Dark Souls kann seltsam nett sein: Die Geschichte meines Bruders

Daniel Kirschey

Das ist die sonderbare Geschichte, wie ich meinen Bruder jahrelang nervte, bis er endlich Dark Souls spielte – nur damit er dann ausgiebig beschenkt wird und so das Dark Souls-Gefühl ad absurdum geführt wurde. Merkwürdig: Dark Souls kann auch richtig nett sein.

Dark Souls kann seltsam nett sein: Die Geschichte meines Bruders

Zwei Wochen nach der Veröffentlichung von Dark Souls:

Lukas, Lukas, Lukas … du musst unbedingt Dark Souls spielen.

Nö, kein Bock.

Vier Wochen nach der Veröffentlichung von Dark Souls:

Mann, das Spiel ist so gut, zwar hart, aber so gut, Lukas, du musst unbedingt Dark Souls zocken.

Ne, lass mal, ist wahrscheinlich nicht so meins.

Immer wieder nerve ich meinen Bruder mit Dark Souls. Dann mit Bloodborne. Dann wieder mit Dark Souls. Für mich ist es unverständlich, ja, ich fühle mich von ihm nicht ernst genommen, wenn er immer wieder wiederholt, dass er kein Interesse hat. Ich liebe Dark Souls und die Wahrscheinlichkeit, dass er es auch liebt, ist doch so hoch – denke ich. Aber nein, er will einfach nicht.

Dark Souls ist immer noch eines meiner Lieblingsspiele:

Dark Souls: Remastered - Veröffentlichungstrailer.

Dann ist es endlich soweit.

Fünf Jahre nach der Veröffentlichung von Dark Souls:

Lukas, Lukas, Lukas – Dark Souls ist gerade auf Steam im Angebot und wir können zusammenspielen. Lust?

Och, warum eigentlich nicht. Lass mal probieren.

Mein Bruder hängt an dem anderen Ende der Headset-Leitung und sieht gerade nicht, wie ich einen Freudentanz abliefere, der die Welt erschüttert. Mit meinem Booty twerke ich, wie ich es sonst nur für Micky mache.

Oh Mann, Daniel, dein Bart schrubbt schon wieder total übers Mikrofon, hör mal auf, dich zu bewegen.

Jajaja, ist ja okay – also schnell Dark Souls runterladen und los legen. Schließlich hat mich der Spaß fünf Jahre gekostet, bis ich meinen Bruder soweit hatte, mein angebetetes Spiel zu zocken. Hoffentlich kommt da jetzt nicht doch noch etwas dazwischen. Die nächste halbe Stunde wandert in die Charaktererschaffung. Jede Hürde, die ihn möglicherweise in die von mir so befürchtete Lustlosigkeit zurückführen könnte, soll ausgemerzt werden. Ich rate zum Generalschlüssel und zu einem Zauberer. Er soll es sich ruhig einen winzigen Ticken einfacher machen – schließlich will ich ja nicht, dass er zu schnell frustriert ist – und das bei einem Spiel wie Dark Souls. Ich erschaffe mir ebenfalls einen neuen Charakter und will mit ihm die Reise durch das Spiel beginnen.

Fünf Jahre und eine halbe Stunde nach der Veröffentlichung von Dark Souls:

Können wir jetzt zusammenspielen? Ich bin in so einem Kerker und habe gerade den Schlüssel aufgehoben.

Kennst du dich in der Geschichte von Dark Souls aus? Wenn nicht, schaue mal hier hinein:

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Die Geschichte von Dark Souls: Vom Auflodern der Ersten Flamme bis zum Erlöschen.

Oh Mist. Stimmt, da war ja was: „Du musst erst durch das Tutorial. Ein bisschen musst du noch warten. Das dauert aber wirklich nicht lange.

Lukas schlägt sich ganz gut, das vernehme ich zumindest dank seinen Erzählungen über Voice-over-IP und seiner recht guten Laune. Klar ist er direkt Matsch, als er das erste Mal gegen den Asyl-Dämon anrennt. Eine Stunde später steht er dann aber endlich am Feuerbandschrein in Lordran.

Geht das mit dem Koop-Multiplayer jetzt endlich? Das Tutorial ist ja rum.

Ja, klar, ich muss einfach nur den weißen Speckstein … Scheiße, den bekommt man ja erst von Solaire nach dem Taurus-Dämon.“ Ist ja inzwischen gut drei Jahre her, dass ich es zuletzt durchgezockt habe. „Wir müssen noch ein bisschen weiterspielen. Aber nicht mehr lange, versprochen.

