LEGO Marvel Superheroes war eines der besten LEGO-Videospiele überhaupt. Ob LEGO Marvel Avengers an die Qualität des Vorgängers anknüpfen kann, erfahrt ihr im Test.

 

LEGO Marvel Avengers

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LEGO Marvel Avengers

Schaut euch den Trailer zu LEGO Marvel Avengers an:

LEGO Marvels Avengers

Letzte Woche habe ich zwei neue Videospiele angefangen: The Witness (Unser Test zum Spiel) und LEGO Marvel Avengers. Eines davon hat mich genauso oft frustriert, wie es Spaß gemacht hat, hat mich immer wieder dazu gezwungen, eine ganze Weile tatenlos auf den Bildschirm zu starren und zu überlegen, was genau das Spiel jetzt von mir will; hat mich hin und wieder dazu gebracht, planlos auf dem Interaktions-Knopf rumzuhämmern, in der Hoffnung, dass ich aus Versehen das eine interaktive Objekt finde, das die Lösung zu einem Rätsel ist; hat mich ein, zwei Mal dazu bewegt, meinen Fernseher anzuschreien und, ich gebe es zu, am Ende meiner Geduld und Ideen einen Walkthrough zur Hilfe zu ziehen.

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Das andere war The Witness.

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Pixelhunting wie in den 90ern

Ein Bisschen stumpfes Ausprobieren war in LEGO-Games schon immer angesagt, wenn man herausfinden musste, welches der diversen zerstörbaren Objekte man danach neu zusammensetzen konnte, um im Level weiterzukommen. Aber Avengers treibt es auf die Spitze – hier wird aus „Ausprobieren“, was man durchaus als Teil des Spielkonzeptes von LEGO verstehen sollte, stellenweise Pixelhunting, wie man es von 90er-Jahre Point & Click-Adventures kennt. Ich weiß nicht, wie oft ich beim Spielen von LEGO Marvel Avengers keine Ahnung hatte, was ich nun zu tun hatte, und letztlich verzweifelt einfach Schritt für Schritt den (meist Gott sei Dank eher kleinen) Levelabschnitt abgraste, regelmäßig den B-Knopf drückend, bis ich dann irgendwann die eine Stelle gefunden hatte, an der ich irgendeine Fähigkeit einer meiner beiden Spielfiguren auslösen konnte – in 9 von 10 Fällen die „Scan“-Fähigkeit, die ein kleines Minigame auslöst, um so neue interaktive Objekte im Levelabschnitt zu offenbaren.

Das Wissen, dass meist diese Fähigkeit gefordert ist, macht es übrigens auch nicht besser – einmal steckte ich ungelogen 30 Minuten in einem Levelabschnitt fest, denn immer, wenn ich Iron Man an der Stelle, an der ein verdammter Button-Prompt dafür angezeigt wurde, die Scan-Fähigkeit benutzen ließ, unterbrach mich eine Attacke von Boss-Gegner Loki. Irgendwann schaute ich mir dann einen Walkthrough an und fand heraus, dass die Lösung war, ca. einen LEGO-Figur-Schritt vor dem Button-Prompt die Scan-Fähigkeit zu benutzen. Ich bin ein erwachsener Mann, daher brüllte ich meinen Fernseher nur an und belegte die Entwickler des Spiels mit einigen nicht druckreifen Flüchen, aber spielt diese Stelle mit einem Kind und ihr könnt schonmal für einen neuen Fernseher sparen, weil der oder die Kleine am Ende wahrscheinlich den Controller Richtung Bildschirm schleudern wird.

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Das schlechteste LEGO-Spiel?

Das andere große Problem von LEGO Marvel Avengers ist sein Storytelling. Anders als der Vorgänger LEGO Marvel Superheroes orientiert sich Avengers an Marvels Film-, nicht dem Comic-Universum, und liefert keine eigene Geschichte, sondern erzählt die der Filme nach. Das hat mit anderen Filmfranchises hervorragend funktioniert, doch LEGO Marvel Avengers springt ohne erkennbares Konzept zwischen den Filmen hin und her, präsentiert kontextlos mal eine Szene aus Avengers: Age of Ultron, dann mal wieder eine aus dem ersten Avengers und dann ein paar aus den Captain America-, Iron Man- oder Thor-Filmen.

Alles kein Problem, wenn man all diese Filme gut kennt, aber das Spiel versucht auch ganz bewusst, Kinder anzusprechen, die vielleicht nicht alle Filme gesehen haben, weil ihre Eltern es zum Beispiel für keine gute Idee hielten, ihnen einen Film wie Age of Ultron zu zeigen, der einen Subplot über Zwangssterilisierung enthält. Solch düsteres Material ist hier natürlich entschärft, dennoch taugt das Spiel nicht als Alternative für Kinder, die Geschichte des Marvel Filmuniversums zu erleben, denn eine zusammenhängende Geschichte aus den Story-Fetzen zusammenzupuzzlen ist ohne Vorkenntnis der Filme schlicht unmöglich.

