Die Sims 4 Test: Mittelmaß voller Emotionen

Thomas Goik 10

Das Entwicklerstudio Maxis war einst ein Garant für großartige Simulationen, die Spielbarkeit nahezu perfekt mit Komplexität verbunden haben und die mich von „Sim Ant“ bis „SimCity“ nächtelang um das Leben meiner digitalen Schützlinge haben bangen lassen. In den letzten Jahren ging den Amerikanern jedoch etwas verloren: Der Funken, der aus guten Spielen geniale Dauerbrenner gemacht hat, scheint nicht mehr vorhanden. Spiele wie „Spore“ oder „SimCity“ (2013) enttäuschten langjährige Maxis-Fans. „Die Sims 4“ wiederum ist keine Enttäuschung, denn ehrlich gesagt habe ich bereits erwartet, dass hier nicht gerade ein Simulations-Highlight auf uns zukommt.

Die Sims 4 Test: Mittelmaß voller Emotionen

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Bitte nicht falsch verstehen: „Die Sims 4“ ist kein schlechtes Spiel. In mancher Hinsicht übertrifft es sogar seine Vorgänger, etwa mit der intuitiven Charaktererstellung, bei der ich via Ziehen und Schieben direkt Nase, Ohren, Bauch und Hintern meiner Sims nach Belieben formen kann, als würde ich an einem Knet-Männchen rumdrücken. Oder die neuen Funktionen beim Häuserbau, die mir das Verschieben ganzer Räume problemlos ermöglichen und die ich schon jetzt nicht mehr missen möchte.

Die Sims 4: Endliche Möglichkeiten

Das wäre auch alles total super, wenn „Die Sims 4“ mich dafür an anderer Stelle nicht so sehr einschränken würde. Warum kann ich die Klamotten meiner Sims nicht individuell einfärben, so wie ich es bereits im dritten Teil der digitalen Seifenoper konnte? Warum dürfen meine Häuser nur noch drei Stockwerke hoch sein? Warum gibt es keine Keller mehr? Warum kann ich keinen Geschirrspüler in meine Küche stellen? Ich könnte dieses „Warum“-Gefrage ewig fortführen, womit ich bei einem der größten Probleme von „Die Sims 4“ angekommen wäre: Es ist einfach zu wenig. Zu wenige Klamotten für meine virtuellen Schützlinge, zu wenige Basis-Einrichtungsgegenstände für meine potentiellen Luxus-Bauten. Laptops, Billiard-Tische, Whirlpools? Fehlanzeige.

Klar, „Die Sims 4“ ist ein Basis-Spiel – niemand kann bei klarem Verstand erwarten, dass es dem Umfang eines Sims 3 mitsamt zahllosen Erweiterungspaketen ebenbürtig sein würde. Man kann und muss aber erwarten können, dass es ähnlich viel Inhalt liefert wie die Basis-Iterationen von „Die Sims 1“, „Die Sims 2“ und „Die Sims 3“. Und genau da versagt Maxis, denn nie zuvor habe ich mich bei der Verwirklichung meiner Parallel-Existenz in einem Sims-Spiel so eingeschränkt gefühlt.

Trotz dieser Limitierungen macht „Die Sims 4“ wieder Spaß; am grundlegenden Spielprinzip wurde nämlich wenig verändert. Und so ist es nach wie vor verdammt unterhaltsam, wenn die hitzköpfige Frau meiner virtuellen Version eines Nathan Drake ins Zimmer ihrer Kinder geht und deren Spielburg mindestens einmal am Tag zertrampelt, um sich Luft zu machen. Oder wenn sich mein virtuelles Ich permanent bei jedem Sim beschweren muss, weil sein Fernseher einfach mal viel zu klein ist.

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Taktisches Wechselbad der Gefühle

Da kommen dann auch die großen neuen Emotionen ins Spiel, die sich in der Praxis als sehr willkommenes, taktisches Gameplay-Element herausstellen. Bestimmte Aktionen versetzen Sims in verschiedene Stimmungen, so ist Nate Junior etwa selbstsicher, nachdem er eine Rede im Spiegel geübt hat und schneidet folglich besser in der Schule ab. Oder ihm wird unwohl, wenn im ganzen Haus Müll verteilt ist oder das Essen mal wieder nicht so gut zubereitet war. Auf negative Emotionen muss ich entsprechend reagieren und meine Sims etwa unter die Dusche schicken, wenn sie gerade fuchsteufelswild sind. Positive Emotionen wiederum haben Auswirkungen auf die möglichen Aktionen meiner Hausbewohner, so dass ein konzentrierter Sim etwa eine höhere Wahrscheinlichkeit auf eine Beförderung hat.

