Hearthstone Beta: Oder warum ich ein schlechter Vater bin

Tobias Heidemann 31

Im geläufigen Gaming-Deutsch über das vermaledeite „Hearthstone“ zu schreiben, fällt mir schwer. Die Sätze kommen einfach nicht. Es hakt irgendwie. Man könnte meinen, dass diese merkwürdige Blockade in „Hearthstones“ Herkunft im eher randständigen Genre des Online-Sammelkartenspiels begründet ist. Über so etwas schreibt man ja nicht alle Tage. Oder aber, dass meine eklatanten Wissenslücken im Warcraft-Universum für meine Artikulationsprobleme verantwortlich sind. Immerhin trägt dieses Spiel den Zusatz „Heroes of Warcraft“ mit sich herum. Für jemanden, der Thrall bis vor Kurzem noch für ein antibakterielles Mundwasser gehalten hätte, sicherlich eine ernstzunehmende Hürde. Alles nicht zutreffend. Der Hund liegt woanders begraben.

Alles begann mit einer spontanen Umfrage auf Twitter. Als frischgebackener Vater wandelte ich zu dieser Zeit nachts immer schlaftrunken mit meiner Tochter auf dem Arm durch die Wohnung. In den frühen Morgenstunden war sie in meiner Obhut, während ihre Mutter sich zwischen 3:00 und 6:00 Uhr an ein paar Stunden Schlaf versuchte.

Hearthstone Heroes Of Warcraft Cinematic.
Da steht man dann also herum und himmelt sein Kind an. Für drei, vier Nächte ist das ein ganz wundervolles Erlebnis. Irgendwann weicht die väterliche Aufregung dann aber doch der übermächtigen Müdigkeit. Was tun, um sich wach zu halten? Diese Frage wollte von Nacht zu Nacht immer dringender beantwortet werden. Lesen, Radio oder gar Fernsehen wurden nach ersten Feldversuchen aus unterschiedlichen Gründen kategorisch ausgeschlossen. Sinnvolle Aktivitäten wie Aufräumen verursachten hingegen zu viel Lärm oder verlangten nach einer zweiten Hand. Mein Aktionsspielraum war ja mit meiner Tochter auf dem Arm enorm eingeschränkt.

So fand ich mich irgendwann vor meinem Rechner ein und browste übermüdet durch meine Steam-Bibliothek. Mir fiel auf, dass es nur sehr wenige Spiele gibt, die man einhändig gut bewerkstelligen kann. Also suchte ich kurzerhand auf Twitter nach Rat.

 

 

Unter den getweeteten Antworten waren Empfehlungen für Spiele wie „FTL“, „Papers, Please“, „The Walking Dead“ und ein gewisses „Hearthstone“. Stimmt ja, dachte ich, als ich den Tweet las, Blizzards „Hearthstone - Heroes of Warcraft“, das wollte ich mir doch ohnehin mal ansehen.

Eine befremdliche Welle der Erinnerung schwappte in meine Gegenwart. Als Teenager hatte ich vor langer Zeit mal unglaublich viel Zeit in den Erwerb und die Pflege meines „Magic: The Gathering“-Kartendecks gesteckt. Die Angelegenheit hatte kein gutes Ende genommen. Das Spiel hatte in mir eine bis dahin verborgene Affinität zur Sammlersucht getriggert. Nur unter größter Anstrengung und quasi zenhafter Selbstdisziplin hatte ich mich seinerzeit aus den Klauen von „Magic: The Gathering“ lösen können.

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 Eine Warnung aus der Vergangenheit

Oder ich hab einfach aufgehört, so genau weiß ich das heute nicht mehr. Die Erinnerung kam jedenfalls intensiv und plötzlich über mich. Eine Warnung aus der Vergangenheit. Ich sollte sie ignorieren.

Wer Probleme hat, die Perfidität von Sammelkartenspielen anzuerkennen, der stellt sich einfach mal vor, er habe ein vollständiges Panini-Fußballalbum der deutschen Nationalmannschaft und nur Özil fehlt. Um dieses kleine, weiße Kästchen zwischen all den bunten Bildern geht es bei Sammelkartenspielen. Das Prinzip ist ebenso genial wie diabolisch: Um sämtliche Karten zu bekommen, oder zumindest die Karten, die man selbst für sein Deck braucht, muss man immer weiter sammeln, also neue Karten kaufen oder mit anderen Spielern handeln.

