Gravity Rush 2 im Test: Höhenflug oder Bruchlandung?

Luis Kümmeler 1

Schon seit der vergangenen Woche dürfen sich Fans von Spielen der eher japanisch-abgedrehten Natur wieder in die Haut der „Gravitationskönigin“ Kat hineinversetzen – in Gravity Rush 2. Ob der Nachfolger zum Erstling aus dem Jahr 2012 dabei alles bislang gekannte auf den Kopf stellt oder doch nur solide Sequel-Kost abliefert, erfährst Du in meinem Test.

Gravity Rush 2 - Trailer - E3.

Nachdem das Team von Sony Interactive in Japan bereits im Jahr 2012 mit dem Überraschungshit Gravity Rush auf der PlayStation Vita überzeugen konnte und das Spiel erst im vergangenen Jahr in einer Neuauflage für die PlayStation 4 erschien, ist es nun offiziell Zeit für einen Nachfolger. Gravity Rush 2 versetzt Dich erneut in die Haut der blonden Kat, welche die Fähigkeit besitzt, die Regeln der Gravitation nach ihren Gunsten zu manipulieren.

Etwas liegt in der Luft

Nachdem Kat und ihr Freund Syd im Vorgänger durch einen Gravitationssturm aus ihrer Heimat gerissen wurden, finden sich die beiden zu Beginn von Gravity Rush 2 in einer umherfliegenden Minenkolonie wieder, wo sie unter harten Arbeitsbedingungen schuften müssen. Als Kat jedoch eines Tages ihre verloren geglaubte Katze Dusty und damit ihre gravitationsmanipulierenden Kräfte wiederfindet, bringt dies Ereignisse von großer Tragweite ins Rollen.

Kats Geschichte wird in Kapiteln und Episoden erzählt. Während sich Kenner des ersten Teils sofort zuhause fühlen, dürften Neulinge ob der Welt und seiner Figuren erst einmal nur Fragezeichen über dem Kopf haben. Sobald die eigene Geschichte von Gravity Rush 2 jedoch an Fahrt aufnimmt, werden auch Frischlinge an Bord geholt. Die naiv-gutherzigen Kat wird zum Spielball für verschiedenste Charaktere und Fraktionen, trifft aber auch eigene Entscheidungen, die auf ihren Idealen und moralischen Vorstellungen fußen.

Die Art und Weise, wie Gravity Rush 2 neue Figuren auf den Plan ruft und die Sympathien zu bestehenden Charakteren wie die Gravitation selbst hin und her verlagert, ist dabei gut gelungen. Auch die grobe Abhandlung von Problemen der echten Welt, etwa die klaffende Schere zwischen Arm und Reich, ist willkommen. Leider entpuppt sich Gravity Rush 2 mit seinen zahlreichen Story-Episoden und Nebenmissionen als ziemlich lang, die Geschichte opfert eine gelungene Dramaturgie seiner ausufernden Spielzeit. Wenn man auch jenseits der 20-Stunden-Marke noch mitunter stupide Such- und Sammelaufgaben zu erledigen hat – selbst in Storymissionen – dann zerrt das schon mal deutlich an den Nerven. Dass das Gameplay mit der Zeit recht repetitiv ausfällt, ist da auch nicht hilfreich. Wer alles im Spiel erledigt, kommt locker auf über 40 Stunden Spielzeit – ein Umfang, der im Fall von Gravity Rush 2 nicht gerade positiv ins Gewicht fällt.

Über den Wolken

…ist die Freiheit im Fall von Gravity Rush 2 zwar nicht grenzenlos, doch aber ziemlich groß. In der Haut der Protagonistin Kat hast Du wie schon im Vorgänger die Möglichkeit, Newtons Gesetzen ein ums andere Mal ein Schnippchen zu schlagen und mit dem simplen Druck eines Knopfes die Schwerkraft um die Spielfigur herum aufzuheben. Kenner des Vorgängers werden sich hier direkt zuhause fühlen, doch auch blutige Anfänger haben nach recht langer Tutorialsektion bald den Dreh raus. Indem Du die Schwerkraft in jede erdenkliche Richtung manipulierst, fliegst – oder besser: fällst – Du mit Kat munter durch die Gegend, läufst an Häuserwänden entlang und vollführst atemberaubende Sprünge. Alles in allem funktioniert die Grundmechanik von Gravity Rush 2 toll – doch so viel Freiheit kommt zwangsläufig mit einigen Frustmomenten einher. Diese resultieren aus der mitunter leicht hakeligen Steuerung sowie gelegentlicher Orientierungslosigkeit und manchmal auftretendem Kamera-Chaos.

