Warum du lernen solltest, Fallout 76 zu lieben [Kolumne]

Marina Hänsel 2

Liebe ist relativ. Denn geliebt habe ich Fallout 76 nicht, als ich es noch an Bethesdas anderen Spielen gemessen habe. Ein Glück also, dass Anthem kam und die Messlatte nicht nur herabgesetzt, sondern zerbrochen und in den Müll geworfen hat. Auch Fallout 76 ist relativ – und es gibt mir wieder Hoffnung.

Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit deinen eigenen Vorstellungen.

Manchmal braucht Liebe Zeit. Manchmal ist es nicht ratsam, ein Spiel vorzubestellen und es dann am Day One final zu bewerten. Manchmal – und oh, das musste ich auf die harte Weise lernen – sind Vorfreude sowie positive und negative Erwartungen der Killer aller Freude. In einer Welt, die Zeit mit Geld gleichsetzt und Entwickler zwingt, unfertige Spiele auf den Markt zu werfen, ist Gnade ein seltenes Gut. Heute aber möchte ich gnädig zu Fallout 76 sein.

Auch in RUSH besprechen wir Fallout 76.

Als ich meine wunden Augen auf Fallout 76 ersten winzigen Teaser werfen durfte, dachte ich, es sei ein Handyspiel. Meine Kollegen haben natürlich gegen mich argumentiert – und sie hatten recht. Ein Multiplayer also, und ich hasse es, dass plötzlich alle Entwickler auf Game-as-a-Service setzen; auf Spiele, die mich zwingen, mit Menschen in Kontakt zu treten. Ugh. Keine Frage, geht es hier auch im Geld. Und mein Singleplayer-Held Bethesda fiel tief in meinen Erwartungen, ließ mich zurück zwischen den Schlangen der Videospielindustrie, die MMO, Multiplayer und GELD schrien.

Ich habe Fallout 76 vom ersten Moment an verachtet.

Dann kam es mehrere Monate später auf den Markt – und enttäuschte. Und doch, selbst da und trotz meines Grolls gegen diese böse, böse Welt ließ mich eines nicht los: Fallout 76 schafft es trotz Multiplayer-Quark, dass ich mich einsam fühle. Das war ein Satz, den meine Kollegin Ewelina von spieletipps verlor, und es stimmte. Fallout 76 ist fast genauso einsam, wie die Fallout-Vorgänger – wie The Elder Scrolls. Und weißt du, warum Bethesda wollte, dass es sich einsam anfühlt?

Weil diejenigen, die Fallout und The Elder Scrolls lieben, wohl gerne einsam spielen.

Wie gut kennst du dich wirklich aus?

Bethesda hatte nicht vor, andere Multiplayer-Ikonen zu kopieren. Es ging nie darum, eine öde MMO-Schablone von EAs Wühltisch zu greifen und ‚Fallout‘ darauf zu pinseln. Und du spürst das, wenn du Fallout 76 spielst. Es ist so Fallout-ig – ich meine natürlich soziophobisch-awkward-nostalgisch-hässlich. Bethesda hat also aus Liebe zur Community eine neue Art von MMO für Spiele-Soziophobiker entworfen, und es war schlecht.

Zu einsam. Zu ließ-dir-tausende-Briefe-durch-und-finde-nur-Tote-oh-Gott-alle-sind-tot-fuuuuuck.

Nun, das hat sich nicht geändert. Nicht wirklich. Was ich aber mittlerweile an Fallout 76 liebe, ist die Hoffnung, die es mir gibt – Hoffnung für den Werdegang des Spiels, und Hoffnung für Entwickler, die an ihre Community denken und sich wahrhaft Mühe geben. Nicht alle tun das, nicht alle glauben, dass liebevolles, originelles Spieldesign der Schlüssel ist. Ich meine, im Angesichte des FIFA-Gottes gibt es durchaus Grund, jedes Jahr daran zu zweifeln. Und dann Anthem.

Anthem ist ein Symptom, nicht die Krankheit

Was wir gerade bei Anthem spüren, ist Resignation. Die eigene Community boykottiert es und kritisiert am Loot-System, weil es das einzige ist, das greifbar, veränderbar scheint. Alle anderen Probleme gehen zu tief – die leere Welt, die seltsame Story, die teils langweiligen Missionen. Das kaputte Koop-System, aber hey – Fliegen macht Spaß! Das tut es, aber selbst diese einzige tolle Spielmechanik ist wenig in das leere Gerüst um Anthem integriert. Ein gutes Spiel orientiert das, was du im Spiel tust, an dem, wie du es tun musst.

Mit den Tipps machst du dir das Leben im Ödland um einiges einfacher.

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Fallout 76: 10 Tipps für einen erfolgreichen Start im Ödland.

Anthem dagegen ist in meinen Augen eine Schablone, die jene Stärken anderer Multiplayer-Shooter schlecht kopiert. Dazu kommt, dass sich BioWare mit Anthem von der ehemaligen Community distanziert; sie wegwirft und durch eine neue ersetzt. Eine, die ohne Frage vorher Destiny und andere Loot-Shooter gespielt hat. Und dennoch ist und bleibt Anthem bloß das Symptom einer Videospielindustrie, die eines erkannt hat: MMOs und Games-as-a-Service sorgen für einen kontinuierlichen Geldfluss und der allgemeine Gamer ist nicht wählerisch. Schließlich hat sich Star Wars: Battlefront 2 trotz des Lootboxen-Aufschreis wunderbar verkauft.

Anthem war in dem Sinne die letzte Ohrfeige, die ich brauchte, um Fallout 76 lieben zu lernen. Im Licht von Anthem glänzt Fallout 76 umso farbenfroher, denn Bethesdas Experiment hat Chancen, sich zu entwickeln und das in einer kreativen Community. Fallout 76 mag leer, einsam und beinahe tot sein, aber gerade jetzt – während du das liest – wird es von jenen, die es spielen, zum Leben erweckt. Von Spielern, die Rollen einnehmen; eine eigene Polizei im Spiel gründen und sadistische Labyrinthe bauen; die sich in seltsamer Kleidung mit ihrem Avatar anschleichen und dir in game-Drogen anbieten.

Von Spielern, die sich austauschen und gemeinsam gar nicht mehr so einsam durch das leere Appalachia kriechen.

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Die Vaults in Fallout: Brutal, gestört und ganz schön interessant.

Liebe ist relativ, denn es heißt nicht immer nur „JA!“ oder „NEIN!“, sondern manchmal auch „Vielleicht – vielleicht später.“ Trotz aller Fehler, die Fallout 76 mit sich brachte und noch immer bringt, ist es seiner Community treu geblieben. Damit ist Bethesdas Multiplayer-Versuch ein Fels in der Brandung, den es sich in einigen Monaten wirklich lohnen könnte, zu lieben. Ich hoffe darauf. Ähnlich wie ich bei No Man’s Sky hoffte und am Ende belohnt wurde.

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