Zum ersten Mal Eve Online: Als Eve mich tötete – und dann zurückholte

Marina Hänsel 6

Ich gehe jetzt mal. Wohin? In die galaktischen Weiten eines der ältesten MMORPGS, das heute noch von Tausenden von Spielern tagein, tagaus gespielt wird. Bereit? Okay, ich bin es nämlich nicht.

Es ist dunkel da draußen. Groß. Da ist viel Text, lauter kleine Buchstaben und Zahlen, und Schönheit, und mein Schiff – unser Schiff. Wir gehören zu den Gallente, der einzigen tatsächlichen Demokratie in Eve Online. Wir haben eine Blutlinie, eine Schule, einen Portrait und einen Name: Jaden Hawk. Herzlich Willkommen in Eve Online – was verdammt sind das alles für Buttons?!

Okay. Atmen. Ein Textfenster poppt auf, eine blaue Fläche inmitten des mit Punkten übersäten Nichts, einem Universum, das abertausende Spieler beherbergt. Es ist die KI Aura, die zu mir spricht: Fliegen kannst du, indem du Punkte anvisierst, Rechtsklick – oh – ein Rad mit mehreren Möglichkeiten: Approach, (Annähern), Keep At Distance (Gewisse Distanz bewahren) Lock on (Anvisieren), Orbit (Umkreisen), Warp („Warp 9, Nummer 1!“).  Viele dieser Optionen haben Unteroptionen. Eine Objekt einfach nur umkreisen? Nein, nein, du wirst entscheiden müssen, mit wie viel Abstand du das Objekt umkreisen wirst: Orbit 500m? Orbit 1000m? Orbit 30.000m?

Das Erste, was ich Eve Online lernte: Ich kann nicht einmal fliegen.

Ich sollte es wissen, nicht? Jaden Hawk ist ein ausgebildeter Rekrut in seinen Zwanzigern, er besitzt ein Schiff. Er sollte mir sagen, was ich tun muss. Das Spiel sollte mir sagen, was ich tun muss. Es ist doch sonst immer so einfach. In Eve Online nun, ist es das nicht. Und ich lernte das auf die harte Art.

Ich weiß, ich war nicht bereit für Eve Online. Aber niemand ist bereit, bevor er anfängt:

EVE Online - Trailer.

All die Dinge, und das Töten

Das Zweite, was ich Eve Online lernte: Ich bin der größte Mensch der Welt, denn ich kann schießen.

Ich kann jetzt fliegen. Aura, meine neue beste Freundin in meinem Bildschirm, erklärt mir, ich müsse mehrere kleine Missionen abschließen. Alles Kampfmissionen gegen kleinere NPC-Gegner und ich lese ihre Worte, während mein Schiff hilflos durch den Raum driftet; vorbei an Raumstationen, Anomalien, roten Punkten, die CMS-060 heißen (?), vorbei an chinesischen Zeichen und Stargates.

Ich weiß nicht so genau. Ich weiß echt nicht, ob ich das alles je verstehen werde, aber: Eve Online hat mich in diesem Moment. Ich bin begeistert und lernbereit, und will „WARP 9, Commander Riker!“ rufen und mir mein Star Trek-T-Shirt anziehen. Ich unterlasse es, denn ich muss Seeker töten. Seeker, so stellt sich heraus, sind kleine gemeine rote Punkte im Universum, die sich in Raumschiffe verwandeln, sobald sie sich uns näheren. Sie lieben Relikte und kaputte Raumstationen, aus denen sie wertvolle Technologien entwenden können. Und ich, Jaden Hawk, werde sie aufhalten.

Okay, wie schieße ich? Es ist gut, dass Aura es mir erklärt – sie führt mich durch den ersten Kampf, sagt mir, ich solle mich dem Schiff erst nähern, ehe ich es anvisiere, anfange, es zu umkreisen und dann schieße. Ich schaffe es. Es ist ein Dark Souls-artiges Gefühl, das mich überkommt, ein zittriges Ich habe es geschafft!, ein Ich bin der größte Mensch der Welt! Ich weiß, du denkst Nein, bist du nicht, du hast nichts geschafft, du bist noch im Tutorial. und du magst recht haben. Aber Eve Online ist Teufelsspiel, ein 15 Jahre altes Science-Fiction-Relikt aus einer anderen Welt, und das Tutorial habe ich über mehrere Tage gespielt. Eve Online ist gigantisch, und derart komplex, dass es Wochen und Monate dauern würde, jeden Winkel des Spiels – und der ominösen Community – zu ergründen.

Also, ich fühle mich gut während der ersten Missionen. Obwohl sie repetitiv sind: Fliege dorthin, töte, komm zurück. Lass dein Schiff in der Raumstation reparieren, warpe zum nächsten Punkte. Dann fängt mein Schiff an, zu spinnen.

