Civilization 6 im Test: Ausweitung der Kampfzone

Martin Eiser

Civilization 6 sieht bunt aus, aber davon solltest Du Dich nicht täuschen lassen: Unter der Haube steckt wieder ein Strategiespiel voller taktische Finessen, das deutlicher als bisher von Dir verlangt, Farbe zu bekennen.

Civilization VI - Launch-Trailer.

Zugegeben: Ich bin kein Civilization-Anhänger der ersten Stunde – dafür bin ich leider etwas zu jung. Meine Geschichte mit dem Strategiespiel beginnt erst mit Civilization 2. Allerdings habe auch ich früh eine besondere Marotte kultiviert, mit der inzwischen groß Werbung gemacht wird: „Nur eine Runde noch …“ ist die Ausrede, mit der ich und viele andere damals wie heute bis in den Morgengrauen vor dem PC hängen bleiben. Wahrscheinlich hat es meinen Schulnoten nicht unbedingt genutzt, aber es hätte sicherlich auch Schlimmeres gegeben, mit dem ich hätte meine Zeit verschwenden können.

Denn Civilization vermittelt seit je her auch jede Menge Hintergrundwissen über fremde Kulturen, die großen Wunder unser Welt und in den letzten Jahren vermehrt auch über politische Zusammenhänge. Die Erweiterung des Spiels um Kultur, Religion und Gesetzgebung hat für deutlich mehr Tiefe gesorgt. Wer aufmerksam ist, kann durch Mechanismen im Spiel lernen, wie auch heute Politik gemacht wird. Das Ganze bleibt natürlich im Vergleich zur Realität stark vereinfacht, doch gerade in der Rückschau ist die Evolution der Reihe sehr schön zu erkennen.

Civilization 6: 10 Dinge, die wir gerne vorher gewusst hätten

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Vorsprung durch Technik

In Civilization 6 wurden im Grunde alle diese Aspekte weiterentwickelt und vor allem besser in das Spielerlebnis integriert. So gibt es nun beispielsweise zwei verschiedene Entwicklungsbäume für unterschiedliche Aspekte des Spiels – einer widmet sich Technologie durch Forschung und der andere konzentriert sich auf gesellschaftlichen Fortschritt durch Kultur. Entwicklungspunkte für beide Bäume gibt es vor allem über die entsprechenden Gebäude. Die Gesetzgebung wurde dadurch ebenfalls aufgewertet: Weil dieses Element inzwischen wie die Forschung funktioniert, ist es deutlich einfacher zu überschauen.

Ergänzend dazu gibt es eine praktische Unterstützung für Deinen persönlichen Spielstil: Die Dauer der Entwicklung von Projekten aus dem Technologie- und dem Ausrichtungsbaum lässt sich fast immer reduzieren: Die Dampfmaschine wird doppelt so schnell erforscht, wenn Du zwei Schiffswerften besitzt. Naturgeschichte kommt besser voran, wenn Du ein archäologisches Museum gebaut hast. Was Dir also wichtig ist, kannst Du so deutlich schneller erreichen. Das hilft übrigens auch dabei, sich auf eine Siegbedingung zu spezialisieren – oder viel mehr noch, es zwingt Dich sogar dazu, öfter mal Farbe zu bekennen, worauf Deine Prioritäten liegen.

Raus aus der Komfortzone

Der Versuch, Dich öfter aus der bequemen Komfortzone zu bekommen, scheint aber ohnehin das große Thema für das neue Strategiespiel gewesen zu sein. Die größte Veränderung gibt es nämlich in der Stadtplanung durch die neuen Bezirke. Konntest Du in den bisherigen Spielen einen Bauauftrag für ein gewünschtes Gebäude jederzeit starten, sobald das entsprechende Gebäude verfügbar war, ist es nun komplizierter geworden: Im Stadtzentrum kann nur noch sehr wenig gebaut werden, denn das meiste wurde speziellen Bezirken zugeordnet, die wiederum zuvor auf einem der achteckigen Felder im Einflussbereich der Stadt errichtet werden müssen.

