird nämlich jeder Games-Designer immer die gleiche Antwort geben: Ein Mobile-Game ist kein PC Spiel.

Die technische Infrastruktur und die Usergewohnheiten unterscheiden sich von den Voraussetzungen am heimischen Bildschirm in der denkbar fundamentalsten Weise. Wer in den eigenen vier Wänden spielt, der hat Zeit für ein opulentes Vier-Gänge-Menü bei Kerzenschein und Lieblingsplatte. Wer unterwegs zockt,  braucht kaum mehr als einen schnellen Snack. „Baldur´s Gate“ ist aber kein Müsli-Riegel – es ist eine verdammte Wildsau.

Baldur´s Gate ist kein Müsli-Riegel

Die weit ausholende, charaktergetriebene und dialoglastige Erfahrung, die ein „Baldur´s Gate“ seinen Spielern bietet, ist für kurze Sessions in der U-Bahn denkbar ungeeignet. Sie ist darauf angelegt, stundelang in der digitalen Fabelwelt Faerûns (dem Schauplatz des Rollenspiels) einzutauchen, in ihr aufzugehen und sich mit jedem erlebten Abenteuer ein bisschen mehr mit dem erstellten Charakter zu identifizieren.

Allein die Charaktererstellung kann Rollenspiel-Puristen schon mal eine kleine Ewigkeit kosten. Auch die Quests in „Baldur´s Gate“ lassen sich nur in wenigen Ausnahmen innerhalb einer Stunde erleben. In der Regel handelt es sich um mehrstufige Aufgaben, die den Spieler mit ausführlichen Wortmeldungen der legendär illustren Figurenriege konfrontiert. Wer alle Nuancen und Winkelzüge der fantastischen Story mitnehmen möchten, der muss „Baldur´s Gate“ seine volle Aufmerksamkeit schenken. Die wendungsreiche Handlung galt schon 1998 als ein ziemlicher Brocken – wie man ihr auf der Grundlage einer Zwischendurch-Mentalität folgen soll, bleibt vorerst ein Rätsel der Entwickler von Overhaul Games.

Baldur's Gate - Teaser.

Hauptsache Retro?

Die mobile Auferstehung geliebter Klassiker ist an sich eine feine Sache. Immerhin birgt sie stets auch die Chance, die zeitlose Qualität dieser Titel einer ganz neuen Generation zugänglich zu machen. Mit der Brechstange sollte man dieses Unterfangen allerdings nicht angehen. Die Retail-Publisher haben ein sehr starkes Interesse an der Neuverwertung angestaubter Lizenzen auf den mobilen Märkten entwickelt. Das ist an sich nichts Anstößiges. Es steht allerdings zu befürchten, dass sie die dortigen Absatzpotentiale über die Sinnhaftigkeit dieser Portierungen stellen werden.

Wer vermeiden möchte, dass die zweite Phase der mobilen Retro-Welle zu einem hastig programmierten Sell-Out verkommt, der muss die systemischen Differenzen zwischen Mobile und Sofa anerkennen. Neu sind diese Probleme dabei nicht. Auch das frühe Multiplattforming auf PC und Konsolen hat uns seinerzeit viel Ärger bereitet. Lieblos, technisch unsauber und nicht zu Ende gedacht waren viele Ports aus dieser Zeit. Ob man aus den damaligen Fehlern gelernt hat, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Verdient hätten „Baldur´s Gate“ & Co es auf jeden Fall.

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