Bayonetta 2: Wenn Epik nur Gewohnheit ist

Robin Schweiger 4

„Bayonetta 2“ hätte es nach den Regeln der Industrie niemals geben dürfen. Der Vorgänger wurde von den Kritikern gefeiert, verkaufte sich jedoch nicht oft genug, um die Verantwortlichen bei Publisher Sega von einem Sequel zu überzeugen. Nintendo ergriff die Chance, um sich mit der Rückkehr der selbstbewussten Hexe einen Exklusiv-Titel zu sichern, der abseits von Mario und Co. neue Zielgruppen für die Wii U begeistern könnte. Mit einem starken Geldgeber im Rücken konnte Entwickler Platinum Games anschließend erhebliche Ressourcen in die Entwicklung stecken - was kann da noch schief gehen?

Bayonetta 2: Wenn Epik nur Gewohnheit ist

bayonetta-teaser

Bayonetta 2“ erfüllt alle Erwartungen. Was für die meisten Spiele ein schlichtes Kompliment darstellen würde, hat in diesem Falle jedoch auch seine negativen Aspekte. Denn was Platinum-Spiele im Allgemeinen und „Bayonetta“ im Speziellen zu so etwas Besonderem machen, ist ihre spielerische und inszenatorische Unberechenbarkeit.

Nachdem Bayonetta gemeinsam mit ihrer Freundin Jeanne im ersten Teil erfolgreich eine Göttin in die Sonne warf, nimmt die Welt wieder ihren gewohnten Lauf. Während einer Shopping-Tour werden jedoch erneut die übermenschlichen Kampffähigkeiten der beiden Hexen gefordert, als plötzlich nicht nur wild gewordene Engel und unbemannte Kampf-Jets, sondern auch ehemals verbündete Dämonen die beiden Freundinnen attackieren. Im Laufe des Kampfes wird Jeanne überwältigt und ihre Seele landet in den Abgründen der Hölle - klar, dass Bayonetta da nicht lange zögert und sich umgehend auf den Weg macht, um ihre Freundin zu retten.

Diese simple Prämisse verliert leider schnell ihren Reiz, weil sie über viel zu lange Zeit gestreckt wird und in einem gigantischen Storytelling-Brei aus Flashbacks, Zeitreisen und Dimensionswechseln schließlich endgültig der totalen Konfusion weichen muss. Wie von Platinum Games gewohnt, ist die Geschichte ein unfokussiertes Sammelsorium der verschiedensten Ideen, das in erster Linie dazu dienen soll, möglichst spetakuläre Szenarien und Kämpfe präsentieren zu können. Das kann funktionieren, etwa wenn der Wahnsinn der erzählten Geschichte in Spielen wie „Metal Gear Rising“ und „The Wonderful 101“ selbstreferentiell anerkannt und augenzwinkernd präsentiert wird. Stattdessen möchte „Bayonetta“-Mastermind Hideki Kamiya, der für den zweiten Teil nur noch für die Geschichte zuständig war und sich ansonsten größtenteils aus der Entwicklung des Nachfolgers heraushielt, jedoch eine ernste, emotionale Geschichte voller Twists erzählen. Das führt dann in den oftmals viel zu langen Zwischensequenzen vor allen Dingen zu Langeweile, auch weil die Story oft nur in Form von spärlich animierten Motion-Comics präsentiert wird.

Spielerisch gibt es dagegen wenig zu kritisieren. Statt das Kampfsystem von „Bayonetta“ grundlegend zu verändern, wird es in verschiedenen Szenarien subtil modifiziert. Mit gutem Grund: „Bayonetta“ brillierte mit einem der eingängigsten, spektakulärsten und komplexesten Kampfsysteme, seit Kamiya das Genre einst mit „Devil May Cry“ salonfähig machte. Mit einem knappen Dutzend an neuen freispielbaren Waffen gibt es zig neue Kombos zu entdecken und perfektionieren. Statt sich einfach am großen Gegner-Fundus des ersten Teils zu bedienen, setzt euch Platinum zudem ständig völlig neue Engel und Dämonen vor die Nase, deren Verhaltensweisen sich stark voneinander unterscheiden. Zentrales Spiel-Element bleibt die sogenannte „Witch-Time“, die automatisch aktiviert wird, wenn ihr einem gegnerischen Angriff mit dem richtigen Timing ausweicht. Während eure Umgebung dadurch auf Zeitlupentempo verlangsamt wird, bekommt ihr die Möglichkeit, in gewohnter Geschwindigkeit einige Sekunden lang gefahrlos Schaden auszuteilen.

