Diablo 3: Reaper of Souls Test: Ein todsicheres Ding

Leo Schmidt 14

Der Sand rieselt durch’s Glas, die Stunden verrinnen, unaufhörlich tröpfelt deine Lebenszeit in den Tartarus und irgendwann hörst du draußen die Vöglein zwitschern und stellst fest, dass du, ohne es wirklich zu merken, viel zu lange deine Augen auf den Monitor geheftet hattest. Das ist das Erlebnis, nach dem sich viele Spieler in bestimmten Games sehnen. Und wie wir alle wissen, konnte Diablo 3 diesen Wunsch nicht allen Zockern erfüllen.

Diablo 3: Reaper of Souls Test: Ein todsicheres Ding

Denn auch wer, wie ich zum Beispiel, wirklich Spaß mit der neuerlichen Teufelshatz hatte und viel Spiel für sein Geld bekam, musste doch zugeben, dass Blizzards Hype-Monstrum seine Schwächen hatte. Das begann mit ästhetischen Fragen, die zu großen Teilen natürlich Geschmackssache sind, in diesem Fall aber wirklich einigen Leuten auf die Nerven fielen, und ging bis zu richtig eklatanten Mängeln wie dem auf das Auktionshaus ausgerichteten Loot-System. Diablo ohne Loot-Sucht geht nicht. Schon alleine deshalb ging Diablo 3 für viele Leute nicht.

Viel Zeit ist seit der Urversion ins Land gegangen und seitdem wurde an einigen Stellen ordentlich geschraubt, aber zumindest bei mir reichte es nicht, mich nochmal so richtig neugierig zu machen oder mich gar ins Boot zu holen. Für mich, der ich Fan klassischer Add-Ons bin, musste eine große Veränderung her, eben ein ungefähres Äquivalent zum Klassiker Lord of Destruction. Mit einer neuen Klasse, einem neuen Akt, neuen Mechaniken und dem (streng genommen separaten, aber für die neue Erfahrung unablässlichen) Loot-2.0-System, das sich nicht mehr sklavisch dem jetzt abgeschafften Auktionshaus unterwerfen muss, macht uns nun also Reaper of Souls seine Aufwartung – und plötzlich erwische ich mich dabei, wie ich richtig Spaß habe.

Ich ich meine so richtig Spaß. Mehr, als ich mit Diablo 3 seit dem ersten Run hatte, in dem das neugierige und glotzäugige Bestaunen der Welt noch einen großen Teil des Reizes aus- und einen Teil der Schwächen wettmacht. Ein Teil davon ist natürlich auch jetzt wieder die Lust am Unbekannten, die erneute Freude daran, den fünften Akt und seine Welten zu entdecken, die neue Klasse kennenzulernen. Das nutzt sich bald ab und gehört dann der Vergangenheit an. Gaming-ADHS, gewissermaßen.

Doch was dann übrig bleibt, fühlt sich plötzlich durchdacht an, funktionell. Erstaunt bemerke ich, wie ich alle Skills freischalte, in Westmarch Malthael auf die Kutte kloppe und irgendwann nichts wirklich „Neues“ mehr zu entdecken habe – und trotzdem zurück ins Spiel will. Der Sog ist wieder da. Sagte ich „wieder“? Er ist da, mehr, als ich ihn im Vanilla-Diablo hatte. Also woran liegt’s im Einzelnen?

Eine der großen Neuheiten ist natürlich der Kreuzritter. Im Vorfeld als müder Paladin-Aufguss verschriehen, müssen sich diese heiligen Krieger den Vergleich zwar auch weiterhin gefallen lassen, fühlen sich aber doch unterschiedlich genug an, um geneigte Spieler zu überzeugen. Für mich zum Beispiel ist der Crusader genau die Klasse, die mir bislang in Diablo 3 gefehlt hatte: ein tankiger Schildträger, der aus seiner starken Defensive heraus offensiv wird. Natürlich kann man ihn aber auch anders spielen und einfach mit Zweihandwaffe und heiligen Explosionen in die Feinde reinbrettern. Oder man schraubt sich gesunde Mischungen aus Zähigkeit und Zerstörung zusammen. Das Skillsystem von Diablo erlaubt ja doch etwas mehr, als Hater ihm zugestehen wollen.

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„Was, hier droppt ja Loot?!“

Ebenfalls richtig gut gefällt mir der umfangreiche fünfte Akt, der mit drei großen und einigen kleineren Unholden durch schön unterschiedliche Gebiete führt. Malthael, Engel des Todes, hat einfach die Schnauze voll vom ewigen Krieg und beschließt kurzerhand, ihn zu beenden – indem er mithilfe des schwarzen Seelensteins alles vernichtet, was nach nassem Dämonen riecht. Da nun leider auch die Menschen und der Nephalem auf der Abschussliste stehen, folgen wir seiner Spur erst nach Westmarch und später in ätherische Gefilde.

