Hearthstone, oder: Warum Tobi ein noch viel schlechterer Vater ist, als er denkt

Leo Schmidt 24

Mit Rührung habe ich, wie viele von euch auch, das warnende Geständnis unseres Lieblingsbartträgers Tobi zum Thema Hearthstone gelesen. Wie ein irrer Weltuntergangspriester, der als einziger die Wahrheit vernommen zu haben glaubt, schickte er so manches „Bereuet!“ und „Das Ende ist nah!“ in die Welt, um uns alle vor dem Monstrum zu retten, das ihn dazu gebracht hatte, seinen frisch auf die Welt gebrachten Spross zu vernachlässigen. Nun habe auch ich Hearthstone gespielt und muss ihm sagen: Es ist alles noch viel, viel schlimmer.

Nein, nicht der Suchtfaktor von Hearthstone ist es, vor dem ich warnen will, sonst wäre dieser Text reichlich redundant und überflüssig. Es seid auch nicht ihr, denen ich die Hiobsbotschaft überbringen will, sondern meinem hochgeschätzten Kollegen Tobias. Euch hingegen bringe ich Hoffnung, wenn auch vielleicht nicht völlige Entwarnung. Doch die Wahrheit ist: Das arme Kind schrie nach einem Wahnsinnigen. Hearthstone sollte, nein, darf nicht so süchtig machen, wie es im Hause Heidemann passiert ist.

Hearthstone Heroes Of Warcraft Cinematic.
Auch ich kauerte dermaleinst in der Ecke von Magic: The Gathering, denn wie Tobi hatte ich keine Freunde, sondern nur Kontrahenten. So manches mal schickte ich irgendeinen Fiesling mit meinen weißen und grünen Decks aufs Parkett, musste neidlos die Finesse eines Blau-Spielers anerkennen, rächte mich an Spielern der Farbe schwarz mit Kreaturen, die einem eilig gespielten „Terror“ gegenüber immun waren. Nur gegen Landzerstörungsdecks habe ich nie ein adäquates Mittel gefunden, und manchmal wache ich immer noch schweißgebadet auf und brülle „ROOOOOT!“.

Aber genau deshalb sitzt der Schock so tief darüber, meinen Kampfesbruder Tobias so hart fallen zu sehen. Ich verstehe, dass Hearthstone ihm gefällt. Mir gefällt es nämlich auch. Es ist ein wirklich schönes Spiel, bis zum Äußersten durchgestyled, mit durchdachten Karten in einem ebenso durchdachten Konzept. Es ist schnell und zugänglich und es macht richtig Spaß. Außerdem ist es, wenn man nicht gerade von Schlafmangel und Babygeschrei einer Hirnwäsche unterzogen wurde, völlig kostenlos.

Aber ach weh, nach den Erzählungen von Tobi hatte ich doch so, so viel mehr erwartet. Ich bitte euch, nochmals (oder erstmals) seinen Artikel zu lesen. Dieser Mann ist gebrochen, und um einen Mann von solcher Größe zu brechen, braucht es einen Giganten. Da braucht es, je nach Gesinnung, ein Halo 5, ein Diablo IV, ein Pokémon-MMO oder, im negativen Sinne, eine Fusion aus 3D Sex Villa, Knetmännchen-Kamasutra und Abenteuer auf dem Reiterhof.

Und ein Gigant ist Hearthstone nicht. Nicht in seinem Genre, nicht einfach nur, weil „Blizzard“ und „Warcraft“ draufstehen. Es ist enorm unfair, einen Neueinsteiger wie Hearthstone mit einem Koloss wie Magic: The Gathering zu vergleichen, denn letzteres hat gefühlte 750 Jahre und 3 Milliarden Karten Vorlauf, konnte bereits seine Fehler machen, seine Stärken ausbauen und hat sich im Laufe der Zeit nunmal zum Maßstab für alle Sammelkartenspiele erhoben. Andere Spiele können es in einzelnen Aspekten erreichen oder übertreffen, doch das Gesamtpaket ist zu rund und, vor allem, zu gewaltig, um zu scheitern.

Doch es ist nunmal der Maßstab und Blizzard ist weder aus Zucker geformt noch ein Mimosenpflänzlein, dem man die Hand bzw. den Zweig halten und „Heile heile Segen.“ zusprechen muss. Hearthstone kann es vertragen, wenn man ihm ins Gesicht sagt, dass es eine wirklich ordentliche Beta mit Potenzial zeigt, doch dass es nicht alleine am verständlichen Kartenmangel liegt, sondern am bereits vorhandenen Inhalt, dass die Nase eines Magic- und Gaming-Veteranen, der noch alle Sinne beisammen hat und genug Schlaf abbekommt, leicht gerümpft wird.

