MOBAs und ich – was ist passiert? (Kolumne)

Leo Schmidt 31

Die Chancen stehen gut, dass eine Menge von euch sogenannte MOBAs spielen. Angesichts der Tatsache, dass Dota 2 wie eine Religion gefeiert wird, League of Legends das erfolgreichste Spiel der Welt ist und in jeder Ecke und Nische neue Titel mit grundlegend gleichem Konzept, aber leicht angepassten Mechaniken und Ideen aufpoppen, ist es also ein Wunder, dass das gesamte Genre so lange an mir vorbeigegangen ist.

MOBAs und ich – was ist passiert? (Kolumne)

Jüngst hat sich das aber ein wenig geändert, und ich frage mich, woher das kommt. Dazu muss man vielleicht ein paar Dinge über meinen spielerischen Werdegang und natürlich auch über das Genre wissen. Der Punkt, an dem sich beide überschneiden, ist die Geburtsstunde von Defense of the Ancients. Setzen wir aber noch ein klein wenig früher an, bei Warcraft III. Auch das ist eigentlich ein bisschen zu spät, denn die Wurzeln des MOBA liegen genaugenommen bei der StarCraft-Map Aeon of Strife.

Der Grund aber, warum mich MOBAs von außen betrachtet nie interessiert haben, liegt bei Warcraft. Der dritte Teil war ein erstklassiger Strategieknaller, mit ausgeklügelten Fraktionen, Einheiten und einer packenden Geschichte. Eine Mechanik, die ich so vorher nicht kannte, waren die Heldeneinheiten, die nicht nur gelevelt werden wollten, sondern die auch richtige Skillsets hatten und dem Spieler noch mehr Micro-Management abverlangten, als dass in RTS normalerweise der Fall ist.

League Of Legends Cinematic A Twist Of Fate.
Mit dieser Mechanik wurde ich nie richtig warm. Es lag an meinem mangelnden Skill, sicherlich, aber auch, nachdem ich den Dreh raus hatte, fand ich die Idee solcher Konzepte wie „junglen“, also harmlose Waldbewohner mit Anlauf in den bemoosten Boden zu stampfen, um Erfahrung und Gold zu kriegen, nicht ansprechend. Es fühlte sich für mich immer mehr nach Farming und Arbeit an – mein Krieger soll stärker werden, indem er kämpft, nicht, indem er überdimensionierte Eichhörnchen platttritt und Frösche aufbläst, oder eben Wölfen und Harpien den Pelz respektive das Gefieder abzieht.

Weil die Bambi-Entourage aus irgendeinem Grund Klimpergeld dabei hatte, konnte ich mir dann Ausrüstung und Tränke holen und… Moment mal, sollte ich nicht eigentlich eine Armee steuern? Für mich, der ich ein Noob bin, bestand der Reiz von Strategiespielen seit jeher darin, eben nicht mitten in der Action zu sein, sondern vielmehr die Truppen unter mir zu dirigieren, während ich vor dem Monitor diabolisch lache und hinter mir dramatische Blitzeinschläge züngeln. Die Helden relativierten das etwas und deswegen schnappte ich ein wie eine rostige Bärenfalle.

Als dann also das MOBA-Genre aus den Fugen gehoben wurde, war mein Interesse nicht gerade überwältigend. Es klang nach allem, was mir in Warcraft III keinen großen Spaß gemacht hatte, erleichtert um alles, was mir gefallen hatte. Jetzt ging es ausschließlich um Helden, die sich kloppten, und anstatt dem Ganzen eine faire Chance zu geben, war ich voreingenommen und bitter und schmollte. Ich bin auch nur ein Mensch.

Viele Jahre vergingen, sowohl das Genre als auch ich entwickelten uns weiter und einer meiner Freunde (er bevorzugt „Waffenstillstandspartner“) begann, leidenschaftlich League of Legends zu spielen. Er ist kein Missionar, aber ihr kennt den Effekt, wenn man etwas Tolles entdeckt und andere unbedingt ins Boot holen will – vor allem, wenn man hinterher zusammen zocken könnte. Um der Quengelei zu entgehen, begann ich, mich mit LoL zu beschäftigen, Videos zu gucken, ein paar Dinge nachzulesen.

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Dumm gelaufen – Spieler, die beim Cheaten erwischt wurden.

Einstiegsdröge

An dieser Stelle eine Abschweifung: Habt ihr ein Musikgenre, das ihr nicht mögt und hört, ein paar eurer Freunde aber schon? Für euch hört sich jeder einzelne Song gleich an, während sie euch genau die Nuancen und Facetten erklären können, die Band X von Band Y unterscheiden, wobei ihr nur Bahnhof versteht und euch innerlich denkt, dass diejenigen einen an der Waffel haben. Es ist, darauf will ich hinaus, nicht einfach, als Außenstehender eine Sache wertschätzen zu können.

Bei LoL ging es mir ähnlich. Das Spiel ist von außen betrachtet ein enorm bunter Clusterfuck und ein saturiertes Effekt- und Blitzlichtgewitter. Wie ich später erfahren habe, ist das erst später innerhalb eines Matches so, denn in der Frühphase einer Partie sieht es nach „Auf der Straße stehen und ab und zu jemandem ein Geschoss an die Rübe feuern“ aus.

