Killer Is Dead Test: Verrückt wie immer, gut wie nie

Robin Schweiger

Suda 51 ist zurück, obwohl er für viele nie wirklich weg war. Sein Entwicklerstudio Grasshopper Manufacture veröffentlichte in den letzten zwei Jahren mit „Diabolical Pitch“, „Shadows of the Damned“ und „Lollipop Chainsaw“ gleich drei Spiele und arbeitete als Co-Entwickler an ebenso vielen Arcade-Games mit. Der Einfluss von Goichi Suda, so der richtige Name des Japaners, war zwar immer spürbar, schien jedoch im Vergleich zu „Killer7“ und „No More Heroes“ stark zurückgegangen zu sein. Damit ist nun Schluss. „Killer Is Dead“ ist nicht nur das bisher beste Spiel von Grasshopper, sondern auch endlich wieder ein vollwertiger, verrückter, verstörender Suda 51-Trip. 

Killer Is Dead Test: Verrückt wie immer, gut wie nie

„Killers is Dead“ erzählt die Geschichte des um die Welt reisenden Auftragkillers Mondo Zappa. Die zwölf Aufträge erzählen zwar jeweils eine eigene Geschichte, werden jedoch im letzten Drittel zunehmend miteinander verbunden…glaube ich. Was uns Suda 51 da genau erzählen möchte, darüber kann ich nur spekulieren, denn gezeigt wird viel, ausgesprochen jedoch nur wenig. Es gibt den Antagonisten David, der von seiner Villa auf dem Mond aus die Herrschaft über die Welt anzupeilen scheint. Riesige Roboter-Mutanten, die von Aliens gesteuert die Erde klauen möchten. Züge, die lebendig werden und sich an den Menschen für ihre Behandlung rächen möchte. Und Einhöner. Dieses wunderbare Universum ist so vollgestopft mit Kreativität, mit einzigartigen Charakteren, Umgebungen und Wesen, dass es absolut unmöglich ist, abzuschätzen, was in der nächsten Mission noch so passieren wird. Als die Credits begannen über den Bildschirm zu laufen, wollte ich umgehend ins nächste „Killer is Dead“-Forum springen und mit anderen über die Bedeutung der Geschichte zu spekulieren. Es ist immer deutlich, dass sich Suda51 bei allem, was wir in dem Spiel zu sehen bekommen, etwas gedacht hat – was das jedoch war, das müssen wir selbst herausfinden.

So weit, so normal. Grasshopper-Spiele waren schon immer verrückt, kreativ, einzigartig – problematisch wurde es bei den Spielmechaniken, die immer nur Mittel zum Zweck waren, ein Übel, das man für die Story halt mittragen musste. „Shadows of the Damned“ und „Lollipop Chainsaw“ waren zwar spaßig, konnten aber spielerisch zu keiner Zeit wirklich positiv aus der Menge stechen. Es hat viele Jahre gedauert, doch mit „Killer Is Dead“ hat es Grasshopper Manufacture nicht nur geschafft, ein einzigartiges Universum zu erschaffen, sondern auch noch ein richtig gutes Videospiel. Ein Spiel, das auch ohne die altbekannten Suda51-Qualitäten allein auf spielmechanischer Ebene richtig gut funktioniert.

Das ist vor allen Dingen dem extrem schnellen, jedoch grundsätzlich simplen Kampfsystem geschuldet. „Killer is Dead“ ist ein spielerisch auf weite Strecken klassisches Hack & Slay nach Vorbild von „DmC“ oder „Bayonetta“. Wie bei der Hexe von Platinum Games ist auch Mondos wichtigste Fähigkeit das Ausweich-Manöver – entkommt ihr dem Angriff im letzten Moment, aktiviert sich automatisch eine Zeitlupe und ihr könnt den entsprechenden Gegner durch das Hämmern auf die Angriffs-Taste mehrere Sekunden lang gefahrlos malträtieren. Dabei hat man fast 1:1 die Witch-Time aus „Bayonetta“ kopiert, da die Mechanik jedoch so toll funktioniert und mit den anderen Mechaniken harmoniert, ist das durchaus positiv gemeint.

