Hitman: Das ist der Grund für das Episodenformat und deswegen war es ein Erfolg

Alexander Gehlsdorf

Was haben sich die Hitman-Entwickler eigentlich dabei gedacht? Die Entscheidung, Hitman in Episodenform zu veröffentlichen, stieß zu Beginn auf wenig Begeisterung. Inzwischen ist die Staffel vollständig und ich konnte mit Creative Director Christian Elverdam über die Hintergründe der umstrittenen Entscheidung sprechen.

Hitman - Das Staffelfinale - Trailer.
Im März 2016 brach für Hitman-Spieler eine neue Zeitrechnung an, denn statt einer Vollpreis-Veröffentlichung des gesamten Spiels, wie von den Vorgängern bekannt, entschied sich Square Enix für eine Veröffentlichung in Episoden. Anlässlich der Veröffentlichung des Staffelfinales Episode 6: Hokkaido habe ich Christian Elverdam, den Creative Director des Entwicklerstudios IO Interactive, in Hamburg getroffen. Im Interview sprachen wir über die Strategie hinter der Episoden-Struktur und ob sich das Risiko gelohnt hat.

Um den Ansatz des Episodenformats zu erklären, holte Elverdam aus und sprach über das inzwischen zehn Jahre alte Hitman: Blood Money. Das 2006 erschienene Spiel gilt heute für viele Spieler als der beste Serienteil, jedoch war das nicht immer so. Schließlich war es möglich, sämtliche Zielpersonen in einem überschaubaren Zeitrahmen auszuschalten und das Spiel somit in relativ kurzer Zeit zu beenden. Das soll schon alles gewesen sein? Nein, denn Blood Money setzte als erster Serienteil konsequent auf die sogenannte Sandbox, also eine freie Levelarchitektur, die zum Erkunden und Ausprobieren einlädt. Der wahre Reiz des Spiels liegt also in seinem Wiederspielwert. Gibt es eine noch gerissenere Möglichkeit, die Zielperson umzubringen? Kann ich es wie einen Unfall aussehen lassen? Ob ich es wohl schaffe, das Level komplett unentdeckt und ohne Blutvergießen zu beenden? Diese Lust am experimentieren führte dazu, dass Blood Money nach all den Jahren auch heute noch von hingebungsvollen Fans gespielt wird.

Hitman - Episode 1 im Test: Das Fundament für die Zukunft

Das Problem war jedoch, dass vielen Spielern dieser Sandbox-Ansatz verschlossen blieb und das Spiel aus diesem Grund unter anderem für seine kurze Spielzeit kritisiert wurde. Bei vielen Spielern „klickte“ es einfach nicht, der Reiz von Blood Money blieb nur für Hitman-Veteranen eine Offenbarung. Der Nachfolger Hitman: Absolution versuchte im Jahr 2012 die Lücke zu schließen und das Spiel auch der breiten Masse schmackhaft zu machen. Die Level in Absolution waren deutlich kleiner und zugänglicher, boten dadurch aber weniger Freiheit und stießen damit wiederum die Blood-Money-Liebhaber vor den Kopf. Für den nächsten Serienteil stand fest: Hitman muss wieder zur Sandbox werden.

Eine neue Hitman-Sandbox führte natürlich unweigerlich zu der Frage, wie dem Spieler der Wiederspielwert der Level vermittelt werden kann. Die Antwort glaubte IO Interactive im Episoden-Format gefunden zu haben. Der Gedanke war, dass die Spieler aufgrund der Wartezeit bis zur nächsten Episode einen Anreiz haben, die soeben gespielte Episode erneut anzugehen, anstatt sofort weiterzuspielen und ältere Missionen im Zweifel nie neu zu versuchen. Unterstützt wurde dieser Ansatz durch zusätzliche Herausforderungen, etwa die „Elusive Targets“, die „Escalation Contracts“ und die von Spielern erstellten Online Contracts, die dazu motivieren sollten, die Missionen unter besonderen Bedingungen oder mit besonderen Zielvorgaben zu wiederholen, um die unzähligen Interaktionsmöglichkeiten der riesigen Level zu entdecken.

