Far Cry Primal im Test: So wertvoll wie ein kleines Mammutsteak

Markus Grundmann 3

Mit Far Cry Primal entfernt sich Ubisoft von den Jetztzeit-Szenarien der Vorgänger und versetzt das Geschehen kurzerhand zurück zu den Wurzeln der Menschheit. Schusswaffen und Granaten haben die Entwickler durch Pfeil und Bogen, Speer und Keule ausgetauscht. Ob das bewährte Open-World-Shooter-Rezept diesen Zeitsprung unbeschadet überstanden hat, liest du im Test.

Far Cry Primal - Official Gameplay Trailer.

Far Cry Primal im Test

Friedlich stapft eine Herde Mammuts durch die Steppe. Es gibt reichlich zu fressen, die Sonne scheint. Eine friedliche Situation eigentlich, wäre da nicht ich, der Spieler. Mit meinem Stamm bin ich auf der Jagd nach Essbarem und die Steinzeit war ein unbarmherziges Zeitalter. Deswegen muss nun der Nachwuchs dieser friedlichen, pelzigen Riesenelefanten dran glauben. Hier draußen, im Lande Oro, herrscht das Gesetz des Stärkeren. Far Cry Primal steckt voll von solchen Szenen, in denen die Spielwelt wie das natürliche Habitat von allerlei Kreaturen wirkt, in das der Spieler nun eingreifen kann, atmosphärisch grandios unterstützt von malerischen Sonnenaufgängen, dunklen Höhlen und unberührten Gewässern.

Die Jagd nimmt in diesem Ableger der Far-Cry-Reihe einen deutlich größeren Teil ein als in den Vorgängern – unvermeidbar gibt es aber auch menschliche Gegner, diesmal in Form des Kannibalenstamms der Udam. Letztere verfolgen keine besonders geheimnisvollen Ziele – sie sind einfach Eindringlinge, die du zurückschlagen musst – und zwar mit roher, steinzeitlicher Gewalt. Diese Geschichte hält sich allerdings recht vornehm im Hintergrund. Gerade zu Beginn geht es erst einmal darum, den eigenen Stamm wieder aufzurüsten. Das bedeutet vor allem, dass du einige Spezialisten finden musst, die über das Land verstreut sind. Nach ein bis zwei kleinen Aufgaben schließen sie sich dem Stamm an und schalten so neue Skills und Missionen frei, die es wiederum erlauben, neue Waffen und Ausrüstungsgegenstände zu basteln, für die dann aber Dinge benötigt werden, die sich der Spielwelt selbst entnehmen lassen – durch Jagen und Sammeln.

Es ist die alte Far-Cry-Formel – aber sie ergibt in Far Cry Primal plötzlich bedeutend mehr Sinn als in den vergangenen zwei Teilen. Mit Verwunderung erinnere ich mich an Far Cry 3, als ich meine Freunde aus den Händen eines Psychopathen befreien musste, zwischendurch aber immer noch genügend Zeit fand, irgendwelche Pflanzen zu sammeln oder seltenen Tierarten mit der Panzerfaust ins Gesicht zu schießen um mir anschließend einen größeren Geldbeutel bauen zu können. In der Steinzeit erscheint das weitaus nachvollziehbarer. Hier besteht eine Winterkleidung nun mal aus Wolfsfellen, die du dir selbst jagen musst und eine Keule aus Knochen, die du einem Wildhund aus dem leblosen Körper reißen musst.

Der Löwenbändiger im Wolfspelz

Primal erfindet Far Cry nicht spielmechanisch, dafür aber dramaturgisch neu. Hauptdarsteller sind nicht mehr die Spielfigur und ein charismatischer Antagonist – im Zentrum steht stattdessen die Welt und das Überleben in ihr. In dieser Welt hat der Mensch gefühlt gerade selbst erst die Schwelle zum Dasein als selbstreflexives Individuum überwunden. Und weil es in einer solchen Umgebung nun einmal keine Fahrzeuge geben darf, darfst du dir ersatzweise einen tierischen Begleiter zähmen – das funktioniert ganz einfach mit einem Stück Fleisch, wobei sich nach und nach immer mächtigere Tiere bändigen lassen.

Obwohl du über Keulen, Speere und Pfeil und Bogen verfügst: Im Kampf gegen die urzeitliche Fauna und die feindseligen Udam erweisen sich diese Begleiter als eine der mächtigsten Waffen im Spiel. Schon in meinen ersten paar Spielstunden hatten den Pranken meines Berglöwen nur wenigen Gegner wirklich ernsthaft etwas entgegenzusetzen. Oft konnte ich mich verstohlen im Unterholz verstecken, während diese treue Raubkatze meine Feinde in Stücke riss. Das sorgt zwar für ein gewisses Triumphgefühl – irgendwie fühlen sich die dressierten Wildtiere in Far Cry Primal dann aber doch ein wenig zu stark an, zumal sie nach ihrem Ableben nicht neu eingefangen werden müssen, sondern jederzeit per Knopfdruck wiederbelebt werden können.