Durch den besagten Zeitlupenangriff könnt ihr eure Kombo dann rasend schnell erhöhen – je höher eure Kombo, desto effektiver werden Mondos Angriffe und desto ausführlicher werden die Animationen. In fünf Stufen ändert Mondo so nach und nach seine Angriffe und fliegt zum Ende hin um die eigene Achse wirbelnd mit seinem Schwert von Gegner zu Gegner wie ein unaufhaltsamer, tödlicher Wirbelsturm. Auf ausführliche Kombinationsangriffe verzichtet „Killer Is Dead“. Wenn man mag, kann man die Schlagtaste auch mal halten, ansonsten heißt es, sich komplett auf das Timing zu konzentrieren und in der richtigen Sekunde die Angriffe zu parieren oder auszuweichen. Mit einem weiteren Angriff durchbrecht ihr die Abwehr oder Schilde des Gegners mit dem Cyborg-Arm Mondos und zerlegt sie anschließend mit eurem Schwert.

„Killers Is Dead“ profitiert in den Kämpfen ungemein vom völlig eigenständigen Grafik-Stil. Es ist unglaublich, was Grasshopper hier mit Hilfe der Unreal Engine 3 gebastelt hat, einen solchen Stil habe ich noch nie zuvor gesehen. Alles ist bunt, glänzt, spiegelt, bewegt sich. Wenn ich durch ein Ausweich-Manöver die Zeitlupe aktiviere, wird die Welt in Weiß getaucht, in dem nur meine roten Schwerthiebe auffallen, während im Hintergrund ein Chor um die Wette brüllt. Gegner explodieren in bunte Farben, jeder Angriff resultiert in irgendeinem Spezialeffekt. Und trotzdem schafft es „Killer Is Dead“ fast immer, die Übersicht zu wahren – sobald ihr erst einmal die Angriffs-Muster der verschiedenen Gegner-Typen erkannt habt, reagiert ihr instinktiv und werdet dafür ständig optisch belohnt. Lediglich bei mehr als fünf Gegnern gleichzeitig kann die Übersicht verloren gehen.

Wenn ihr möchtet, könnt ihr euch lediglich auf die 12 Hauptmissionen konzentrieren und so in etwa sechs Stunden die Credits sehen – optional schaltet ihr jedoch zahlreiche Challenges und Nebenmissionen frei. Die Nebenmissionen recyceln dabei die bereits durchlaufenen Umgebungen mit neuen Gameplay-Herausforderungen, etwa wenn man in einem Aufzug niemals mehr als zwei Gegner gleichzeitig am Leben lassen darf, da man ansonsten zu schwer wird und an Höhe verliert. Während diese Aufgaben in früheren Grasshopper-Spielen nur von dem interessanten Universum abgelenkt hätten, machen sie in „Killer is Dead“ großen Spaß und stellen einfach verdientes Geld dar. Damit kann man sich dann wiederum Erfahrungspunkte zum Aufleveln einzelner Fertigkeiten kaufen – oder Geschenke.

Für reichlich Wirbel hat im Voraus nämlich der sogenannte Gigolo-Modus gesorgt. Zwischen den Hauptmissionen kann Mondo nämlich mit drei Frauen separat anbandeln. Das sieht dann so aus, dass ihr mit dem erspielten Geld Geschenke kauft, jede der drei Frauen hat andere Vorlieben. Um ein Geschenk überreichen zu können, muss Mondo jedoch zuerst genug Mut sammeln – wobei ihr ihm helft, indem ihr auf die Brüste und den Schambereich der Frau starrt, wenn sie gerade wegguckt. Als wäre das noch nicht creepy genug, gibt es entweder als Day One-DLC oder durch das Gewinnen von Challenges auch noch eine Brille, die die Kleidung der Frauen verschwinden lässt – aber spielerisch zu nützlich ist, um sie nicht zu benutzen, da sie die liebsten Geschenke der Frauen zeigt. Diese Objektifizierung ist völlig unnötig, jedoch immerhin nicht beleidigend – tatsächlich trägt der männliche Antagonist selbst weniger Klamotten als die meisten Frauen in „Killer Is Dead“, die sich auch ihrer selbst erwehren können.