Jede abgeschlossene Kombo wird dabei mit einem besonders starken Angriff unter Zuhilfenahme eines Dämons belohnt - bei einem finalen Faustschlag erscheint dann etwa eine gigantische Dämonenfaust aus dem Nichts, die gemeinsam mit Bayonetta nochmal ordentlich austeilt. Besonders cool: Jede Waffe hat individuelle Abschlussmanöver und beschwört unterschiedliche Dämonen hervor. So werdet ihr das eine Mal von einem gigantischen Adler und ein andermal von einem Einhorn mit einem gigantischen Schwert auf der Stirn unterstützt. Dank des neuen „Umbran Climax“-Features könnt ihr zudem alle paar Minuten jeden eurer Angriffe mit der Kraft des jeweiligen Dämons verstärken, was sowohl spielerisch als auch optisch immer wieder von Neuem begeistert.

Im Gegensatz zum ersten Teil schafft es „Bayonetta 2“ leider nicht, diese hervorragenden Spielsysteme in immer spektakulärer werdenden Szenarien zu präsentieren. Insgesamt wirkt die Geschichte sehr viel weniger episch als die des ersten Teils und hat im zweiten Drittel sogar einen extremen Hänger, in dem ihr gute ein bis zwei Stunden lediglich durch bereits bekannte Gebiete rennt und ebenso altbackene Gegner bekämpft. Platinum schafft es nicht, die klassischen Versprechungen eines Nachfolgers einzuhalten: „Bayonetta 2“ ist nicht größer und besser, sondern erscheint viel mehr wie ein Remix des ersten Teils, der ohne eigene Ambitionen daherkommt. Dieser Remix spielt sich noch immer hervorragend, schafft es aber nicht, mich mit offenem Mund vor dem Bildschirm zu fesseln, weil er keine Steigerung, sondern vielmehr eine Alternative darstellt.

Daran ändert auch der neue Mehrspieler-Modus nichts, der konzeptionell spannend klingt, in der Umsetzung jedoch schlampig integriert wurde. In einzelnen Challenges könnt ihr euch über das Internet mit einem weiteren Spieler gegen einige Wellen von Gegnern erwehren. Großartiges Zusammenspiel ist aufgrund des extrem schnellen Kampfsystem kaum möglich. Die Möglichkeit, sich gegenseitig wiederzubeleben, ist da schon das höchste der Gefühle. Das Matchmaking-System braucht jedoch eine Weile, um einen geeigneten Partner zu finden. Während der Wartezeit könnt ihr den Modus schon einmal alleine spielen.

Sollte jedoch währenddessen ein geeignetes Spiel gefunden werden, verliert ihr sämtliche Halos, die ihr in den letzten Minuten verdient habt, mit denen ihr neue Waffen, Items und Kostüme kaufen könnt. Gelegentlich führt dies dazu, dass der Spieler auf der anderen Seite der Verbindung mehrere Minuten lang gar nicht daran interessiert ist, mit mir zu spielen, ohne jedoch eine Möglichkeit zu haben, mir das mitzuteilen. Kommt es doch zu einem Coop-Match, dann wird jeder einzelne Challenge-Raum von einer Ladezeit und einem Level-Select-Bildschirm unterbrochen, wo ihr zudem Halos auf euren eigenen Erfolg wetten dürft. Eine nette Idee, die aber immer wieder den Spielfluss zerstört.

Fazit:

Platinum Games bietet ein unverändert großartiges Kampfsystem und eine Wagenladung an neuen Inhalten, die die Erwartungen zwar erfüllen, aber nicht übertreffen können.

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