Call of Duty – Infinite Warfare im Test: Zukunft ist Vergangenheit

Leo Schmidt 2

Entwickler Infinity Ward verlegt in Call of Duty: Infinite Warfare den Kampf um die Herrschaft über die Erde in eine weit entfernte Zukunft. Trotz des neuen Szenarios und epischer Weltraumschlachten bleibt die Erfahrung aber eher gewöhnlich. Woran das liegt, erfährst Du in unserem Test.

Call of Duty: Infinite Warfare im Test.

Call of Duty: Infinite Warfare im Test

Ach, so viele gute Wortspiele, die man dem neuen Call of Duty angesichts der gewaltigen Abstrafung, die es durch die Spieler bereits im Vorfeld erlebt hat, hätte aufbrummen können. „Unter keinem guten Stern“ zum Beispiel, oder „Überirdisch gewöhnlich“. So oder so schneit die Spaceoper, die stilistisch ein bisschen wirkt, als hätte Tom Clancy Mass Effect geschrieben, derzeit wieder in die Wohnstuben von unzähligen Shooter-Enthusiasten. Die gute Nachricht: Wir kriegen Qualität, wie ja eigentlich immer. Die schlechte: Eine Überraschung kriegen wir nicht.

Es ist erstaunlich, obwohl die alle Jahre wieder heruntergebetete Mär vom heldenhaften Soldatentrupp, der die Freiheit verteidigen muss, sich diesmal so weit in die Zukunft wagt wie nie zuvor, hat sie sich doch von den Wurzeln der Reihe keinen Meter entfernt. Gab es im Vorfeld auf Events noch ruhigere Missionen zu sehen, in denen kaum ein Schuss fiel, so dreht Infinite Warfare im finalen Spiel in altbekannter Manier sofort auf.

Der Konflikt ist diesmal der zwischen dem Erdmilitär und der marsianischen paramilitärischen Miliz SDF, angeführt von Jon Snow. Natürlich hat Kit Haringtons Charakter einen anderen Namen, aber wer merkt sich den, wen interessiert er, warum sollten wir uns verstellen? Viel eklatanter ist, dass Harington eklatant fehlbesetzt ist. Der Mann ist keine 30, sieht permanent aus, als sei er zu stolz auf seinen ersten Teenie-Flaumbart, und soll hier einen narbigen Admiral ohne Skrupel mimen? Immerhin passt er damit gut zum Rest der blassen Staffage.

Macht euch keine Illusionen, Kampagnen-Freunde: Wenn auch aus den Marines nun ganz offiziell Space Marines wurden, so ist es doch dieselbe Parade an Bürstenköppen, die in theatralischem Militarismus-Singsang dasselbe Freiheitsgeplärre runternudeln, und nach außen den Eindruck von harter Badassery erzeugen sollen, indem sie kryptischen Slang, Codewörter und anderen verbalen Soldaten-Nonsense verwenden. Die drei Charaktere sind diesmal: der Mann, die Frau und der Roboter, der – haha, wie pfiffig – der menschlichste und witzigste von ihnen ist. Herrjeh.

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Spiele, die schon vor dem Release gehasst wurden.

Schau Dir den Einstieg in Call of Duty: Infinite Warfare an:

Call of Duty: Infinite Warfare – Die ersten 30 Minuten (Kampagne).

Domo Arigato

„Roboter“ ist ein gutes Stichwort, um vom Elend der Story gleich wieder wegzukommen und uns dem Gameplay zuzuwenden. Dadurch, dass Infinite Warfare in der fernen Zukunft spielt, ändert sich nicht so viel, wie man denken sollte. Imposant gescriptete Missionsmomente sind ebenso vorhanden wie das übliche solide Gunplay. Doch die allgegenwärtige Präsenz von Androiden auf den schlauchigen Schlachtfeldern sorgt für ein paar neue Mechaniken. So kommen Waffen nun in zwei Varianten daher, ballistisch und energetisch, und sind jeweils besser gegen fleischige oder metallene böse Buben geeignet. Außerdem hat man nun Möglichkeiten wie etwa das spontane Hacken eines Robos auf dem Feld, um mit ihm in den feindlichen Reihen Rampensau zu spielen und ihn anschließend detonieren zu lassen – Spaß für die ganze Familie.

