Skandal, Satire und die öffentliche Kniescheibe: GTA 5 im Kreuzfeuer (Kommentar)

Leo Schmidt

So sicher, wie der Herbst auf den Sommer folgt, so sicher bringt jeder große Hype das reflexartige Beißen und Zurückrudern der öffentlichen Meinung in seinem Fahrtwasser. Dass also „GTA 5“ jetzt, etwa eine Woche nach seinem Release, von allen Seiten auf die Mütze bekommt, ist etwa so überraschend wie der Sonnenaufgang.

Im Fall von GTA ist es sogar noch eine Spur langweiliger, denn wenn die Damen und Herren bei Rockstar mit ihrer Reihe um Gangs, Gewalt und geplatzte Träume seit jeher eines gezielt kultivieren, dann ist es Skandal als Methode, Kontroverse als Masche. Was am neuesten Teil aber dann doch überrascht: Zwischen all den Jack Thompsons und anderen Berufsschmollern werden auch Stimmen laut, die ohne Übertreibung und gezielt Elemente des Spiels als Missstände anprangern – und plötzlich fällt es etwas schwerer, ihnen nicht doch zumindest in Teilen recht zu geben.

 

Wir müssen über eine konkrete Szene des Spiels reden, sofern ihr also noch nicht durch seid, solltet ihr weglesen.

GTA V - My Blaine County Trailer.
 

Alle Kenner der der GTA-Reihe sind sich weitestgehend einig, dass sie auf ihrer erzählerischen Ebene eine bittere Verbrecher-Ballade einerseits und ein satirischer Abgesang auf den American Way of Life andererseits ist. Unabhängig vom spielerischen Erfolg sehen wir nichts als scheiternde oder gescheiterte Existenzen, und selten waren diese beiden Seiten des amerikanischen Traums deutlicher dargestellt als in Los Santos.

 

Mit Fingerspitzengefühl wird dabei nicht vorgegangen. Die Welt von GTA V teilt sich grob in drei Gruppen von Leuten, die exemplarisch von ihren drei Protagonisten verkörpert wird. Es gibt die Tellerwäscher, die Millionäre werden wollen und bei der Verfolgung dieses Ziels entweder furchtbar auf die Nase fallen, ihre Menschlichkeit verlieren oder beides. Franklin wohnt im Ghetto einer Stadt, an deren anderem Ende Villen mit Swimming Pools stehen, und sowohl seine Ambition als auch der Zufall helfen ihm dabei, auf diese andere Seite zu gelangen und trotzdem nicht glücklich zu sein.

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Denn hier leben die Michaels, golfspielende Fettsäcke, die in ihrer Dekadenz und Bedeutungslosigkeit genauso gefangen sind wie die armen Schlucker. Verzweifelt versuchen sie, mit typisch westlicher Konsumgier, verklärt esoterischem Yoga, Therapiesitzungen und Alkohol, einen Inhalt in ihr Leben zu hieven und den Selbstmord einen weiteren Tag hinauszuzögern. In Michaels Fall bedeutet es, dass er in sein altes Schema zurückfällt – er hat sich von sich selbst distanziert, versucht, sein altes und sein neues Leben unter einen Hut zu bringen und erfährt größtenteils Schmerz und Verlust.

 

Die einzige Alternative in Los Santos ist keine. Nur, wer das Pech oder eben Glück hat, ein Trevor zu sein, kann einen alternativen Lebensweg gehen, und ein schöner Anblick ist auch dieser nicht: Weltfremde Freaks und Psychopathen, die sich von jeder Moralvorstellung gelöst in ihrem persönlichen Irrsinn und Dreck suhlen, keine Grenze mehr kennen und zu einem Albtraum für andere Menschen werden, die ihnen insgesamt einfach egal sind.

 

Vor diesem Hintergrund kann man also sagen, dass GTA V eine Welt voller Täter und Opfer ist, und hier erklärt sich auch, warum viele ohne Probleme diese fragwürdige Welt akzeptieren. Wenn es keine positiven Figuren gibt, dann kann das dargestellte auf der erzählerischen Ebene auch nicht als wünschenswert empfunden werden. Jeder will Los Santos erleben, aber als entrücktes Spiegelbild der tatsächlichen Welt, mit einem wahren Kern, aber eben auch einem Grad hanebüchener Übertreibung. Satire eben.

