Deus Ex – Mankind Divided im Test: Die Schönheit der Chance

Martin Eiser 1

Adam Jensen schleicht sich wieder still und heimlich mit Deus Ex: Mankind Divided an. Von der Reihe haben wahrscheinlich die meisten schon gehört, aber auf dem Schirm haben sie auf jeden Fall zu wenig. Warum die Dystopie trotzdem gespielt werden sollte, erfahrt ihr im Test.

Deus Ex: Mankind Divided - Die ersten 30 Minuten Gameplay

Deus Ex: Mankind Divided - Die ersten 30 Minuten Gameplay.

Boom! Eine Reihe mehrerer Explosionen erschüttert den Hauptbahnhof von Prag. Als ich hinter mich schaue, kommt bereits die brennende Druckwelle auf mich zu und reißt mich nieder. Kurz darauf baut sich das Sichtfeld wieder auf, der Rauch verzieht sich. Doch was war das? Ein Terroranschlag? Wie kann so etwas an einem derart streng überwachten Ort möglich sein? Überall ist Polizei zu sehen – darunter auch einige Sicherheitsdrohnen mit Scannern und mächtige verstärkte Einheiten, die in ihren übergroßen Anzügen aussehen wie kleine Kampfroboter. Sie kontrollieren Auffälligkeiten und vor allem Augmentierte wie mich – Maschinenmenschen, deren technische Verbesserungen sie als Bedrohung empfinden.

Die ganze Stadt sieht inzwischen so aus und fühlt sich nicht nur wegen der überall präsenten Polizei auf den Straßen so befremdlich an. Es wurde vieles anders seit dem Unglück vor einem Jahr, als eine Fehlfunktion dazu führte, dass Augmentierte in eine Art Blutrausch verfallen sind und Millionen Menschen starben. In vielen Ländern wurden Gesetze erlassen, die Rechte und Freiheiten der Augmentierten massiv eingeschränkt haben. Einige Gruppen schüren weiter den Hass auf uns Andersartige und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. Gleichzeitig hat sich eine Gegenbewegung formiert, die sich zum Teil genauso radikalisiert hat und ebenfalls für diesen Anschlag verantwortlich sein könnte. Die Gesellschaft ist tief gespalten, es ist die Zeit der „mechanischen Apartheid“.

Bilderstrecke starten
17 Bilder
15 Spiele, die deinen PC in 4K zum Schwitzen bringen.

Der zähe Einstieg in Deus Ex: Mankind Divided

Es ist merkwürdig, dass es die Deus-Ex-Reihe in den letzten 15 Jahren geschafft hat, fast komplett an mir vorbeizuziehen. Die Thematik ist faszinierend und die Entscheidungsfreiheit spannend. Trotzdem habe ich bisher höchstens etwas über die Spiele gelesen, aber nie eines gespielt. Vielleicht haben mich die Shooter-Elemente in dem Action-Rollenspiel etwas abgeschreckt. Wahrscheinlicher aber ist, dass ich einfach kein Vertrauen in die Entwickler hatte. Wie sollten all diese Aspekte zu einem vernünftigen Gesamtwerk verbunden werden, das tatsächliche Tiefe besitzt? Und bis ich in Prag ankomme, fühle ich mich darin auch bestätigt.

Direkt zum Start habe ich mir die optionale Zusammenfassung des letzten Spiels angeschaut, um einen groben Plan von dem zu bekommen, was bisher passiert ist. In den zwölf Minuten gab es aber so viele Wendungen und Überraschungen, dass ich meine Augenbrauen wirklich sehr weit nach oben schieben musste. Deus Ex: Human Revolution schien keinem roten Faden zu folgen, sondern wirkte in dieser Kurzform ziemlich anstrengend. Und meine Skepsis betraf schon bald auch das neue Werk. Selbst nach der ersten Mission in Dubai wurde ich immer noch nicht warm mit dem Spiel. Es machte zwar Laune, sich von Deckung zu Deckung zu bewegen und Gegner still und leise ruhigzustellen, aber es fühlte sich einfach nicht wie mein Held und meine Geschichte an.

