Dieses „Hai Definischen“, von dem die Kids reden: Braucht man HD-Remakes? (Kolumne)

Leo Schmidt

Ich bin ein alter Sack. Ihr wisst es und ich weiß es. Ich zocke mir seit 1990 die Augen blutig und die Daumen stummelig und seit ein paar Jahren verdiene (denkt euch die Anführungszeichen dazu) ich sogar mein Geld damit. Umso eigenartiger ist es, dass ich mich ab und zu nicht wie ein vollwertiger Gamer fühle – vor allem, wenn es um ein extrem beliebtes Phänomen in der Spieleszene geht, bei dem ich nicht mitreden kann. Auftritt: HD-Remakes.

Eigentlich sollten die Teile wie für mich gemacht sein. Ich kann die Tage meiner Jugend nochmal durchleben, als man anstatt mit Geld zu handeln noch direkt Hühner gegen Faustkeile getauscht hat, als U-Boote noch aus Holz waren und als Konsolenspiele noch so verschwommen daherkamen, dass es ein wahres Wunder ist, dass wir nicht alle unsere Glubscher komplett in die Tonne treten können. Doch irgendwie kommen sie bei mir nicht an.

Just haben wir den Fall des GTA-Remakes und erneut werde ich von einer geradezu explosiven Apathie erfasst. Ja, sieht hübsch aus. Ist wirklich alles sehr niedlich. Juckt mich aber irgendwie kein bisschen. Nun bin ich nicht der größte GTA-Fan aller Zeiten (Mein Lieblings-GTA? Red Dead Redemption.), doch auch ansonsten fühle ich mich arg ausgegrenzt, wenn in meinem Umfeld Leute lauthals ein Remake von, sagen wir, einem alten Final Fantasy fordern, während ich mir im Geiste die Flusen zwischen den Zehen vorpule und mich insgeheim frage: Könnten die sich nicht erstmal darauf konzentrieren, mal wieder vernünftige neue Teile zu machen?

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Es ist sicherlich eine Geschmacksfrage. Tatsächlich sehe ich mit HD-Remakes aber ein paar Probleme. Lasst uns mal gemeinsam versuchen, die Aufgaben zu kategorisieren, die ein HD-Remake bei seinem Erscheinen so hat, während ich als zahnlos wirscher Knacker im Schaukelstuhl vor- und zurückwippe und „Bah, Humbug!“ und derlei antiquierte Worte grummle.

Was soll ein HD-Remake leisten?

1. Hübsch aussehen

DUH. HD-Remakes sind nunmal da, um Klassikern eine frische Optik draufzudübeln. Über die Frage, ob ihnen das breitflächig gelingt oder nicht, kann man sicher geteilter Ansicht sein. Ich für meinen Teil habe noch nie ein HD-Remake gesehen, bei dem ich mit der Zunge geschnalzt hätte. Das liegt wohl größtenteils daran, dass Grafik eben aus sehr viel mehr als nur Texturen und Auflösung besteht, die ja die hauptsächliche Baustelle bei Remakes sind.

Aber Modelle, Animationen, gewisse Effekte, Architektur der Umgebung usf. spielen eben auch eine große Rolle bei der Frage, ob ein Spiel ein Augenschmaus ist oder wie dahingeklatschte Moppelkotze aussieht. Aus dem Aufeinanderprallen aus neu aufgebohrten Texturen, besserer Auflösung und veraltetem Drumherum jedenfalls entsteht bei mir keine Freude, sondern ein ästhetisches Schleudertrauma.

2. Fanservice

Wer ein Spiel früher schon toll fand, liebt es bestimmt aktuell mit aufgebockter Grafik noch mehr, richtig? Nun, wenn es euch wie mir geht, dann spielt ihr vielleicht ab und zu sowieso eure alten Spiele nochmal, auch so, und die Grafik ist euch wahrscheinlich gar nicht so wichtig. Wer wirklich ein so großer Fan von San Andreas, Final Fantasy VII oder weißderfuchswas ist, als dass er diese Titel lieber als ihre neueren Ableger hat, für den wird doch wohl ein bisschen Pixelei nicht das große Hindernis sein, oder?