Kats Fähigkeiten lassen sich durch das Einsammeln von pinken Erzen verbessern, daneben bieten sammel- und später auch kombinierbare Talismane weitere Optimierungsmöglichkeiten, die insbesondere im Kampf zum Tragen kommen. Dort hat Kat zahlreiche Möglichkeiten, sich ihren Feinden zu entledigen: Neben eher konventionellen Schlägen und Tritten hast Du die Möglichkeit, sogenannte „Gravity Kicks“ zu vollführen, mit denen Du Gegner aus und in der Luft malträtierst. Zudem lassen sich gleich mehrere Objekte in der Umgebung aufnehmen und auf Feinde schleudern. Selbst kleinere Gegner können damit auf ihre Kollegen oder gar in den Abgrund geworfen werden. Somit prügelst Du Dich munter durch menschliche Soldaten, glubschäugige Alienwesen und große Kampfroboter – was nach kurzer Eingewöhnungsphase großen Spaß macht, wird mit fortlaufender Spieldauer allerdings auch sehr schnell wieder repetitiv. Da trifft es sich, dass das Spiel zur Mitte hin mit neuen Kampfstilen aufwartet, die jeweils durch langwierige Tutorialsektionen eingeführt werden, zumindest aber etwas Frische in den actionreichen Alltag der „Gravitationskönigin“ bringen.

Im sogenannten „Lunar Style“ wird Kat leicht wie eine Feder und wesentlich agiler, kann weiter springen und an Hauswänden hochkraxeln. Das Gegenteil bewirkt der „Jupiter-Style“, der die Spielfigur bedeutend schwerer, ihre Angriffe behäbiger, aber auch wesentlich kraftvoller werden lässt. Das sind willkommene Ergänzungen, die das Spiel zwischendurch deutlich auffrischen. Leider können sie aber trotzdem nicht ganz verhindern, dass die Kämpfe in Gravity Rush 2 irgendwann wie ständige Déjà-vu-Erlebnisse wirken. Nicht ganz unschuldig daran ist aber auch das mitunter etwas fantasielose Gegner-Design, das im Laufe des Spiels mit wenig Überraschungen auffährt. Hier hätten sich die Entwickler klar ein Beispiel etwa am herrlich kreativen Kreaturenkabinett eines Dark Souls nehmen können.

Apropos Dark Souls: Wie die Action-Rollenspielreihe wartet auch Gravity Rush 2 mit einigen „passiven“ Mehrspielerelementen auf, die den Einzelspieleralltag ein wenig auffrischen sollen. Du hast zwar nicht die Möglichkeit, direkt auf andere Spieler zu treffen, darfst aber gegen deren High Scores ankämpfen und im Spiel geschossene Fotos sowie Hinweise auf versteckte Schätze mit der Community teilen. Eine nette Dreingabe, die das Sammelsurium an verfügbaren Nebenmissionen im Spiel bereichert. Diese bieten Dir neben der Hauptgeschichte so allerlei Zerstreuung und sind durchaus kreativ gestaltet. So darfst Du etwa als fliegende Postbotin Zeitungen austragen oder für einen alten Lustgreis Fotos von jungen Frauen knipsen. Die zahlreichen Botengänge, die Kat für die Bewohner erledigen darf, wissen zwar nicht gerade für Stunden zu unterhalten, geben aber der Spielwelt und ihren Bewohnern immerhin ein wenig mehr Fleisch – und diese Welt hat es in der Tat in sich.