Doch dann, irgendwann zwischen dem Entdecken der ganzen Möglichkeiten, der durchaus deutlich spürbaren Freiheit und dem faszinierenden Hintergrund mit seinen vielen ethischen Fragen, wurde etwas anders. Es ist fast so, als hätte sich das Spiel ganz langsam angeschlichen, mich hin und wieder an der Nase herumgeführt und schließlich doch hinterrücks überrascht – so wie ich als Adam Jensen, dem Hauptcharakter des Spiels, bei meinen Feinden in Deus Ex: Mankind Divided. Es war ein wirklich zäher Einstieg, der die Stärken des Spiels zwar immer mal wieder funkeln ließ, aber ihren Glanz erst im Verlauf offenbarte.

Die schlummernden Kräfte wurden geweckt

Als wichtigster Wendepunkt für meinen persönlichen Blick auf das Spiel darf wohl der Moment bezeichnet werden, an dem mir der zum Untergrund gehörende Augmentierungspezialist Vaclav Koller in Prag hilft, einen technischen Defekt von Jensens Augmentierungen zu beheben, der durch den Anschlag aufgetreten ist. Während der Reparatur entdeckt er nämlich auch ein paar bisher verborgene, experimentelle Augmentierungen. Es kam dabei zwar zu einem kleinen Zwischenfall, der ihn zwang, das komplette System zurückzusetzen, doch genau das führte zu einer Art Neustart in meinem Verhältnis zu Deus Ex: Mankind Divided. Ich musste die meisten Fähigkeiten ganz neue kennen und damit auch lieben lernen.

Und so wusste ich noch immer nicht alles über sämtlich Funktionen des Spiels, allerdings war ich nun zumindest in der richtigen Richtung unterwegs – ich fand endlich meinen persönlichen Spielstil. Im Vordergrund steht auch im neuen Spiel das Schleichen, was es in fast allen Fällen relativ einfach macht, zum Ziel zu kommen, selbst wenn es im Repertoire verschiedene Waffen gibt. Doch in Abhängigkeit davon, welche Augmentationen ich freischalte, erschließen sich mir unterschiedliche Lösungsansätze. Manche Wege sind durch giftiges Gas blockiert, andere durch brüchige Wände oder aber beispielsweise durch blockierte Sicherheitstüren. An einigen Stellen kann ich sogar durch Gespräche den weiteren Verlauf beeinflussen – auch hierfür gibt es eine unterstützende technische Verbesserung.

Wer den Vorgänger kennt, hat einen Vorteil, weil die meisten Augmentationen gleich geblieben und ihre Stärken und Schwächen damit bekannt sind. Zu den neuen Fähigkeiten gehört unter anderem die Kernoptimierung, mit Hilfe derer wir unsere Aufmerksamkeit erhöhen, was im Spiel zu einem Verlangsamen der Zeit führt. Sehr praktisch ist auch das Remote-Hacken, bei dem wir auch auf Distanz mit Zielen interagieren können. Mit dem Ikarus-Sprint machen wir einen kräftigen Satz nach vorn und dank der Augmentation namens Tesla können Gegner handlungsunfähig gemacht werden.

Du entscheidest, welchen Weg du gehen willst

Ich mag beispielsweise das Hacken gern, das über ein kleines Minispiel verschlossene Türen öffnet und Zugang zu geheimen Daten auf Computern verschafft. Der direkten Konfrontation gehe ich lieber aus dem Weg und hocke dafür gern etwas länger in einer dunklen Ecke, bis der richtige Moment gekommen ist. Dabei habe ich auch gemerkt, dass die Künstliche Intelligenz nicht immer ganz fit ist, weil sie beispielsweise nicht darauf reagiert, wenn ein Kollege im selben Raum plötzlich nicht mehr da ist. In solchen Momenten geht das Gefühl für eine glaubwürdige Welt leider etwas flöten.

Ansonsten aber ist das Maß an Freiheit in Deus Ex: Mankind Divided überwältigend. Das betrifft, wie beschrieben, die Art und Weise, wie wir vorgehen. Gleichermaßen gilt das aber auch für die Handlung. Und dabei sind es nicht immer nur die ganz offensichtlichen Entscheidungen, die wir treffen. Das ganze Spiel ist durchdrungen von Möglichkeiten, jede von ihnen verändert ein wenig die Perspektive. Manchmal hängt das mit dem Weg zusammen, den wir gegangen sind – noch viel öfter aber von unserem eigenen moralischen Empfinden. Wie wir gefundene Hinweise interpretieren oder welche Sympathie wir für andere haben, liegt schließlich in unser Hand.