Och Mann, Daniel, ich hatte Bock auf Koop und nicht, hier allein durchzurennen.

Auch in unserem Podcast ist Dark Souls immer mal wieder Thema:

Folge 7: Menschen, Maschinen und Dark Souls // RUSH - Der Gaming-Podcast von GIGA GAMES und detektor.fm.

Fünf Jahre und zweieinhalb Stunden nach Veröffentlichung von Dark Souls:

Wir beide stehen in den von Solaire angesprochenen Welten, die sich ab und zu berühren. Und ja, wir wollen uns in „Jolly Cooperation“ ergehen. Der Speckstein ist in unserem Besitz. Nur noch den Drachen überlisten und die Abkürzung zum Leuchtfeuer öffnen. Dann kann es endlich losgehen.

Das ist ganz schön kompliziert, wenn man zusammen spielen will.

Da hat er schon recht. In anderen Spielen geht das einfacher. Aber irgendwie macht das ja auch gerade den Reiz von Dark Souls aus. Fast alles passiert in der Spielwelt und nicht in Menüs.

Kennst du alle?

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Dark Souls: 13 Details, die selbst den härtesten Fans entgangen sind.

Bevor es dann richtig los geht, müssen wir unsere hohlen Hüllen wieder mit Menschlichkeit füllen. Gesagt, getan. Endlich ist es soweit, endlich. Ich zeichne auf den Boden mein weißes Zeichen, so dass er mich zu sich rufen kann.

Ich sehe das nicht.

Ich habe es direkt neben der Mauer platziert, das kannst du gar nicht übersehen, Lukas.

Ne, hier ist wirklich nichts!

Ich probiere es nochmal.

Immer wieder spamme ich das weiße Zeichen auf den Boden – in der Hoffnung, dass mein Bruder es irgendwann sieht und wir endlich, endlich zusammenspielen können.

Du, Daniel, da steht jetzt, dass mich jemand überfällt und hier ist ein Ritter mit einer roten Umrandung?

Ja, wenn du menschlich bist, können dich andere auch überfallen, das habe ich vergessen zu erwähnen.

Was soll ich jetzt machen?

Du wirst nichts anderes machen können, als dich töten zu lassen und dann können wir …

Cool, der hat mir einen Beutel mit lauter Gegenständen hingeworfen. Da sind … Titanitbrocken drin, eins, zwei … sechs, sieben. Auch ein Baldurschwert +10. Ah, jetzt bin ich Tod. Aber er hat sich davor noch verbeugt.

Waaas? Das ist voll der High-Level-Kram, das bekommt man erst viel später. Das musste ich mir alles hart erarbeiten.“

Wie kann das nur sein? Dark Souls war zu mir immer echt mies. Vor allem Ornstein und Smough. Wenn ich menschlich war, kam dann noch immer jemand, der mich, während ich Solaire beschwörte, abmurkste. Und da wird die Welt meines Bruders das erste Mal überfallen und er kriegt Geschenke?

„Kriegen wir es heute noch mal hin, zusammenzuspielen?

Ich starre auf meinen Bildschirm, mein Mund steht offen und ich beginne zu begreifen: Dark Souls kann auch nett sein.

Schaffst du, alle Fragen richtig zu beantworten?

Das hat mich ganz schon gefuchst. Kriegt mein Bruder einfach direkt am Anfang so viel wertvolles Zeugs geschenkt. Hoffentlich gibt er dem Spiel eine Chance, hoffentlich kann er die Faszination, die ich für Souls-Spiele entwickelt habe, nachvollziehen: Das Scheitern, der ewige wiederkehrende Versuch, doch zu obsiegen, um schlussendlich in einem Sturm von Euphorie aufzugehen, wenn einer der dicken Bosse endlich gefallen ist.

Fünf Jahre und zwei Tage nach Veröffentlichung von Dark Souls:

Mein Bruder ruft mich an.

Ich habe die erste Glocke geläutet!

Cool, wie war dein Kampf gegen die Gargoyles? War ganz schön anstrengend, oder?

Super einfach, ich habe mir zwei andere Spieler in meine Welt geholt und die haben mich durchgezogen bis zum Boss. Der war dann zu dritt innerhalb von paar Sekunden platt.

Irgendwie erlebt mein Bruder das Spiel komplett anders als ich.

Ach ja, übrigens: Nach seinem Dark Souls-Erlebnis hat er sich dann durch Bloodborne durchgeschlagen. Am Ende hat es bei ihm also doch noch richtig Klick gemacht.

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