The Elder Scrolls Online Beta: Du erwartest zu viel! (Kolumne)

Tobias Heidemann 37

Vor etwa einem halben Jahr, kurz nach dem PR-Massaker der gamescom, habe ich einen Artikel über The Elder Scrolls Online geschrieben. Ein Text, der vergleichsweise viel Aufmerksamkeit bekam und mir zudem einigen Ärger einbrachte. Der Artikel war ursprünglich als konventioneller Ersteindruck zu ESO gedacht, geriet aber beim Schreiben irgendwie zu einem Einblick in die mitunter etwas zu geölte PR-Maschinerie der Spiele-Branche. Da das Netz zu diesem Zeitpunkt bereits mit dutzenden ESO-Previews förmlich überlief und ich ohnehin viel zu spät dran war, ging schließlich ein Artikel online, der sich als eine etwas quengelige Unmutsbekundung aus dem Potemkinschen Dorf der langweiligen Vorberichtserstattung beschreiben lässt. Nichts allzu besonderes also, ein Bericht über ein ehrliches Gespräch mit einem Entwickler. Dachte ich zumindest. Selten zuvor hatte ein Text von mir seine Leser derartig polarisiert.

The Elder Scrolls Online Beta: Du erwartest zu viel! (Kolumne)

Ich bekam Zuspruch, wurde aber gleichzeitig überraschend scharf kritisiert. Das Ganze sei »unprofessionell, kein seriöser Journalismus«, sondern eine viel zu »persönliche« und »hasserfüllte« Abrechnung mit The Elder Scrolls Online. Zudem fehle mir die gesunde Distanz zu meinem Beruf und überhaupt »schäm dich Tobias Heidemann, so einen grottenschlechten Bericht abzugeben«. Wow!

Auch wenn man sich in meinem Berufsfeld grundsätzlich (insbesondere aber bei MMORPGs) auf heftige Diskussionen einstellen muss – DAMIT hatte ich nicht gerechnet. Knapp 130 Kommentare, mehrere Spam-Attacken und eine anregende Korrespondenz mit der zuständigen PR-Abteilung von Bethesda später versendete sich das denkwürdige Spektakel wieder.

The Elder Scrolls Online The Arrival.
Auch The Elder Scrolls Online verschwand von meinem Radar, was sicherlich auch damit zu tun hatte, dass eine Einladung zur Presse-Beta leider ausblieb. Erst am vergangenen Mittwoch tauchte ESO dann plötzlich wieder auf. In meinem privaten Postfach hatte sich eine Einladung zum Stress-Test vor dem kommenden Release eingefunden und der bin ich natürlich gefolgt. Immerhin gut möglich, dass ich mit meiner Ersteinschätzung damals total daneben lag. Ok, vielleicht nicht gut möglich, aber möglich.

Während ich also mit meinem Redguard-Nightblade durch die Startgebiete von ESO streifte, fiel mir der besagte Text natürlich schnell wieder ein. Was hatte ich damals eigentlich zum Spiel selbst gesagt? Was genau hatte ich so stark kritisiert und bemängelt, dass es derartig drastische Kommentare provoziert hatte?

Bilderstrecke starten
8 Bilder
7 Fälle, bei denen echte Liebe im Spiel ist.

Was darf man von The Elder Scrolls Online erwarten?

Zu meiner Überraschung stellte ich bei der erneuten Lektüre fest, dass ich The Elder Scrolls Online selbst eigentlich gar nicht groß bewertet hatte. Es ging fast ausschließlich nur um das, was ich mir von dem Spiel im Vorfeld erhofft hatte und was zu meinem Bedauern bis zum damaligen Zeitpunkt nicht verwirklicht worden war. Mit anderen Worten: Es ging um meine Erwartungen.

Ziemlich hohe Erwartungen, um genau zu sein. Ein packendes, spektakuläres Kampfsystem, eine nicht kulissenhafte Spielwelt, neue Ansätze in puncto Teamplay, funktionierender Endcontent, interessante Quests und natürlich eine angemessene Online-Umsetzung des bekannten Elder Scrolls-Feelings. Kurz: Ich hoffte auf ein Next-Gen-MMO mit interessanten Alleinstellungsmerkmalen und dem serientypischen Spielgefühl. Diese Hoffnungen schienen mir nicht in Erfüllung zu gehen, also hatte ich das so auch geschrieben.

Womit wir beim eigentlichen Problem wären. Ich habe grundsätzlich hohe Erwartungen an Spiele. Vor dem Hintergrund der harschen Kritik seitens einiger Leser muss ich mir aber wohl die Frage gefallen lassen, ob meine Erwartungen vielleicht sogar ZU HOCH sind. Oder anders gefragt: Was muss, was darf und was kann man 2014 von einem Projekt wie The Elder Scrolls Onine eigentlich erwarten?

Ich unterstelle jeder Neuankündigung grundsätzlich erst einmal die besten Absichten und messe sie so lange an den von Entwicklern und Publisher kommunizierten Versprechungen, bis ich mir selbst ein Bild der Lage machen kann. Wenn sich ein Spiel wie ESO also zum Beispiel offiziell damit verkauft, »ein Erlebnis, wie kein anderes MMO zuvor« bieten zu können oder wenn es seine Technik als einen »innovativen Meilenstein« umschreibt, dann ist das ein Anspruch, an welchem ich die tatsächlichen Realitäten auch bemessen muss.

