Homefront - The Revolution im Test: Guerilla-Shooter mit verschenktem Potenzial

Martin Eiser 3

Homefront: The Revolution ist das letzte Spiel aus der Insolvenz von THQ, dessen Veröffentlichung noch fehlte. Der Nachfolger von Homefront aus dem Jahr 2011 sollte das Potenzial der Marke besser nutzen. Im Test erklären wir, warum der Guerilla-Shooter auch diesmal wieder nicht durchgängig gelungen ist.

Homefront: The Revolution im Test.

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Es ist ein spannendes Szenario, das Homefront: The Revolution zugrunde liegt. In einer alternativen Realität hat sich Nordkorea seit den Siebzigerjahren gänzlich anders entwickelt. Das Land ist führend bei modernen Technologien und der staatseigene Mischkonzern Apex versorgt die Welt unter anderem mit den neuesten Smartphones und Tablets. Und schließlich stellte Apex eben auch Kriegsgerät und Waffen her. Vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika sind verrückt nach den Produkten von Apex –­ inklusive Militärtechnik.

Trotz der starken zugekauften Technik läuft es nicht gut für die USA. Das Land stürzt nach mehreren erfolglosen Kriegen und dank der schwachen eigenen Wirtschaft in eine Krise. Die angehäuften Schulden können nicht mehr beglichen werden und das Land zerfällt. Als Reaktion zieht Nordkorea die Konsequenzen: Die komplette Technik von Apex wird dank einer integrierten Hintertür auf Knopfdruck mit einem Mal lahmgelegt. „Friedenstruppen“ der KVA ziehen ins Land ein, die vordergründig beim Wiederaufbau helfen sollen. De facto handelt es sich aber um eine Besatzungsmacht, die mit Brutalität und Überwachung agiert. Die USA sind nicht mehr frei, es wird Zeit für eine Revolution.

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Glaubwürdiges Szenario und authentische Welt

Interessant ist diese Geschichte vor allem, weil sie zwar aus heutiger Sicht unwahrscheinlich erscheint, aber dennoch viele glaubwürdige Elemente aufweist. Technologie-Konzerne wie Apple, Microsoft und Google besitzen heute eine enorme Macht. Mit Daewoo und Samsung gibt es zumindest in Südkorea zu Apex vergleichbare staatsnahe Mischkonzerne, die neben Unterhaltungselektronik, Autos und Finanzgeschäften auch als Waffenhersteller bekannt sind. Die Vorgeschichte von Homefront: The Revolution umspannt 40 Jahre, was ihrer Glaubwürdigkeit zuträglich ist.

Homefront: The Revolution macht in Sachen Atmosphäre tatsächlich Einiges richtig. Die besetzte Stadt Philadelphia ist bedrückend, es herrschen vielerorts Szenen wie nach einem Krieg. Die Bevölkerung leidet und lebt zwischen Schutt und Trümmern, es herrscht ein Mangel an allem und selbst Spielzeug und Zigaretten sind plötzlich wertvoll. Gleichzeitig marschieren die Truppen der KVA durch die Stadt und kontrollieren die Straßen mit Überwachungskameras und umherfliegenden Seeker-Drohnen. Falls sich irgendwo jemand nicht an die aufgestellten Regeln der Nordkoreaner hält, schlagen sie Alarm.

Eine organisierte Revolte soll die unerwünschten Besatzer vertreiben, diese anzuzetteln ist das Ziel des Spielers. Mit Guerilla-Taktiken muss der Spieler die formal überlegene nordkoreanische Armee zurückschlagen. Parallel dazu muss die Bevölkerung davon überzeugt werden, dass eine Revolution erfolgreich sein kann: Nur wenn alle sich erheben und alles ineinander greift, kann die Revolution gelingen. In der Rolle des Rekruten Ethan „Birdy“ Brady helfen wir dem Widerstand, dieses Ziel für die ganze Stadt wahr werden zu lassen.

Homefront: The Revolution - Story-Trailer.

Der Trick mit der offenen Welt

Diese interessante Story-Grundlage wurde aber nicht genauso gut umgesetzt. Schon der Einstieg fühlt sich etwas holprig an, weil uns das Spiel zu wenig an die Hand nimmt und manche Elemente erst spät erklärt werden. Dabei setzt Homefront: The Revolution nicht einmal auf eine echte offene Welt, in der wir uns leicht verlaufen können. Die Stadt ist unterteilt in verschiedene Bezirke, die aber klar voneinander getrennt sind. Das hat durchaus den Vorteil, dass wir nicht so schnell die Übersicht verlieren. Wir arbeiten uns kontrolliert durch die Stadt und erobern sie uns Stück für Stück zurück.