5 Dinge, die Du über Infinite Warfare wissen solltest

Der Rest der „normalen“ Missionen ist gewohnt gut, aber in Sachen Innovation reichlich unterwältigend – erst recht angesichts des Szenarios. Man kann Weltraum-Dogfights im sogenannten Jackal bestreiten, einem Kampfgleiter, der eher wenige Möglichkeiten zum Customizing bietet. Hier kommt nicht wirklich die satte Gaudi eines alten Wing Commander auf, dafür ist das Ganze zu sehr Selbstläufer. Glücklicherweise sind die meisten der Luftkampf-Ausflüge in optionalen Nebenmissionen zu finden und können schmerzfrei ausgelassen werden. Wie auch die Sidequests zu Fuß: Wenn Du nicht gerade eine große Affinität dafür hast, ohne echte Motivation immer wieder Basen und Raumschiffe abzuklappern, die einander in Gestaltung und Aufbau frappierend ähneln, dann kannst Du einfach die Nebenmissionen machen, die Dir einen Perk geben (das Übliche: schneller Nachladen, weniger Schaden durch Explosionen, derlei) und Dir den Rest sparen. Das Gesamtpaket stimmt aber: Die Mischung ist okay, die Dynamik der Level und die bereits erwähnten Schauwerte sind stimmig, und wie immer hat man das Ganze nach einem guten Dutzend Stunden dann hinter sich und fühlt sich unterhalten und nicht, wie dermaleinst bei Ghosts, auf den Schlips getreten.

Der Multiplayer-Modus

Doch der eigentliche Reiz ist ja sowieso der Multiplayer, und dieser kommt mit einem Facelifting daher – sieht leicht anders aus, hat sich aber auch nicht wirklich verändert. Die in Advanced Warfare etablierte Mobilität mit Jetpacks und Wallruns ist noch immer dabei und verhilft den Matches zu einer nötigen Dosis Unvorhersehbarkeit und Drive. Das mitgelieferte Dutzend Karten schafft eine gute Mischung aus engen Häuserkämpfen in sterilen Future-Komplexen einerseits und weitläufigeren Planetenoberflächen andererseits, und nette Details wie zum Beispiel schwebende Ragdoll-Leichen in Null-Gravitations-Maps lockern das Ganze optisch auf. Alles, was man sich von einem CoD-Arsenal wünscht, ist auf die eine oder andere Weise vertreten. Gut, manch ein LMG schießt jetzt Laser statt Kugeln und das Wurfmesser explodiert aus irgendeinem Grund, wenn man trifft (und kann hinterher wieder aufgesammelt werden. Wie? Space-Magie!), aber die Matches sind, wie sie bei Call of Duty sein müssen – schnell, satt und unkompliziert.

Als zusätzliche Ergänzung zu den bekannten Perks und Ausrüstungsgegenständen wählt nun jeder Spieler als Basis seiner Klasse ein „Rig“, eine Art Mecha-Anzug, der nochmal mit eigenen Perks und Skills daherkommt. An selbigen wurde unwesentlich geschraubt. Ein Geschützturm ist ein Geschützturm ist ein Geschützturm. Wer aber schon immer einen Riesen-Mech entweder autonom übers Schlachtfeld stapfen lassen oder per Fernsteuerung selbst bedienen wollte, der hat jetzt die Möglichkeit… oder spielt halt Titanfall 2, das insgesamt etwas interessanter ist.

Sehr löblich übrigens ist die Unzahl an Spielmodi für den Multiplayer-Modus, darunter auch spezielle Modi, die Infinity Ward offenbar in einer Art Rotation führt. Zwischen den bekannten Klassikern und neuen Modi sollte für jeden Fan etwas dabei sein.

Zombies, Nerds und Sportskanonen

Schließlich wäre da noch der obligatorische Zombie-Modus. Für diejenigen, die keine Allergie gegen die leichtherzigere, albernere Unterhaltung im Vergleich zu den verbissenen Strammsteh-Kettenhunden aus Kampagne und Multiplayer haben, könnte das arcadige Spektakel das Highlight dieses Jahres werden. In der Umgebung von käsigen 80er-Jahre-B-Movies können bis zu vier Freunde sich den Wellen von Untoten stellen, die diesmal typische Filmklischees verkörpern.