Ich weiß noch genau, wie ich mich seinerzeit auf dem Schulhof über den Tauschwert einer besonders seltenen Karte gestritten habe. Es ist die künstliche Verknappung, die Aura des Besonderen, die einen Sammelkartenspieler davon überzeugt, dass er diese eine Karte unbedingt haben muss. Dabei muss der Wert der Karte gar nicht mal in ihrer besonderen Mächtigkeit oder Flexibilität liegen, allein die Tatsache, dass es sie eben seltener gibt als andere Karten reicht schon aus, um einem Sammelkartenspieler verrückt nach dieser Karte zu machen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Hearthstone ist der Teufel

Lange Rede, kurzer Sinn. Ich hätte meinen Pressekontakt bei Blizzard niemals nach einem Key für die Hearthstone-Beta fragen sollen. In den kommenden zehn Nächten spielte ich nichts anderes mehr.

Es war einfach alles da. Die verführerische Wertigkeit der Karten, der einschmeichelnde Spielfluss, die sanfte Suchtspirale und die behutsame Lernkurve, die aus einem zugänglichen Zwischendurch eine alles konsumierende Prüfung des Verstandes macht. Ehe ich mich versah, war ich wie damals auf einer unaufhaltsamen Jagd nach dem besten Deck.

Ich hatte mich nach ersten Gehversuchen mit dem Krieger letztlich für den Priester entschieden. Der Plan wurde geschmiedet. Lightwarden, Northshire Cleric, dazu natürlich noch das Power Word Shield, um für Nachschub zu sorgen. Dann natürlich die Lightwells und Lightspawns mit Inner Fire und Divine Spirit, vielleicht noch den Injured Blademaster dazu, der kann in Runde drei den Unterschied machen, dann den Gurubashi Berserker obendrazuf, Holy Nova für etwas mehr Kontrolle. Vielleicht den Temple Enforcer und was ist mit dem Faceless-Manipulator, der wäre doch eine vielversprechende Ergänzung im Late-Game.

Faceless_Manipulator_Gold-269x393
Nacht um Nacht maß ich mich mit andren Schlaflosen. Rang um Rang trieb ich mein Deck zu immer neuen Siegen. Als ich dann aber plötzlich mit einer Serie von Niederlagen konfrontiert wurde, sah ich mir entrückt bei einer traurigen Verzweiflungstat zu. Ich kaufte mir Booster-Packs. Für echtes Geld! Wer mich und meine Einstellung zum F2P-Geschäftsmodell kennt, der weiß, dass ich spätestens an dieser Stelle nicht mehr zurechnungsfähig war. Ich habe noch nie Geld für Mikrotransaktionen ausgegeben. Ich lehne das ab. Doch „Hearthstone“ brach diesen Willen.

Natürlich war die gesuchte Karte nicht dabei. Ich verkaufte andere, seltene Gold-Karten, um endlich diesen verfluchten Faceless-Manipulator mein Eigen nennen zu können. Doch auch der brachte nicht den erhofften taktischen Vorteil. Mein Deck war ein unbrauchbarer Flickenteppich aus guten Ideen. Und ich am Ende.

Es muss so gegen halb Sieben gewesen sein, als meine Freundin dann eines Tages plötzlich im Zimmer stand und sich verstört die Augen rieb: »Was machst du denn da?« Meine Tochter hatte bereits vor ein paar Minuten angefangen, bitterlich zu weinen. Geistesabwesend, vertieft in eine besonders knappe Partie mit hardhole109, hatte ich sie ohne zu reagieren lieblos auf meinem Arm hin und her geschaukelt. Ich hatte gehofft, sie würde mir noch diesen einen letzten Zug gewähren. Doch mein zwanghaftes Starren auf den Bildschirm hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Bittere Enttäuschung und große Verzweiflung  lagen in ihrem lauten Gebrüll. Papa hatte sich in ihrer größten Not – sie hatte mächtig Kacka in der Hose – nicht um sie gekümmert. Was war nur aus mir geworden? Oder vielmehr: Was hatte Hearthstone aus mir gemacht?

Es sei mir also verzeihen, wenn ich an dieser Stelle nicht im geläufigen Gaming-Ton über meine Eindrücke aus der Hearthstone-Beta schreibe. Auch eine Empfehlung kann ich vor dem Hintergrund meiner persönlichen Erfahrung beim besten Willen nicht aussprechen. Nur so viel: Hearthstone ist der Teufel. Fangt damit gar nicht erst an.

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