 

Die Gefahr hieran ist aber natürlich, dass man sich auf die Satire als generelle Ausrede verlässt und auf sie selbst dort zurückfällt, wo es nicht geht. Keine Probleme habe ich zum Beispiel mit einer Szene, in der Trevor, inakzeptabler Mensch, der er ist, einen vom FBI (bzw. FIB, wie es im Spiel heißt) verhafteten Mann foltern muss, um Informationen aus ihm zu pressen. Der arme Schlucker hat nichts falsch gemacht und die Szene ist hart. Sehr, sehr hart. An der Darstellung der Folter ist an sich nichts übertrieben, doch der Hintergrund ist satirisch:

 

Ein extrem amoralischer und sorgenfreier Bundesagent, ein strahlender Lebemann ohne jede Skrupel, heuert ohne zweimal nachzudenken einen Psychopathen an, damit er einem unschuldigen Menschen Zähne zieht, Kniescheiben bricht und ihn waterboarded, bis er redet – übrigens werden die Informationen für einen Mord gebraucht, der allen Beteiligten, inklusive dem FIB-Mann, den Arsch retten soll.

 

Über Trevors Rolle in der Welt haben wir schon gesprochen, und es ist nur folgerichtig, dass ausgerechnet der wahnsinnige Folterer seinem Opfer direkt im Anschluss bei der Flucht hilft – nicht etwa aus Prinzip oder Moral, sondern aus einer Laune heraus – und ihm dabei eine Standpauke darüber hält, wie ungeeignet Folter zur Beschaffung von Informationen ist und dass er als Folteropfer nun die Pflicht habe, die Leute darüber aufzuklären.

 

Die Sequenz ist das „No Russian“ von GTA V und gleichzeitig aber gut genug geschmiedet, als dass sich Rockstar doch wieder hinter den satirischen Schutzschild verziehen können. Man kann diese Methode akzeptieren oder ablehnen, aber antastbar werden Rockstar dadurch nicht, und wenn Keith Vaz von der britischen Labour Party Eltern bittet, angesichts dieser Sequenz ihre Kinder vom Spiel fernzuhalten, dann ist die Reaktion ein verstörtes „Und vom Rest des Spiels nicht?“

 

Ich war nie der Ansicht, dass Satire Grenzen haben müsse, außer eben die eine, die gleichermaßen für alle Künste und kulturellen Hervorbringungen gelten muss: Gut soll sie sein. Es ist dieser Aspekt, den ich GTA V noch am ehesten ankreide, denn wie auch Jeff Gerstmann von Giant Bomb habe ich oft das Gefühl, dass das neueste Gangster-Epos nicht überrascht, sondern erzählerisch vorhersehbar, zahm und insofern ein bisschen langweilig ist, was dann offenbar in einzelnen, besonders krassen Momenten relativiert werden soll. Denn wir wissen ja alle: Wenn man mal seine Medizin vergessen hat, dann ist es sehr vernünftig, beim nächsten Mal doppelt so viel zu nehmen.

 

Es wäre eine Schande, wenn der satirische Anspruch der Reihe zukünftig zu einer Generalausrede würde, denn dann würde er zwangsläufig eher schaden als nützen. Und obwohl ich noch nicht jede Ecke und Nische von GTA V kenne, fällt auch mir mindestens ein Beispiel ein, in dem das Spiel sich selbst im Weg steht: Franklin.

 

Franklin ist ein Aufguss von CJ und nicht viel mehr. Er ist offenbar der einzige in seinem Viertel, der ein bisschen was in der Rübe hat und er will ausbrechen. Angesichts dieser Tatsache wäre es nicht etwa Political Correctness oder ein Fall von Zwangsquote gewesen, sondern eine organische Möglichkeit, seinen Charakter als Frau zu konzipieren. Als zwischen den Brusttrommlern ausgegrenztes Mädel mit Grips hätte Frankie ein zusätzliches, ebenso gesellschaftliches Hindernis im Weg gehabt, und selbst die gröhlenden „Ich will keine Frau spielen!“ Gamer hätte man nicht so sehr vor den Kopf gestoßen, da ja immer noch zwei Drittel der Stammbelegschaft Sackträger wären.

 

Aber offenbar kleben Rockstar an der Vorstellung einer von Machismo geprägten Welt und Story so sehr, dass sie es für besser halten, die Frauenfeindlichkeit anders darzustellen - so nämlich, dass Frauen de facto nicht vorkommen. Es bleibt nur dieser Schluss, dass die Satire sich hier selbst im Weg steht, denn die einzige Alternative wäre, dass bei Rockstar tatsächlich misogyne Arschlöcher sitzen und Dan Houser bewusst die Entscheidung trifft, sich eine Fantasiewelt ohne diese lästigen Weiber zusammenzuträumen, und die Satire nur vorzuschieben, um sich diesen Wunsch zu erfüllen – und das wollen wir doch niemandem unterstellen, nicht wahr?

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