Wer spielt welche Rolle?

Leo Schmidt 51

Und selbst, wenn man sich sicher ist, was ein Videospiel ist, stellt sich in diesem besonderen Fall noch die Frage, was ein Rollenspiel ist. Das Rollenspiel, noch bevor es auf Computern und Konsolen gespielt wurde, hatte die Aufgabe, dem Spieler ein Maximum an Freiheit zu gewähren. Es lässt sich sehr darüber streiten, ob moderne Rollenspiele überhaupt noch im selben Genre sind. Denn das, was Lee behauptet, dass es um das Ausleben eigener Fantasien geht, mag für das klassische, sehr freie Rollenspiel gelten.

Moderne Rollenspiele aber, die von Bioware ganz deutlich mit eingeschlossen, erlauben das ungefähre Formen eines festen Charakters in einer festen Geschichte. Sie erlauben uns, die Fantasie des Spieledesigners auszuleben, die bestenfalls mit unserer eigenen eine Schnittmenge hat. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist ja das Ausleben von Fantasien auch gar nicht die einzige Aufgabe von Videospielen und wir können auch Spaß haben, wenn wir in der Fantasie eines Anderen stecken.

Der Punkt ist aber: Ihr Rollenspielmacher zwingt mich, entgegen dem, was Lee behauptet, sehr wohl in eine Rolle, in Formen. Ganz ohne geht es nicht, selbst das freieste Pen-and-Paper-Rollenspiel setzt Grenzen. Ich würde mir durchaus wünschen, mal einen schwulen Charakter zu spielen. Aber ich bin darauf angewiesen, was ihr mir erlaubt - und ich sage ganz offen, dass ich auf das, was Bioware mir erlaubt, in diesem Bereich lieber verzichte. Das Verständnis Lees, dass ich einfach bei der Charaktererstellung ein Häkchen setzen soll und die Sexualität meines Charakters sozusagen an einem Regler einstellen kann, lässt mich erschaudern. Er begreift, so sein Zitat, die Sexualität und ethnische Zugehörigkeit als eine Frage der Technologie, eben wie die Stimme oder Gangart meines Charakters.

Lee hat genau den Reifegrad seines Mediums. Alles ist erstmal nur eine Frage des Codes. Genau, wie der gesellschaftliche Fortschritt in kleinen Etappen verläuft, so auch der Reifungsprozess dieses noch sehr unbeholfenen Mediums. Momentan ist es noch nicht mal beständig in der Lage, überhaupt schwierige soziale Themen so darzustellen, wie sie es verdienen. Es gibt zum Beispiel keinen guten schwulen Charakter. Wie auch: Es gibt ja im Vergleich zur Masse ohnehin kaum gute Charaktere.

Und dabei würde - und damit sind wir beim dritten Punkt, der Lee Schwierigkeiten macht - ein einziger Blick auf die Historie von Bioware reichen, um zu verstehen, warum es Fortschritt und nicht Fortsprung heisst. Die RPGs des kanadischen Studios gelten seit einer ganzen Weile als bahnbrechend, was die Darstellung von schwulen, lesbischen und bisexuellen Charakteren angeht. Wenn man sich aber anguckt, wie genau die Bahn gebrochen wird, dann muss man sagen: langsam, schief und unbeholfen.

Bioware, das haben sie mit so gut wie allen anderen Studios gemein, können weder Romanzen noch Sex darstellen. Geschlechtsverkehr sieht bei ihnen jedesmal aus wie zwei nackte Wachsfiguren, die aneinander gerieben werden. Es ging seit Jade Empire immer nur noch abwärts. Hier war der Höhepunkt einer Beziehung ein wahnsinnig kitschiger Kuss vor einem unends klischeehaften Bergpanorama, aber das passte nunmal, alles, was danach kam, war noch viel peinlicher. Häuptling Fell-im-Gesicht hat mal einen schönen Artikel zu Sex in Videospielen verfasst, in dem klar wird, dass Biowares unterirdisch schlechte Bettlakenaction in der Industrie auch nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist.

