Dead By Love – Es gibt sie noch, die freundlichen Multiplayer-Spieler von nebenan [Kolumne]

Marina Hänsel 2

Vor langer Zeit kroch ein Ungetüm durch jene Sümpfe und Müllhalden, die Dead By Daylight uns schenkte: Ein blutbeschmierter, geisteskranker Arzt, der illegale Elektroschock-Therapien durchführte und jene Opfer quälte, die er entführt hatte. Unter den Monden der Maps gab es keine Gnade, bis das Unmögliche geschah – und ausgerechnet er, der töten sollte, sich verliebte.

Einst noch ist sein seufzendes „Uh“ und sein gestöhntes „Uhm“ furcherregend gewesen – was ist aus ihm geworden?

Dead by Daylight: Spark of Madness (Trailer).

Es war ein nebliger, übel riechender Dienstagabend; die Sümpfe waberten klamm unter den feuchten Gräsern und verschluckten jene Fußstapfen, die nicht gehört werden wollten: Eine Gruppe von vier Unschuldigen stolperte durch die matschige Map, reparierte ölige Generatoren und wartete gespannt darauf, endlich die Ausgangstore öffnen zu können – denn nur so würde die Flucht gelingen. Nur so könnten sie einem blutig-matschigen Ende am Opferhaken entkommen.

Es gibt keine Gnade, sollten sie versagen oder dem Killer in die Arme laufen. Dead By Daylights Regelwerk gehört zu den einfachsten aller asymmetrischen Multiplayer-Spiele, ist es doch eines der ersten im Genre gewesen: Spielst du einen Überlebenden, gilt es, über die Map zu schleichen, nicht gesehen zu werden und bis zu vier Generatoren zu reparieren, damit sich die Ausgangstore öffnen. Entkommst du, hast du gewonnen – und erhältst Punkte.

Gleichsam wandelt ein anderer Spieler über die Karte, ein schmutziger Kettensägen-Massenmörder, eine Frau mit Hasenmaske und Äxten oder ein verstörender Arzt, der seine Patienten gern zu Tode quält: Die Killer spielen gegen die Überlebenden und auch sie fressen massenhafte Punkte mit jedem Kill, an dem sie sich laben. Klar Regeln, klare Ziele – und nichts dazwischen? Aber wie wir alle wissen, findet Liebe immer einen Weg.

Selbst in den ausweglosesten Situationen: Ich war unterwegs mit einer Gruppe von Fremden; wir krochen durch den neblig-grauen Sumpf und versuchten, unsere von Schocktherapien gepeinigten Körper bis zum Ausgang zu boxen – der entstellte Arzt stets auf unserer Fährte. Wir halfen uns natürlich gegenseitig, wir, die Überlebenden, die sich helfen müssen, um überhaupt eine Chance zu haben. Dead By Daylight gehört zu den kooperativsten Multiplayer-Spielen da draußen, ganz egal wie brutal das Fleischer-Spiel zuweilen sein mag. Ganz egal, wie beleidigend die Community sein kann.

Nun, nichtsdestotrotz ist der Killer böse – und muss töten. Außer, er tut es doch nicht.

Der Doktor schwang seinen Elektrostab, als die rothaarige Meg anfängt, ihn zu crouchspammen – ich sah aus der Ferne zu. Crouchspammen oder teabaggen wird in Spielen zumeist dafür verwendet, andere zu missbilligen oder zu belächeln: Auch in DbD, doch durch fehlende Emotes und Ausdrucksmöglichkeiten kann es mittlerweile nahezu alles bedeuten, von Hallo über Danke bis hin zu Du kriegst mich nicht.

Er beendete die Verfolgung und rührte sich nicht. Starrte. Während sie immer und immer wieder vor ihm in die Hocke ging, bis er einen Kreis um sie lief, wieder starrte und sie niederschlug. Was dann geschah ist tatsächlich nichts, was das Spiel selbst vorsieht – mir aber doch in Dead by Daylight immer öfter aufgefallen ist: Der Killer schlug sie zu Boden, warf sie sich über die Schulter und trug sie zum Ausgang.

Die beiden arbeiteten zusammen!, magst du rufen, aber in Dead By Daylight ist es so gut wie unmöglich, in einem offenen Match als Killer gemeinsam mit einem ausgewählten Freund zu spielen. Nein, Killer und Überlebende kannten sich nicht, was den geisteskranken Arzt nicht davon abhielt, Meg zu retten: Ich fragte ihn nach dem Match im PS4-Chat, was es damit auf sich hatte und er antworte, Der Doktor hatte sich in Meg verliebt, er konnte nichts gegen seine Gefühle tun und musste sie retten.

Liebe findet scheinbar auch in Dead By Daylight ihre Mittel und Wege – ganz egal, wie absurd die sind. (Und amüsant, zuweilen.)

Danke, lieber Killer

Gerade Dead By Daylight schafft es, meinen Adrenalin- und Wut-Pegel derart in die Höhe zu treiben, dass ich gelegentlich versucht bin, den Controller in meinen Bildschirm zu werfen. Ein bisschen Liebe zwischendurch ist dann wie Balsam für die geschundene, tausendmal geopferte Seele – und so böse DbD ist, so verständnisvoll sind einige Killer.

Diejenigen, die mich nach minutenlanger Jagd niederknüppeln, mich über ihre dreckig-blutigen Schultern werfen und zu jenem Ausgang tragen, den ich qualvoll und vergebens gesucht habe: Eine unscheinbare Luke auf dem Boden, oftmals der letzte Ausweg für das einzig übrig gebliebene Opfer.

Diejenigen, die allen Überlebenden zunicken, sobald klar ist, dass sie gewonnen haben – die belustigt in die Luft hauen und zeigen, dass sie keine schlechten verlieren sind. Good Match.

Diejenigen, schließlich, die am Ausgang oder bei der Luke warten, denn das ist ihre Aufgabe: Und Mitleid zeigen, als du verletzt anhumpelst, chancenlos gegen den Killer, der mit dir noch ein paar Punkte einsacken könnte. Es aber nicht tut, und dich stattdessen fliehen lässt.

Auch Entwickler liebäugeln hin und wieder mit einigen Details in Spielen – und stecken extrem viel Arbeit hinein:

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Mit Liebe zum Detail - Das sind die realistischsten Momente in Games.

Dead By Daylights Spielmechaniken belohnen Samariter unter den Überlebenden, aber keine netten Killer. Es ist nicht ihre Aufgabe, Mitleid zu zeigen; es ist nicht ihre Aufgabe, menschlich zu sein. Aber in ihnen steckt eben genau das, ein Mensch: Und während allerlei sehr kompetitive Multiplayer-Spiele nicht unbedingt vor netten Personen wimmeln (diese ganzen Bushboys!), gibt es sie eben doch noch: Die allzu menschlichen Killer, die gerechten Gentlemen- und women, die netten Multiplayer-Spieler von nebenan. Und es ist wundervoll, daran erinnert zu werden.

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