Sämtliche Bildungseinrichtungen, die vornehmlich der Forschung dienen, können etwa nur im Campus-Bezirk gebaut werden. Der Theaterplatz unterstützt die Kultur und daher befinden sich dort beispielsweise das Amphitheater und später das Filmstudio. Dem folgen weitere Distrikte nach dem gleichen Schema. Und weil die Zahl der möglichen Bezirke an die Größe der Stadt gekoppelt ist, kannst Du nicht einfach alle bauen, sondern musst Städte spezialisieren. Wieder verlangt das Spiel von Dir, dass Du Dich festlegst, worauf Du Dich spezialisieren willst.

Civilization 6: Die besten Mods

Für mich war das am Anfang ziemlich ungewohnt, so aus der Reserve gelockt zu werden. Ich wollte bisher meistens alles erreichen und auch alles besitzen. Deswegen bin ich übrigens im aktuellen Spiel auch mit dem Herrscher Qin Shihuangdi von der chinesischen Zivilisation aneinander geraten. Genau wie ich liebt der nämlich Weltwunder – aber nur in seinem eigenen Land. Früher habe ich immer jene Städte angegriffen und mir einverleibt, die mir ein solches Wunder weggeschnappt hatten. Civilization VI hat mich weiter zur Ruhe gebracht. Ich versuche weiterhin ein großes Stück vom Kuchen zu bekommen, setze nun aber Prioritäten.

Die richtigen politischen Rahmenbedingungen

Hilfreich bei diesem Plan ist die Gesetzgebung zusammen mit der Regierung. Über den Ausrichtungsbaum erhältst du gelegentlich neue mögliche Politiken und auch die zehn Regierungsformen. Eine Politik kann militärisch, wirtschaftlich oder diplomatisch orientiert sein. Je nachdem, welcher Regierung wir angehören, können wir unterschiedliche viele solcher Politiken aktivieren, um beispielsweise mehr Einfluss auf Stadtstaaten zu bekommen, die Boni von Bezirken anzukurbeln oder aber den Unterhalt für Einheiten reduzieren.

Noch krasser wirken sich die Regierungen aus, denn jede von ihnen hat eine ganz besondere Eigenschaft: Die klassische Republik gewährt unter anderem einen Bonus von 15 Prozent auf die Punkte für große Persönlichkeiten – die erscheinen jetzt nämlich sehr nachvollziehbar, wenn eine entsprechende Leiste aufgeladen ist. In der Theokratie kannst Du Bodenkampfeinheiten mit Glauben kaufen, was vor allem starken Religionen in die Hände spielt. Zusätzlich wird ein Rabatt von 15 Prozent auf jegliche Glaubenskäufe gewährt. Im Kommunismus gibt es etwa einen Bonus auf die Produktion von zehn Prozent.

Je länger Du einer Regierung treu bleibst, desto stärker kann der Bonus wachsen. Die Produktion im Kommunismus wächst beispielsweise nach 20 Runden um ein Prozent. Und diesen Bonus behältst Du auch dann, wenn Du die Regierung später wechselst. Es lohnt sich also genau hinzuschauen, welche Boni deiner Siegesbedingung in die Hände spielen. Mit der Regierung und den Politiken schaffst du die richtigen Rahmenbedingungen für deine Zivilisation – ganz so wie auch in der Realität.

Schlichte Gemüter

Dass jeder Anführer einer Zivilisation eine eigene Agenda erfüllt, ist übrigens ein weiterer Baustein in diesem Puzzle: Anfangs weißt du nicht ganz genau, was ein Konkurrent mag und was ihn wütend macht. Erst später lernst Du ihn durch Diplomatie und Spionage besser einzuschätzen. Die englische Anführerin Victoria mag Zivilisationen auf ihrem Heimatkontinent und will sich in der ganzen Welt ausbreiten. Stammst Du von einem Kontinent, auf dem sie noch mit keiner Stadt vertreten ist, hast Du eher schlechte Karten. Diese Agenda bleibt für Victoria auch immer gleich – eine zweite ist aber zufällig.