Einsteiger-Tipps für Far Cry Primal

Bevor du fragst: Ja, auch das für Ubisoft so typische Basen-Erobern gibt es wieder. Wie schon in den Vorgängern müssen Lager von feindlichen Kämpfern gesäubert werden – abermals kannst du das wahlweise schleichend oder via Frontalangriff lösen und erneut gilt es, die Feinde möglichst daran zu hindern, Alarm zu schlagen. An diesen Stellen schimmert die Far-Cry-Mechanik dann doch ein bisschen zu sehr durch. Und auch wenn du im späteren Spielverlauf deine Kampf-Eule zum ersten Mal eine Steinzeit-Granate auf die Gegner abwerfen lässt, erinnert das ein bisschen mehr an aktuelle Dronenkriege als an prähistorische Stammesscharmützel.

Allerdings: All das hat mich nie wirklich aus der Spielwelt gerissen, denn Far Cry Primal will nicht wirklich historisch korrekt sein. Das Spiel ist keine Überlebenssimulation in der Steinzeit, es ist eigentlich ein steinzeitlich inspiriertes Fantasy-Spiel, das Spaß machen und den Spieler einsaugen will. Wenn du nach einem langen Jagdtag zurück in dein Dorf kommst und mit den gesammelten Ressourcen dort ein paar Hütten ausbauen kannst, danken es dir die Bewohner sofort mit neuen Aufträgen. Auf dem Weg zum nächsten Ziel trifft du am Wegesrand ein Wolfsrudel, dessen Pelze du dringend brauchst, um endlich noch mehr Speere an deinem Lendenschurz befestigen zu können. Und mit so vielen Speeren bewaffnet könntest du doch glatt ein paar Mammuts jagen.

Es sind solche Mechanismen, mit denen Far Cry Primal dich packt. Eine ausgefeilte Geschichte hat mir nach wenigen Stunden nicht mehr gefehlt. Hinzu kommt eine wirklich wunderhübsche Grafik – wenn die Fackel auf der Höhlenwand Schatten wirft, wenn Wolfsaugen in der Nacht leuchten, wenn der Sonnenaufgang dich so sehr blendet, dass du während der ersten Schritte aus einer Höhle heraus erst mal kaum etwas siehst – dann, ja dann, wirst du Panzerfaust-Safaris nicht mehr vermissen.

Bilderstrecke starten
10 Bilder
Traurig: Diese 9 Spiele erblickten nie das Licht der Welt.

Mein Test-Fazit zu Far Cry Primal:

Ubisoft hat es tatsächlich geschafft, die Far-Cry-Formel in die Steinzeit zu hieven – allerdings zu einem gewissen Preis. Vor allem die Story musste unter dem neuen Szenario leiden, denn viel mehr als böse Kannibalen, die es allesamt umzubringen gilt, bietet sie nicht. Auch das Missionsdesign ist nicht unbedingt abwechslungsreich – Wege aus Höhlen finden, Fährten folgen, Tiere erlegen, Feinde umbringen. Etwas anderes gibt es nur selten zu tun. Dafür entschädigen allerdings eine rundum gelungene Spielwelt, in der es mehr zu entdecken gibt als es auf den ersten Blick scheint, sowie der Ritt auf Mammuts und Säbelzahntigern. Mit seinem unverbrauchten Szenario lebt Far Cry Primal vor allem von seiner Atmosphäre. Und die hat mir mehr Spaß gemacht als jede Panzerfaust-Safari.

Die GIGA GAMES Wertungsphilosophie

Wie gut kennst du Far Cry? Mache den Test:

Wie gut kennst du Far Cry? (Quiz)

Du denkst, dass du für den Release von Far Cry Primal gewappnet bist und alles über die Reihe weißt? Dann beweise dich in unserem Quiz!

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Mario Kart Tour: Schnelltickets bekommen und einlösen

    Mario Kart Tour: Schnelltickets bekommen und einlösen

    In Mario Kart Tour gibt es verschiedene Tickets, die euch das Spiel vereinfachen können. Unter anderem auch sogenannte Schnelltickets, die euch früheren Zugang zu Cups verschaffen. Manche Spieler haben Probleme mit dem Einlösen, wir versuchen im Folgenden euch zu helfen und mögliche Verwirrungen aufzuklären.
    Olaf Fries
  • Die 14 lustigsten Waffen in Videospielen

    Die 14 lustigsten Waffen in Videospielen

    Viele Spiele wollen mit besonders eindrucksvollen und starken Waffen glänzen – doch es gibt auch Titel, welche die ein oder andere amüsante Abwechslung bieten. Von Phallussymbolen bis hin zu Tieren ist alles dabei. Wir haben hier für euch die 10 lustigsten Waffen aus Videospielen!
    Annika Schumann 2
  • The Outer Worlds in der Wertungsübersicht: Endlich wieder ein gutes RPG?

    The Outer Worlds in der Wertungsübersicht: Endlich wieder ein gutes RPG?

    Das Fallout-ige, etwas oldschool-mäßige The Outer Worlds von Obsidian Entertainment soll ein Viertel Fallout, ein Viertel Mass Effect, ein Viertel Firefly (was eine TV-Serie ist) – und ein letztes Viertel etwas ganz eigenes sein. Überzeugt das? Bringt es euch dazu, die echte Welt zu vergessen und lieber dem Leben als Space-Cowboy zu frönen? Unsere Wertungsübersicht sagt es euch.
    Marina Hänsel 1
* Werbung