Driveclub Test: Leidenschaft unerwünscht

Robin Schweiger 20

Ein weiteres Rennen gewonnen. Ich kehre ins Menü zurück, um nach einer kurzen Ladezeit das nächste Event in der Singleplayer-Tour auszuwählen, das sich genauso anfühlen wird, wie die 30 vorherigen Fahrten. Die folgenden drei Minuten auf der Strecke machen trotz diverser Frust-Momente Spaß, doch anschließend schaue ich erneut auf die gleichen Menüs, die die gleichen Strecken möglichst seelenlos mit der gleichen Musik präsentieren. „Driveclub“ fühlt sich an wie ein Funracer, präsentiert sich jedoch wie eine Hardcore-Simulation und sitzt ziellos zwischen allen Stühlen.

Driveclub Test: Leidenschaft unerwünscht

Driveclub Test

Einen Test zu „Driveclub“ zu schreiben ist keine ganz einfache Sache, weil sich die größten Probleme des Racers nur schwer in Worte fassen lassen. Seelenlos, kommerziell, leidenschaftslos, unspektakulär – all diese Worte beschreiben eine Idee, die von außen kaum nachvollziehbar erscheint. Die völlige Identitätslosigkeit „Driveclubs“ ist ein großes Problem, weil das Rennspiel-Genre in den letzten Jahren immer kompetitiver wurde. Konfrontiert mit der stärker werdenden Konkurrenz präsentierten Rennspiele immer neue Features, um heraus zu stechen. Mit dem Autolog von „Need for Speed“, den Drivatars von „Forza Motorsport 5“, der Umgebungszerstörung von „Split/Second“, den Offroad-Rennen von „Pure“ und der offenen Spielwelt von „Forza Horizon 2“ arbeitete jedes Rennspiel auf seine Art daran, eine eigene Identität aufzubauen.

„Driveclub“ fehlt dieses Element. Und so fühlt sich der Sony-exklusive Racer wie ein Produkt aus vergangenen Tagen an, wenn ich in der Solo-Tour dutzende Standard-Rennen fahre, die ohne jeden Kontext in einem unspektakulären Menü präsentiert werden.

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DriveClub: Autoliste – alle Fahrzeuge im Überblick mit Bildern (Update: Downforce-DLC Autos).

Die komplette Abstinenz eigener Charakteristika wird auf der Strecke von miteinander konkurrierenden Ideen und Konzepten ersetzt, die sich oftmals direkt widersprechen. Im Kern ist „Driveclub“ ein einfacher Funracer, der keinerlei Simulations-Ambitionen hat. Wie in „Need for Speed“ reagieren Autos sofort auf jedes Kommando und lassen sich auch mit 300 Km/h noch problemlos per Vollbremsung verlangsamen, ohne auszubrechen. Drifts sind jederzeit kontrollierbar und stellen eine gute Alternative zum schlichten Abbremsen und Beschleunigen dar.

Diese Fahrweise lädt eigentlich zum kompromisslosen Rasen ein – doch Entwickler „Evolution“ schnürt dieses Funracer-Konzept in ein unförmiges Regel-Korsett. Sobald ich nur einen Meter zu weit nach links oder rechts von der Rennstrecke abweiche, erscheint ein Countdown, der droht, mich auf den Asphalt zurückzusetzen. Nehme ich eine Schikane zu eng und verlasse die Straße, kann ich mehrere Sekunden lang nicht mehr beschleunigen, weil mich das Spiel fürs (angebliche) Abkürzen bestraft. Bin ich an einer Kollision beteiligt, erwartet mich die gleiche Strafe – zumindest war das von Evolution wohl so gedacht.