Kurzum, man kann diese Spiele nicht würdigen, ohne sie selbst zu spielen. Meiner Nervensäge von Freund zuliebe installierte ich das Game also und fing an, mit ihm zu zocken. Es ist, im Nachhinein betrachtet, nicht so schwer, in LoL reinzukommen, doch es ergaben sich einige Hindernisse. Zum einen wäre da die Tatsache, dass man Champions finden muss, die für einen selbst funktionieren. Welche Rolle spiele ich, mit wem, und wie? Dann muss man das Meta-Game verstehen, Positionierungen, Match- und Map-Dynamik, solche Dinge. Außerdem muss man peu à peu alle Champions kennenlernen, um ihre Fähigkeiten einschätzen zu können – angesichts der mittlerweile fast 120 spielbaren Haudegen eine ganz schön abschreckende Aussicht.

Ein weiteres Hindernis waren die Mitspieler. Das Internet ist ungefilterte Menschheit, und bei all den Spielern, die es hat, ist LoL quasi das Internet. Die Community von LoL beinhaltet demzufolge wundervolle, hilfsbereite und vergnügte Menschen, die Spaß haben und ihn auch anderen lassen wollen – und die anderen. Und nicht zu knapp. Das erste Match, in dem ich je war, entwickelte sich zu einer verbalen Schlammschlacht zwischen einem Deutschen und einem Spanier, welche Nation von beiden die dickeren Testikel und die schlimmere Historie habe. Das motiviert. Wenn man dann noch weiß, dass meine Affinität zu PvP nicht so stark ausgeprägt ist, kann man sich vorstellen, wie viel Spaß ich hatte.

Mein erster Versuch scheiterte und ich ließ LoL daraufhin lange liegen. Nach etwa einem Jahr fing ich wieder an und beschloss, mich dem Spiel auf die Weicheier-Variante wieder zu nähern. Ich bin in RTS traditionell ein Comp-Stomp-Spieler, der also KIs chanchenlos zu Klump prügelt. Ja, ich mach das nur fürs Ego. In LoL erfüllten die Bot-Games aber für mich einen anderen Zweck, ich konnte meine Champions üben, etwas Ingame-Währung erspielen und so zumindest in bestimmten Arealen besser werden, ohne als Noob oder Nazi oder Noob-Nazi beschimpft zu werden oder mein Team im Stich zu lassen. Sicherlich, man kommt aus den Spielen gegen Bots nicht als guter Spieler heraus, aber wenn die Skillshots etwas besser sitzen und man mit Item-Builds herumprobiert hat, sind das schon wieder zwei Bereiche mehr, in denen man sich weniger Gedanken machen muss.

Bin ich schon drin? Das war ja SAUSCHWER!

Dann passierte so einiges. Ein neuer Spielmodus erschien, den mein Freund bevorzugte und man konnte für reine Bot-Matches keine Penunze mehr freispielen. Es war Zeit, die Schwimmflügel auszuziehen und seine Muttermilch wie ein großer Junge zu trinken – aus der ganz eigenen Schnabeltasse! Einmal mehr stieß ich auf die alten Hindernisse, doch plötzlich hatte ich den Willen und den Ehrgeiz, am Ball zu bleiben.

Woran lag’s? Mit meinem Freund zu zocken war natürlich cool, auch, wenn er in schlechten Runden eine Spur pampiger wird, als ich gerne hätte. Außerdem ist LoL selbst schuld, denn es ist in vielerlei Hinsicht verdammt gut. Was mich vor allem ins Boot geholt hat, waren die verschiedenen Champions, Designs, ihre Kits und die Ideen dahinter. Ich habe vor Riot Games in dieser Hinsicht großen Respekt, auch, weil ihr Free-to-Play-Modell auffällig fair ist.

Und dann war der Knoten geplatzt. Es folgten Blicke in Dota 2, das einige Sachen wirklich sehr anders macht und dessen Spielgefühl sich mit dem von LoL nur so bedingt vergleichen lässt, und SMITE, ein ulkiger Third-Person-Ableger, in dem man sich mit Göttern aus verschiedenen Mythologien gegenseitig den heiligen Hintern versohlt. Ich habe auch jüngst ein paar Runden in der Beta von Infinite Crisis gedreht, das ich gar nicht auf dem Radar hatte, bis Amélie es mal erwähnt hat – als alter Comic-Sympathisant bin ich dem DC-MOBA ebenfalls sehr zugetan und freue mich darauf, zu sehen, wie wohl Booster Gold, Blue Beetle oder Ambush Bug umgesetzt werden. Jaja, Fat Chance…

Warum also hab ich euch diese kleine Geschichte erzählt? Weil ich sehr glücklich darüber bin, meine Abneigung überwunden zu haben. Es gelingt mir nicht oft, und ich glaube, so geht es vielen Spielern – frühe schlechte Erfahrungen versauern ihnen ein bestimmtes Genre, das daraufhin nie wieder mit der Kneifzange angefasst wird. Vielleicht geht es so auch einigen Nicht-Gamern, die das letzte Mal von 20 Jahren ins Medium gelugt haben und für alle Zeiten schlussfolgerten, das Ganze sei nichts für sie – was hätten wir ihnen zu zeigen! Ich hoffe, euch einen kleinen Impuls zu geben, doch auch mal einer Art von Spielen eine Chance zu geben, die sonst nichts für euch ist – wer weiß, vielleicht entdeckt ihr ja eine neue Liebe.

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