Computer, was ist mit den Navigationssystem los? Ich kann nicht mehr manövrieren.

Alle System funktionieren optimal.

Computer, da muss ein Fehler vorliegen. Die Waffen funktionieren auch nicht!

Die Waffensystem funktionieren einwandfrei.

Computer, check die Systeme. Check die Waffensystem. Weiche dem Seeker aus! Oh fu- Kontaktiere Hilfe!

Schilde auf 20 Prozent gesunken, Captain. Alle Systeme funktionieren normal. Kontaktiere den Chat um Hilfe.

Oh Gott.

Das Ende

Das Dritte, was ich in Eve Online lernte: Es gibt auch im Eve Online-Universum Dinge, die gibt’s nicht.

Werde ich sterben? Das Ding in Eve Online ist, dass du deine Schiffe für immer verlierst. Und ich; ich kleiner Mann mit Namen Jaden Hawk, besitze nur ein Schiff. Würde ich mich in den Weiten des Eve Online-Universums in Luft auflösen? Würde ich im TUTORIAL sterben? Scham, Trauer, Verzweiflung – und die Systeme funktionieren nicht. Ich klicke, was ich zuvor geklickt habe, steuere das Schiff weg von den Feinden, schieße auf sie. Aber nichts geschieht. Es ist das Ende.

Hey, sorry, dass ich störe. Ich bin komplett neu und versuche gerade eine Seeker-Mission im Tutorial zu erledigen. Ich visiere das Schiff an, aber ich schieße nicht. Mein Schiff reagiert auch nicht, wenn ich wegfliegen will. Was soll ich tun? Mache ich etwas falsch?“, schreibe ich in ein kleines Fenster am unteren linken Rand, den Rookie-Help-Chat voll mit mehreren hundert Spielern, die alle hier sind, um Menschen wie mir zu helfen.

Warum sie das tun? Ich habe keine Ahnung, aber ich bin dankbar. Ein Kommandeur antwortet mir und fragt, ob ich auch wirklich richtig anvisiert habe. Gibt mir Tipps, wie ich schieße. Jemand anderes klinkt sich ein, noch mehr Tipps. Ich fühle mich wohl in dieser Community, aber wenn ich nicht ein kompletter Space-Hornochse bin, mache ich doch genau das, was sie alle sagen. Schilde auf 10 Prozent, mein Schiff beginnt zu glühen. Der Seeker greift ohne Unterlass an, mein Schiff fliegt in eine Richtung, stumm und ohne Reaktion auf meine Befehle. Was passiert hier?

Ist es möglich, dass das Tutorial verbuggt ist? Gibt es hier manchmal Probleme mit Bugs?“ frage ich die Kommandeure im Eve-Chat, als das Unmöglich passierte: Mein Schiff wendet auf meinen Befehl hin, fliegt zum feindlichen Frachter und steuert in ihn hinein. Die Welt bricht auf, die Schüsse erreichen mich nicht mehr, und ich bin glühendes Korn inmitten einer metallischen, verbuggten Umarmung.

Dann stürzt Eve Online ab.

Jenseits der Sterne

Das Vierte, was ich in Eve Online lernte: Am dunkelsten ist die Nacht stets vor der Dämmerung.

Eine Woche später.

Ich drifte. Mein Schiff glüht lichterloh, einsam und verlassen im schwarzen Raum. Wie weit bin ich vom Kurs abgekommen, und viel wichtiger: Werden Antrieb und Waffen wieder funktionieren? Ja, das tun sie. Mit letzter Kraft warpe ich zur nächsten Raumstation, bitte um Andockerlaubnis und warte, bis sich die Andockschleusen öffnen. Drinnen wird mein Schiff sofort repariert. Ganz so, als seien diese letzten katastrophalen Stunden in Eve Online nie gewesen. Ich fühle mich, als hätte mich jemand aufgeschlitzt, liegen gelassen und dann verarztet.

Aber nun – ich weiß jetzt, dass es ein Art Bug gewesen sein muss; vielleicht ein Problem mit meiner Internetverbindung. Erleichterung. Nicht meine Schuld. Die nächsten Missionen sind wieder repetitiv: Ich erledige alle Seeker-Quests, ehe ich in die Caille Universität geschickt werde. Zum ersten Mal springe ich über ein Sternentor; und es funktioniert. Da ist noch dieser Funke an Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? in meiner Brust, und in meinem Kopf. Aber so dunkel der Absturz doch war, so viel heller erscheinen langsam einige Funktionen des Spiels.

Über die nächsten Stunden hinweg lerne ich von Karriere-Spezialisten, welche Wege in Eve Online gegangen werden können: Steigst du in die Industrie ein und kümmerst dich darum Ressourcen zu sammeln? Wirst du Forscher und scannst verschiedene Anomalien im Universum? Wirst du Geschäftsmann oder willst du kämpfen? Das sind alles valide Jobs, denen nachgegangen werden kann – wenngleich du im Laufe des Spiels sicher viele Fähigkeiten vereinen wirst, je nachdem, was du möchtest.