Gleiches gilt auch für das ausgesprochene Versprechen, sowohl Skyrim-Fans als auch MMORPG-Veteranen glücklich machen zu können. Kann Zenimax Online solch ambitionierte Ziele tatsächlich erreichen oder müssen die Erwartungen an dieses Spiel doch etwas relativiert werden? Erste Antworten auf solche Fragen zu geben, das scheint mir die wichtigste Aufgabe von Ersteindrücken zu sein. Im Fall von ESO fiel diese erste Antwort – gemessen an meinen Erwartungen und den selbst gesteckten Zielen der Entwickler – wie folgt aus: The Elder Scrolls Online ist der gleiche Trott, den wir seit Jahren im stagnierenden Genre vorgesetzt bekommen.

ESO: Ein Erlebnis, wie kein anderes MMO zuvor

Es wird immer Leser geben, denen solche Antworten nicht gefallen. Man wird durch solche Blutgrätschen in die überhypte Vorfreude im schlimmsten Fall zum sprichwörtlichen Spielverderber und damit automatisch zur Zielscheibe für emotionale Beißreflexe. Alles kein Problem. Werden solche Antworten aber als »eine frustrierte Meinung mit überzogenen Forderungen» verstanden oder wirft man dem Autor gar vor, er habe die »Realität aus dem Auge verloren«, dann drängt sich die Frage nach dem, was MAN erwarten DARF nur umso mehr auf.

The-Elder-Scrolls-Online-Release

Wie sollte man also einem Spiel wie ESO im Jahr 2014 idealerweise begegnen? Das ist keine rhetorische Fingerübung oder der Versuch einer nachträglichen Legitimation meines Textes – die Frage ist tatsächlich ernst gemeint. Wie?

Sollte man die Kommunikation seitens Entwickler und Publisher grundsätzlich außen vor lassen und die offiziell gesteckten Projekt-Ziele komplett ignorieren? Oder sollte man die schillernden Werbevokabeln und PR-Infos einfach für bare Münze nehmen? Sollte man das Spiel am gegenwärtigen Status quo des MMORPG-Genres messen oder darf man einem üppig budgetierten Next-Gen-Spiel mit dem Namen The Elder Scrolls mehr als den etablierten Standard zutrauen? Was erwarte ich von ESO, wenn ich es mit Guild Wars 2, The Old Republic oder Everquest Next vergleiche? Was wenn ich es mit Skyrim vergleiche? Wie steht es mit Innovationen, Alleinstellungsmerkmalen und inhaltlicher Eigenständigkeit? Darf man die erwarten? Muss man? Sollte ein Spiel, das eines der besten in seinem Genre sein will, etwas anderes machen als zurückliegende Genre-Vertreter oder reicht es vollkommen, wenn Elemente anderer Spiele einfach nur versiert kopiert werden?

Man könnte das endlos so weiter machen. Der Punkt dieser, zugegeben etwas überspitzten, Darstellung ist folgender: Je nach Perspektive ändert sich die Wahrnehmung des Spiels. ESO kann ein geniales oder eben nur ein genügendes Online-Rollenspiel sein. Die Erwartungen der Spieler variieren, weil Erwartungen sich nun mal aus Geschmacksurteilen, Vorlieben, bisherigen Erfahrungen in anderen Spielen und persönlichem Empfinden zusammensetzen. Jemand, der mit ESO sein erstes MMO überhaupt spielt, wird zum Beispiel andere Erwartungen haben als jemand, der seit Jahren im Genre dabei ist.

Bild 17

Aber, und um dieses ABER geht es mir heute (sorry, dass das jetzt so lange gedauert hat), als Spiele-Journalist bin ich zu hohen Erwartungen verpflichtet! Davon bin ich fest überzeugt.

Eine hoch gesteckte Erwartung, die sich an den besten und innovativsten Spielen des Genres orientiert, wird immer mehr relevante Informationen für die Meinungsbildung der Leser zu Tage fördern, als das bloße Nachsingen des PR-Hypes oder zu niedrige Ansprüche. So gesehen fühle ich mich als Berichterstatter zu einer kritischen Erwartungs-Haltung verpflichtet. Wobei kritisch hier meint, dass ein Spiele-Journalist die mediale Darstellung des Spiels mit dem persönlichen Spielerlebnis vergleichen muss.

Dieses Erlebnis zum Beispiel als »wie kein anderes MMO zuvor« zu beschreiben, halte ich demnach auch immer noch für schlicht unwahr. Das Gegenteil ist meiner Meinung nach zutreffender. ESO spielt sich eher wie jedes andere MMO zuvor. Es ist, ich sagte es bereits, der gleiche Trott, den wir seit Jahren im stagnierenden Genre vorgesetzt bekommen. Ob dieser Satz nun die ganze Aufregung wert war, soll an dieser Stelle noch einmal stark bezweifelt werden.

Wie gut kennst du: The Elder Scrolls Online Tamriel Unlimited?

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

* Werbung