Anfangs erinnerte mich die Stimmung und der Stil ein wenig an die dystopische Untergrund-Zukunft der Metro-Reihe. Überrascht und enttäuscht mussten wir aber feststellen, wie wenig Freiheit wir als Spieler haben. Natürlich bieten uns die Bezirke reichlich Nebenaufgaben und viele versteckte Orte zum Entdecken, bei der Handlung haben wir aber keinen Entscheidungsspielraum und unser Charakter bleibt das ganze Spiel über stumm. Das führt dazu, dass wir uns von der Geschichte und der Figur emotional entfernen.

Unser Einsteiger-Guide zu Homefront: The Revolution

Ethan Brady wird im Verlauf der Handlung ohne große Probleme zur großen Hoffnung für die Revolution. Der revolutionäre Funke bei mir wollte aber nicht so recht überspringen. Zu oft ärgerte ich mich über die stark übertriebenen und eindimensionalen Charaktere. Corvo, der Protagonist aus Dishonored: Die Maske des Zorns, blieb seinerzeit als Charakter ähnlich blass, weil er so wortkarg war. Mit dem hat unser Held immerhin gemeinsam, dass anzugreifen nicht immer die beste Verteidigung ist. Auch in Homefront: The Revolution ist es meist klüger, still und heimlich zu agieren und in brenzligen Situationen den Rückzug anzutreten.

Lautloser Killer

Lösen wir Alarm aus, sollten wir sogar schleunigst die Flucht antreten und uns ein gutes Versteck suchen. Dann suchen uns die Truppen nämlich gezielt und es kommen ständig weitere nach. Lästig sind in dem Zusammenhang auch die Seeker-Drohnen, die uns leicht aufspüren können. Ist es aber zumindest gelungen, den Sichtkontakt zum Gegner zu verlieren, können wir beispielsweise Schutz in einem Safe-House suchen oder uns in einer Mülltonne verstecken und warten, bis die Situation sich beruhigt hat. Diese Momente der Flucht gehören zu den besseren in Homefront: The Revolution, weil sie für etwas Panik sorgen, ob man den Verfolgern rechtzeitig entkommen kann.

Die Waffen der Koreaner können wir nicht ohne Weiteres nutzen, denn die sind per Fingerabdruck geschützt. Für das lautlose Vorgehen können wir unsere Feinde im Nahkampf mit dem Messer aus dem Weg räumen. Es gibt als Unterstützung Brandsätze, Bomben und Knaller zur Ablenkung, sowie auch Hacks, die technische Hindernisse wie elektrische Türen lahm legen. Durch Upgrades lässt sich das nützliche Werkzeug noch aufwerten und beispielsweise auch an ein ferngesteuertes Auto koppeln. Rollen wir mit einem Brandsatz so in die feindliche Basis, richtet dies viel Schaden an, ohne dass wir selbst irgendwelche Verlust zu erleiden müssen.

Besser und größer wird im Verlauf auch das Waffenarsenal. Wir starten mit einer einfachen Pistole, die wir alternativ auch zur Maschinenpistole umwandeln können. Dazu kommen später Klassiker wie die Schrotflinte und das Sturmgewehr. Und natürlich darf auch der Raketenwerfer nicht fehlen. Das Modifizieren und Verbessern der Waffen funktioniert wie in Crysis 3 und ist gelungen. Es geht aber im Spiel nicht gerade schnell vonstatten. Wir sollten uns also vor einem Einsatz überlegen, welche Waffenart wir favorisieren.

Homefront The Revolution Guerrilla 101 Trailer.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Das Grundgerüst für Homefront: The Revolution ist wirklich gut und es macht über weite Strecken richtig Spaß, die Stadt zurückzuerobern. Ist ein Gebiet in unser Hand, wehren sich die Menschen öfter und protestieren. Ein sonst vom Rot der KVA dominierter Stadtteil wird dann in ein schönes Hellblau getaucht und deutlich lebendiger. Leider aber ist dem Spiel die schwierige Entwicklung deutlich anzumerken. Nach der THQ-Pleite gab es einen Publisherwechsel. Und als Crytek dann ins Trudeln kam, wechselte das Studio ebenfalls den Besitzer. Trotz der Entwicklungszeit von über vier Jahren, fühlt sich Homefront: The Revolution etwas unfertig an.