Dank dieser Storyentwicklung hauen wir im fünften Akt vor allem Engel und himmlische Heerscharen platt, was ästhetisch eine nette Abwechslung im Vergleich zum Rest des Spiels ist. Auch über die Umgebung kann ich nicht meckern: Westmarch ist, wenn auch „nur eine Stadt“, stilistisch schön düster und vor allem zufällig generiert, die späteren Areale haben mich unter Anderem an gewisse Passagen aus Diablo 2 erinnert. Auch bemerkt werden sollte der coole und stimmige Soundtrack, der nicht nur aus angenehmen Hintergrundgeplätscher besteht, sondern sogar einige prägnante Melodien und Motive enthält, die (bislang) trotzdem nicht auf den Wecker fallen. Natürlich reissen diese Dinge Reaper of Souls ästhetisch nicht komplett rum – wer den eher saturierten und farbenfrohen Look des Hauptspiels so gar nicht abkonnte, wird bestimmt auch jetzt nicht völlig glücklich.

Durch das kurz vor dem Addon gepatchte neue Loot-System und ein paar damit verbundene Mechaniken ist es aber vor allem der Kern, das hauptsächliche Spielgefühl, das sich maßgeblich verändert und, wie ich finde, deutlich verbessert hat. Dank Loot 2.0 findet man deutlich mehr Ausrüstung, die auf den eigenen Charakter zugeschnitten ist, und dank des nun im Hinterhof verscharrten Auktionshauses, dem ich wirklich nicht nachtrauere, darf dieser auch nützlich sein – und ist es mit einer erstaunlichen Frequenz auch.

Ungläubig bestaunten mein Koop-Freund und ich die schiere Menge an gutem Equip, das uns immer wieder ins Inventar purzelte. Je weiter man kommt, desto seltener werden diese Dinge natürlich, die ganz großen Verbesserungen werden irgendwann zum Feintuning. Aber selbst die gefundenen Legendaries und Set-Items, die selten genug droppen, um etwas Besonderes zu bleiben, und häufig genug, um einen bei der Stange zu halten, sind richtig gut und können den Spieler dann tatsächlich eine Weile tragen. Und ja, wir sind in der Kampagne für jeden Akt-Boss mit mindestens einem der Teile belohnt worden. So muss es sein. So hätte es von Anfang an sein müssen.

Diablo 3 Reaper of Souls The End is Near Trailer.

Merkt man dann, wie man die Welt überrundet, geht es in die Phase, in der Diablo-Spieler normalerweise farmen und so ein bißchen Trott einsetzt. Reaper of Souls begegnet diesem Umstand mit dem neuen Abenteuer-Modus, in dem man gezielt in der Welt mehr oder weniger zufällige Missionen erledigt und dafür Loot, Geld und Erfahrung einstreicht. Neben der üblichen Unmenge an Items gibt es hier zum Beispiel auch eine Ressource zu ergattern, mit der man das altbekannte Glücksspiel betreiben kann, um eventuell an richtig tolle Ausrüstung zu kommen – oder eben, sich das Inventar mit hübschen Briefbeschwerern vollzumüllen.

In die Feintuning-Kerbe schlägt nun auch die endlich eingeführte Verzauberin, die eigentlich schon im Hauptspiel sein sollte. Bei ihr können wir gegen Penunze und Ressourcen eine magische Eigenschaft eines Gegenstandes durch eine andere ersetzen. Allerdings passiert das nicht völlig gezielt, sondern hat ein eingebautes Zufallselement – ihr könnt bestimmen welche Eigenschaft ersetzt wird, und dann könnt ihr aus einem Pool anderer Eigeschaften per Zufallsprinzip eine von zwei neuen Fähigkeiten wählen. Gefallen euch diese nicht, könnt ihr das Spiel wiederholen, um aus dem Pool andere Vorschläge zu bekommen – das wird aber mit jedem mal teurer. Durch diese Ungewissheit bleibt die Verzauberin nützlich und dennoch eine sinnvolle Money-Sink.

Zu all dem gesellt sich noch einiger Kleinkram, der ebenfalls nicht zu verachten ist. So gibt es neue Edelsteine, neue Legendaries (zum Beispiel ein Deadmau5-Amulett, das Gegner zum Hüpfen bringt), neue Eigenschaften für seltene Mobs und und und. All das dient aber nur dazu, ein insgesamt äußerst lohnendes Paket abzurunden, das mich derzeit wieder nächtelang vor den Rechner fesselt.

Fazit

Viele hatten im Vorfeld erwartet, dass Reaper of Souls ein klassischer Fall von „too little, too late“ werden würde. Dass die Änderungen des Add-Ons für so manchen Fan zu spät kommen dürften, mag wahr sein, ist aber eine wahre Schande – denn „too little“ ist das Teil auf keinen Fall. Mit frischen Inhalten und vor allem überarbeiteten Kernmechaniken ist Diablo 3 jetzt in einem Zustand, von dem man mit Fug und Recht sagen kann, dass es so von Anfang an hätte aussehen sollen. Das bedeutet nicht, dass Reaper of Souls nichts weiter als Reparatur und Schadensbegrenzung ist – es bedeutet nur, dass man der Jagd nach dem grimmen Schnitter eine Chance geben und seine alten Urteile hinter sich lassen sollte.

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