Diese beiden Fehler des Spiels sind so ärgerlich, dass ich LEGO Marvel Avengers tatsächlich als einen Kandidaten für das bisher schlechteste LEGO-Spiel in Betracht ziehen würde. Schade, denn eigentlich ist das Superhelden-Universum für das auf Co-Op oder schnelles Wechseln zwischen mehreren Figuren ausgerichtete Gameplay der LEGO-Spiele perfekt geeignet, wie vor ein paar Jahren auch das hervorragende LEGO Marvel Superheroes bewiesen hat.

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Collectibles ohne En- guck mal, ein Eichhörnchen(-Mädchen)!

„Das vielleicht schlechteste LEGO-Spiel“ ist allerdings nicht gleichzusetzen mit einem wirklich schlechten Spiel. Viel von dem, was den LEGO-Spielen zum Erfolg verholfen hat, funktioniert auch hier: Die Cutscenes mögen zusammenhanglos sein, charmant wie immer sind sie trotzdem. Die Dialoge bestehen zwar ausschließlich aus Filmsamples (mit der Ausnahme von Gwyneth Paltrows Figur Pepper Potts, die aus irgendeinem Grund als Einzige von einer anderen Schauspielerin nachsynchronisiert wurde), doch die visuellen Gags und mit LEGO-Figuren nachgestellten, ikonischen Shots aus den Filmen machen Spaß. Die Beat'em'Up-Elemente sind nach wie vor simpel – Kämpfe funktionieren größtenteils über einen einzigen Knopf -, dank der tollen Animationen und den neuen Team-Attacken, bei denen zwei Figuren zusammen einen visuell oft spektakulären Angriff durchführen und die im Co-Op besonderen Spaß machen dürften, sind sie aber dennoch unterhaltsam.

Und vor allem gibt es wie immer jede Menge zu entdecken und zu sammeln, vor allem natürlich in Form von zusätzlichen spielbaren Charakteren. Um die 200 sind es diesmal, darunter einige sehr obskure Figuren aus dem Comicuniversum sowie einige absurde Nebenfiguren aus den Filmen. Hat wirklich irgendwer darauf gewartet, die Kellnerin, die Captain America in Avengers rettet, spielen zu dürfen? Egal, eine charmante Idee ist es definitiv. Auch dabei ist Squirrel Girl, was mich allein fast in Versuchung brachte, trotz meiner Probleme mit dem Spiel die Höchstwertung zu geben – wer die Comic-Reihe The Unbeatable Squirrel Girl kennt, wird meine Begeisterung nachvollziehen können.

Wann immer es kein unmittelbares Ziel zu erfüllen gilt, macht LEGO Marvel Avengers uneingeschränkt Spaß – entweder im freien Spiel, was in jedem Level nach dem ersten Durchspielen freigeschaltet wird, oder beim Erkunden der Oberwelten. Das ist neben einigen kleineren Welten wie einem Teil Washington D.C.s oder Hawkeyes Waldhütte aus Age of Ultron, vor allem Manhattan, das zwar aus LEGO Marvel Superheroes recyclet ist, sich allerdings etwas belebter anfühlt - mit mehr Zufalls-Verbrechen, Mini-Quests und Puzzles als zuvor. Die verbesserte Flugsteuerung von Iron-Man und Co. kommt dem freien Spiel besonders zugute, allerdings bleibt die Steuerung der Autos eine eher ungelenke Angelegenheit.

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Unser Test-Fazit zu Lego Marvel Avengers: Don't binge it!

Ich bin letztlich hin- und hergerissen, ob ich LEGO Marvel Avengers empfehlen kann. Ich weiß, dass ich das Spiel über weite Strecken gehasst habe, aber ich musste es auch über ein Wochenende Marathon-spielen und konnte nicht rage-quitten, was die Ärgernisse sicher potenziert hat. Wer von den LEGO-Spielen nicht genug kriegen kann, wird hier den gewohnten Charme und dasselbe Kern-Gameplay finden und entsprechend vielleicht nicht begeistert, aber doch mehr oder weniger zufrieden sein. Wer nicht bereits jedes andere LEGO-Spiel kennt, sollte vielleicht eher zu einem der vielen, vielen anderen Titel greifen – vor allem LEGO Marvel Superheroes ist im direkten Vergleich einfach das klar bessere Spiel, mit einer überraschenderen und besser erzählten Geschichte und Gameplay, das seltener durch die erwähnten Ärgernisse ausgebremst wird.

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Wertung

6/10
“Es ist noch immer viel Schönes in LEGO Marvel Avengers, aber ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich mich wieder einem weniger frustrierenden Spiel widmen kann.”