Das lässt mich zumindest wissen, dass es hier nicht einfach nur kalt kalkuliert darum ging,  die Fantasien der jungen, männlichen Zielgruppe zu befriedigen – Suda scheint stattdessen einen sehr unkomplizierten Umgang mit Sex zu pflegen, zieht mit den Gigolo-Missionen daraus jedoch die völlig falsche Konsequenz. Immerhin nehmen sie jedoch nur wenige Minuten in dem bis zu 10 Stunden langen Spiel in Anspruch, sodass man sie größtenteils ignorieren kann. Ohne sie wäre „Killer Is Dead“ nichtsdestotrotz das bessere Spiel.

Tadellos ist hingegen die Sprachausgabe und der Soundtrack. „Silent Hill“-Veteran Akira Yamaoka produziert den mit Abstand besten OST, seit er vor einigen Jahren bei Grasshopper Manufacture anheuerte. Da die grafischen und erzählerischen Themen ständig wechseln, kommt auch so ziemliches jedes Musik-Genre einmal dran – von Techno über Metal, bis hin zur Klassik passt jeder einzelne Song oder Remix perfekt zur Stimmung und macht die Kämpfe noch einmal spaßiger. Dank japanischer Audiospur könnt ihr „Killer Is Dead“ sogar im Original-Ton durchspielen, auch wenn die englische Synchro sehr, sehr gut ist.

Fazit

„Killer Is Dead“ macht Spaß. Punkt. Kein „aber“, kein „wenn“, wie es früher noch bei sämtlichen Grasshopper-Produktionen nötig war. Das Kampfsystem ist simpel, macht dank der Ausweich- und Kombo-Mechaniken aber weit über den ersten Spieldurchlauf Spaß. Die Story ist dagegen endlich wieder richtiges Suda51-Futter, wie wir es seit „Killer7“ nicht mehr bekommen haben. Wie die Charaktere miteinander verbunden sind oder worüber sie die meiste Zeit überhaupt reden, dieses Puzzle müsst ihr selbst zusammensetzen. Doch genau das macht „Killer is Dead“ so besonders: Dahinter steckt eine Welt, ein Universum, das wir als Spieler selbst entdecken und interpretieren müssen. Aber auch wenn ihr einfach nur ein bisschen rumschnetzeln wollt, kommt ihr mit „Killer Is Dead“ auf eure Kosten – für alle anderen gibt es zusätzlich noch eines der originellsten Spiele-Universen der jüngeren Vergangenheit.

 

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Red Dead Redemption 2: Die 5 größten Irrtümer aufgeklärt

    Red Dead Redemption 2: Die 5 größten Irrtümer aufgeklärt

    „Fallout 76 ist eindeutig Pay2Win!“ „Das ist kein echtes Fallout mehr!“ oder auch „Fallout 76 kann man nicht mehr alleine spielen!“ Seit Bethesdas Ankündigung des kommenden Fallout 76 wabern die unterschiedlichsten Gerüchte durch die weiten des Internets. Wir haben uns mal hingesetzt und räumen jetzt mit den fünf größten Irrtümern auf.
    Stephan Otto
  • Assassin's Creed Odyssey: Medusa finden und besiegen (mit Video)

    Assassin's Creed Odyssey: Medusa finden und besiegen (mit Video)

    Medusa ist die gefährlichste mythologische Kreatur, die euch im Hauptspiel von Assassin’s Creed Odyssey begegnen wird. Die Lady mit den Schlangenhaaren kann euch mit ihrem Blick versteinern und hat auch sonst einige Tricks auf Lager. Wir zeigen euch im Guide mit Video wo ihr Medusa finden und besiegen könnt.
    Christopher Bahner
* gesponsorter Link