Denn die ach-so-komplexen Mechaniken von Hearthstone erlauben mir nicht, auch nur im Ansatz genug clevere Manöver zu erforschen, coole Kombinationen zu entwickeln oder Deck-Identität aufzubauen, als dass ich einen Bruchteil des Sogs empfinden könnte, der meinen Kollegen und Freund erfasst und verschlungen hat. Müde beobachte ich, wie jeder einzelne Zauberer ein Deck mit Direktschaden spielt, in dem die Kreaturen als Katalysatoren fungieren, wie jeder einzelne Schurke mit denselben vergifteten Klingen im selben Moment zuschlägt. Und das arg lineare und limitierte Manasystem macht ein auf diesen Aspekt ausgelegtes Druiden-Deck zwar nicht unmöglich, aber doch nahezu völlig reizlos. Aus den ursprünglichen neun Klassen von World of Warcraft konnte man seinerzeit mehr herausholen als aus ihren momentanen Gegenstücken in Hearthstone. Das darf einem solchen Spiel einfach nicht passieren.

Doch selbst, wenn man diesen Aspekt vernachlässigt und Hearthstone Zeit einräumt, damit es sich in einem Rennen, das es nicht gewinnen kann, doch immerhin gut platziert, gibt es Probleme. Überraschend gut komme ich mit der kotzknuddeligen Optik klar, die mir seit Warcraft III so ziemlich alles versauert hat, was im Franchise erschienen ist. Sie stört mich nicht und tatsächlich merke ich, wie ich auf solche Augenwischerei wie „Sprachausgabe für die Karten“ und „Spielbretter mit klickbaren Details“ irgendwie abfahre.

Doch was überhaupt nicht geht, ist das Geschäftsmodell. Hearthstone ist auf Micro-Tranactions gebürstet, durch und durch, denn abgesehen von einer täglichen Quest ist das Vorhaben, genug Ingame-Währung zum Erwerb weiterer Booster freizuspielen, eine Studie in Sachen Lebensverschwendung und Sisyphosarbeit.

Tut mir leid, euch mit Zahlen zuzuschmeißen, aber: Ein Booster mit fünf Karten kostet 100 Münzen. Für eine abgeschlossene Quest gibt es 40, also nichtmal die Hälfte, von diesen Quests gibt es täglich eine. Die Quests bestehen bislang meistens aus so spannenden Zielen wie „Gewinne zweimal mit dem Priester.“ oder „Gewinne zweimal mit dem Hexenmeister.“ oder auch „Gewinne zweimal mit dem Priester oder dem Hexenmeister.“. Wenn einem diese Klassen nicht gerade liegen oder man seine Karten für sie entzaubert hat, ist das keine sehr prickelnde Sache.

Aber immer noch prickelnder als die Tatsache, dass man außerhalb von Quests sage und schreibe drei Siege für 10 popelige Münzen davontragen muss. Ja, ein Sieg bringt uns einem neuen Booster gewaltige 3,33% näher. Eine Niederlage bringt uns rein gar nichts, abgesehen von einer wertvollen Lektion und dem aschig-bitteren Geschmack in der Mundhöhle, der sich immer nur dann bildet, wenn man realisiert, dass man gerade Lebenszeit verschwendet hat – denn, wie gesagt, um allein auf der spielerischen Ebene zu fesseln, ist Hearthstone zu flach. Nicht seicht, aber eben doch zu seicht.

Und da entsteht Sog? Da entsteht das unbändige, fesselnde Gefühl, das einen die ganze Welt vergessen lässt? Selbst wenn man das Modell von Hearthstone als fair ansieht, worüber sich sicherlich streiten lässt, kann man nicht leugnen, dass die Erfindung des Trostpreises eine ist, die in den letzten 1000 Jahren doch hinreichend etabliert wurde, insofern sollte auch Blizzard mittlerweile davon gehört haben.

Und selbst der Suchtfaktor von Heroin wird geschmälert, wenn zwischen zwei Dosen zu viel Zeit liegt, also wie soll man am Ball bleiben, wenn man bestenfalls alle drei Tage durch die angesammelten Quests in der Lage ist, ordentlich Ingame-Schotter zu erspielen und dann nach Wochen, Monaten auch mal wirklich mit Gusto und einem eigenen Deck zu spielen? Und sich bis dahin mit Murkelkarten abzuquälen oder sich die Geldkatze melken zu lassen, in einem Spiel, das mechanisch einfach nicht genug Komplexität und Abwechslung bietet, um durch eigene Kraft bei der Stange zu halten?

Der Fehler liegt sicherlich bei mir. Das ist eines dieser Dinge, die nur Eltern verstehen können.

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