Playing Hard – Netflix-Doku zeigt die Schattenseiten der Spielebranche

Daniel Hartmann

Playing Hard dokumentiert die Entwicklung von Ubisofts For Honor – vom Pitch der Idee bis zum Release selbst. Dabei zeigt die Doku schonungslos alle Höhen und Tiefen der Entwicklung eines AAA-Titels. Sie bietet damit nicht nur für Fans des Spiels einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Videospielindustrie.

Vier Jahre lang begleitete ein Filmteam das Ubisoft Studio in Montreal bei der Arbeit an For Honor. Die Hauptakteure sind Creative Director Jasen VandenBerghe, Produzent Stéphen Cardin und Brand Manager Luc Duchaine. Alle drei geben einen sehr privaten Einblick in ihr berufliches und privates Leben, inklusive der physischen und auch psychischen Probleme, mit denen sie während der Entwicklung zu kämpfen hatten.

Playing Hard - Netflix - Offizieller Trailer.

Laut der Website der Produktionsteams hatte Ubisoft keinen Einfluss auf die gesamte Dokumentation und war auch in keinster Weise finanziell oder redaktionell in die Produktion involviert. Allerdings wurde dem Team während der vier Jahre für ein paar Monate die Drehgenehmigung entzogen, da Ubisoft befürchtete, Spieldetails könnten geleaked werden. Doch nach einigen Verhandlungen konnte die Produktion der Doku weitergehen, auch weil sich Ubisoft über Geheimhaltungsverträge absicherte.

Playing Hard zeigt Jason VandenBerghe, der mit seiner exzentrischen Art häufig bei anderern aneckt, aber auch große Leidenschaft in sich und anderen entfacht. Playing Hard zeigt aber auch seinen emotionalen Kampf mit sich selbst und mit seiner Rolle im Entwicklerteam von For Honor.

Zu sehen ist auch Stéphen Cardin, der nach einer Work-Life-Balance zwischen geschiedenem Vater und Leiter eines 500-köpfigen Teams sucht und den der Stress letztlich dazu zwingt, in der heißen Phase der Produktion des Spiels zwangsweise eine Auszeit für eine Therapie zu nehmen.

Mit gesundheitlichen Problemen hat Luc Duchain während der Promotion-Tour zu kämpfen und auch die räumliche Trennung von seiner Familie beschäftigt ihn stark.

Die Doku ist aktuell auf Netflix zu sehen und bildet gleichermaßen Leid und Leidenschaft in der Videospielindustrie aus dem Blickwinkel der drei Hauptakteure ab.

Mehr zum Thema Stress und Überstunden in der Videospielindustrie liest du in unserem Artikel zur Produktion von Anthem, Dragon Age 4 und KotOR:

Auch bei KotOR gingen Überstunden und Kreativität Hand in Hand

Mein persönlicher Eindruck:

Playing Hard ist intensiv, spannend und manchmal einfach schmerzhaft. Die Doku nimmt einen mit und hält drauf, und zwar auf fast alles was passiert. Die Geschichte wird von den drei genannten Persönlichkeiten erzählt, allen voran Jason VandenBerghe, der teilweise in monologartigen Voice-Overs über Kreativität, Inspiration und Leidenschaft spricht. Er wirkt dabei fast etwas zu pathetisch, doch im Laufe der Doku lernt der Zuschauer ihn so gut kennen, dass es trotzdem jederzeit authentisch ist.

Das, was alle Drei hier von sich preisgeben, ist gleichermaßen nachvollziehbar wie emotional packend. Sie sprechen über ihr Leid, die Angst zu scheitern und zeigen sogar, wie sie an manchen Dingen zerbrechen; als zum Beispiel Stéphen Cardin freiwillig in eine Therapie geht. Es verlangt einem einfach Respekt ab, zu sehen, wie sich drei Menschen seelisch so vor der Kamera entblößen.

Ebenfalls beträchtlich ist ihre Liebe und ihr Einsatz für Videospiele und ihr Project Hero, welches später zu For Honor werden sollte. Der Moment, in dem Jason VandenBerghe seine Idee vor einem kleinen Team pitcht, zeigt ihn als reinen Kreativen, der später dann von Zahlen und Geschäft zurück in eine Welt gedrängt wird, in die er weder rein will, noch rein passt. Der Konflikt zwischen Kreativität und Geschäft ist das zentrale Thema der Doku, führt mich aber auch zu ein, zwei Kritikpunkten.

In der Mitte der Doku sagt Stéphen Cardin den Satz:„(…) in den letzten zwei Wochen haben sieben Leute gekündigt (…).“ Die Antwort, warum diese Mitarbeiter gekündigt haben und was das für das Spiel bedeutet, bleibt Playing Hard schuldig und das liegt an der Perspektive. Der Zuschauer sieht alles lediglich aus der Sicht der drei Protagonisten, die die leitenden Positionen des Entwicklerteams besetzten. Die anderen grob 500 Mitarbeiter, die an For Honor beteiligt waren, sind Randfiguren, die kaum in Erscheinung treten geschweige denn zu Wort kommen. Somit fehlt mir persönlich zum einen die Einordung dessen, was passiert, zum anderen eine dritte Instanz, die einen Bezugsrahmen gibt.

Das heißt jedoch noch nicht, dass ich die Ehrlichkeit von VandenBerghe, Cardin und Duchain anzweifle. Ich hätte mir lediglich eine weniger einseitige Perspektive gewünscht, die aber vermutlich eine bewusste Entscheidung des Regisseurs Jean-Simon Chartier war. Nichtsdestotrotz haben alle drei durchaus Wichtiges und Interessantes zum Thema Videospielentwicklung zu berichten.

Die Doku Playing Hard ist aktuell auf Netflix zu sehen und für jeden Gamer sicher eine Empfehlung, weil sie so nah wie selten an der Entwicklung eines AAA-Titels dran ist und noch dazu gut erzählt wird.

Du hast (wie einige unserer Redakteure übrigens auch) nach der Doku wieder Lust auf For Honor bekommen? bekommst du das Spiel für die PS4 gerade für unter 20 Euro.

Playing Hard zeigt einen sehr intensiven und direkten Blick auf die Videospielindustrie. Wirst du dir die Doku ansehen? Falls du es schon getan hast: Wie ist dein Eindruck? Was hat dich am meisten überrascht? Schreib deine Meinung in die Kommentare.

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