Diese Strafen wirken wie der aufgesetzte Versuch, mich zu einer Spielweise zu zwingen, die von den zu Grunde liegenden Spielmechaniken nicht unterstützt wird. Das Spiel und die Rennstrecken wurden so entwickelt, dass sie etwaige Abkürzungen und ungestüme Fahrweisen erlauben und ermutigen, während mich die Bestrafungen vom Gegenteil überzeugen wollen.  Zudem erscheint es völlig willkürlich, bei welchen Unfällen mich nun eine Strafe erwartet und bei welchen nicht. Auch in bestimmten Kurven scheint sich „Driveclub“ nicht daran zu stören, wenn ich dort ausnahmsweise doch mal von der Straße abweiche.

Habe ich mich aber erst einmal mit dieser Schizophrenität abgefunden und damit arrangiert, kann ich auf der Strecke tatsächlich Spaß haben. Die großartige Technik zaubert immer wieder wunderschöne Panoramen auf den Bildschirm, während mich das Geschwindigkeitsgefühl in der extrem detaillierten Cockpit-Perspektive regelmäßig aus den Latschen haute. Wenn es um Bestzeiten ging, positionierte ich die Kamera jedoch nur selten hinter das Lenkrad: Diese sehr realistische Ansicht passt nicht zum völlig unrealistischen Fahrverhalten und führte bei mir immer wieder zu verpassten Brems- und Scheitelpunkten.

„Driveclubs“ Optik ist dabei stark abhängig von der simulierten Tageszeit und den Lichteffekten. Fahre ich nachmittags mit bewölktem Himmel durch einen Wald, kann die Engine nicht wirklich zeigen was sie kann und präsentiert stattdessen stellenweise matschige Texturen und starkes Kantenflimmern. Erneut offenbart sich „Driveclub“ hier als schizophren: Auf der einen Seite sitze mich mit heruntergeklappter Kinnlade da, wenn ich nachts den Polarlichtern entgegenfahre, auf der anderen Seite langweilt mich „Driveclub“ immer wieder mit unspektakulären Routen, die optisch wenig zu bieten haben.

Abseits der Rennstrecke offenbart sich mit zunehmender Spielzeit mehr und mehr, dass „Driveclub“ als Launch-Titel geplant war und unzählige Features missen lässt, die mittlerweile Genre-Standard sein sollten. Ich habe weder die Möglichkeit, irgendwelche Fahrhilfen an- oder abzuschalten, noch kann ich meinen Wagen tunen. Optisch kann ich nur zwischen vorgefertigten Designs und Logos wählen, was aber nicht wirklich schlimm ist, weil ich mein Auto dank fehlender Foto- und Replay-Modi sowieso nicht anständig in Szene setzen kann. Diese beiden Modi sollen, genauso wie das fehlende Wetter-System, irgendwann einmal nachgepatcht werden, ihr Fehlen führt jedoch momentan dazu, dass „Driveclub“ auch nach der einjährigen Verschiebung noch immer unfertig wirkt.

Am meisten Spaß macht „Driveclub“ wenn ich mit abseits der teils mäßigen, teils frustrierend aggressiven KI im Mehrspieler-Modus mit anderen Spielern messe. Sobald die Rennen starten, habe ich (falls ich dem unvermeidlichen Geramme entkommen kann) durchaus meinen Spaß. Im Multiplayer muss ich jedoch zwingend an festgelegten Events teilnehmen. Das sieht dann so aus, dass ich zwischen einer Handvoll Rennen auswählen kann, die innerhalb der nächsten Minute automatisch starten, wo ich jedoch keinerlei Einfluss auf die Strecken habe. Ich muss schlicht das Glück haben, dass innerhalb der nächsten paar Sekunden ein Event startet, das meine gewünschte Rennstrecke und Fahrzeugklasse unterstützt… ansonsten muss ich schlicht warten.

Fazit:

„Driveclub“ tut alles dafür, den immer wieder aufkommenden Spaß auf der Rennstrecke im Keim zu ersticken. Miteinander in Konflikt stehenden Spielmechaniken und die allgegenwärtige Abstinenz jeglicher Alleinstellungsmerkmale zeugen von einer turbulenten Entwicklung, deren Ergebnis ein akzeptables, aber völlig identitätsloses Rennspiel ist.

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