Technisch nicht auf den Kopf gefallen

Der Spielplatz „Gravity Rush 2“ ist nämlich ungemein schön und detailreich ausgefallen. Wirkt die „Cel Shading“-Optik zu Begin noch wenig spektakulär, sorgt das Spiel spätestens mit Erreichen der schwebenden Stadt „Jirga Para Lhao“ für zufriedenes Kopfnicken. In knalligen Farbkontrasten präsentiert sich hier eine Spielwelt, deren Wolkenkratzer, belebte Marktplätze und mit Palmen gespickte Straßenzüge das Bild einer lebendig gewordenen Anime-Welt zeichnen – eine liebevolle Kombination verschiedenster Versatzstücke aus dem Fantasy- und Science-Fiction-Genre sowie asiatischer und südamerikanischer Einflüsse. Auf den Handelsplätzen bieten Menschen ihre Waren feil, braten Essen in der knalligen Sonne, führen Gespräche oder flanieren einfach nur durch die Gegend. Übermäßig viele Interaktionsmöglichkeiten bietet Dir das Spiel hier nicht, allerdings wirkt sich die Gravitationsmanipulation auch auf viele Gegenstände und Menschen in der unmittelbaren Umgebung aus. Selbst harmlose Mitmenschen lassen sich etwa einfach in die Luft befördern – das kommt nicht selten versehentlich vor und sorgt regelmäßig für komische Momente.

Und wenn auf eben einem dieser belebten Marktplätze im Spiel eine wilde Verfolgungsjagd entsteht, Stände durch die Gegend fliegen, Menschen aus dem Weg springen und dabei zerberstende Kisten fallen lassen, dann bietet die Spielwelt von Gravity Rush 2 den perfekten Schauplatz für die vielen Kampfpassagen, die ebenfalls größtenteils toll anzusehen sind. Gemäß der Thematik verändert die Kamera quasi unablässig ihre Position und fängt das Geschehen aus den wildesten Perspektiven ein. Was wie bereits angesprochen auch in Übersichtsproblemen resultieren kann, sorgt in den richtigen Momenten dafür, dass Gravity Rush 2 wie ein spielbarer Anime wirkt – eine stilistische Meisterleistung in abgedrehter Japan-Ästhetik. Komplettiert wird der Gesamteindruck durch wunderschön gezeichnete, spärlich animierte Comic-Panel-Zwischensequenzen.

Generell ist Gravity Rush 2 ein technisch recht sauberes Spiel mit größtenteils stabiler Bildrate, krankt aber gemäß seiner offenen Spielwelt auch an einigen bekannten Problemen des Open-World-Genres. So fallen einige der Ladezeiten zwischen den Missionen recht lang aus und wenn Du einmal etwas zu rasant auf einen belebten Stadtplatz zufliegst und das Spiel nicht so recht hinterher kommen mag, kann das in nachladenden Texturen und plötzlich aufploppenden Objekten resultieren. Das stört mitunter, ist angesichts der sehr schönen Spielwelt aber noch verschmerzbar.

Mein Test-Fazit zu Gravity Rush 2:

Gravity Rush 2 ist ein weiteres, trauriges Ausstellungsstück für die wachsende Galerie jener „nur“ guter Spiele, die unter dem so modernen Zwang der ausufernden Spielzeiten leiden. Mit seiner tollen Optik, der gelungenen Inszenierung und unverbrauchten Grundmechanik bietet Dir das Spiel eine Menge Spaß und interessante Geschichten aus einer abgedrehten Fantasy- und Science-Fiction-Welt. Wer auch nach Stunden nicht müde wird, mit Kat durch die Gegend zu fliegen, Botengänge zu erledigen, mitunter uninspirierte Gegnerwellen zu dezimieren und gelegentlich zähe Story-Missionen zu absolvieren, wird seinen Spaß haben – allen Anderen könnte Gravity Rush 2 allerdings ein ums andere Mal ein genervtes Augenrollen entlocken. Dennoch: In den richtigen Momenten glänzt Gravity Rush 2 als stilvoller, unterhaltsamer und interaktiver Anime.

Gravity Rush 2 ist seit dem 18. Januar 2017 exklusiv für die PlayStation 4 erhältlich.

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