Nun ist die episodische Veröffentlichung der einzelnen Missionen zugegebenermaßen nicht die einzige und nicht die beste Möglichkeit, dem Spieler zu vermitteln, wie das eigene Spiel funktioniert. Ob es möglicherweise vorab Probleme bei der Finanzierung des gesamten Spiels gab, verriet Elverdam mir nicht – in so einem Fall wäre der Verkauf einzelner Episoden aber fraglos eine valide Möglichkeit. Abseits solcher Spekulationen gibt es aber auch handfeste Vorteile, von denen IO Interactive dank der Episoden profitieren konnte. Elverdam sprach von einer „Clear Sight“, einer Klarsicht die jedem Entwickler nach der Veröffentlichung eines Spiels gewährt wird: Die Spieler diskutieren das Spiel, geben Feedback, üben Kritik und helfen damit den Entwicklern zu verstehen, was sie geschaffen haben, was gut funktioniert, was die Spieler mögen und was sie in Zukunft ändern sollten. Normalerweise wird diese für Entwickler so wertvolle Klarsicht nur alle ein bis zwei Jahre, mit der Veröffentlichung eines vollständigen Spiels, gewährt. Durch die Episoden begann diese Phase jedoch jeden Monat erneut, sodass IO Interactive für mehr als ein halbes Jahr beinahe durchgehend Feedback erhalten konnte. Davon profitieren nicht nur die noch ausstehenden Hitman-Episoden, sondern auf lange Sicht alle kommenden Spiele des dänischen Entwicklers.

Dass die Arbeit an der nächsten Episode nicht erst nach dem Feedback auf die Vorgänger-Episode, sondern bereits Monate vorher beginnt, ist selbstverständlich. Dennoch führte das Feedback der frühen Episoden dazu, dass zumindest Details der späten Episoden angepasst werden konnten. So schlüpft Agent 47 in der ersten Episode in die Rolle des männlichen Models Helmut Kruger und betritt an dessen Stelle den Pariser Laufsteg. Diese Szene erfreute sich bei vielen Fans großer Beliebtheit und das Bild von Agent 47 auf dem Laufsteg wurde schon bald zum Aushängeschild der ersten Episode. Aus diesem Grund entschied IO Interactive, sich dem Phänomen Kruger in der finalen Episode Hokkaido erneut anzunehmen. Das ist zwar spielerisch keine bahnbrechende Änderung, demonstriert aber dennoch, dass die Reaktionen der Spieler nicht auf taube Ohren stoßen.

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Hat sich der Wechsel auf das Episoden-Format also gelohnt? Viele Fans reagierten auf die erste Episode mit dem bekannten Beißreflex. Geld für ein unvollständiges Spiel zu bezahlen wird wohl nie auf universelle Gegenliebe stoßen. Elverdam räumt ein, dass das Episoden-Format unzureichend kommuniziert wurde. Wird die Notwendigkeit beziehungsweise der Mehrwert für die Entwickler den Spielern gegenüber nicht deutlich genug vermittelt, gilt Geldgier eben als die naheliegendste Erklärung. Auf Steam muss sich das Spiel noch immer mit gemischten Bewertungen zufriedengeben. Daran ist jedoch nicht ausschließlich die Episoden-Struktur, sondern auch eine nicht optimale PC-Umsetzung verantwortlich. Auf Metacritic wird die Staffel mittlerweile aber insgesamt positiv aufgenommen.

Elverdam ist mit der Entscheidung zufrieden, Hitman in Zukunft in Staffelform zu veröffentlichen. Die zweite Staffel wurde inzwischen angekündigt, Hitman-Spieler können sich als schon jetzt auf zukünftige Episoden einstellen. Wer trotz allem noch immer um die Episoden eine großen Bogen macht, kann die gesamte erste Staffel inzwischen auch zum Vollpreis kaufen, ohne Risiko und ohne Wartezeiten. Wie früher.

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