Beim Klettern und Springen ist die Steuerung hakelig und funktioniert oft nicht wie gewünscht. Sollten wir gerade auf der Flucht sein, sind solche Macken richtig ärgerlich. Gleiches gilt für den Nahkampfangriff, der in kritischen Situationen nicht immer zufriedenstellend funktioniert hat, mehr als einmal führte das bei mir zu einem vorzeitigen Ableben. An vielen Stellen kommt das Spiel ins Ruckeln oder setzt sogar ein paar Sekunden ganz aus. Oft sind das keine entscheidenden Stellen im Spiel, aber auch solche gibt es. Und obwohl der Shooter ganz hübsch ausschaut, gehört er nicht zu den aufwändigsten, aktuellen Projekten, die solche Performanceeinbrüche rechtfertigen würden. Betroffen davon ist auch die Version mit dem aktuellen Day-One-Patch.

(K)eine Revolution starten

Neben dem bereits erwähnten holprigen Einstieg gibt es auch später immer wieder Momente, die sich einfach nicht rund anfühlen. So sind beispielsweise unsere Missionen nicht immer logisch. Das Erobern von Stützpunkten erfordert nur selten das komplette Beseitigen der koreanischen Truppen in dem Bereich. Manchmal müssen wir nur etwas Hacken und schon verschwinden alle verbliebenen Einheiten. In eroberten Gebieten können wir uns zudem komplett sicher fühlen, da es keinen Versuch gibt, sie zurückzuerobern. Ich habe für Homefront: The Revolution auf eine dynamischere Erfahrung gehofft.

Und natürlich leuchtet es ein, dass Bürger dankbar sind, wenn sie einer Bestrafung oder Verschleppung durch die KVA entgehen – eines der Elemente, mit denen wir die Bevölkerung von uns überzeugen können. Wie aber hilft ein umgestelltes Radio in einem schwer erreichbaren, leeren Apartment oder hoch auf einem Dach? Eine Art Piratensender, der keine aktivierte Stationen braucht, wäre vielleicht ein bessere Idee gewesen. Und solche Fragezeichen tauchen immer wieder mal auf. Das Guerilla-Gefühl wirkt viel zu aufgesetzt. Es gibt ein paar wirklich schöne Momente, aber Homefront: The Revolution ist zu durchwachsen, um richtig gut zu sein. Die erhoffte Revolution bleibt aus.

Homefront: So hat Amerika den Krieg gegen Nordkorea verloren

Neben der umfangreichen Kampagne, mit der man sich durchaus 30 bis 40 Stunden beschäftigen kann, gibt es als Bonus noch einen Koop-Modus für vier Spieler. In dem sogenannten Widerstandsmodus erwarten uns zwölf Missionen mit verschiedenen Aufgaben, die wir im Team erledigen müssen. Dafür winken Erfahrungspunkte für Fähigkeiten, sowie Geld für Ausrüstungskits mit Waffen und mehr als Belohnung. Eine nette Ergänzung, aber mehr auch nicht.

Homefront: The Revolution - Herz & Verstand für Anfänger - Trailer.

Mein Fazit zu Homefront: The Revolution

Schon Homefront wurde für sein interessantes Alternativwelt-Szenario gelobt, das Spiel selbst jedoch als durchwachsen kritisiert. Wegen der guten Ausgangsbasis wagte sich THQ aber an eine Fortsetzung. Dass nun auch Homefront: The Revolution im Ergebnis nicht vollends überzeugen kann, ist wirklich schade. Es macht wirklich Spaß, in der ganzen Stadt für Aufruhr zu sorgen. Es ist eine umfangreiche und abwechslungsreiche Erfahrung geworden. Die meisten Spielelemente sind nicht wirklich neu oder innovativ, aber es funktioniert.

Was Homefront: The Revolution am Ende fehlt, ist die richtige Politur. Es gibt zu viele ärgerliche Bugs und Grafikfehler und auch bei ein paar spielerischen Elementen fehlt einfach der letzte Schliff. Der Geschichte hätten etwas mehr Entscheidungsmöglichkeiten gut getan. Und selbst das wäre vielleicht alles noch zu verkraften, wenn es nicht bereits ziemlich gute Konkurrenz gibt. Homefront: The Revolution ist nicht enttäuschend, weil es so schlecht wäre, sondern weil es so viel verschenktes Potenzial offenbart.

Homefront: The Revolution ist ab dem 20. Mai 2016 für PC, Xbox One und PlayStation 4 erhältlich. Ihr könnt das .

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