David Hasselhoff freischalten im Zombie-Modus

Das Grundkonzept ist auch hier unangetastet, und ich weigere mich einfach, noch irgendjemandem zu beschreiben, wie man Fenster barrikadiert, sich herumliegende Waffen kauft oder neue Areale freischaltet. Aber die schiere Masse an interaktiven Objekten, Fallen, Powerups, Upgrades und dergleichen ist schon beeindruckend. Die Ernte ist üppig in diesem Jahr, und alles wird mit (teils etwas hart gewolltem) Humor serviert. Mitgebrachte Kartendecks agieren als aktivierbare Perks, allerlei Souvenirs, sammelbare Objekte und derlei werden freigeschaltet, und all das ist gekoppelt an ein motivierendes Loot-System, bei dem nach dem Match Kisten für neue Ausrüstung geöffnet werden können – eine Funktion, die mit dem normalen Multiplayer geteilt wird, hier aber etwas flotter von der Hand geht.

Mein Favorit und aber gleichzeitig auch ein Herzensbrecher ist kurioserweise das virtuelle Ableben in einer der Zombie-Koop-Runden. In der arcadigen Cyberhölle kann man nämlich haufenweise Minispiele durchjuckeln, um sich selbst wiederzubeleben, so lange noch mindestens ein anderer Kollege am Leben ist und sich der Untoten erwehrt. Die Idee ist witzig, und sogar die Spiele machen Spaß – von Karnevalklassikern wie Skeeball und Mini-Basketball bis zu Arcade-Automaten mit Activision-Verschnitten ist alles dabei. Der Herzensbruch kommt daher zustande, dass das System leider oft nichts bringt. Man steigt wieder in die Welt ein mit demselben Geld, das man beim Tod hatte, mit der Anfangswaffe und der Möglichkeit, seine vorherige Ausrüstung gegen Bares wiederzuerlangen. Reicht die Penunze aber nicht, hat man auf gut Deutsch die Arschkarte – die Anfangspistole reicht in Welle 15 nicht mal mehr für einen einzigen Zombie, und so ist man wortwörtlich verdammt, in mehrerlei Hinsicht.

Der Schlusssatz, der unter Infinite Warfare ganz allgemein steht, lautet: „Joa.“ – und das ist parallel zum gefeierten Battlefield 1 und Titanfall 2 schlichtweg zu wenig. Man macht, wenn man seine Erwartungen realistisch hält, keinen Fehlkauf, wie jedes Jahr – und die leicht perfide Idee, den attraktiven Remaster von Modern Warfare mit ins Paket zu legen, wird sicherlich bei den Verkäufen helfen. Ich persönlich plädiere aber dafür, ab nächstem Jahr keine neuen Tests mehr zu schreiben zu Call of Duty. Denn wenn es eine Sache gibt, die unnötiger ist, als jedes Jahr dasselbe Spiel zu kaufen, dann ist es, Dir jedes Jahr Dinge zu erzählen, die Du eh schon weißt.

Call of Duty: Infinite Warfare - Screw it Lets Go To Space - Live Action Trailer.

Mein Test-Fazit zu Call of Duty: Infinite Warfare

Das muss man erstmal schaffen: sich so weit in die Zukunft vorzuwagen und dennoch so konservativ zu bleiben. Trotz allem Gewese ist Infinite Warfare das altbekannte Brustgetrommel, auf Gedeih und Verderb. Bedeutet im Klartext: Wir bekommen einen wirklich guten Shooter mit einer Menge Spektakel, einem abermals leicht ausgebauten Multiplayer und einem chaotischen Zombie-Modus, der wunderbar geeignet ist, auch die längsten und ältesten Freundschaften schnurstracks zu beenden.

All das rückt natürlich in ein etwas anderes Licht, wenn direkt nebenan unzählige Spieler in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs den Spaß ihres Lebens haben mit einer Reihe, die sich wirklich verändert und verbessert hat. Die größte Neuigkeit, die Infinite Warfare mit sich bringt, ist aber kurioserweise nicht der Weltraum, sondern das Remaster von Modern Warfare – eine ernüchternde, aber nicht böswillig getroffene Feststellung.

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Die Testwertung zu Call of Duty: Infinite Warfare findest Du weiter unten.

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