Zum ersten Mal seit Beginn spüre ich, was Eve Online ist. Und zum ersten Mal seit ich angefangen habe, zu spielen, kann ich nicht mehr aufhören. Eve Online streckt seine außerirdischen Arme nach mir aus und greift mich, während ich durch die Systeme springe, Anomalien scanne, crafte, handele, Schiffe ansammle und ausbaue, kämpfe, Missionen erledige und Geld verdiene. Ich fühle mich reich. Ich fühle mich, als habe ich mich in einen neuen Beruf eingefunden, in ein neues Leben.

Ich will nicht aufhören. Nach 8 Stunden im Spiel bin ich high von den Bildern und Geheimnissen, von dem Gefühl, etwas schweres und komplexes aus eigener Kraft verstanden zu haben. Mein Blick ist auf den Bildschirm fixiert, meine Augen brennen ein wenig. Draußen wird es dunkel. Im echten Leben, meine ich, denn in Eve Online ist es immer dunkel. Ich erwache aus meiner Starre, schüttle mein eingeschlafenes Bein und beende die Session.

Ich will zurück.

Es war mir eine Ehre, Captain Hawk.

Das Fünfte und Letzte, was ich in Eve Online lernte: Es gibt noch so viel mehr. So viel.

Ein Woche später.

Als ich mich wieder einlogge, sind mehrere Nachrichten in meinem Postfach. Ein chinesischer Text, der sich über den Google Übersetzer als Einladung herausstellte. Und noch eine Einladung – auf Englisch. Das Herz von Eve Online sind die Spieler und ihre etlichen Gruppierungen, angefangen von Piraten, die sich in schwarzen Löchern verstecken bis hin zu Mega-Corporations, die tausende Spieler unter sich vereinen. Geleitet von CEOs und Kommandeuren, ebenfalls Spieler.

Sie geben dir Schiffe und Ressourcen und bringen dir alles bei, was du im Tutorial nicht lernst. Sie machen dich zu einem Mitglied ihrer Familie, und sie geben dir Arbeit. Nun, ich war zu diesem Zeitpunkt nicht bereit dafür, mein halbes Leben in dieses Spiel zu stecken, also schicke ich keine Bewerbung ab. Und dennoch …

Ich kann nicht aufhören, an Eve Online zu denken. An das Gefühl, zu verstehen, Brotkrumen zu sammeln und stets neue Dinge zu entdecken, neue Orte und Anomalien und Möglichkeiten. So sehr ich es am Anfang hasste, lernte ich es doch zu lieben, alle diese komplexen Details im Spiel anwenden zu müssen: Per Hand Kurse setzen, auf dem internationalen Eve-Markt die billigsten Angebote für Ressourcen zu finden, Anomalien zu scannen, zu fliegen.

Und eines zu wissen: Ich habe Eve Online nur angekratzt; gerade einmal die primären Funktionen gelernt. Eve Online beginnt erst dann wirklich, wenn du einer Corporation beitrittst und von Spielern Missionen erhältst. Wenn du mit deinen Kameraden in Kriegen kämpft, wenn du mit deinem Team forschst oder Business-Angelegenheiten erledigst. Es ist ein zweites Leben, ein Zuhause in dem komplexesten Science-Fiction-Universum, das mir je begegnet ist. Um dort zu sein und dazuzugehören, wirst du jede Tätigkeit lernen müssen, zuerst vom System und dann von anderen Spielern. Du wirst dich in eine neue Sprache vertiefen müssen; Wörter und Sätze lernen, die ausdrücken, was du da gerade machst, und warum.

Die Lore ist gigantisch. Das Ziel kaum zu erfassen, und ich weiß nicht, ob ich je derart weit in dieses Universum vordringen kann, um es gänzlich zu verstehen. Ein Faktor ist und bleibt hier auch die Zeit: Um wirklich mitspielen zu können, musste du sehr viel Zeit investieren. Kannst du das? Willst du das?

Noch mehr Science-Fiction kann dein Leben nur besser machen, oder?

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19 Science-Fiction-Serien, die ihr fast vergessen hättet.

Ich denke, in kaum einem anderen Spiel würde es sich mehr lohnen. Und ein Teil von mir möchte zurück – oh ja. Ein Teil von mir möchte den nächsten Schritt gehen und sich einer Organisation mit Herz und Seele verschreiben; möchte erfahren, was sich hinter den Sternen verbirgt, die da in der Ferne glimmen. Irgendwann werde ich es vielleicht. Und sollte es soweit sein, werde ich dir davon erzählen.

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