Im Jahr 2029 liegt nämlich so einiges im Argen. Trotz der vielen Sicherheitsmaßnahmen, die infolge des schrecklichen Zwischenfalls mit Augmentierten durchgesetzt wurden, herrscht eine toxische Mischung aus Angst und Hass. Die Menschen mit mechanischen Verbesserungen werden im Spiel abwertend auch Optis genannt, sie müssen sich Schikanen gefallen lassen und beispielsweise Schutzgebühren zahlen, um weiter in der Stadt leben zu können. Trotzdem werden sie verbal wie körperlich angegangen. Und wer das Geld nicht aufbringen kann, wird in ein Ghetto abgeschoben, das einem Gefängnis gleicht. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Anschläge, für die augmentierte Terroristen verantwortlich gemacht werden. Wo wir selbst stehen, wen wir unterstützen und wem wir vertrauen, liegt ganz bei uns.

Ich wittere eine Verschwörung

Der Grund, weshalb ich meine Kritik an dem Spiel so deutlich zurückgefahren habe, ist die fantastische, offen gehaltene Welt, in der es so viele Geschichten gibt, die daraus ein keines Universum machen. Ein Buch oder ein Film könnte dich nie so tief eintauchen lassen, wie es in Deus Ex: Mankind Divided möglich ist. Über Nachrichten, beiläufige Gespräche von Passanten, interessante Nebenmissionen oder selbst schnöde E-Mails bekommen wir ein Gefühl für die Welt. Es gibt so viele Informationen, dass wir uns erschlagen fühlen können und obendrein bleibt immer eine zweifelnde Ebene, ein Misstrauen in das, was wir allerorten lesen oder hören.

Ganz am Anfang habe ich mich noch ziemlich oft gefragt: „Was zur Hölle geht hier eigentlich vor?“ – Es prasseln so viele verschiedene Ansichten und Theorien auf mich ein, dass ich am liebsten alles in Frage stellen würde. Ich lerne in der Welt von Mankind Divided ganz unterschiedliche und zum Teil sehr krasse Schicksale kennen – was Menschen eben alles in solch einer Situation passieren kann. Und dabei kommt mir in Erinnerung, dass einiges davon in ähnlicher Form in der Menschheitsgeschichte immer wieder passiert ist: Stigmatisierung von Volksgruppen, Ghettoisierung und Auflehnung gegen die Diskriminierung.

Deus Ex: Mankind Divided - Launchtrailer.

Mein Test-Fazit zu Deus Ex: Mankind Divided

Es ist fast so, als würde sich die Geschichte wiederholen, immer und immer wieder. Das Szenario von Deus Ex: Mankind Divided ist auch deshalb so spannend, weil es Science-Fiction ist, aber keinesfalls an den Haaren herbeigezogen. Im Spiel wird dazu etwas Kluges gesagt: Die einfachen Antworten sind selten die richtigen. Meine eingangs erwähnte Furcht ist zumindest auf dieses Spiel bezogen, unbegründet gewesen: Es ist dem Studio tatsächlich gelungen, eine lebendige Welt zu erschaffen. Noch dazu eine Geschichte zu erzählen, die dem Thema gerecht wird und das Ganze mit Spielmechaniken zu unterlegen, die Spaß machen.

Zu dem Spiel könnte man noch viel mehr sagen – über den hübschen Grafikstil, die authentischen Charaktere, die vielen kleinen Details und vielleicht auch über den arcadelastigen Breach-Modus. Und ich will auch gar nicht im Detail darüber diskutieren, welche Fehler es als Shooter und welche es als Stealth-Titel macht – am Ende sind es nur ein paar Kleinigkeiten wie das beschriebene Verhalten der Künstlichen Intelligenz. Aber dieses Spiel überzeugt tatsächlich durch seine Inszenierung: Was Deus Ex: Mankind Divided großartig macht, ist der geschaffene Kosmos, in dessen Mittelpunkt wir stehen; weil es in unserer Hand liegt, was passiert.

Deus Ex: Mankind Divided ist seit dem 23. August 2016 für PC, PlayStation 4 und Xbox One erhältlich.

Deus Ex: Mankind Divided jetzt auf Amazon bestellen *

GIGA-GAMES-Wertungsphilosophie

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

* Werbung