Die Emotionen bringen eine taktische Ebene ins Spiel, die es so zuvor noch nicht gab und die mir wirklich gut gefällt. Sie lassen sich aber leider auch ausnutzen, so kann man beispielsweise Tränke kaufen, die bestimmte Emotionen direkt bewirken oder Gegenstände platzieren, die eine emotionale Aura aktivieren und so schneller einen bestimmten Zustand hervorrufen. Das fühlt sich dann bisweilen an wie cheaten, auch wenn diese speziellen Items erst freigeschaltet werden müssen.

Neben den Emotionen wirbt „Die Sims 4“ mit einer weiteren großen Neuerung: Multitasking! Meine WG-Bewohner können jetzt also gleichzeitig essen, fernsehen, dabei mit ihrem Smartphone im Web surfen und das alles während sie sich miteinander unterhalten. Klingt banal, ist aber ein wahrer Segen für den Spielfluss und lässt die ohnehin schon sehr quirligen Sims noch lebendiger wirken. Und das hat „Die Sims 4“ auch wirklich geschafft: Die Sims wirken „echter“, nahbarer, wie richtige individuelle Charaktere, deren von Dreiecks-Beziehungen und Herd-Bränden geplagtes Leben man nach und nach formen kann.

Get off my lawn!

Der simlische Alltag erinnert dieses Mal sehr stark an das erste Sims-Spiel, denn auch in „Die Sims 4“ ist mein Eigenheim trotz pompöser Kulisse vom Rest der Welt abgeschnitten. Ich sehe zwar die Häuser meiner Nachbarn und selbige latschen auch ständig an meiner Residenz vorbei – um sie aber auch besuchen zu können, muss ihre Wohnung erst neu geladen werden. Die Ladezeiten reichten in meiner Spielerfahrung von fünf bis fünfzehn Sekunden, was durchaus aushaltbar wäre, wenn man nicht so verdammt oft laden müsste. Will ich mit einer meiner Sims in den Park? Ladebildschirm. Im Anschluss checken, was ihr Partner derweil Zuhause macht? Ladebildschirm! Ein gemeinsamer Besuch des Museums? Einfach in einem Menü einen beliebigen Sim auswählen und der wird dann dort mit hin-teleportiert, egal wo er gerade ist oder was er gerade macht. Ach, und ja: Ladebildschirm!

Immersion geht anders. Das ständige Laden anderer Locations entmutigt und fördert nur die Stubenhockerei meiner Sims. Maxis hat sich damit eine bessere Performance erkauft und tatsächlich läuft „Die Sims 4“ deutlich flüssiger und stabiler als sein Vorgänger. Dafür mit der offenen Welt zu bezahlen ist allerdings ein wenig zufriedenstellender Tausch. Immerhin kann ich in den zwei aktuell verfügbaren Nachbarschaften selbst die öffentlichen Gebäude editieren und sogar spielbare Wohnflächen daraus machen – es ist also etwa möglich, die riesige Parkfläche in der Mitte der Stadt mit einer großen Villa zu bebauen.

Man sollte meinen, ein so auf sein Skelett reduziertes Spielerlebnis wie „Die Sims 4“ wäre wenigstens auf Hochglanz poliert, aber Fehlanzeige. Diverse Bugs winden sich durch den Code von EAs neuer Lebenssimulation, etwa kleinere Wegfindungsprobleme, angezeigte Konversationen zwischen Sims, die schon längst das Haus verlassen haben, nicht mehr funktionierende Geschwindigkeits-Kontrolle, fehlerhafte Animationen, Gabeln an den Händen der Sims, die einfach nicht verschwinden wollen, kurzum: Zu viele, um sie zu ignorieren.

Ein Lob gebührt indes dem sehr eingängigen Soundtrack, der mich stets dazu bringt noch ein paar Sekunden länger im Bau-Modus zu verweilen. Sogar ein paar Retro-Tracks aus den ersten Sims-Spielen hat Maxis mit in die Playlist geworfen, was bei Nostalgikern die eine oder andere Erinnerung wecken dürfte.

Fazit:

Die Sims 4“ ist als eigenständiges Spiel schlicht und einfach zu dünn. Einschränkungen bei der Individualisierung der Sims und ihrer Häuser, wenige lohnenswerte Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der eigenen vier Wände und ständig auftauchende Ladebildschirme machen den vierten Teil von Maxis‘ virtueller Puppenkiste zum bisher schlechtesten Basis-Spiel der Reihe.

Die Emotionen und die Multitasking-Fähigkeit erweitern das Spielprinzip dennoch sinnvoll, viele der aktuell vorhandenen Probleme lassen sich zudem mit künftigen Patches und Erweiterungen lösen. Andere Baustellen, wie die in sich geschlossenen Grundstücke, werden wohl dauerhaft für Frust unter Sims-Jüngern sorgen.

Ich kann für „Die Sims 4“ aktuell einfach keine klare Kaufempfehlung aussprechen, wenn es den deutlich besseren Vorgänger derzeit mit verschiedenen Erweiterungspaketen für weniger Geld zu haben gibt. Einige der neuen Funktionen machen zwar wirklich Spaß, sie rechtfertigen aber nicht den hohen Kaufpreis.

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