Aber mit den Beziehungen hinter dem Sex ist es nicht besser. Es mag ja angehen, dass ich jemanden treffe, mit ihm ein paar Mitglieder der dunklen Brut abschlachte oder Geth zerlege und ihm irgendwie näherkomme. Aber etwas tieferes ist unglaubhaft. Liebe, sogar der Keim von Liebe, ist nichts, was in einem Spiel neben der Action passieren kann. So unbefriedigend die dumpf aufgesetzte Liebesgeschichte (vielleicht auch nur Sexszene) im Hollywood-Kracher du jour ist, so dämlich ist es, nach zweieinhalb Gesprächen im Basislager zwischen magischem Effektgwitter eine tiefere Sehnsucht behaupten zu wollen. Überhaupt fällt mir momentan nur ein Spiel ein, das sowohl Sexualität als auch Beziehungen auf irgendeine Art bewältigt, und das auch nur, weil beide das Hauptthema sind: Catherine. Sollte es Zufall sein, dass es ausgerechnet dort geklappt hat, wo diese Themen nicht nur blödes Anhängsel waren, sondern wirklich Gedanken und Zeit investiert wurden?

Mit anderen Worten also: Schon alleine, weil Bioware Sex und Beziehungen ganz allgemein nicht können, könnten sie natürlich auch keine LGB-Beziehungen. Und was sie zu dem Thema drinhaben, sollte ihnen zu denken geben, ob sie sich wirklich dafür auf die Schulter klopfen wollen. Im ersten Mass Effect etwa war in der Hinsicht die einzige Option ein bisexuelles Alien, das zudem wie eine heisse Frau aussah. Mühsam krauchte man sich zu homosexuellen Charakteren, die man dann im dritten Teil hatte. Die durften dann aber plötzlich nicht Teil der Party sein, sondern waren Schütze Arsch auf dem eigenen Raumschiff und abgesehen von ihrer Neigung und einem Mindestmaß an Backstory nicht relevant.

Es wird eben ein Schritt nach dem anderen gemacht. Bioware, wie ich anfangs gesagt habe, verschiebt die Grenzen und sprengt sie nicht. Man kann ihnen das langsame Tempo übelnehmen, man kann auch den Fortschritt an sich begrüßen. Aber: Aus so einer solchen Position heraus lässt sich nichts von anderen Leuten fordern. Was genau hielt Bioware davon ab, einfach einen richtig gut ausgearbeiteten Hauptcharakter in die Party zu hieven, der homosexuell war? Eben genau die Scheu, für die Cameron Lee solches Unverständnis zeigt. Anstatt sich zu schämen, können Lees Kollegen einfach zurückwerfen „DAS nennst Du einen homosexuellen Charakter?“. Lees Frage, warum es sowas nicht öfter gibt, verpufft – weil es sowas gar nicht gibt. Nicht aus bösem Willen, sondern aus Unvermögen und Scheu.

Man kann diese Scheu anprangern, das sollte man sogar, damit sie immer weiter erkannt und abgebaut wird. Aber sich als ein Herold des Fortschritts zu gebärden, weil man die ersten zaghaften Schritte gemacht hat, und anderen Studios einen Vorwurf machen, ist vielleicht nicht die klügste Aktion. Bioware haben durch ihre Spiele zu überzeugen, nicht durch indigniertes Rümpfen der Nase. Und ihre Spiele gehen in die richtige Richtung, aber sind noch lange nicht am Ziel.

Insofern, Cameron Lee, diese Feststellungen zu Ihren drei Problemen:

1. Weil wir noch einen langen Kampf vor uns haben – solange dieser nicht gewonnen ist, werden unsere Spiele das reflektieren.

2. Weil Computerspiele vielleicht gar nicht gut darin sind, soziale Entwicklungen darzustellen. Selbst wenn, als junges Medium humpeln sie dem Stand der Gesellschaft hinterher.

3. Selbst, wenn Bioware die fortschrittlichsten unter den Rollenspiel-Studios sind, sagt das mehr über den Fortschritt und das moderne Rollenspiel als über Bioware.

Und das sind die Gründe, warum die Wahl des Geschlechts, der Sexualität und der ethnischen Zugehörigkeit oft ein Problem darstellt.

Es sollte nicht so sein. Wir sollten daran arbeiten, dass es nicht so ist. Ich arbeite, indem ich schreibe. Sie hören auf, Forderungen zu stellen und produzieren stattdessen. Damit ist jedem am besten geholfen.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

* Werbung