3. Gelegenheit zum Nachholen

Niemand kann alle Spiele gezockt haben, auch in unserem Job nicht, und gewisse Klassiker sind garantiert an so manchem vorbeigegangen. HD-Remakes stellen also die perfekte Gelegenheit dar, diese Games nachzuholen. Nur, dass das eine kaum zu überschätzende Mammutaufgabe ist, für Zocker wie Spiel gleichermaßen. Die wenigsten Spiele, egal wie gut, altern grazil und in Würde. Games sind ein Medium, das so schnellebig ist, dass man sowohl den Kunden als auch den Produzenten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom unterstellen muss. Ein HD-Remake des ersten Halo täuscht nicht darüber hinweg, dass das Leveldesign nach heutigem Standard pervers langweiliger Schlauchmist ist. Ein Remake von Metal Gear Solid macht schmerzhaft die Zweckmäßigkeit der ganzen Präsentation und eingeschränkten Mechaniken klar. In den Köpfen von Veteranen existieren Klassiker verklärt, anders, als sie sich tatsächlich heute einem Neueinsteiger präsentieren. Das wirklich begeisterte Nacholen bleibt die Ausnahme.

4. Crowdfunding entwerten

Muss ich zu diesem Zeitpunkt wirklich noch erklären, warum ich bei neuen Kickstarter-Projekten und Ähnlichem misstrauisch bin?

5. Geld machen

Aha, hier kommen wir der Sache näher. Hört mal: Niemand bestreitet, dass in einem gut gemachten HD-Remake viel Arbeit und Know-How steckt. Aber genausowenig sollte irgendwer stur wie ein schottisches Maultier behaupten, dass es mehr Arbeit ist, als das Designen eines neuen Spiels. Die Wahrheit ist doch, dass das Remake eines extrem populären Spiels ein insgesamt ressourcenschonendes Projekt ist, das im Falle des Gelingens eine respektable Menge Schotter einfährt. Und daran ist nicht zwangsläufig etwas falsch – doch habt ihr ehrlich noch nie ein HD-Remake gesehen, bei dem ihr im Hintegrund die Cash Cow muhen hören konntet? Mir jedenfalls geht es bei fast jeder Neuauflage so.

6. Als Portierung dienen

Viele HD-Remakes schieben Doppelschicht und hieven das ganze Spiel gleich auf eine neue Plattform, ob sie nun in den Download-Diensten dieser Welt landen oder sich tatsächlich nochmal ins Regal des örtlichen Elektronik-Marktes verirren. (Für alle Millennials: Wir mussten früher wirklich aus dem Haus, um Spiele zu kaufen. Shit is cray, ich weiß.) Aber selbstverständlich kommen im Fahrtwasser eines solchen Projektes ganz gerne alle Probleme mit, die Ports sowieso häufig haben. Suboptimale Performance, grauenhaft gezwungene Steuerung und Interfaces, die sich ungefähr so gut wie ein gordischer Knoten bewältigen lassen, sind schöne Beispiele für dieses Phänomen. Glaubt mir, ich verstehe völlig, wenn Leute auf einen aktualisierten Re-Release ihres Lieblingszocks warten, weil sie zum Beispiel eine bestimmte Konsole nicht haben, sondern nur einen Rechner. Aber wenn ich beispielsweise die Wahl habe zwischen einer veralteten Optik und einer Steuerung, von der man Hepatitis kriegt, wähle ich die Pupillenbeleidigung.

Ich will das Thema nicht madiger machen, als es wirklich ist. Aber vielleicht versteht ihr ja, warum ich einfach nicht so recht vor Freude vom erdnussflipverkrusteten Sessel springe, selbst, wenn eines meiner Lieblingsspiele (wie, sagen wir, Grim Fandango) eine Überarbeitung erhält. Ich kenne das Spiel in- und auswändig und ich bezweifle, dass es nochmal besser wird, Schnickschnack hin oder her. Ich habe kein Problem damit, es in seiner alten Form zu spielen. Und ich muss ganz sicher nicht nochmal Kohle dafür ausgeben, wo ich doch sowieso schon Blut spenden gehe, um mir Instantnudeln leisten zu können.

Vielleicht habe ich ja aber auch gewisse Punkte einfach nicht bedacht. Schreibt mir doch in die Kommentare, warum ihr persönlich euch so sehr auf Remakes freut. Und in fünf Jahren schreibt ihr den Kommentar dann nochmal, nur mit einer hübscheren Schriftart, dafür mehr Tippfehlern, und verlangt nochmal Upvotes dafür.

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