ProSieben und Fortnite: Wenn das Fernsehen über das Töten in Games spricht [Kolumne]

Marcel-André Wuttig

ProSieben berichtet in seiner Nachrichtensendung „Newstime“ über die Sorge vieler Eltern, dass Fortnite zu gewalttätig für Kinder und Jugendliche sei. Immerhin würden sich Spieler darin gegenseitig erschießen. Ich sage dazu: ProSieben, du hast das Thema verfehlt.

ProSieben und Fortnite: Wenn das Fernsehen über das Töten in Games spricht [Kolumne]
Bildquelle: Epic Games.

„Nur wer andere abknallt überlebt.“ „Fortnite – Battle Royale als wildes Gemetzel, das die Jugend im Sturm erobert.“ „Spaß am Tötungsszenario, der vielen Eltern Sorgen bereitet.“ ProSieben berichtet in seiner Nachrichtensendung „Newstime“ vom 13. März über die Beliebtheit von Fortnite. Darin geht es vor allem um die Besorgnis vieler Eltern, dass das Battle Royale-Spiel bereits ab 12 Jahren erhältlich ist. Schon die ersten paar Sekunden des Beitrags machen deutlich, was für ein Bild vom Online Shooter gezeichnet werden soll: Er sei brutal und gewaltverherrlichend und daher unangemessen für Kinder und Jugendliche.

Mit dieser Berichterstattung hat sich „Newstime“ leider entschieden, objektiven Journalismus zu vernachlässigen und stattdessen auf reißerische Panikmache zu setzen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema „Töten in cartoonigen Videospielen“ ist hier fehl am Platz.

Denn in Videospielen gibt es – genau wie in manchen Filmen – verschiedene Bedeutungsebenen zum Tod und Töten. Wenn Mario in einen Abgrund springt und ein Leben verliert, dann wissen wir als Spieler, dass er nicht wirklich gestorben ist. Er verliert zwar ein Herz, kann aber gleich im Anschluss einen neuen Versuch starten. Selbst wenn er alle Leben verliert und Game Over ist, kann Mario – als wäre nichts passiert – erneut froh und munter durch das gleiche Level rennen und springen.

Fortnite - Battle Royale: So soll der mobile Ableger aussehen (Ankündigungs-Trailer).

Noch deutlicher wird es, wenn wir ein beliebtes Multiplayer-Spiel wie Fortnite mit einem Sport wie Brennball vergleichen. Die Gegner müssen getroffen werden, damit sie aus dem Spiel ausscheiden. Nur so kann man am Ende gewinnen. Wie beim Brennball müssen wir nicht über das Ausscheiden der anderen Spieler traurig sein. Wir fühlen uns nicht wie Massenmörder. Denn in beiden Szenarien wissen wir, dass es sich lediglich um ein Spiel abseits der Realität handelt. Dem Akt des Tötens wird die Menschlichkeit und Emotionalität entnommen – er verliert die Bedeutung, die er im wahren Leben hat. Der Tod in einem solchen Spielszenario hat nichts mit dem wahren Leben zu tun. Das Wort ist zwar das Gleiche, seine Bedeutung ist aber völlig anders.

Auch die befragten Jugendlichen scheinen dies zu verstehen. Für sie ist Fortnite eine jugendfreundliche Alternative zu brutalen Shootern, die realistischer aussehen und oftmals blutiger sind.

„Für mich ist das einfach geil, weil Kinder andere Altersgruppen auch mal spielen können, weil das ja auch eine etwas sehr kindliche gehaltene Grafik ist“, sagt ein junger Spieler. „Gegeneinander kämpfen und nur einer überlebt – das ist schon eine gewisse Herausforderung und es macht schon Spaß“, meint ein anderer Gamer. Statt vom Töten zu reden, fokussieren sie sich auf die Herausforderung, auf den Spielspaß und die kindlich gehaltene Grafik. Sie scheinen zu verstehen, dass es in Fortnite nicht um reales Töten geht, sondern um ein Ausscheiden wie beim Brennball.

Auch Studien behaupten immer wieder, sie wüssten wie Gamer wirklich sind. 

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9 Studien die beweisen, wie Gamer wirklich sind.

Schade, dass ProSieben so eine Differenzierung nicht macht und stattdessen vom „Spaß am Tötungsszenario“ spricht. Schade auch, dass es sich bei dieser Darstellung um keine objektive pädagogische Einschätzung handelt, sondern um reißerische Panikmache. Das verdeutlicht auch die Reaktion der im Beitrag zitierten Pädagogin Linda Scholz. Sie erklärt auf Twitter, dass ihre gezeigte Aussage aus dem Kontext gegriffen worden wäre.

Sie verweist stattdessen auf die pädagogische Beurteilung von Fortnite auf Spieleratgeber-NRW. Dort wird befunden, dass es zwar Waffengewalt im Spiel gebe, diese aber keinen Wert auf Realismus setzt. Auch in einer offiziellen Stellungnahme der entsprechenden Fachstelle für Jugendmedienkultur heißt es:

Bezugnehmend auf die erfolgte Berichterstattung zu dem Spiel „Fortnite: Battle Royale“, möchten wir hiermit die durch uns getätigten Aussagen richtigstellen. Die Referentin Linda Scholz wurde in unseren Büroräumen durch einen Mitarbeiter interviewt und es wurde ein längeres Interview aufgezeichnet. Letztlich wurde aus dem umfangreichen Material ein Satz herausgerissen und durch Anmoderation und Zusammenschnitt mit weiterem Material in einen von uns nicht beabsichtigten Kontext gestellt.

Das Spiel „Fortnite: Battle Royale“ orientiert sich in der Darstellung der gewalthaltigen Inhalte an dem Hauptspiel „Fortnite“, welches durch die USK eine gesetzliche Alterskennzeichnung ab 12 Jahren erhalten hat und daher für Spielerinnen und Spieler ab 12 Jahren als unbedenklich eingestuft wurde.

Durch den Comic-Stil und das fiktive Setting grenze sich das Spiel etwa von seinem Pendant PUBG ab. Schade, dass ProSieben sich nicht entschieden hat, ein ähnliches Fazit zu ziehen.

Ist Fortnite der größte Gaming-Kindergarten der Welt?

Um Fortnite streiten sich die Gamer. Dem Reddit-Nutzer Jipptomilly ist das Spiel fast schon egal. Er hat es nie gespielt und behauptet doch: „Fortnite ist das beste Spiel, das ich niemals gespielt habe“.

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