Spiele vorbestellen: Haltet ein mit dem Wahnsinn!

Anne Wernicke 21

In den letzten Jahren ist es gang und gäbe geworden, sich supertolle, groß angekündigte Blockbuster einfach blind vorzubestellen. Und auch die achtzigste Fortsetzung von Assassin’s Creed oder Call of Duty wird bedenkenlos in den Warenkorb gelegt, bevor überhaupt ersichtlich ist, was das Spiel taugt. Ich beobachte das mit Sorge und schildere euch deswegen, warum es totaler Quatsch ist, diese Praktik weiterhin zu verfolgen.

Vorbestellerboni Aufruf.

Am 17.09.2013 klingelte es gegen Mittag an der Tür meines ehemaligen Arbeitgebers. Ich bin voller Vorfreude aufgesprungen und in den Flur gerannt, um schnurstracks den Postboten persönlich zu empfangen. Im Gepäck hatte dieser meine vorbestellte Version von GTA 5 für die Xbox 360. Ich war überglücklich! Die Version traf pünktlich ein, sodass ich sie sofort in die Konsole legen und ein Gameplay aufzeichnen konnte. Das war das erste und einzige Mal, dass ich mir ein Spiel vorbestellt hatte.

Ich habe seitdem für mich beschlossen, dass es einfach nicht notwendig ist, sich Spiel XY jedes Mal zeitig vorzubestellen. Den einzig ersichtlichen Vorteil, den ich bei meinem einmaligen Experiment hatte, war sich den Gang zum Einzelhändler zu sparen. Nun werdet ihr sagen: „Aber auf Amazon kann man als Vorbesteller durchaus mit Vergünstigungen rechnen und bekommt die Version schon vor Release zugeschickt“ oder „Bei GameStop bekomme ich als Vorbesteller Exklusivinhalte, die kein anderer erwerben kann.“ Das stimmt, ja. Und genau das ist das Problem.

Nehmen wir Turtle Rocks Shooter Evolve. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es völlig in Ordnung zu sein scheint, alle Vorbesteller mit zusätzlichem Inhalt zu belohnen, für den der Rest der Welt im Nachhinein 14,99€ hinblättert. Zumindest denkt das Take-Two-Chef Strauss Zelnick. Als Antwort auf die skandalöse Debatte hatte er schlichtweg folgendes zu sagen: “And I guess controversy generally speaking is a good thing. People can argue about the business model I think we’re delivering a fantastic title that’s well worth what consumers will pay for it.“ Mit anderen Worten: Hauptsache unser Spiel beherrscht die Schlagzeilen und alle sprechen darüber!

Im Fall von The Order: 1886 war, nach einer langwierigen Diskussion über die Spielzeit des Titels, das Geschrei groß. Viele ließen im Internet ihrem Frust freien Lauf, bemängelten sie seien von den Entwicklern bei Ready at Dawn regelrecht verarscht worden. Doch wieso sich überhaupt ein Spiel vorbestellen, über das man offensichtlich nicht mehr weiß als den Schauplatz und die grafische Qualität?

Es gab mal eine Zeit, da wurden Spiele aus einem einzigen Grund vorbestellt: weil sie schnell vergriffen waren. Um sich definitiv ein Exemplar zu sichern, nahmen viele die Option des Vorbestellens wahr und konnten sich dadurch bei Release stolzer Besitzer von Spiel XY nennen. Wie wir alle wissen, hat sich dieses Problem spätestens seit der Einführung der digitalen Downloads und des enormen Wachstums der ganzen Industrie erledigt. Das ist auch den Publishern nicht entgangen. Und deshalb mussten immer neue Anreize geboten werden, um Spiele weiterhin vorbestellen zu wollen.

Ich habe zwei Arten von Vorbestellern ausmachen können: Die einen sind langjährige Fans einer bestehenden Reihe wie Far Cry, Battlefield und Konsorten - oder aber auch Fans eines Entwicklerstudios wie zum Beispiel Naughty Dog, und bestellen daher einfach blind jeden Titel vor. Die anderen lassen sich auch bei neuen IPs von Exklusivinhalten ködern. Inhalte, die Publisher wie Brotkrumen verstreuen um die Käufer ins virtuelle Hexenhaus zu locken.

Wie die Kollegen von Kotaku aber schon vor Jahren richtig erkannt haben, dient der ganze Vorbestellerwahnsinn ausschließlich dazu, möglichst viele definitive Käufe einzufahren und dem kritischen Urteil der Fachpresse vorzubeugen.

Stellen wir uns doch einmal vor, dass die Tests zu The Order eine Woche vor Release online gegangen wären. Es hätte keinen fatalen Leak auf YouTube gegeben, die Spieldauer wäre im Vorfeld nicht so hart in die Kritik geraten und Skeptiker hätten aus den Test herausgelesen, dass der cineastische Stil des Spiels nicht ihrem Geschmack entspricht. Vorbesteller wären vorgewarnt und hätten ihre Bestellung verworfen. Stattdessen ging eine riesige Entrüstungswelle um, die zwei Wochen andauert und dann wieder vergessen wird. Und auch die Vorbesteller werden vergessen. Sie werden vergessen und auch beim nächsten verlockenden Angebot zuschlagen.

Wenn ich mir in diesem Augenblick bei GameStop ein Spiel vorbestellen möchte, finde ich unter sechzehn auswählbaren Titeln acht Spiele mit Vorbestellerboni. Dazu die passende Überschrift: „Ein Held hat immer vorbestellt“. Das muss aufhören. Wenn wir uns weiterhin über den Tisch ziehen lassen, werden Fälle wie die Skin-DLCs von Evolve zur Tagesordnung gehören.

Wozu auch darauf verzichten? Sie werden doch sowieso gekauft! Und zwar von einer nicht ganz unerheblichen Masse von Usern. Solange wir dieser Industrie die falschen Signale senden und bereit sind, großen Firmen einfach unsere Kohle in den Hals zu werfen, wird der Wahnsinn weitergehen und die Dreistigkeit siegen.

Ihr habt es in der Hand.

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