Es scheint fast so, als könntest Du inzwischen genau verstehen, warum dich ein Oberhaupt nicht leiden kann. Stehst du seiner Agenda oder seinen Zielen im Weg? Bedrohst Du eine Zivilisation mit deinen Handlungen oder dringst in ihr Hoheitsgebiet ein? Obwohl das so logisch scheint, gibt es leider immer noch merkwürdige Momente, in denen du nicht verstehst woher der Groll kommt. Oft braucht Dich das aber nicht weiter tangieren, denn wirklich gefährlich wird Dir ein Gegner selten. Leider stellt der sich aber manchmal viel zu stumpf an – künstlich, aber wenig intelligent.

Civilization 6: Alle Zivilisationen mit Boni im Überblick

Die Künstliche Intelligenz in Civilization 6 mag sich weiterentwickelt haben, aber sie ist weiterhin nicht zufriedenstellend. Je realistischer das Szenario wird, desto mehr Authentizität erwarte ich aber eigentlich von den Anführern. An einigen Stellen reagieren Gegner auf Kleinigkeiten viel zu empfindlich und manchmal ist gar kein Grund für eine Intervention ersichtlich. An anderen Stellen wiederum blieben angemessene Reaktionen aus. Und auch das politische Mittel der Allianz und ihren Zweck scheint die KI nicht wirklich begriffen zu haben. Ich hoffe daher, dass Diplomatie das zentrale Thema einer zukünftigen Erweiterung wird. Hier gibt es nämlich noch die größten Defizite.

Mein Test-Fazit zu Civilization 6

Für Civilization: Beyond Earth hat Entwickler Firaxis viel Kritik einstecken müssen. Trotz aller Schwächen mochte ich diesen Ausflug ins All allerdings ziemlich gern, weil er die Entdeckung einer unbekannten Welt so großartig in den Mittelpunkt gerückt hat und mir sehr viele Möglichkeiten gab, meine junge Zivilisation nach meinen Bedürfnissen auszuprägen. Den heftigen Reaktionen der Community ist es aber wahrscheinlich zu verdanken, dass sich Civilization 6 nun wieder besonders klassisch anfühlt – das drückt sich unter anderem auch im hübschen aber etwas kindlichen Grafikstil aus. Der stört irgendwann kaum noch, selbst wenn mir ein etwas schlichterer und erwachsenerer Stil besser gefallen hätte als diese „Siedler von Catan“-Brettspiel-Atmosphäre.

Vor allem aber wirkt alles mehr wie aus einem Guss und Du bist öfter gezwungen, gewohnte Muster zu überdenken. Die Bezirke sorgen für viel frischen Wind bei der Stadtplanung, noch nie zuvor war die Kultur so sinnvoll und nachvollziehbar in das Spiel eingebettet und die neue Gesetzgebung gibt Dir genug Freiheit, um das Spiel passgenau an deinen aktuellen Stil zuzuschneidern. Die Spionage ist noch relativ beschränkt und bei der Diplomatie gibt es großen Nachholbedarf. Allerdings gibt es hier durch die wechselnden Agenden der Anführer immerhin einen spannenden neuen Ansatz. Und auch wirst Du angehalten, für einen Krieg immer einen guten Grund zu haben.

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Ein paar Sachen trüben das Spielerlebnis dennoch deutlich: Die Künstliche Intelligenz stagniert nun schon seit vielen Jahren und irgendwann wünsche ich mir hier einfach einen deutlicheren Sprung nach vorn. Besonders schlimm verhält sie sich beim Finden von Wegen – das betrifft leider gelegentlich auch meine Einheiten. Einige Elemente fühlen sich einfach wenig komfortabel und noch dazu unlogisch an. Es nervt beispielsweise etwas, dass ein Handwerker, der das Gelände ausbauen kann, nach ein paar Einsätzen aufgebraucht ist. Und nach hinten raus wird es mit einem großen Reich einfach etwas monoton. Ich hoffe also auf spannende Erweiterungen und Updates, die da nachbessern.

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